Partner von:
Anzeige

Warum hat der “Spiegel” Juan Moreno eigentlich keine Festanstellung angeboten?

winterbauers-woche.jpg

Diese Woche bahnt sich der große Showdown Claas Relotius vs. Juan Moreno an. Der Groß-Fälscher des "Spiegel" geht juristisch gegen das Buch seines Enthüllers vor. Der Untergang der Menschheit für die unmittelbare Zukunft muss vielleicht doch noch abgesagt werden. Und die Medientage schaffen es in die 20-Uhr-"Tagesschau". Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Diese Woche gab es mal wieder viel zu lesen über Claas Relotius und dessen Nemesis Juan Moreno. Das liegt zum einen daran, dass Moreno auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs war, um die Werbetrommel für sein Relotius-Buch “Tausend Zeilen Lüge” zu rühren. Am Stand des “Spiegel” wurde er Chefredakteur Clemens Höges interviewt. Wenn man dem Bericht dazu bei FAZ.net folgt, scheint es ein bisschen ein seltsames Gespräch gewesen zu sein. Höges habe den “Spiegel” als “sehr, sehr gutes Haus” gelobt und Moreno mit Bezug auf die verhinderten Beförderungen der Relotius-Förderer gefragt: “Das warst alles Du. Wie fühlt sich das an?” Was für eine schräge Frage! Kurz vorher hat Detlef Esslinger Moreno am Stand der “Süddeutschen” gefragt, ob der “Spiegel” ihm nach der ganzen Enthüllung vielleicht mal eine Festanstellung angeboten habe. Antwort: “Nein.” Das kann man von Seiten des “Spiegel” ein bisschen kleinkariert finden.

Ziemlich kleines Karo sind auch die allermeisten Punkte, die der Groß-Fälscher Relotius mit Hilfe seines Medienanwalts Prof. Dr. Christian Schertz im Moreno-Buch weghaben möchte. Dabei geht es u.a. darum, ob und wie oft Bürotüren geöffnet waren oder um die Gepflogenheiten beim Mittagessen. Peanuts, wie sie von Medienanwälten freilich gerne genutzt werden, um eine an sich korrekte Geschichte zu diskreditieren. Zwei Punkte stechen aber heraus. Da ist einmal die offenbar falsch angegebene Zahl an Journalistenpreisen, die Relotius erhalten habe. Moreno schreibt von 40 Preisen, laut Anwaltsschreiben waren es aber “nur” 19 und zwei lobende Erwähnungen. Das ist erstens trotzdem noch eine Menge und zweitens ist interessant, dass die Zahl 40 aus dem Abschlussbericht der Relotius-Untersuchungskommission des “Spiegel” stammt. Moreno hat die Zahl 40 von dort übernommen, wohl in der Annahme, dass die Untersuchungskommission des “Spiegel” dies korrekt angegeben habe. Wie übrigens auch sehr viele andere Medien die “40 Preise” übernommen haben, ohne dass ihnen ein Anwaltsschreiben ins Haus flatterte.

Der mit Abstand wichtigste Punkt aber betrifft die Schlusspointe in Morenos Buch. Dort heißt es, Relotius habe einem “Spiegel”-Kollegen erzählt, dass er sich in Behandlung in einer Klinik in Süddeutschland aufhalte. Tags darauf habe eine Sekretärin dem “Spiegel”-Kollegen aber berichtet, sie habe Relotius gerade auf einem Fahrrad in Hamburg gesehen. Für diese Szene gebe es keine hinreichenden Belege, so der Anwalt. Die Stelle ist darum so wichtig, weil sie am Ende den finalen Beleg zu liefern scheint, dass Relotius ein pathologischer Lügner ist. Es ist eine der prägnantesten Stellen im ganzen Buch und wurde auch von Moreno selbst immer wieder in Interviews erzählt (neben der Tatsache, dass er vier Kinder hat und vom “Spiegel”-Pförtner dauernd für einen Taxifahrer gehalten wird). Morenos Verlag, Rowohlt Berlin, hat die geforderte Unterlassung nicht abgegeben. Es wird also weitergehen.

