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Es gibt keinen Digital-Journalismus – wenn Medien die Generation Z verstehen wollen, müssen sie in deren Kultur eintauchen

Patrick Stegemann
Patrick Stegemann Foto: Jacobia Dahm

Wenn Journalisten und Medienmacher über soziale Netzwerke sprechen, dann geht es meist darum, dort Zielgruppen zu erschließen. Dabei sollten wir erstmal beginnen, die Kulturen dahinter zu verstehen, schreibt der Journalist Patrick Stegemann in der Essay-Reihe "Werteorientierte Digitalisierung", die MEEDIA zusammen mit der Hamburg Media School veröffentlicht.

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Von Patrick Stegemann 

Eine Woche nach der EU-Wahl, kurz nachdem die breitere Öffentlichkeit den YouTuber Rezo kennengelernt hatte, titelte die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”: “Das Ende des kultivierten Dialogs? Neben Pupsvideos und Pannenclips gibt es auf YouTube jetzt auch Politik. Geht ziemlich ab.” Das war sicher sehr lustig gemeint, ist aber leider sehr falsch. Die “FAS” war im Jahr 2019 noch eines der Medien, das am aufmerksamsten hingeschaut hatte, was auf YouTube so geschah. Und trotzdem langte sie daneben. Die “FAS” unterlag demselben Missverständnis wie viele andere Medien: Social-Media ist interessant als Verbreitungskanal, manchmal auch wenn etwas Verrücktes dort passiert (von Rechtsextremen bis Rezo) – doch meist nicht mal dann.

Ihr Dünkel hinderte sie daran zu sehen, was sich auf der Plattform wirklich abspielte. Als sich 2018 in Chemnitz in Folge des Todes von Daniel H. Demonstrationen und Hetzjagden abspielten, berichteten deutsche Medien von privat bis öffentlich-rechtlich, von Fernsehen bis Zeitung aufmerksam und intensiv über die Ereignisse, über die politischen Implikationen, über Demonstrationen und Gegendemonstrationen, über Polizeitaktiken und Stadtpolitik. Wer in diesen Tagen auf YouTube Informationen suchte, dem empfahl die Plattform Verschwörungstheorien aller Art. Seriöse Medieninhalte schlug die Plattform kaum vor. Das lag zu einem großen Teil am völlig außer Kontrolle geratenen YouTube-Algorithmus. Aber eben nicht nur.

YouTube ist die zweitwichtigste Suchmaschine der Welt und laut PEW Research sogar das beliebteste Soziale Netzwerk. Und ein übergroßer Teil der Medien schien zum wichtigsten Ereignis jener Tage keine Inhalte für diese zu produzieren (teilweise, wie im Falle der öffentlich-rechtlichen, weil der Staatsvertrag das nicht hergibt). Aber mehr noch: Es war die “New York Times”, die diesen Umstand aufdeckte: “As Germans Seek News, YouTube Delivers Far-Right Tirades” titelte sie Anfang September. Dass Millionen Nutzerinnen schlicht keine validen Informationen auf YouTube bekamen, fiel deutschen Journalisten erst Wochen danach auf. Oder gar nicht – für jene war 2019 dann tatsächlich ein Weckruf, weil sie bis dahin glaubten, YouTube bestünde nur aus Pups-Videos und Instagram nur aus Beauty-Shots.

Der Hack aus Hessen

Dabei begann das Jahr 2019 bereits mit einem Ereignis, das allen hätte zeigen können, dass das, was in sozialen Netzwerken entsteht, dort nicht bleiben wird. Am 4. Januar noch vor sechs Uhr morgens verkündet die “Tagesschau” online: Hackerangriff auf Hunderte deutsche Politiker. Plötzlich fanden sich Millionen Daten online:  993 betroffene aktive oder ehemalige Politikerinnen, rund 8.000 E-Mails, 4.000 PDF- und 1.600 Worddokumente, 35.000 Bilder sowie 600 Videos. Daneben fanden sich unter den Betroffenen einige mittelgroße YouTuber wie Rayk Anders oder Tarik Tesfu. Privatfotos, Mailverläufe, Steuererklärungen, Ausweiskopien: private Daten, für alle zugänglich im Netz.

