Anzeige

Neues Debattenportal „Buzzard“: „Den wenigsten ist bewusst, dass sie durch eine Medienbrille schauen“

Wollen mit "Buzzard" die Meinungsvielfalt darstellen: Gründer Dario Nassal (links) und Felix Friedrich Foto: Alisa Sonntag/Buzzard

Mit „Buzzard“ will der Leipziger Journalist Dario Nassal zusammen mit dem Politikwissenschaftler Felix Friedrich ein neues Debattenportal ins Leben rufen. Es soll in Zeiten der Polarisierung einen ausgewogeneren Blick auf die Medien bieten. Über das Projekt und die nun startende Crowdfunding-Kampagne sprach MEEDIA mit dem Co-Gründer.

Anzeige

Mit dem Debattenportal „The Buzzard“ möchten Sie die Perspektiven-Vielfalt in der Medienlandschaft abbilden. Wie wird das Portal aussehen?
Dario Nassal
: Wir entwickeln eine Newsapp (kein Online-Magazin), die einen neuen Blick auf die Nachrichtenwelt möglich macht. Selbst, wenn Smartphone-Nutzer wenig Zeit im Alltag haben, bekommen sie mit „Buzzard“ in einer App alle Perspektiven des gesamten Medienspektrums beleuchtet. So hat man schnell einen differenzierten Überblick und kann es sich zur Angewohnheit machen, öfter auch mal den Blick über den Tellerrand zu wagen, zu sehen, was links und rechts des eigenen intellektuellen Vorgartens so angesät und angebaut wird.

Warum ist so ein Debattenportal notwendig?
Wir leben in einer Zeit extrem polarisierter Debatten. Hass und Hetze gegenüber Menschen, die andere Meinungen vertreten, ist Alltag geworden. Egal ob Grüne, AfD oder Extinction Rebellion, jede Seite beansprucht die Deutungshoheit für sich und sieht sich moralisch als die einzig legitimierte an. Doch wenn wir uns unsere Meinung eigenständig bilden wollen, ist es wichtig, alle Seiten zu kennen, die Debatten zu durchdringen und zu beherrschen — um nicht selbst beherrscht zu werden.

„Man sollte sich nie auf die Darstellung eines Mediums verlassen“

Ist es nicht Aufgabe der Medien, diese Meinungsvielfalt abzubilden?
Der Kampf wird auch in den Medien ausgefochten. Es gibt allerdings kein rein objektives Medium. Das kann jeder Medienwissenschaftler bestätigen. Medien „framen“ immer die Wirklichkeit. Kommunikation würde anders nicht funktionieren. Deshalb sollte man sich nie auf die Darstellung eines einzelnen Mediums verlassen, wenn man sich vernünftig informieren möchte. Man sollte mehrere Medien im Vergleich lesen. Nur ist das eben oft zu zeitaufwändig. Zudem haben soziale Medien ein Vakuum hinterlassen. Algorithmen entscheiden, was uns im Newsfeed angezeigt wird. Medienperspektiven werden nach Präferenzen sortiert. Das macht es uns schwer regelmäßig auf gut begründeten Meinungen zu stoßen, die unserer eigenen Meinung widersprechen. Wenn man anderen Meinungen begegnet, dann oft nur den besonders lauten, den extremen. Vielfalt abseits dessen findet nur, wer sich Zeit nimmt, bewusst sucht oder Quellen und Autoren von allen Seiten des politischen Spektrums bewusst folgt.

Wer wird bei „Buzzard“ die Debatten und Perspektiven auswählen?
Im neuen Online-Medium und der neuen News-App, die 2020 starten, wird eine Tagesredaktion aus fünf Journalistinnen und Journalisten Debatten und Perspektiven kuratieren. Zusätzlich setzen wir auf die Crowd. Leser können bei uns mitbestimmen über Themensetzung und Perspektivenwahl, Auswahlkriterien und Recherchen und sich einbringen. In Zeiten, in denen oft Algorithmen auswählen, welche Inhalte wir im Newsfeed sehen, setzen wir mit „Buzzard“ in Zukunft bewusst auf Empfehlungen von Menschen für Menschen.

