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Ein Jahr nach Relotius: “Spiegel” richtet zum Jahresanfang 2020 eine Ombudsstelle ein

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann
Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann

Dass in Folge der Aufklärung um Claas Relotius eine Ombudsstelle eingerichtet werden soll, war schon länger bekannt. Nun hat "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann in einem Beitrag – in dem er auch ausdrücklich dem Aufdecker Juan Moreno dankt – deren Starttermin mitgeteilt.

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“Um einen zweiten Fall Relotius zu verhindern, haben wir unsere journalistischen Standards für Recherche, Erzählung und Verifikation überarbeitet und in einem verbindlichen Leitfaden zusammengefasst”, beschreibt Klusmann die Folgen des Skandals um Ex-“Spiegel”-Redakteur Claas Relotius.

Nun wird das Hamburger Nachrichtenmagazin zum Jahresanfang 2020 eine Ombudsstelle einrichten, wie der Chefredakteur in einem Beitrag in eigener Sache mitteilt. Diese soll “auch anonyme Hinweise auf Unregelmäßigkeiten” entgegennehmen und diesen gegebenenfalls zusammen mit der Aufklärungskommission nachgehen. Dabei verweist er auf die Titelgeschichte “Der Todesschuss” zum GSG-9-Einsatz von Bad Kleinen aus dem Jahr 1993 um die es derzeit einigen Wirbel gibt.

“Habe mich dafür unzählige Male entschuldigt”

Zum Hintergrund: Der Artikel vom damaligen Reporter Hans Leyendecker beschreibt den GSG-9-Einsatz am 27. Juni vor 26 Jahren im mecklenburgischen Bad Kleinen. Der Einsatz führte zur Festnahme der RAF-Terroristin Birgit Hogefeld und zum Tod ihres Mitkämpfers Wolfgang Grams.

Laut “Spiegel”-Text sei Grams aus nächster Nähe erschossen worden, obwohl er sich ergeben hatte. Ermittlungen im Nachgang ergaben jedoch, dass Grams sich selbst erschossen hatte. Leyendecker sprach von einer “verheerenden Geschichte” und sagte: “Der Bundesinnenminister (Rudolf Seiters, Anm. d. Red.) ist gegangen. Der Generalbundesanwalt (Alexander von Stahl, Anm. d. Red.) musste gehen. Und eigentlich, wenn es ganz gerecht zugegangen wäre, hätte auch ich gehen müssen.”

Bei den Untersuchungen der Aufklärungskommission – initiiert vom damaligen Generalbundesanwalt – geht es nun darum, ob es diesen Informanten aus Beamtenkreisen tatsächlich gegeben hat oder es nur einen anonymen Anrufer gab, der eine falsche Fährte legte. Leyendecker erklärte im “Morning Briefing” von Gabor Steingart: “Ich habe dazu alles gesagt. Es gab den Informanten, es gab weitere Hinweise.” Jener Informant habe jedoch nicht die Wahrheit gesagt, so Leyendecker und betont weiter: “Ich habe mich dafür unzählige Male entschuldigt.” Die Ergebnisse der Kommission stehen weiter aus.

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Bewusstsein für Authentizität geschärft, sagt Klusmann

Klusmann erklärt in seinem jüngsten Beitrag zum Relotius-Skandal: “Der Fall hat uns und den deutschen Journalismus insgesamt verändert. Zum einen, weil Relotius nicht nur für den ‘Spiegel’ Geschichten erfunden hat, sondern auch bei anderen Medien. Zum anderen, weil er eine Stilform in Misskredit gebracht hat, die zu den vornehmsten im Journalismus zählt: die Reportage.”

Gleichwohl habe Relotius das Bewusstsein für Authentizität geschärft. “Heute wird kaum mehr ein Journalistenpreis vergeben, bei dem die Jury nicht genau hinschaut, ob die Erzählung auch stimmen kann.”

tb

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Alle Kommentare

  1. Dass Medien Realitäten erschaffen und Politik machen (wollen) ist spätestens seit Alfred Hugenberg der Normalfall.
    Und wenn es schiefgeht (siehe Hitler) dann wird danach einfach weggeduckt und ganz schnell die Seite gewechselt.
    Siehe die Vergangenheit von all den Medien(-Konzernen) bzw. deren Mitarbeiter, die sich heute ganz besonders der “Vergangenheitsbewältigung” von “den” (nicht uns) Deutschen verschrieben haben.
    Wenn man sich etwa die Mitglieder der damaligen “Propagandakompanie” im Internet ansieht, haben auch Spiegel, Stern, Zeit & Co. damals nicht so ganz genau hingesehen, was die eigenen(!) Eigentümer, Chefs, bzw. Mitarbeiter betraf.

  2. Der Einstieg einer Kapstadt-Story im aktuellen Spiegel illustriert perfekt, warum Klusmann von der besonders vornehmen Reportageform so schwärmt. Da stimmt einfach alles, verifiziert nach strengsten Maßstäben:

    „Gän­se­au­gen­blau­er Him­mel, vio­lett blü­hen­de Ja­ca­ran­da­bäu­me, der Duft von Jas­min, die Luft pri­ckelnd wie Cham­pa­gner.“

    1. Als weniger vornehm gilt die Kunst des Nachrufs: Da ist nun gerade Hermann Gremliza gestorben, und basierend auf einem Allerweltstext von dpa kneift sich irgendwer ein paar Zeilen ab, in denen aus Nachrufen anderer Publikationen zitiert wird. Dünn und bar jeder Qualität – allerdings immer noch mehr als das, was der Branchendienst meedia dazu bietet. Nämlich gar nichts.

  3. “Der Fall hat uns und den deutschen Journalismus insgesamt verändert.”

    Ja, leider eben nicht, Herr Klusemann. Schön wär’s ja gewesen.

    1. Was der SPIEGEL und andere Verfechterorgane des Guten, Wahren und Schönen nicht kapiert haben und bis auf weiteres auch nicht kapieren werden: Die Relotius Stories wären auch dann für die Tonne gewesen, wenn sie keine Unwahrheiten enthalten hätten. Das war und ist nichts weiter als gefühlsduseliges Gesülze und kein Journalismus.

      Figuren wie Enrico “mein Blut wird gesellschaftlich geächtet” Ippolito (Kulturchef von SPIEGEL Online) und die social justice Brigadist*innen Stokowski und Ataman sind zur Zeit die größte Schande beim SPIEGEL, der immer mehr in Richtung identity politics abdriftet. First you go woke, then you go broke.

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