Partner von:
Anzeige

Wenn Sie nur einen Artikel zum Fall Jens Söring lesen, dann bitte diesen in der “FAZ”

winterbauers-woche.jpg

Silke und Holger geben zwar gerne Interviews, aber nicht jedem und nicht zu jedem Thema! Das Berliner Radioeins verwirrt mit einem Baumpflanz-Tweet. Der Fall Jens Söring beschäftigt die Medien und "Tweet" kann man jetzt sogar tragen! Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Das NDR-Medienmagazin “Zapp” hat diese Woche über “Silke und Holger” berichtet. Mit “Zapp” und dem Berliner Radioeins (gehört zum RBB) wollte Holger Friedrich aber lieber nicht über seine Stasi-Vergangenheit reden, wie Reporter Daniel Bouhs auf Twitter mitteilte.

Stattdessen durfte Herausgeber Michael Maier einmal mehr erläutern, warum er diese lästige Stasi-Sache eigentlich nicht so schlimm findet (in a Nutshell: lange her, war nur kurz, ist seither ja auch viel passiert). Interessant auch, dass Friedrich ein bereits gegebenes Interview zum Thema Stasi mit der “Zeit” nicht autorisierte. Seltsam. Wenn ein Medium ideal wäre, um die Stasi-Beichte abzunehmen, dann doch wohl Deutschlands Beichtstuhl-Medium Nummer eins: die “Zeit”. Das meine ich jetzt durchaus mit Respekt, diesen Ruf muss man sich erst einmal erarbeiten. Die “Zeit” hat dadurch schon viele Gesprächspartner gewonnen, die alle anderen auch gerne gehabt hätten. Wen es zwischenzeitlich nach neuem “Silke und Holger”-Content gelüstet, der mag bei Twitter vorbeischauen. Dort betreiben Spaßvögel als “Silke & Holger” einen durchaus amüsanten Fake-Account:

+++

A propos Radioeins. Der Sender sorgte auf Twitter (wo sonst?) mit der Ankündigung für Furore, für jeden Retweet einen Baum zu pflanzen. Bislang kamen gut 55.000 Retweets des Baum-Pflanzen-Tweets zusammen.

Heißt das jetzt, die vom Öffi-Radio wollen wirklich über 55.000 Bäume pflanzen? FDP-Vize Alexander Lambsdorff witterte und twitterte sogleich Beitrags-Verschwendung:

Anzeige

Aber auch sonst argwöhnten viele einen schalen PR-Gag – so etwas soll es beim Radio ja dann und wann schon mal gegeben haben. Aber Radioeins schwört auf Twitter immer und immer wieder: Nein, alles ernst gemeint, kein Witz. Auf meine Anfrage teilte mir RBB-Sprecher Justus Demmer mit:

Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nur um Geduld bitten. Radioeins wird die vielen nun gestellten Fragen im Laufe der kommenden Tage und Wochen beantworten, aber eben nicht heute und auch nicht auf einen Schlag. Manches hat das Programm allerdings auf Twitter schon klar gestellt, etwa, dass die Aktion kein Scherz ist, sondern wirklich Bäume gepflanzt und dafür keine Beitragsgelder fließen werden.

Eine erfolgreiche PR-Aktion ist das schon jetzt. Aber die Erwartungen wurden nun so baumhoch gehängt. Hoffentlich folgt da nicht eine Produkt-Enttäuschung.

+++

Die Geschichte des Deutschen Jens Söring, der 1990 im US-Bundesstaat Virginia wegen des brutalen Doppelmords an den Eltern seiner damaligen Freundin zu zweimal Lebenslang verurteilt wurde, ist bester Filmstoff. Söring gestand den zweifachen Mord zunächst, widerrief später aber sein Geständnis und behauptete, seine damalige Freundin Elizabeth habe die Tat begangen. Er habe sie mit dem Geständnis nur decken wollen. 2016 drehten Marcus Vetter und die “SZ”-Journalistin Karin Steinberger über den Fall den SWR-Dokumentarfilm “Das Versprechen”. Immer wieder berichteten Medien über den Fall Söring, meist wurde dabei die Story eines wahrscheinlich unschuldigen Opfers und des unmenschlichen US-Justizsystems gezeichnet, wie man das auch aus anderen so genannten “True Crime”-Formaten kennt, z.B. der Netflix-Dokureihe “Making a Murderer”.

Diese Woche nun veröffentlichte die “FAZ” einen langen Text des früheren US-Strafverteidigers Andrew Hammel (Paywall, aber es lohnt sich!), der den Fall detailliert auseinandernimmt. Hammel kommt zum Schluss, dass Söring zweifelsfrei schuldig ist und er geht mit den teils suggestiven Methoden und vorgefertigten Haltungen gerade deutscher Medien hart ins Gericht. Zufällig wurde kurz nach Veröffentlichung des “FAZ”-Artikels bekannt, dass Söring und seine frühere Freundin (sie wurde auch zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt) freigelassen werden. Die Freilassung erfolgt allerdings unter voller Aufrechterhaltung des Schuldspruchs. Anlässlich der Freilassung hat der SWR den Film “Das Versprechen” erneut in die Mediathek eingestellt. Es ist enorm spannend und erhellend, zuerst den Film anzuschauen und anschließend Hammels Artikel zu lesen. Solche Stücke finde ich eigentlich fast nur noch in der “FAZ”. In der aktuellen Folge unseres Podcasts “Die Medien-Woche”, spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der “Welt” auch über das Thema.

+++

Die ganze Twitterei scheint auch den Textern bei Manufactum ein wenig die Sinne zu vernebeln. Im aktuellen Geschenke-Mini-Katalog des Edel-Versandhauses stieß ich auf folgende Beschreibung für eine sündhaft teure Kastell Herren-Wolljacke, kariert:

“Handgewebter Tweet” – hoffentlich ohne giftige Shitstorm-Rückstände. Was für ein netter Vertipper!

Schönes Wochenende und happy 1. Advent!

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia