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“Silke und Holger” in der “FAZ”: Stasi-Akte und Interessenskonflikte vergessen zu erwähnen – wen juckts?

Das Führungsteam für den Berliner Verlag (v.l.): Elmar Jehn, Michael Maier, Silke Friedrich, Holger Friedrich, Margit J. Mayer, Jochen Arntz
Das Führungsteam für den Berliner Verlag (v.l.): Elmar Jehn, Michael Maier, Silke Friedrich, Holger Friedrich, Margit J. Mayer, Jochen Arntz Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Keine Woche ohne ein neues Interview von "Silke und Holger", den mittlerweile Nicht-Mehr-Ganz-Neu-Verlegern der "Berliner Zeitung". Diesmal darf die "FAZ" ran und Silke und Holger Friedrich äußern sich gemeinsam mit ihrem Herausgeber Michael Maier einmal mehr zum Thema Stasi-Vergangenheit. Interessant: Holger Friedrich glaubt, dass sie den Kauf-Zuschlag nicht bekommen hätten, wenn seine Stasi-Akte vorher bekannt gewesen wäre.

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“Die jetzige Reaktion zeigt, dass wir, wenn wir früher damit offensiv umgegangen wären, keine Chance bekommen hätten”, sagt Holger Friedrich im “FAZ”-Interview auf die Frage, warum er nicht schon früher über seine Stasi-Vergangenheit informiert habe. Zum Hintergrund: Die “Welt am Sonntag” hatte aufgedeckt, dass Holger Friedrich während seiner Zeit in der Nationalen Volksarmee Kameraden bei der Staatssicherheit der DDR angeschwärzt hatte (Näheres zu den Hintergründen hier). Friedrich selbst argumentiert, er habe sich damals in einer Notsituation befunden, da die Stasi ihm den Prozess wegen Republikflucht machen wollte.

Warum er dann nicht nach dem erfolgten Kauf des Berliner Verlags von sich aus diesen Teil seiner Biografie öffentlich gemacht hat, versäumt die “FAZ” leider zu fragen. Immerhin war es in einem Interview mit der dpa um die Zeit der Friedrichs in der DDR und auch explizit um seine Zeit bei der NVA gegangen. Da wäre zum Beispiel eine Möglichkeit gewesen, das Thema offensiv selbst anzusprechen. Es ist ja nicht direkt so, dass die Friedrichs seit dem Kauf wenig Gelegenheit gehabt haben, sich öffentlich zu äußern.

In dem “FAZ”-Gespräch wird der Wunsch des Unternehmerpaares deutlich, jetzt doch bitte zur Tagesordnung zurückzukehren. “An unserer Motivation hat sich nichts geändert. Unsere Mission ist wirklich, einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs zu leisten”, sagt Silke Friedrich. Ihr Geschäftsführer und Herausgeber Michael Maier sekundiert. Maier ist eigentlich in einer besonders schwierigen Lage. Als er in den Neunzigern schon einmal Chefredakteur der “Berliner Zeitung” war, musste jeder Redakteur mit Stasi-Akte gehen. So war das damals. Heute ist es anders. Maier: “Herr Friedrich ist erstens kein Redakteur, zweitens sind dreißig Jahre vergangen, drittens ist er gleichzeitig Opfer und Täter.”

Ist es also bedenklich, wenn ein Redakteur für die Stasi tätig war, beim Verleger aber nicht so schlimm? Die Wahrheit ist doch wohl eher so, dass es halt schlicht nicht möglich ist, beim Besitzer solche Konsequenzen zu ziehen, weil dem der Laden halt nun mal gehört. Die Konsequenz für Maier könnte also nur bedeuten, sich selbst zurückzuziehen. Dazu hat er aber erkennbar keine Lust. Über das “Schwamm drüber”-Argument, dass das alles nun aber wirklich sehr lange her sei, muss man indes nicht wirklich reden. Es müsste auch Michael Maier eigentlich klar sein, dass das Unfug ist.

Auch dass der neue Verleger mal eben einen Text über das ostdeutsche Pharma-Unternehmen Centogene angeregt hat, dabei aber dummerweise vergaß mitzuteilen, dass er selbst über seine Firma Core daran beteiligt ist und sogar im Aufsichtsrat saß, hält Maier für eine lässliche Sünde. Man müsse hier, so sagt er, “die Kirche im Dorf lassen”: “Ja, wir hätten drunterschreiben sollen, dass Herr Friedrich im Aufsichtsrat sitzt. Das wussten wir nicht, und Herr Friedrich wusste als Neuverleger nicht, dass es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, das der Redaktion zu sagen. Aber das ist ein Lernprozess, der in Ordnung ist.”

