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Es gibt keinen Digital-Journalismus – wenn Medien die Generation Z verstehen wollen, müssen sie in deren Kultur eintauchen

Patrick Stegemann Foto: Jacobia Dahm

Wenn Journalisten und Medienmacher über soziale Netzwerke sprechen, dann geht es meist darum, dort Zielgruppen zu erschließen. Dabei sollten wir erstmal beginnen, die Kulturen dahinter zu verstehen, schreibt der Journalist Patrick Stegemann in der Essay-Reihe „Werteorientierte Digitalisierung“, die MEEDIA zusammen mit der Hamburg Media School veröffentlicht.

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Von Patrick Stegemann 

Eine Woche nach der EU-Wahl, kurz nachdem die breitere Öffentlichkeit den YouTuber Rezo kennengelernt hatte, titelte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“: „Das Ende des kultivierten Dialogs? Neben Pupsvideos und Pannenclips gibt es auf YouTube jetzt auch Politik. Geht ziemlich ab.“ Das war sicher sehr lustig gemeint, ist aber leider sehr falsch. Die „FAS“ war im Jahr 2019 noch eines der Medien, das am aufmerksamsten hingeschaut hatte, was auf YouTube so geschah. Und trotzdem langte sie daneben. Die „FAS“ unterlag demselben Missverständnis wie viele andere Medien: Social-Media ist interessant als Verbreitungskanal, manchmal auch wenn etwas Verrücktes dort passiert (von Rechtsextremen bis Rezo) – doch meist nicht mal dann.

Ihr Dünkel hinderte sie daran zu sehen, was sich auf der Plattform wirklich abspielte. Als sich 2018 in Chemnitz in Folge des Todes von Daniel H. Demonstrationen und Hetzjagden abspielten, berichteten deutsche Medien von privat bis öffentlich-rechtlich, von Fernsehen bis Zeitung aufmerksam und intensiv über die Ereignisse, über die politischen Implikationen, über Demonstrationen und Gegendemonstrationen, über Polizeitaktiken und Stadtpolitik. Wer in diesen Tagen auf YouTube Informationen suchte, dem empfahl die Plattform Verschwörungstheorien aller Art. Seriöse Medieninhalte schlug die Plattform kaum vor. Das lag zu einem großen Teil am völlig außer Kontrolle geratenen YouTube-Algorithmus. Aber eben nicht nur.

YouTube ist die zweitwichtigste Suchmaschine der Welt und laut PEW Research sogar das beliebteste Soziale Netzwerk. Und ein übergroßer Teil der Medien schien zum wichtigsten Ereignis jener Tage keine Inhalte für diese zu produzieren (teilweise, wie im Falle der öffentlich-rechtlichen, weil der Staatsvertrag das nicht hergibt). Aber mehr noch: Es war die „New York Times“, die diesen Umstand aufdeckte: „As Germans Seek News, YouTube Delivers Far-Right Tirades“ titelte sie Anfang September. Dass Millionen Nutzerinnen schlicht keine validen Informationen auf YouTube bekamen, fiel deutschen Journalisten erst Wochen danach auf. Oder gar nicht – für jene war 2019 dann tatsächlich ein Weckruf, weil sie bis dahin glaubten, YouTube bestünde nur aus Pups-Videos und Instagram nur aus Beauty-Shots.

Der Hack aus Hessen

Dabei begann das Jahr 2019 bereits mit einem Ereignis, das allen hätte zeigen können, dass das, was in sozialen Netzwerken entsteht, dort nicht bleiben wird. Am 4. Januar noch vor sechs Uhr morgens verkündet die „Tagesschau“ online: Hackerangriff auf Hunderte deutsche Politiker. Plötzlich fanden sich Millionen Daten online:  993 betroffene aktive oder ehemalige Politikerinnen, rund 8.000 E-Mails, 4.000 PDF- und 1.600 Worddokumente, 35.000 Bilder sowie 600 Videos. Daneben fanden sich unter den Betroffenen einige mittelgroße YouTuber wie Rayk Anders oder Tarik Tesfu. Privatfotos, Mailverläufe, Steuererklärungen, Ausweiskopien: private Daten, für alle zugänglich im Netz.

Für den „schweren Anschlag auf die Demokratie“ („Zeit-Online“) hatte es kein Heer russischer Hacker gebraucht – es reichte ein 20-Jähriger, der sich in seinem hessischen Kinderzimmer über Jahre vor allem durch islamhassende YouTube-Videos derart radikalisiert hatte, dass er „aus Wut“ losschlug: Über Monate sammelte er Daten oder bediente sich an denen, die andere radikale Aktivistinnen im Netz bereit zusammengetragen hatten.