Natürlich steht es auch Claas Relotius zu, Falschbehauptungen über sich berichtigen zu lassen. Dass das Anwaltsschreiben der “Zeit” zugesteckt wurde und die ganze Aufbereitung der Anschuldigungen mit dem Auflisten von Petitessen, lässt indes den Verdacht aufkommen, dass es dem Meister-Fälscher hier nicht zuletzt auch um Public Relations für den Public Relotius geht.

+++

Wenn man die Berichterstattung über das Thema Klimawandel verfolgt, könnte man bisweilen meinen, dass übermorgen die Welt untergeht. Wohltuend empfand ich darum das Interview, das der “Spiegel” mit dem Klimaforscher Hans von Storch geführt hat. Der leugnet den von Menschen herbeigeführten Klimawandel keineswegs, relativiert aber die teils apokalyptischen Szenarien einiger Aktivisten. “Wir schaffen Wissen, keine endgültigen Wahrheiten”, sagt von Storch zur Rolle der Wissenschaftler. Auf die Frage ob er etwa – Schock! – “Greta-Skeptiker” sei, sagt er:

Ein dämliches Wort. Mir geht es nur zu weit, dass Greta und ihre Anhänger den Eindruck erwecken, das Klimathema sei die alles beherrschende Schicksalsfrage, die größte Bedrohung aller Zeiten. Andere ebenso wichtige Themen wie die Bekämpfung von Armut, Krankheiten und Hunger erscheinen auf einmal nachrangig. Das ist mir zu sehr die Sichtweise des reichen Westens. Ein Kontinent wie Afrika wird ohne gewaltige zusätzliche Mengen an Energie nicht aus der Armut herauskommen.

Es scheint fast, man darf in Deutschland hier und da doch noch sagen, was man denkt.

+++

Wenig zu sagen hatte Facebook-Chef Mark Zuckerberg, als er von der demokratischen US-Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio Cortez (“AOC”) bei einer Anhörung zur geplanten Facebook-Währung Libra “gegrillt” wurde. Ausnahmsweise ist diese an sich schlimme Wort mal gerechtfertigt. AOC hat Zuck mal so richtig fertig gemacht. Zu Libra wollte sie zwar nix wissen, dafür demonstrierte sie rhetorisch eindrucksvoll, warum Zuckerberg seinen Spitznamen “Mr. I don’t know” zurecht trägt. Dass ein deutscher Abgeordneter oder eine Abgeordnete den Vorstandschef eines hiesigen Konzerns mal derartig ruppig angeht – leider unvorstellbar.

Anzeige

+++

Am Mittwoch gingen in München wieder die Medientage los, jedes Jahr aufs Neue ein strahlender Fixstern im Kalender der Medienschaffenden. Diesmal fanden die Medientage mit recht ausführlichem Beitrag sogar ihren Weg in die Hauptausgabe der “Tagesschau” um 20 Uhr. Ob die ARD-Nachrichten auch so prominent berichtet hätten, wenn der noch amtierende ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm nicht dort auf dem Podium gesessen hätte? Ich weiß es nicht, habe aber eine Ahnung. Im Beitrag kam neben Wilhelm allerdings auch ein Vertreter der Mediengruppe RTL zu Wort – und der ProSiebenSat.1 Vorstand Conrad Albert wurde immerhin erwähnt. Soviel Fairness muss sein.

Schönes Wochenende!

Korrektur-Hinweis: In einer früheren Version stand, dass Juan Moreno am “FAZ”-Stand von Clemens Höges interviewt wurde. Das ist falsch, es war natürlich der “Spiegel”-Stand! Sorry hierfür!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” spreche ich mit Kollege Christian Meier von der “Welt” auch über die Konfro Relotius vs Moreno. Außerdem gibt es ein Interview mit Pantaflix-Chef Nicolas Paalzow zum Stand des Streaming-Business. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia