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ARD verkündet Programm für 2020: „Rampensau“ Jasna Fritzi Bauer wird „Tatort“-Kommissarin

Jasna Fritzi Bauer Screenshot: ARD.de

Die ARD stellte in Hamburg ihre Programm-Höhepunkte für 2020 vor: Es gibt ein neues „Tatort“-Team mit Jasna Fritzi Bauer („Rampensau“, „Jerks“) als Kommissarin und ein Online-Mockumentary dazu. Außerdem werden sportliche „Gänsehaut-Momente“ versprochen und jede Menge Jahrestage abgehakt.

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Von Christian Bartels

Die ARD hat den „Ehrgeiz und die Plicht ein Programm für alle“ anzubieten, oder zumindest für möglichst viele in der zunehmend heterogenen Gesellschaft: ARD-Programmdirektor Volker Herres geizte auf der Jahrespressekonferenz der ARD weder mit (nach eigenen Umfragen) weiter gestiegenen Zahlen zur Zuschauerakzeptanz, noch mit Pathos: Die ARD habe „verdammte Verantwortung auch für den Geisteszustand dieser Republik“*.

Eingekaufte skandinavische Krimiserien und „ein Bündel regionaler Comedyserien“, um Alleinerziehende in Berlin oder ein Altenheim bei Heilbronn, sollen die Mediathek aufpeppen. Aufmerksamkeit dürfte die satirische Mockumentary „How to Tatort“ erregen. Darin teasert Radio Bremen sein neues Kommissar-Team an, das die ausgestiegene Sabine Postel und Oliver Mommsen ersetzen wird. Es handelt sich um Jasna Fritzi Bauer, zurzeit in der Vox-Serie „Rampensau“ zu sehen, Luise Wolfram, die schon als BKA-Ermittlerin in Bremer Folgen mitspielte, sowie mit Dar Salim um einen leibhaftigen „Game of Thrones“-Darsteller (Blutreiter Qotho). Der Däne sich freut darauf, dass „Tatorte“ im linearen deutschen Fernsehen mehr Zuschauer haben als Dänemark Einwohner hat.

Der eigentliche „Tatort“ steht erst im Herbst zum Dreh an und dürfte kaum vor Ostern 2021 zu sehen sein, schließlich sind jede Menge „Tatorte“ in der Pipeline. Und die Krimireihe wird 2020 ein noch größeres Thema als ohnehin. Ihre erste Folge lief 1970, im November wird die Reihe 50. Begangen wird das mit Ausstellungen in Bonn und Leipzig und einem von Dominik Graf sowie Pia Strietmann inszenierten Doppelfall der Ermittler aus Dortmund und München.

Mediathek „mit voller Wucht“

Vor allem nahm die angekündigte Mediatheken-Offensive Gestalt an. Zwar spiele lineares Fernsehen noch eine dominante Rolle im Markt, doch will man mehr Filme vorab online stellen. Die ARD-Mediathek sei „schon jetzt das größte freizugängliche Streamingangebot in Deutschland“, sagte Jörg Schönenborn, der außer Statistikfuchs und WDR-Chefredakteur auch Fernsehfilm-Koordinator ist. Ab September soll sie „mit voller Wucht“ durchstarten. Dann werde die aufwändige Produktion „Oktoberfest 1900“ um einen Bierbrauerfamilien-Kampf, unter anderem mit Martina Gedeck, online gestellt. Insgesamt sollen 2020 vier solcher Zeitgeschichts-Filme in der Mediathek als gut „portionierbare“ Miniserien ihre Online-Premiere erleben, bevor sie als Mehrteiler ins lineare Fernehen kommen.

Im Bereich Dokumentation setzt die ARD vor allem auf Jahrestage: Außer um 75 Jahre Kriegsende wird es um das 50-jährige Jubiläum der Davoser Konferenzen gehen. Der Dokumentarfilm „Das Forum“ wirft die Frage auf, ob es sich dabei noch um die richtige Form handele, um das alte Ziel, den Zustand der Welt zu verbessern, Seit vier Jahrzehnten wird es 2020 die Grünen geben, deren Geschichte der ebenfalls lange Dokumentarfilm „Die Grünen und die Macht“ schildert. Erste Ausschnitte ließen erkennen, dass Robert Habeck ausführlich zu Wort kommt . Überdies wird Filmautor Stephan Lamby auf „Fünf  Jahre ‚Wir schaffen das'“ zurückschauen. 