Für den “schweren Anschlag auf die Demokratie” (“Zeit-Online”) hatte es kein Heer russischer Hacker gebraucht – es reichte ein 20-Jähriger, der sich in seinem hessischen Kinderzimmer über Jahre vor allem durch islamhassende YouTube-Videos derart radikalisiert hatte, dass er “aus Wut” losschlug: Über Monate sammelte er Daten oder bediente sich an denen, die andere radikale Aktivistinnen im Netz bereit zusammengetragen hatten.

Im März 2019 ermordete im neuseeländischen Christchurch ein Rechtsterrorist 50 Menschen bei einem Terrorattentat auf eine Moschee. Seine Tat übertrug er in einem Facebook-Livestream, zuvor kündigte er sie auf dem Imageboard “8Chan” an. Der Terrorist verfasste ein Manifest, das voller Memes war, voller popkultureller Verweise auf die ihn umgebende Kultur. Der Attentäter hatte Vorbilder und Nachahmer: Allein 2019 kopierten Attentäter in Norwegen, ElPaso (Texas) und Halle (Saale) sein Vorgehen. Der deutsche Attentäter übertrug seine Tat auf der vor allem für Spielestreams bekannten Seite Twitch und veröffentlichte zuvor ein Pamphlet auf einem obskuren Image-Board, von wo aus es über Telegram, Facebook und andere Plattformen zirkulierte. 

All diese Terrorangriffe eint: Sie sind Zeichen eines sich neu organisierenden, überwiegend online radikalisierten Rechtsterrorismus. Sie sind die gewaltförmigen, brutalen Auswüchse bestimmter Online-Kulturen. 

Es ist bezeichnenderweise ein braves, kluges YouTube-Video, das 2019 dem Land zeigte, dass auf YouTube längst politische Diskussionen stattfinden. Das Video verbreitete sich rasend schnell: Innerhalb einer Woche sammelt es fast neun Millionen Klicks und damit mehr als das erfolgreichste deutsche Video (das kein Musikvideo ist) des Jahres 2018. Die CDU scheitert öffentlich damit, eine adäquate Antwort darauf zu finden. 

Mit seinem Video “Die Zerstörung der CDU” versammelt Rezo hunderte andere Influencer und damit Millionen junge Menschen hinter sich. Sie sind keine Partei, keine Organisation, sie sind noch nicht mal eine Bewegung. Sie sind ein – so hat es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen genannt – Konnektiv. Verbunden für den Moment, für das Thema. Flüchtig, aber sehr mächtig. Rezo schaffte in den Wochen nach der Veröffentlichung seines Videos im Mai 2019, was da schon lange überfällig war: Er öffnete die Augen für die meinungsbildende Kraft von Influencerinnen – auch über Kaufentscheidungen hinaus – und dafür, dass die Plattformen, auf denen sich die jüngeren Menschen so rumtreiben, ganz und gar nicht unpolitisch sind. 

Es gibt keinen digitalen Journalismus. Es gibt nur Journalismus

Journalismus hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert: Er hat neue Formate und neue Distributionskanäle gefunden. Es gibt jetzt Digital-Journalistinnen und Digital-Ressorts. Was Journalismus aber wirklich braucht, ist kein Bindestrich-Digital-Attribut. Es gibt keine digitale Gesellschaft. Es ist die Gesellschaft. Und deshalb braucht es auch keinen Digital-Journalismus, genauso wenig es ja so etwas wie “Analog-Journalismus” gibt. 

Das ist mehr als Wortklauberei. Ein Journalismus, der selbstverständlich und nicht bindestrich-mäßig digital ist, muss auf die Kulturen, die sich dort entfalten, genauer achtgeben. Dass Rezo die deutsche Öffentlichkeit so überraschen konnte, ist dem Mangel an journalistischer Beobachtungsgabe geschuldet, die sich für sehr unterschiedliche Kulturen, die sich dort entwickeln, bislang nicht interessiert hat. Nicht alles davon ist schön: Neben Beauty-Wahn gibt es einen ganzen Kosmos an frauenfeindlichen, rassistischen, autoritären und rechtsextremen Inhalten – aber gerade denen sollte unsere Aufmerksamkeit gelten. 

