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„Lieber Geschichte schreiben statt Artikel“: Wie Leitmedien von „Zeit“ bis „FAS“ sich am Phänomen Greta Thunberg abarbeiten

Die 16 Klima-Aktivistin Greta Thunberg

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg und die von ihr ins Leben gerufene „Fridays for Future“-Bewegung bringt Millionen Menschen auf die Straßen und elektrisiert die Medien. Für MEEDIA analysiert der Publizist Franz Sommerfeld, wie Leitmedien wie „Zeit“, „Welt“ oder die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ sich dem Phänomen Greta nähern.

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Von Franz Sommerfeld

Greta bewegt die Welt. Sie und die „Fridays-for-Future“-Bewegung werden damit zu einem Lackmustest für die demokratische Reife der deutschen Öffentlichkeit und ihrer Medien. Die Ergebnisse beunruhigen eher. Denn vier Jahre nach der Flüchtlingskrise zeichnet sich wiederum eine weitreichende Einhelligkeit ab. War 2015 der humanitäre Anspruch der Grund dafür, so ist es dieses Mal die Sorge um die Zukunft des Planeten. Als bräuchte eine demokratische Gesellschaft nicht gerade in solchen, vielleicht existenziellen, Zeiten den Streit um den richtigen Weg.

Für die Wochenzeitung „Die Zeit“ ist Greta ein echter Glücksfall. Ihr stellvertretender Chefredakteur Bernd Ulrich liebt den publizistischen Hardcore-Auftritt. Er fordert „das Ende des Drumherumredens„. Woche für Woche erscheinen im Blatt Texte, die eine neue ökologische und gesellschaftliche Radikalität beschwören, im Namen der „physikalischen Realität„. Dass seit Einstein gestritten wird, ob es sie überhaupt gibt, stört ihn nicht weiter. Es ist für ihn ein politischer Kampfbegriff, um die Mühen demokratischer Prozesse im Angesicht der Klimakrise zu diskreditieren. 

Vokabular kaum von rechten Populisten zu unterscheiden

In einem Anflug von Großzügigkeit konzediert Ulrich zwar noch: „Zwar können alle Maßnahmen gegen die Klimakrise demokratisch verhandelt werden.“ Um dann aber zuzuschlagen: „…nur mit der Natur selbst lässt sich nicht schachern. Nicht verhandelbare physikalische Realität – von so etwas bekommt die Demokratie Pickel. Hilft aber nichts.“ 

Koalitionsverhandlungen werden als „Basar“ denunziert, Kompromisse als unwirksame „Homöopolitik“ und Demokratie als „Schachern“. Dass sich solches Vokabular kaum noch von dem rechter Populisten unterscheidet, scheint das Blatt nicht zu stören. Diesem Kurs gibt Greta Thunberg ein menschliches Antlitz, in dem sich in ihr beinahe noch kindliche Unbefangenheit und große Ernsthaftigkeit mit wissenschaftlichem Anspruch mischen. 

So überrascht es nicht, dass „Die Zeit“ gleich vier Autoren für einen Artikel in ihrer aktuellen Ausgabe aufbietet, um Greta zum Martin Luther unserer Zeit zu ernennen und Angela Merkel zu Karl V. Dieses mit dem einzigen Wort „Wut“ betitelte kollektive Werk ist in einem von den Autoren sicher nicht intendiertem Sinn aufschlussreich: Die große, der Aufklärung verpflichtete, deutsche Nachkriegszeitung ersetzt hier Wissenschaft durch Glauben. Anders als Glauben lebt Wissenschaft vom Widerspruch und davon, immer wieder und immer aufs Neue an der Wirklichkeit gemessen zu werden. In diesen Artikeln der „Zeit“ gelten wissenschaftlichen Erkenntnisse als gesetzt und werden in der Sache nicht mehr erörtert oder, bewahre Gott, hinterfragt. Sie sind das Neue Testament unserer Zeit, heilige Worte.

