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Reuters Trend Report 2020: Diese Herausforderungen sehen Medienmacher auf die Branche zukommen

Neues Jahr, neues Glück? Der nun erschienene Trend Report der Universität Oxford und des Reuters Institute schaut auf die Trends und Vorhersagen für 2020. Dabei zeigt sich die große Mehrheit der Befragten zuversichtlich was die Aussichten für die eigene Organisation angeht, die Zukunft für die Branche bereitet jedoch Kopfzerbrechen.

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Das Team um dem Hauptverantwortlichen Nic Newman hat insgesamt 233 Köpfe aus 32 Ländern in einer Online-Umfrage zu ihrem Blick auf den Journalismus befragt. Darunter sind laut Institutsangaben 50 Chefredakteure, fast 40 CEOs oder Geschäftsführer sowie 30 Digitalchefs aber auch Vertreter aus dem Marketing. Im Vorjahr waren die Aussichten wahrlich düster, befürchteten die Befragten durch die wegfallenden Online-Einnahmen eine massive Entlassungswelle. Unrecht sollten sie nicht behalten, wenn man auf 2019 zurückblickt: Von Stellenkürzungen oder gar der Einstellung ganzer Redaktionen bzw. Marken war in den vergangenen zwölf Monaten vermehrt zu lesen.

Optimistisch und pessimistisch zur gleichen Zeit

Der Blick in 2020 fällt dagegen vergleichsweise optimistisch aus: 73 Prozent der Befragten gaben an, dass sie „zuversichtlich“ oder „sehr zuversichtlich“ hinsichtlich der Aussichten ihrer Organisationen seien, was angesichts redaktioneller und wirtschaftlicher Unsicherheit überraschen mag.

Bemerkenswert ist das Ergebnis mit Blick auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten: Die durchschnittliche Zuversicht der Teilnehmer mit diesem Hintergrund lag lediglich bei 46 Prozent. Viele von ihnen seien mit schnell sinkenden Einschaltquoten für lineare Sendungen, wachsender Konkurrenz von Netflix und Spotify und teils mit Angriffen durch populistische Politiker oder kommerzielle Medieninhaber konfrontiert, lautet die Erklärung des Reuters Institute. Das Ergebnis sei zudem durch die jüngsten oder bevorstehenden Budgetkürzungen in Ländern wie Dänemark, Australien und Großbritannien beeinflusst.

Vertrauen in das eigenen Unternehmen bzw. den Journalismus im Allgemeinen

Genauso niedrig ist das Vertrauen aller Umfrageteilnehmer in den Journalismus im Allgemeinen. Nur 46 Prozent blicken zuversichtlich ins aktuelle Jahr. Dies liege an einer verbreiteten Besorgnis über den Rückgang lokaler Nachrichten sowie wirtschaftlichen und politischen Druck auf Journalisten. In einem dem Report angehängten Essay versucht Journalismusforscher Rasmus Kleis Nielsen diesen vermeintlichen Widerspruch zu deuten. Er glaubt, dass in den 73 Prozent die Entschlossenheit gespiegelt wird, im Digitalen ein funktionierendes Geschäftsmodell aufzubauen. Wiederum seien viele der Befragten zur „realistischen Erkenntnis“ gelangt, dass business as usual vorbei sei und viele den Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft nicht schaffen werden, so der Wissenschaftler. Daher, so die Vermutung, kämen die recht niedrigen Zustimmungswerte.

Außer Frage steht für den Großteil, dass die Lesereinnahmen durch digitale Produkte mehr und mehr Bedeutung erlangen. 50 Prozent der Journalisten glauben, dass Nutzerinnen und Nutzer die wichtigste Einnahmequelle werden. 35 Prozent setzen auf eine Mischung aus Leser- und Werbeeinnahmen und lediglich 14 Prozent fokussieren sich voll auf Werbung.

Postfaktische Politik und die Rolle der Medien

85 Prozent der Befragten stimmten der Aussagen zu, dass die Medien mehr tun sollten, um Lügen und Halbwahrheiten von Machthabern als solche kenntlich zu machen. Zweifel an der Strategie gibt es jedoch auch, denn es gibt Befürchtungen, dass jene News nicht beim Publikum ankommen – und stattdessen sogar härtere Kritik von links und rechts kommt.

