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Kommentar: Tanz auf dem Vulkan? Warum eine Absage des RTL-Dschungelcamps wegen der Buschbrände respektlos wäre

Daniel Hartwich und Sonja Zietlow präsentieren wieder das RTL-Dschungelcamp Foto: TVNOW / Stephan Pick

Australien brennt und RTL hat nix besseres zu tun, als den Z-Promi-Zirkus Dschungelcamp abzuhalten wie jedes Jahr. Einige Politiker und Ex-Insassen echauffieren sich via „Bild“-Umfrage. How dare You, RTL!? Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund, wegen der Buschbrand-Katastrophe auf das Dschungelcamp zu verzichten. Wirklich nicht.

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Zunächst einmal: Jeder hat natürlich alles Recht der Welt, das RTL-Dschungelcamp doof zu finden. Es wird auch in diesem Jahr niemand gezwungen, einzuschalten. Aber das Verknüpfen einer TV-Unterhaltungssendung mit einer gewaltigen Naturkatastrophe ist einigermaßen sinnlos.

Laut Sender ist der Drehort des Dschungelcamps hunderte Kilometer und mehrere Fahrstunden entfernt vom nächsten Buschfeuer in Australien. Es besteht also keine akute Gefahr für die an der Produktion beteiligten Personen. Darüber hinaus werden zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen, wie der Verzicht auf offenes Feuer im Camp.

Der Absagegrund akute Gefahr für das Wohlbefinden oder Leib und Leben der Beteiligten fällt also weg. Bleibt die Frage, ob es moralisch zu rechtfertigen ist, eine Unterhaltungssendung zu produzieren, wenn auf demselben Kontinent eine historische Naturkatastrophe wütet.

Da macht man nun ein großes Fass auf, denn Katastrophen, Leid und Sterben sind allgegenwärtig auf dem Planeten. Leben und Sterben, Spaß und Trauer, Tragödie und Komödie haben schon immer parallel existiert. Wie sollte es auch anders sein? Ansonsten könnte man auch keine Witze machen, wenn in Syrien seit zig Jahren ein unmenschlicher Krieg tobt. Man dürfte keine blöden Witze (oder Quatschlieder) über den Klimawandel machen, weil der doch die Zukunft der gesamten Menschheit bedroht …

Das ist natürlich Unfug. Man soll es sogar tun, sonst würden wir alle verrückt werden. In Australien entfaltet sich dieser alte und ständig bestehende Konflikt nun besonders fokussiert und das ist in erster Linie ein Wahrnehmungs-Phänomen. Weil über beidem – der Katastrophe und der Show – die Überschrift „Australien“ steht, schnurren beide Ereignisse in der Rezeption des Publikums zusammen.

Dabei wäre es respektlos, den Leuten in Australien gerade jetzt das Recht auf Rest-Normalität abzusprechen. Es gibt Leute vor Ort, die für die Produktion dieser TV-Show arbeiten, deren Lebensunterhalt davon abhängt. „Dr. Bob“, einer der Protagonisten der Show, dessen eigenes Heim vom Feuer akut bedroht ist, käme nie auf die Idee, die verdammte Show abzusagen. Welches Recht hat dann der SPD-Politiker Karl Lauterbach, aus dem fernen Deutschland via „Bild“-Zeitung zu befinden, seiner Arbeit in Australien nachzugehen gehöre sich nicht und sei „ein Tanz auf dem Vulkan“?

Wenn es nach den Bedenkenträgern in dieser auf Klicks schielenden Promi-Umfrage der „Bild“ geht, müsste ein ganzer Kontinent mit gesenktem Kopf in Dauer-Depression versinken. Das hilft keinem einzigen Känguru und rettet keinen Hektar abgebrannten Wald.

Business as usual also im Camp Kakerlake? Auch das ist schwierig. Schon jetzt ist es irritierend, in den Nachrichten die aktuellen Bilder der Brand-Katastrophe zu sehen und kurz darauf im RTL-Trailer Evelyn Burdecki zu erblicken, wie sie Reisebroschüren-tauglich einen Koala herzt. Wenn sie beim RTL klug sind, werden sie die Lage in Australien thematisieren, sich vielleicht auch eine Aktion dazu einfallen lassen. Wir werden sehen.

Die Show aber abzusagen, das wäre sinnlos, respektlos und dumm.

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