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Wobei man nicht direkt Medienethik studiert haben muss, um zu ahnen, dass es mehr als fishy ist, wenn man als Eigentümer derartig intransparent mit eigenen Interessen umgeht. Holger Friedrich selbst erklärt den Centogene-Lapsus gewohnt verschwurbelt: “Ich wusste um die Sensibilität und habe die Standards der amerikanischen Börsenaufsicht SEC berücksichtigt, das sind weltweit die schärfsten Standards. Dass es innerhalb der Redaktion noch mal eine besondere Sensibilität gibt – mein Fehler, dafür entschuldige ich mich.” Diese “Berliner Zeitung”-Redakteure sind aber auch sensibel. Was machen die so einen Aufstand, bloß weil der neue Eigentümer eigene Interessen nicht transparent macht?

Die Redaktion hat jetzt den Salat und müht sich mit Reporterteam und Redaktionsstatut, den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den die Neu-Verleger angerichtet haben. Es wird vermutlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir von “Silke und Holger” hören.

 

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Alle Kommentare

  1. In Merkelland ist wahlweise die Zugehörigkeit zu einem islamistischen Zirkel oder einer Stasiseilschaft ein Karriereboost.
    Der Fisch stinkt eben vom Kopf

  2. Im ersten Bundestag war mehr als die Hälfte der Abgeordneten zuvor in der NSDAP gewesen. Mit Kiesinger wurde ein Faschisten Bundeskanzler. Ich erlaube mir, ein freiwilliges Mitglied der Nazi-Partei als Faschisten zu bezeichnen. Wer sonst außer den Gehängten von Nürnberg bliebe sonst?
    Augstein beschäftigte, als er seinen SPIEGEL zum Sturmgeschütz der Demokratie machte, eine handvoll Nazis als Journalisten. Wenn ich mich recht erinnere, ich mag das jetzt nicht googeln, darunter mindestens einen SS-Mann.
    Der Jurist Filbinger, der Todesurteile bei den Nazis verhängte und von dem nie bekannt wurde, dass er Reue empfand, soll erklärt haben, dass, was dereinst Recht war nun nicht Unrecht sein könne. Das Land BaWü dankte es ihm mit einem Staatsakt, als er verstarb.
    Der SS-Mann Schleyer konnte unangefochten Unternehmerpräsident werden und nach seiner Ermordung wurden öffentliche Einrichtungen nach ihm benannt.
    Frau Kahane, die ohne Zwang für die Staatssicherheit arbeitete, kann ziemlich unbehelligt ihrer Stiftung vorstehen, deren Arbeit nur durch erhebliche Mittel des Bundes möglich ist.

    Ich gebe zu, dass ich die Meinung des geschätzten Autoren, der einen der zurückhaltesten Artikel zu Thema schrieb, geradezu fair im Vergleich zu dem, was die Masse der Kollegen publizierte, nicht zu teilen vermag. Trotzdem nicht.

    Dass die Bundesrepublik Nazis, SS-Leuten und dergleichen problemlos vergab, mag vielleicht notwendig gewesen sein. Ich glaube es zwar nicht aber eigentlich geht es mich nichts an. Es war nicht mein Land.
    Dass sie Frau Kahane vergibt, ist offensichtlich Nützlichkeitserwägungen geschuldet. Das mag ich nicht bewerten.

    Über den Umgang mit Schulz aber gebe ich ein Werturteil ab : schäbig.
    Das eine ist, dass die ausnahmslos von im Westen sozialisierten Menschen beherrschen Medien nicht die Spur einer Vorstellung davon haben, was es bedeutete in einer Vernehmung durch die Stasi zu sitzen und mit Haft wegen eines Fluchtversuches bedroht zu sein. Was wünschte ich, der eine oder andere Schreiber, der darüber befindet, wie Schulz sich damals und heute hätte verhalten müssen, würde bedenken, wie er sich verhalten hätte.