YouTube und Facebook (mitsamt Instagram) sind vielleicht die größten Kulturproduzenten in der Menschheitsgeschichte: Sie ermöglichen es wahnsinnig vielen und wahnsinnig unterschiedlichen Kulturen, ihre Identitäten und Haltungen ab- und auszubilden. Von Politik über Gaming, Sport, Mode, esoterische Rechtsrocker, Impfgegner und Bäume-Umarmer gibt es dort alles. 

So wie Journalisten über den Marktplatz ihrer Stadt flanieren und Geschichten gesteckt bekommen oder entdecken, so wie politische Korrespondentinnen sich abends zum Hintergrundgespräch treffen, so müssen wir als Medienmacher auf Instagram flanieren und YouTube-Livestreams schauen. Das macht uns dreifach besser:

Wir werden besser über diese Dinge berichten können, weil wir sie verstehen, weil wir die Kulturen begreifen. Wir werden in diesen Kulturen ernst genommen, wir können ihnen unsere journalistischen Fähigkeiten näher bringen. Wir werden aber auch schlicht bessere Erzählformen finden: Alle Medien suchen nach journalistischen Formen auf den Social-Media-Plattformen: Sie untersuchen die Generation Z und versuchen von ihr zu lernen, sie probieren Insta-Stories aus oder gehen auf TikTok. Alles nicht falsch. Aber richtig gut werden wir erst, wenn wir den Glauben daran aufgeben,  dass es so etwas wie eine abgrenzbare Generation überhaupt gibt.  Wenn wir uns wirklich für einzelne Gruppen und Kulturen zu interessieren beginnen.

Eine der vordringlichsten Aufgaben von Journalismus war es immer schon, gesellschaftliche Gespräche herzustellen. Lokalreporter möchten,  dass in ihrer Stadt Menschen über ihre Geschichten sprechen, Beiträge der “Tagesschau” sollen die Gesprächsgrundlage für ein ganzes Land liefern. Journalismus bedeutet, Gesprächsanlässe zu bieten, Teil von Gesprächen zu sein. In einer Gesellschaft, die zunehmend in Gruppen und kleineren Kulturen agiert, ist es umso wichtiger,  Teil dieser Gruppen zu sein – und die gesamtgesellschaftliche Diskussion wieder zu ermöglichen. Es ist unsere Aufgabe als Journalisten, zuzuhören – und die gesellschaftlichen Debatten mit unseren Fähigkeiten anzureichen: Faktentreue,  Erklärungen,  Verbindungen und Verständnis herstellen. Das, was wir mal als “digitale Welt” bezeichnet haben, braucht das mehr denn je.  Und uns als Journalistinnen und Medienschaffende macht es auch noch besser. Denn das Internet bleibt nicht im Internet – das sollten wir 2019 alle begriffen haben.

Über den Autor:

Patrick Stegemann lebt und arbeitet als Formatentwickler und Redakteur für multimediale Inhalte in Berlin. Er ist Autor und Regisseur der Doku “Lösch Dich – So organisiert ist der Hate im Netz”. Zuvor war er mitverantwortlich für die Entwicklung des jungen feministischen Formats “Auf Klo” (funk). Er entwickelte außerdem für DLFNova die tägliche Radiokolumne “Zeitmaschine”, die er ein Jahr redaktionell leitete. Er arbeitet als freier Journalist und Formatentwickler für öffentlich-rechtliche Sender und Formate. Stegemann studierte in Erfurt, im Nahen Osten (Beersheva, Haifa und Kairo) sowie in Berlin an der Humboldt-Universität Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Peace & Conflict Studies sowie Hebräisch.

Über die Reihe: Dies ist der 19. Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht.

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Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Teil 4: Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

Teil 5: Journalismus nach Relotius: Warum wir uns nicht auf den Täter, sondern auf die Frage der Haltung fixieren sollten

Teil 6: Lösung sucht Problem: fünf Schritte für eine produktive Innovationskultur der Medien

Teil 7: Weg mit dem Dringlichkeitsalgorithmus! Ein Sechs-Stufen-Plan für Bewältigungsstrategien in der New-Work-Welt

Teil 8: “Like Deine Freude, wie Du selbst geliked werden willst” – wie wir uns alle einer Digitalisierungsreligion unterwerfen

Teil 9: “Freie Presse” in Chemnitz auf Tuchfühlung mit Lesern: Warum der Lokaljournalismus besser wird

Teil 10: Ein Spotify für den Journalismus? Fünf Strategien zur Steigerung der Zahlungsbereitschaft im Netz

Teil 11: Warum wir Diversität im Medienbetrieb neu definieren müssen – die Hölle, das sind nicht die anderen

Teil 12: “So muss Lokaljournalismus aussehen”: Wie die Lüneburger “Landeszeitung” mit ihren Lesern ins Gespräch kommt

Teil 13: Wissen, wie der Hase läuft – Lokaljournalismus zwischen Klischees und digitaler Transformation

Teil 14: “Du bist auf dem neuesten Stand”: Warum die Medien ein besseres Gedächtnis brauchen

Teil 15: Bauchgefühl plus Daten plus Community: Wie Lokalmedien wieder Autorität erlangen können

Teil 16: It’s the Spirit, Stupid! Wie Medien dem Nachwuchsmangel im Journalismus am besten begegnen

Teil 17: Vertrauen Sie mir, ich bin Journalistin! Warum sich Konstruktiver Journalismus für Medien lohnen kann

Teil 18: Die Software als Rassist: wie Journalisten Algorithmus-Missstände aufdecken können

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Alle Kommentare

  1. Ich kann hier nur auf das Angebot von DIE ZEIT verweisen.

    DIE ZEIT schreibt gezielt für ein bestimmtes Publikum und versucht gelegentlich seine Leserschaft zu erweitern. Der letzte Versuch war der Versuch nicht mehr über den Islam zu informieren, sondern Werbung für den Islam zu machen. Das ist zumindest bei den islamischen Bürgern gescheitert. Kaum ein Moslem hat DIE ZEIT deswegen gekauft oder abonniert. Bei der alten Leserschaft hat dieser Versuch aber voll eingeschlagen. Wer mag, der kann in den Kommentaren zu Artikeln, die den Islam behandeln, gerne einmal stöbern. Die Toleranz ist enorm, teilweise lese ich sogar Begeisterung.

    Der Berliner Tagesspiegel startete einen ähnlichen Versuch. Allerdings wurde dort nicht so offen für den Islam Werbung betrieben. Auch dort ist dieser Versuch gescheitert. Moslemische Bürger konnte sich nicht begeistern.

    1. “Bei der alten Leserschaft hat dieser Versuch aber voll eingeschlagen.”
      Wenn damit gemeint ist, dass damit wieder einige langjährige Leser in die Flucht geschlagen wurden, dann ist die Aussage richtig…..

    2. Ergänzung:
      “Der letzte Versuch war der Versuch nicht mehr über den Islam zu informieren, sondern Werbung für den Islam zu machen.”
      In verschiedenen Medien (auch aus dem linken Spektrum, wie etwa Telepolis) gab es in letzter Zeit Artikel zum Thema, dass aus arabischen Ländern seit Jahren Ölmilliarden(!) in westlichen Ländern verteilt werden um dort gezielt eine Pro-Islamische Stimmung zu erzeugen und zu fördern.
      “Pecunia non olet”

  2. Autor Stegemann hat eine eindrucksvolle Sammlung von Kategorienfehlern abgeliefert, deren Analyse eine sehr zeitraubende und honorarpflichtige Angelegenheit ist.

    Schon der Begriff “Kulturen” ist fragwürdig, weil wir es in Forenöffentlichkeiten
    mit medial und räumlichen entgrenzten Sprechakten und digitalen Repräsentationen und zeitlich entgrenzten diskontinuierlichen Sprechakt-Ketten zu tun haben.

    Im engen Sinne der Kommunikationstheorie sind es keine Gespräche, die definitionsgemäß doch zwischen zwei Personen verbal und kontinuierlich geführt werden.

    Ob es Online-Dialoge sind, ist auch schwer nachvollziehbar, weil Profile und Bots und Fakes nun einmal schwer als Personen identifizierbar sind.

    Sprechakt-Bricolage, freie Assoziation, Wortspiele, Fehlinterpretationen, Provokationen und giftige Kommunikation u.v.m. wechseln sich ab.

    Ob Sinn und Kontext entstehen, ist performatives Spiel.

    Wenn man das analysieren und verstehen will, muss man die Sprecher zum Interview und zur Nachbesprechung einladen, um zu erfahren, ob sie gut drauf waren, oder nur ihr Ego, ihr neuronales Belohungssystem oder eine Agenda befriedigen wollten (was nicht immer gelingt).

    Im Fall Rezo ist auch ein Besuch der YouTube-Agentur, des STRÖER-Newsrooms und eine SEO-Analyse von t-online.de notwendig, um den Popularitätsaufwuchs und virale Verbreitungs-“kultur” beurteilen zu können.

    Das Timing deutet auf konzertierten Frust hin, zu dem Rezo das Werbevideo inszeniert hat.

    Fazit:
    Wenn mir Gesprächsjournalisten in Büro hineinschneien, und Generation Z in sozialen Netzwerken verstehen wollen, dann will ich auch ein analytisches Konzept und eine Kosten-Aufwandsschätzung sehen, und ein Raum-Zeit-Verbreitungsdiagramm, das aufzeigt, ob Linkverbreitungszentralen oder virale und sozialmediale Verbreitung stattgefunden haben.

    Dazu gehören Betrachtungen zur Relevanz, Repräsentanz und Gültigkeit von Aussagen und journalistisch perzipierten und interpretierten Fakten und Ableitungen.

    Nachdem die Datenschutzverordnung in Kraft ist, frage ich mich auch, ob die behauptete Form von Gesprächsjournalismus ohne Abhörjournalismus möglich ist. Ist der Journalist als Teilnehmer von Gruppen und Chats durch seine Präsenz zum teilnehmenden Beobachter geworden, sind auch alle Fakten verfälscht.

    Autor erzeugt sich aufgrund seiner Kategorienfehler eine falsche Kontroll- und Methoden-Illusion (Media-School-Bias), der von allein seichten Stichworten und Schlagworten getragen ist.

    Journalisten-Hirne, Follower und Leser-Hirne verlieren dabei jeden Halt, werden hypermanipulierbar: anything goes, wenn nur der Brustton des Überzeugens und die ausgewählten Narrative wirken.

    Kluge Leser hingegen wenden sich davon ab. Auch die Lesefähigkeit schwindet, weil Generation Z bereits auf performativen Wortfeldern wankt, unfähig zur Selbst- und Systemanalyse.

    Die strategische Des-Investition großer Verleger im “Geschäftsfeld geschriebenes Wort” scheint mir auch damit zu tun zu haben.

    Politik und Demokratie sind davon längst auch gefährdet.

    Folgerung:
    Der Grundauftrag von Journalismus muss erneuert werden. Philosophisches, kulturtheoretisches und kommunikationswissenschaftliches Re-Engineering
    ist notwendig. Und eine erweiterte Informationstheorie, die analoge Begriffe auf das Niveau performativer medial entgrenzter Kommunikation heben, und dabei neuronale Zustände (Depression, Sucht, ADHS, Hyperflow u.a.) bei den Beteiligten mit untersuchen.
    Kulturanthropologen, Informationstheoretiker, Kommunikations- und Neurowissenschaft, Linguisten und Literaturtheoretiker sollten erst ihre Arbeit machen, und tragfähige Begriffe finden, bevor Journalisten mit Auftragstaktik
    auf sozialen Netzwerken angesetzt werden.

    Für mich gilt:
    Alles was nicht mit drei Suchworten wiedergefunden und täglich abgeschaltet werden kann, ist irrelevant. Und Alles, was bei Suchen hinter digitalen Paywalls liegt. Journalismus endet hier.