Gleichzeitig befürchten sie aber, dass die Populisten unserer Zeit mehr und mehr nach Donald Trumps Regeln spielen, so genannte „Mainstream“-Medien untergraben und sich über soziale Medien an ihre Unterstützer richten. Zur Erinnerung: Der US-Präsident hatte erst vor wenigen Tagen gesagt: „Ich denke, ohne Twitter wären wir verloren. Wir könnten die Wahrheit nicht mehr verbreiten.“ Anders könne er sich nicht gegen die seiner Meinung nach „korrupten Medien“ durchsetzen.

Sarah Marshall, hauptverantwortlich für das Nutzerwachstum bei Condé Nast, wird wie folgt zitiert: „Ich bin immer optimistisch über die Branche gewesen – aber dieses Jahr sorge ich mich mehr denn je über Lesermüdigkeit und Nachrichtenvermeidung. Offensichtlich ist das ein Problem für die Demokratie und den Diskurs, nicht nur für die Medien.“ Damit formuliert sie eine der großen wachsenden Sorgen der Verantwortlichen für 2020: Nachrichtenvermeidung und fehlende Bindung an die Marke.

Für Journalisten und Redaktionen käme es angesichts der Anfeindungen durch Politiker oder anderer Gruppierungen der Gesellschaft künftig stärker darauf an, Vertrauen aufzubauen und dem Publikum zu erklären, wie Journalismus funktioniert, schreibt die Autorin Meera Selva in einem Kurz-Essay zum Thema. Sie betont, dass Nachrichtenredaktionen lernen müssen, wie sie ihre Reporter besser unterstützen können, die online und im realen Leben regelmäßig mit Schikanen und Bedrohungen konfrontiert sind. Medienorganisationen sollten Wege finden, um sich selbst, ihre Prinzipien und ihre Verbreitungskanäle zu verteidigen. „Es reicht nicht mehr aus, zu sagen, die Berichterstattung spricht für sich selbst“, schließt sie ihren Text.

Alles KI, oder doch nicht?

Künstliche Intelligenz (KI) und ihr Einsatz im Newsroom steht seit geraumer Zeit auf der Liste der Medienhäuser. In der aktuellen Umfrage zeigt sich, dass die Chancen durchaus erkannt werden, aber auch eine gesunde Portion Skepsis vorhanden ist. So sagen 53 Prozent, dass automatisierte Artikel-Empfehlungen der wichtigste Nutzen von KI sein werden, gefolgt von kommerziellen Zwecken wie der gezielten Ansprachen potenzieller Nutzer oder der Optimierung der Paywalls (47 Prozent). Das schon oft gehörte Buzzword „Roboter-Journalismus“ wird nur von 12 Prozent der Journalisten als wichtiger Bereich gesehen, dort sagen gar 47 Prozent „nicht wichtig“.

In welchem Ausmaß wird die folgende Nutzung von KI wichtig für das Unternehmen sein?

Für Redaktionen gehen mit der KI große Chancen einher, da Nachrichten individualisierter und passgenauer ausgespielt werden können, ebenso wie eine zielgruppenspezifische Bündelung der Inhalte. Aber natürlich spielt der Missbrauch der Technologie bei den Befragten eine wichtige Rolle, auch vor dem Hintergrund nahender Großereignisse. „KI hat das Potenzial, Desinformationskampagnen zu verstärken, wenn der Wahlzyklus 2020 in den USA anläuft“, wird ein hochrangiger Verantwortlicher einer Nachrichtenorganisation zitiert.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Doch so wird die sich immer weiter entwickelnde Technologie es einfacher machen, Falschnachrichten in Schrift, Bild und Ton zu produzieren und in Umlauf zu bringen, ohne dass womöglich der Fake auffällt. Erst diese Woche hat Facebook seine Regeln für den Umgang mit solchen Deepfakes verschärft (MEEDIA berichtete). Die Sorge der Journalisten ist, dass jene Entwicklung das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzern in Journalismus in Zukunft weiter sinken lassen könnte.

Den 40-seitigen Bericht können Sie hier in Gänze lesen. Neben den bereits präsentierten Schwerpunkten geht er zudem auf die Diversität in Redaktionen, die Beziehung von Facebook, Google & Co. mit dem Journalismus sowie das goldene Zeitalter von Audio ein (MEEDIA berichtete).

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