Im März 2019 ermordete im neuseeländischen Christchurch ein Rechtsterrorist 50 Menschen bei einem Terrorattentat auf eine Moschee. Seine Tat übertrug er in einem Facebook-Livestream, zuvor kündigte er sie auf dem Imageboard „8Chan“ an. Der Terrorist verfasste ein Manifest, das voller Memes war, voller popkultureller Verweise auf die ihn umgebende Kultur. Der Attentäter hatte Vorbilder und Nachahmer: Allein 2019 kopierten Attentäter in Norwegen, ElPaso (Texas) und Halle (Saale) sein Vorgehen. Der deutsche Attentäter übertrug seine Tat auf der vor allem für Spielestreams bekannten Seite Twitch und veröffentlichte zuvor ein Pamphlet auf einem obskuren Image-Board, von wo aus es über Telegram, Facebook und andere Plattformen zirkulierte. 

All diese Terrorangriffe eint: Sie sind Zeichen eines sich neu organisierenden, überwiegend online radikalisierten Rechtsterrorismus. Sie sind die gewaltförmigen, brutalen Auswüchse bestimmter Online-Kulturen. 

Es ist bezeichnenderweise ein braves, kluges YouTube-Video, das 2019 dem Land zeigte, dass auf YouTube längst politische Diskussionen stattfinden. Das Video verbreitete sich rasend schnell: Innerhalb einer Woche sammelt es fast neun Millionen Klicks und damit mehr als das erfolgreichste deutsche Video (das kein Musikvideo ist) des Jahres 2018. Die CDU scheitert öffentlich damit, eine adäquate Antwort darauf zu finden. 

Mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ versammelt Rezo hunderte andere Influencer und damit Millionen junge Menschen hinter sich. Sie sind keine Partei, keine Organisation, sie sind noch nicht mal eine Bewegung. Sie sind ein – so hat es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen genannt – Konnektiv. Verbunden für den Moment, für das Thema. Flüchtig, aber sehr mächtig. Rezo schaffte in den Wochen nach der Veröffentlichung seines Videos im Mai 2019, was da schon lange überfällig war: Er öffnete die Augen für die meinungsbildende Kraft von Influencerinnen – auch über Kaufentscheidungen hinaus – und dafür, dass die Plattformen, auf denen sich die jüngeren Menschen so rumtreiben, ganz und gar nicht unpolitisch sind. 

Es gibt keinen digitalen Journalismus. Es gibt nur Journalismus

Journalismus hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert: Er hat neue Formate und neue Distributionskanäle gefunden. Es gibt jetzt Digital-Journalistinnen und Digital-Ressorts. Was Journalismus aber wirklich braucht, ist kein Bindestrich-Digital-Attribut. Es gibt keine digitale Gesellschaft. Es ist die Gesellschaft. Und deshalb braucht es auch keinen Digital-Journalismus, genauso wenig es ja so etwas wie „Analog-Journalismus“ gibt. 

Das ist mehr als Wortklauberei. Ein Journalismus, der selbstverständlich und nicht bindestrich-mäßig digital ist, muss auf die Kulturen, die sich dort entfalten, genauer achtgeben. Dass Rezo die deutsche Öffentlichkeit so überraschen konnte, ist dem Mangel an journalistischer Beobachtungsgabe geschuldet, die sich für sehr unterschiedliche Kulturen, die sich dort entwickeln, bislang nicht interessiert hat. Nicht alles davon ist schön: Neben Beauty-Wahn gibt es einen ganzen Kosmos an frauenfeindlichen, rassistischen, autoritären und rechtsextremen Inhalten – aber gerade denen sollte unsere Aufmerksamkeit gelten. 

YouTube und Facebook (mitsamt Instagram) sind vielleicht die größten Kulturproduzenten in der Menschheitsgeschichte: Sie ermöglichen es wahnsinnig vielen und wahnsinnig unterschiedlichen Kulturen, ihre Identitäten und Haltungen ab- und auszubilden. Von Politik über Gaming, Sport, Mode, esoterische Rechtsrocker, Impfgegner und Bäume-Umarmer gibt es dort alles. 