  3. “Als sich 2018 in Chemnitz in Folge des Todes von Daniel H. …. Hetzjagden abspielten….”
    Auf dem an die Öffentlichkeit gelangten Video rennt eine Personen einer anderen Person aus unbekannten Gründen wenige Meter hinterher. So etwas findet unter der Woche praktisch tagtäglich auf jedem Pausenhof der Republik.
    Aus diesem Vorfall wurde von unseren “Qualitätsmedien” zuerst eine(!) Hetzjagd gemacht.
    Und aus wundersame Weise wurden daraus schon nach kurzer Zeit in obigen Medien (und jetzt wieder einmal auch hier) “Hetzjagden”.
    “… wenn Medien die Generation Z verstehen wollen, müssen sie in deren Kultur eintauchen…”
    Zunehmend mehr Konsumenten, ob Generation X, Y, Z oder sonstwas, verstehen dafür die Medien.
    Und sparen sich ihr Geld für vernünftigere Dinge, als es für Journalismus mit obiger Qualität auszugeben…..

  4. @Herr Stegemann:

    Die Generation Z wirklich verstehen zu wollen, wofür Sie ja einige Vorschläge gemacht haben, das ist schon mal kein verkehrter Ansatz. Noch viel wichtiger ist es allerdings, dabei nicht die anderen Generationen aus den Augen zu verlieren.

    Der Journalismus hierzulande erliegt größtenteils einer Versuchung, die verheerende Auswirkungen nach sich zieht (dazu später mehr). Stimmungsbilder aus den sozialen Netzwerken aufzufangen und über die eigenen Medienkanäle zu verbreiten ist legitim, ABER auch nur mit einer dazugehörigen richtigen Einordnung eben jener Stimmungsbilder.

    “…Es gibt keine digitale Gesellschaft. Es ist die Gesellschaft. …”

    Genau diese Versuchung meine ich. Sicherlich sind zig Millionen Menschen
    in Deutschland in hoher Regelmäßigkeit privat und beruflich in der digitalen Welt unterwegs und von all jenen ist ein beachtlicher Teil dabei auf sozialen Netzwerken angemeldet, die von Medien gerne als Fieber-Thermometer für die deutsche Gemütslage herangezogen werden. Denn im Vergleich zur gesamten digitalen Welt, wird dort der Großteil aller Meinungen sichtbar.

    Auch wenn es komisch anmuten mag, kommt man nicht umhin festzustellen, dass 32 Mio Facebook-Nutzer (mind. 1x monatlich) 2,5 Mio Twiter-Nutzer (mind. 1x wöchentlich) und 25 Mio Instagram-Nutzer (mind. 1x monatlich), unberücksichtigt aller Überschneidungen, eine klare Minderheit darstellen. Eine sehr große zwar, aber immer noch eine Minderheit.

    Jeglicher Shitstorm, jeder tausendfach geteilte Beitrag, jedes millionenfach gemochte Bild, das alles sind Reaktionen einer generationenübergreifenden Community. Allerdings sind es keine Indikatoren für das Stimmungsbild der deutschen Gesellschaft, auch wenn die angesprochene Versuchung groß ist, bequemlichkeitshalber davon auszugehen. Die sozialen Netzwerke bilden weder die Mehrheits-Meinung eines Landes ab, noch sind sie repräsentativ. Generationenübergreifend ja, aber wie sich die Altersstruktur von z.B. Facebook darstellt, nun ja, Leute Ü50 sind vergleichsweise spärlich dort angesiedelt. Gleichzeitig stellen sie aber die mit Abstand größte Wählergruppe dar.

    Viele Journalisten garnieren ihre Texte mit Anleihen von Meinungsbildern, über die sie in den sozialen Netzwerken gestolpert sind. Zeilen wie z.B. “Dass die Deutschen dem Thema Y mehrheitlich kritisch gegenüber steht, zeigen auch wieder folgende Zitate einiger aufgebrachter User auf Facebook…”

    Und genau hier schließt sich der Kreis. Die digitale Gesellschaft ist eben nicht DIE Gesellschaft. Journalisten, die dennoch davon ausgehen und ihren Beiträgen damit eine falsche Grundlegitimation verleihen, handeln nicht nur unprofessionell sondern machen sich gleichzeitig der plumpen Meinungsmache schuldig. Das wiederum sorgt für die eingangs erwähnten verheerenden Auswirkungen in der Gesellschaft. Das stetig sinkende Vertrauen in unsere traditionelle Medienlandschaft sei hier abschließend nur als ein Beispiel von vielen aufgeführt.

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