Das „multimediale Oral History-Projekt“ namens „Kinder des Krieges“ will „die letzten Zeitzeugen“ suchen, die noch vom letzten Kriegsjahr und der frühen Nachkriegszeit erzählen können. Und zur US-Wahl wird „Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni die Doku „Meine amerikanische Familie und ich“ drehen. Sein Schwiegervater habe nicht nur 2016 Trump gewählt, sondern werde es 2020 noch überzeugter tun, bekundete der „Tagesthemen“-Moderator, der gemeinsam mit Jessy Wellmer durch die Presekonferenz führte.

„Sportsuperjahr“

Im „Sportsuperjahr“ seien wieder „große Gänsehautmomente garantiert“, sagte Zamperoni. Während die teuren Fußballrechte über die im Sommer 2020 europaweit ausgetragene Fußball-EM hinaus nicht gesichert sind, werden ARD und ZDF die „Finals“ in zehn weiteren Sportarten zwischen Tischtennis und Triathlon, sowie neuen wie Skateboard und Klettern, gemeinsam übertragen. Das sei möglich „dank großer Anstrengungen der Rhein-Ruhr-Region“, sagte Sportkoordinator Axel Balkausky, und dank großer eigener: „Alle Ü-Wagen aus allen Häusern fahren raus“. Balkausky betonte die großen Synergien mit dem ZDF beim teuren Sportfernsehen. ARD-Wintersportexperte Felix Neureuther setzte einen kleinen Kontrapunkt; Er sei in seiner aktiven Zeit zum Interviewtwerden immer lieber zur ARD als zum ZDF gegangen, „weil die Leute bisschen mehr Ahnung haben“.

Noch lieber freilich sei er zu den Österreichern mit ihrem Schmäh gegangen. Worauf die versammelte ARD-Hierachen ihn gleich in die Unterhaltung einbauen wollte. „Ich tret beim Flori auf!“, rief Neureuther hinüber zu Florian Silbereisen, der zwar beim ZDF „Traumschiff“-Kapitän ist, seinen Vertrag für ARD-Shows aber um vier Jahre verlängert hat und im Januar mit einer „kompletten Überraschungsshow“ überraschen will. „Es flackert schon noch mal so was wie das Lagerfeuer“, charakterisierte Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber sein Ressort. Auch „Klein gegen Groß“-Moderator Kai Pflaume und die gerade mit der Goldenen EBU-Rose für ihr Lebenswerk geehrte Maren Kroymann kündigten an, weiterzumachen.

Zwei-Filme-Experiment

Die vor allem für ihre zahlreichen süßlichen Filme bekannte ARD-Filmgesellschaft Degeto schließlich zeigte sich stolz auf ihr Zwei-Filme-Experiment „Der Feind – Recht oder Gerechtigkeit“ nach Ferdinand von Schirach. „Zwei völlig unterschiedliche Geschichten um den gleichen Fall“  mit Bjarne Mädel als Kommissar und Klaus Maria Brandauer als Anwalt sollen zeitgleich in der ARD und den Dritten Programmen ausgestrahlt werden, so dass Zuschauer hin- und herschalten können. „Wir müssen wieder lernen, andere Meinungen zu ertragen und andere Perspektiven einzunehmen“, sagte Degeto-Chefin Christine Strobl. Das Publikum sollte die sehr unterschiedlichen Ansichten beider Protagonisten nachvollziehen können – und natürlich linear oder nonlinear beide von Oliver Berben produzierten Filme ansehen.

Ebenfalls zu ihren Höhepunkten rechnet die ARD die dritte Staffel „Babylon Berlin“, die sie, nach der Premiere auf Sky im Januar, im Herbst zeigen wird, sowie einen Themenabend zu Ehren von Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag am 15. Mai. „Heute würde man sagen, er war ein Rockstar“, sagte Volker Herres über den Komponisten, dem auch ein ebenfalls aus zwei Perspektiven – des jungen Genies und des verbitterten alten Mannes – erzählter Spielfilm gelten wird. Anschließend stellte die ARD noch die neue Vorabendkrimiserie „Wapo Berlin“ mit Wasserpolizisten auf der Spree (und einem Hund), neue Folgen des „Großstadtreviers“ und ihr Remake der Kinderserie „Pan Tau“ vor – 50 Jahre nach dem tschechischen Original. 

So zeigte die mehr als zweieinhalbstündige Veranstaltung, die mit der gefühligen „Erzähl mir von dir“-Weihnachtskampagne begonnen hatte, vor allem, dass die ARD mit sehr, sehr viel Programm ins nächste Jahrzehnt starten wird.

Disclaimer: Der Autor schreibt auch für die Medienkolumne „Altpapier“, die beim MDR im ARD-Verbund erscheint.

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