    Die Sache hat aber noch eine andere Seite. Da versucht ein ostdeutscher Mensch auf einem Markt tätig zu werden, wo man seinesgleichen im wesentlichen fernhalten konnte. Auch wenn die Aussicht erstmal nicht furchteinflößend scheint, wenn ein marodes Blatt wie die Berliner Zeitung übernommen wird. Da wird ein totes Pferd gesattelt. Aber ok, er versenkt sein verdientes Geld.
    Aber allein die Möglichkeit, dass ostdeutsche Sichten nicht mehr nur unter der paternalistischen Aufsicht derer erscheint, die hier schon länger bestimmen, wie publizierte Meinung auszusehen hat, verursacht Beißreflexe. Jetzt mal ganz ehrlich, dass die Übernahme eines unbedeutenden, fast toten Blattes ein lange anhaltendes Interesse findet, dass pünktlich die jahrzehnte alten Akten auftauchen und dass die Sache ein solches mediales Echo findet, ist Zufall? Das mag glauben wer will. Ich nicht.

  3. Wenn auch Personen wie die ehemalige Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane voll rehabilitiert und bestens mit öffentlichen Pöstchen versorgt sind, ist anscheinend für viele “DDR-Nostalgiker” die “Aufarbeitung der DDR 1.0 – Vergangenheit” endgültig abgeschlossen.
    Und an der Einführung einer DDR 2.0 wird doch schon seit einiger Zeit zunehmend aktiver gearbeitet.

    1. Ja, ich bin voll bei Ihnen @Muller.

      Frau Kahane, die Verfolgerin der DDR ist nur auch Verfolgerin der Bundesrepublik Deutschland und von Herrn Maas mit einem fett dotierten Pöstchen belohnt worden. Ein Vergleich mit dem von der RAF ermordeten Hanns Martin Schleyer ist nicht ganz abwägig. Der war 1933-45 Nazi und Antisemit. Ab 1949 machte er im neuen Deutschland Blitzkarriere.

      Von Entnazifizierung ist heute viel die Rede. Wohl etwas das falsche Wort, Entstasifizierung wär jedoch dringendst notwendig.

      Ich bezweifle, dass es auch nur eine 3-stellige Anzahl an Nazis gibt. Die sind nahezu komplett ausgestorben. Deren Mindestalter dürfte 100 sein. Wer jünger ist, war bestenfalls Mitläufer wie der von der RAF ermordete ehemalige SS-Hauptsturmführer Hanss Martin Schleyer oder halt Kanonenfutter.

      Die Stasileute sind lediglich halb so alt. Wobei ettliche wohl auch jünger sind. Schließlich wurden sogar Kinder in der Schule gefragt, ob die Uhr bei den Nachrichten Punkte oder Striche hat.

      Diese Menschen, die damals die eigene Verwandschaft und Nachbarn ausspionierten und dem SED Verbrecherregime auslieferten, kontrollieren heute Verlage und Institutionen oder sind führend in der privatwirtschaftlichen Gesinnungsschnüffelei wie Frau Kahane, eine ehemalige Verfolgerin der DDR Staatssicherheit auf Honorarbasis. In unserem Land dürfen Personen wie Frau Kahane ihre moralischen Zeigefinger im Staatsauftrag wieder gegen politisch unliebsame Bürger erheben und werden dafür von unserem Steuergeld bezahlt, um ihr erlerntes Stasi-Handwerk wieder ausüben zu dürfen.

      1945 wurden Täter nicht bestraft. Der gleiche Fehler wurde 1990 wiederholt. Solche Fehler dürfen nicht passieren.

      Das ist ekelerregend und unerträglich.

      Wer jetzt schreibt

      wen juckts?

      der war entweder Teil des ehemaligen Machtstrukturen oder hat keine Ahnung. In jedem Fall ist es ein Schlag in die Gesichter all jener die in Bautzen und so weiter wegen Meinungsdelikten in den Gefängnissen saßen.

      1. Nachdem in weiten Bereichen der Gesellschaft religiöse Aspekte keine große Rolle mehr spielen mussten sich die reichlich vorhandenen Molalethiker ein neues Beschäftigungsfeld suchen.
        Besonders lukrativ (und risikofrei) ist zur Zeit der “Kampf gegen Rechts”.
        Was auch die bestens bezahlten Akteure in den direkt Zwangsgebühr-finanzierten Medien bzw. viele der über Subventionen indirekt finanzierten Medien sehr wohl für sich zu nutzen wissen.
        Der mindestens ebenso nötige “Kampf gegen Links (-extremismus) ist nicht annähernd so lukrativ und angesichts der politischen Rückendeckung der “Antifa” bzw. deren Unterstützer sogar von höchster politischer Stelle weit weniger finanziell lohnend.

      1. Bisher kenne ich keine Gegendarstellung zu der Antwort von Herrn Friedrich, dass die weitergegebenen Informationen in Absprache und mit Kenntnis der betroffenen Personen erfolgten.

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