Welche Kriterien gibt es bei der Auswahl der Debatten und der Perspektiven?
Wir haben Richtlinien, die momentan für die neue Online-Plattform überarbeitet und Anfang 2020 veröffentlicht werden. Prinzipiell zeigen wir bei „Buzzard“ Positionen vom ganzen Meinungsspektrum im Überblick. Von links bis rechts. Wir beschränken unsere Auswahl nicht auf etablierte Medien. Wir zeigen auch, was Blogger, Aktivisten und Wissenschaftler sagen. Welche Beiträge wir zum jeweiligen Thema kuratieren, hängt nicht von der politischen Orientierung der Autoren und Autorinnen ab, sondern von der inhaltlichen Positionierung. Wir recherchieren: Welche Positionen werden in der Gesellschaft zum jeweiligen Thema vertreten? Und dann zeigen wir Beiträge, die diese verschiedenen Positionen vertreten. So haben Leserinnen und Leser jeden Tag den Überblick.

Gibt es Grenzen bei den dargestellten Positionen?
Medien und Autoren, die offen rechtsextreme Inhalte verbreiten oder Rassismus zum politischen Argument erklären, haben in keiner politischen Debatte Erwähnung verdient. Auf „Buzzard“ wird man keine menschenverachtenden Kommentare, keine Stigmatisierung, keinen Hass und keine Hetze finden. Es geht uns um kontroverse aber konstruktive Debatten.

Wie machen Sie ihre Auswahl transparent?
Alle Kriterien für die Kuration unserer Redaktion sind in der neuen App transparent für Leserinnen und Leser einsehbar. Zusätzlich wird ein Beirat aus renommierten Journalistinnen und Journalisten unsere Auswahlkriterien und Arbeitsweise regelmäßig kontrollieren. Aktuell sind bereits Maria Exner, Richard Gutjahr, Anett Selle, Alexander von Streit und Christof Moser im Beirat. Weitere Mitglieder des Beirats werden gerade bestätigt.

„Den wenigsten scheint bewusst zu sein, dass sie durch eine Medienbrille schauen“

Sie haben im Vorfeld des Starts ihrer Kampagne eine Roadtour durch Sachsen gemacht und Leute nach ihrer Mediennutzung befragt. Was haben Sie festgestellt?
Trotz aller „Filterblasen-gibt-es-nicht“-Diskussionen, die seit einigen Jahren in Deutschland geführt werden, mussten wir feststellen: Anhänger verschiedener Parteien nutzen durchaus Medien (on- und offline), die ihrer eigenen politischen Einstellung spiegeln. Wir konnten große Unterschiede je nach Parteipräferenz beobachten. Wähler von Linken und Grünen, mit denen wir in Sachsen gesprochen haben, scheinen durch eine ganz andere Medienbrille auf die Welt zu schauen als AfD-Wähler. Gleichzeitig – und das ist besonders beängstigend – haben die meisten Menschen in unseren Interviews, die Medien, die ihrer eigenen Einstellung am nächsten liegen, als besonders neutral bewertet. Die wenigsten scheinen sich bewusst zu sein, dass sie selbst durch eine Medienbrille auf die Welt schauen. Sie sind eher der Meinung, dass die jeweils anderen eine verzerrte Wahrnehmung haben. Das passt leider gut in unsere Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, die einzig richtige Meinung zu vertreten.

Sie haben den Prototypen des Portals bereits zwei Jahre laufen lassen – und sind damit zunächst gescheitert. Was haben Sie falsch gemacht?
Beide von uns, Felix Friedrich und Dario Nassal, hatten vor „Buzzard“ keinerlei Erfahrung darin, ein Unternehmen aufzubauen. Und ohne Unternehmer-Erfahrung und Startkapital ist es verdammt hart, im Mediensektor zu gründen. Wir haben auf dem Weg viele Fehler gemacht, viele Entscheidungen, von denen man am Ende merkt, sie waren vielleicht nicht richtig. Aber wir haben weitergemacht und wir haben laufend dazugelernt. Ein Fehler, den wir beim Prototyp gemacht haben, war sicherlich, dass der Prototyp einfach nicht so gestaltet war, dass Leserinnen und Leser ihn im Alltag nutzen konnten. Wir haben nur ein Thema pro Woche behandelt. Die Design war nicht auf die Nutzung am Smartphone optimiert. Man konnte Themen und Artikeln nicht individuell folgen, also keinerlei individuelle Leseerfahrung. Leserinnen und Leser konnten „Buzzard“ deshalb nicht als Werkzeug im Alltag nutzen, um Medien anders zu konsumieren, um einen neuen Blick auf die Nachrichtenwelt zu bekommen. Das wird sich ändern.

Was ändert sich noch?
„Buzzard“ wird eine App, die perfekt für das tägliche Nachrichtenlesen am Smartphone funktioniert. Ein Werkzeug, das im Alltag einen neuen Medienkonsum möglich macht. Einmal am Tag kann man mit „Buzzard“ in Zukunft wie mit einer herkömmlichen News-App Nachrichten lesen und findet zu diesen Nachrichten dann Meinungsbeiträge vom ganzen Meinungsspektrum im Überblick. Gleichzeitig kann man am Wochenende zu den wichtigsten Debatten in die Tiefe gehen und ins Gespräch kommen mit Andersdenkenden. Man kann mehr über sich selbst erfahren: Sich anzeigen lassen, welchen Teil des politischen Spektrums man besonders viel liest und Momente, an denen man die eigene Filterblase verlassen hat, als Aha-Effekte abspeichern.

Zugriff für fünf Euro im Monat

Wie viel Geld wollen Sie mit Ihrer Kampagne sammeln und wofür brauchen Sie das?
Unsere Kampagne läuft vom 5. November bis zum 8. Dezember. In dieser Zeit ist unser Ziel, 250.000 Euro einzusammeln, um das neue Online-Medium für ein Jahr zu finanzieren. Es geht dabei um reine Kostendeckung, nicht um Profit. Alle Ausgaben machen wir auf unserer Homepage transparent, wenn das neue Online-Medium an den Start geht. Unsere App ist bereits fertig entwickelt, wir stehen in den Startlöchern. Jetzt brauchen wir die Mittel dringend, um eine Redaktion zu finanzieren, mit der wir die App täglich bestücken sowie um Budget für Design, Entwicklung und Marketing zu haben.

Was wird das Produkt dann kosten?
„Buzzard“-Mitglieder zahlen fünf Euro im Monat und bekommen dafür vollen Zugriff auf alle Tagesempfehlungen und Debatten. Sie können über Themen, Beiträge und Recherchen abstimmen und sie haben volle Transparenz: Sie sehen wofür Gelder ausgegeben werden und wie wir als Redaktion arbeiten. „Buzzard“-Mitglieder sind der Kern des Projekts, sie ermöglichen uns als unabhängiges, werbefreies Journalismus-Projekt ein Jahr professionell zu arbeiten.

Wieviele Leser brauchen Sie, um sich zu finanzieren?
Wir brauchen 4.500 Unterstützerinnen und Unterstützer, um unser Ziel zu erreichen, und im nächsten Jahr arbeiten zu können. Unser Minimalziel sind 2.500 Unterstützerinnen und Unterstützer. Wenn wir weniger Unterstützung bekommen, erhalten alle ihr Geld zurück und wir müssen „Buzzard“ beenden.

Rund 250.000 Euro wollen die Gründer für ihre Idee einsammeln, die im kommenden Jahr umgesetzt werden soll. Zu den prominenten Unterstützern zählen unter anderem der Blogger Richard Gutjahr, der Kolumnist Jan Fleischhauer und Krautreporter-Herausgeber Alexander von Streit.

Die Fragen wurden schriftlich gestellt.

Anzeige