So wie Journalisten über den Marktplatz ihrer Stadt flanieren und Geschichten gesteckt bekommen oder entdecken, so wie politische Korrespondentinnen sich abends zum Hintergrundgespräch treffen, so müssen wir als Medienmacher auf Instagram flanieren und YouTube-Livestreams schauen. Das macht uns dreifach besser:

Wir werden besser über diese Dinge berichten können, weil wir sie verstehen, weil wir die Kulturen begreifen. Wir werden in diesen Kulturen ernst genommen, wir können ihnen unsere journalistischen Fähigkeiten näher bringen. Wir werden aber auch schlicht bessere Erzählformen finden: Alle Medien suchen nach journalistischen Formen auf den Social-Media-Plattformen: Sie untersuchen die Generation Z und versuchen von ihr zu lernen, sie probieren Insta-Stories aus oder gehen auf TikTok. Alles nicht falsch. Aber richtig gut werden wir erst, wenn wir den Glauben daran aufgeben,  dass es so etwas wie eine abgrenzbare Generation überhaupt gibt.  Wenn wir uns wirklich für einzelne Gruppen und Kulturen zu interessieren beginnen.

Eine der vordringlichsten Aufgaben von Journalismus war es immer schon, gesellschaftliche Gespräche herzustellen. Lokalreporter möchten,  dass in ihrer Stadt Menschen über ihre Geschichten sprechen, Beiträge der „Tagesschau“ sollen die Gesprächsgrundlage für ein ganzes Land liefern. Journalismus bedeutet, Gesprächsanlässe zu bieten, Teil von Gesprächen zu sein. In einer Gesellschaft, die zunehmend in Gruppen und kleineren Kulturen agiert, ist es umso wichtiger,  Teil dieser Gruppen zu sein – und die gesamtgesellschaftliche Diskussion wieder zu ermöglichen. Es ist unsere Aufgabe als Journalisten, zuzuhören – und die gesellschaftlichen Debatten mit unseren Fähigkeiten anzureichen: Faktentreue,  Erklärungen,  Verbindungen und Verständnis herstellen. Das, was wir mal als „digitale Welt“ bezeichnet haben, braucht das mehr denn je.  Und uns als Journalistinnen und Medienschaffende macht es auch noch besser. Denn das Internet bleibt nicht im Internet – das sollten wir 2019 alle begriffen haben.

Über den Autor:

Patrick Stegemann lebt und arbeitet als Formatentwickler und Redakteur für multimediale Inhalte in Berlin. Er ist Autor und Regisseur der Doku „Lösch Dich – So organisiert ist der Hate im Netz“. Zuvor war er mitverantwortlich für die Entwicklung des jungen feministischen Formats „Auf Klo“ (funk). Er entwickelte außerdem für DLFNova die tägliche Radiokolumne „Zeitmaschine“, die er ein Jahr redaktionell leitete. Er arbeitet als freier Journalist und Formatentwickler für öffentlich-rechtliche Sender und Formate. Stegemann studierte in Erfurt, im Nahen Osten (Beersheva, Haifa und Kairo) sowie in Berlin an der Humboldt-Universität Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Peace & Conflict Studies sowie Hebräisch.

Über die Reihe: Dies ist der 19. Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht.

Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Teil 4: Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

Teil 5: Journalismus nach Relotius: Warum wir uns nicht auf den Täter, sondern auf die Frage der Haltung fixieren sollten

Teil 6: Lösung sucht Problem: fünf Schritte für eine produktive Innovationskultur der Medien

Teil 7: Weg mit dem Dringlichkeitsalgorithmus! Ein Sechs-Stufen-Plan für Bewältigungsstrategien in der New-Work-Welt

Teil 8: “Like Deine Freude, wie Du selbst geliked werden willst” – wie wir uns alle einer Digitalisierungsreligion unterwerfen

Teil 9: “Freie Presse” in Chemnitz auf Tuchfühlung mit Lesern: Warum der Lokaljournalismus besser wird

Teil 10: Ein Spotify für den Journalismus? Fünf Strategien zur Steigerung der Zahlungsbereitschaft im Netz

Teil 11: Warum wir Diversität im Medienbetrieb neu definieren müssen – die Hölle, das sind nicht die anderen

Teil 12: “So muss Lokaljournalismus aussehen”: Wie die Lüneburger “Landeszeitung” mit ihren Lesern ins Gespräch kommt

Teil 13: Wissen, wie der Hase läuft – Lokaljournalismus zwischen Klischees und digitaler Transformation

Teil 14: “Du bist auf dem neuesten Stand”: Warum die Medien ein besseres Gedächtnis brauchen

Teil 15: Bauchgefühl plus Daten plus Community: Wie Lokalmedien wieder Autorität erlangen können

Teil 16: It’s the Spirit, Stupid! Wie Medien dem Nachwuchsmangel im Journalismus am besten begegnen

Teil 17: Vertrauen Sie mir, ich bin Journalistin! Warum sich Konstruktiver Journalismus für Medien lohnen kann

Teil 18: Die Software als Rassist: wie Journalisten Algorithmus-Missstände aufdecken können

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