Widersprüche schätzender Text im „Freitag“

Überraschenderweise widerspricht Michael Angele, Chefredakteur des kleinen linken „Freitag“, in dem man am ehesten radikale Positionen vermuten könnte: „Aus dem Gefühl der großen Not heraus lassen sich leicht Appelle formulieren (und früher: Revolutionen machen), aber nur schwer Politik gestalten.“ Oder wie Herfried und Marina Münkler in ihrem gerade erschienenen Buch ‚Abschied vom Abstieg‘ formulieren: ‚Durch das Ausmalen apokalyptischer Untergangsszenarien lassen sich weder Massenorganisationen zusammenhalten noch nachhaltige politische Projekte steuern'“. Dass ein solcher abwägender und die Widersprüche schätzender Text in früheren Zeiten in der „Zeit“ erschienen wäre, markiert die Veränderungen der publizistischen Landschaft.

Claudius Seidl erklärt in der jüngsten Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Ausrufung Thunbergs zum Luther unserer Zeit damit, dass die Redakteure der „‚Zeit‘ lieber noch als Artikel Geschichte schreiben wollen“. Vielleicht erinnert er auch daran, dass „Zeit“-Chefredakteur Giovanni Lorenzo nach der Flüchtlingskrise kritisiert hatte, dass sich Journalisten, auch die eigenen, als „Mitgestalter“ von Politik verstanden hätten.

Seidl bleibt, anders als Bernd Ulrich, Beobachter. Ihn fasziniert, dass es sich bei „Friday for Future“  – anders als bei den Achtundsechzigern oder später der Friedensbewegung – um den ersten wirklich grossen Generationenkonflikt handelt: „Es geht nicht um Kultur, und es geht auch nicht um Forderungen, die milder werden, wenn die Kinder langsam erwachsen werden. Es geht, wie Greta Thunberg das völlig realistisch genannt hat, um Leben oder Sterben. Es geht darum, dass Angela Merkel die Erde in dem Jahr, da Greta Thunberg fünfundsechzig wird, nicht ertragen würde, nicht, wenn wir so weitermachen. Jene, die den erhitzten Planeten werden ertragen müssen, sind zu jung, heute schon zu handeln. Jene, die Macht zu handeln haben, werden den Schrecken nicht mehr erleben. Deshalb musste Greta Thunberg uns erschrecken.“

Empathische Auseinandersetzung in der „Welt“

Klug kritisiert Seidl die verbreitete Hilflosigkeit im Umgang mit Greta Thunbergs Forderungen,  „jenes kopfstreichelnde Wohlwollen, jene herablassende Sympathie, jene allgemein herrschende Haltung, wonach es ganz gut ist, dass die Kinder uns an die Dringlichkeit des Klimaproblems endlich erinnert haben“. Da trifft er sich mit Thomas Schmid in der „Welt“: „Es zeugt daher von Bosheit, sie als unreife Göre, als pathologische Fanatikerin abzutun.“ 

Aber der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der „Welt“ ist einer der wenigen, der sich ernsthaft, fundiert und durchaus emphatisch mit ihr auseinandersetzt: „Demokratische Politik ist immer fehlbar, sie schreitet im Zick-Zack-Gang, im Korrekturmodus voran. Dafür hat die Schwedin, die sich im Besitz der einzigen Wahrheit fühlt, keine Spur von Verständnis, auch kein Gespür. Wenn sie die Suche nach ‚irgendwelchen technischen Lösungen‘ verächtlich macht, dann verwirft sie damit alle Möglichkeiten, die wir wirklich haben. Denn wie anders als mit technischen Lösungen, wie anders als mit Erfindergeist kann dem Klimawandel begegnet werden? Auch wenn die Sehnsucht nach Erlösung und nach Rückkehr zu einer ursprünglichen Harmonie zwischen Mensch und Natur, die es angeblich einmal gegeben hat, groß sein mögen: Die Wunden, die die industrielle Entwicklung geschlagen hat, können nicht mit dem Verzicht auf Technik, sondern nur mit mehr, mit besserer Technik geheilt werden.“

Schmid skizziert damit Grundzüge einer Debatte, die für eine Gesellschaft und ihre Medien unabdingbar ist, um den abzusehenden Veränderungen und möglichen Einschränkungen der gewohnten Lebensweise in einem demokratischen Prozess die notwendige Akzeptanz zu verschaffen. Eben hat die AfD, die mit der Flüchtlingskrise ihren Durchbruch erzielte, angekündigt, das Klima zu ihrem neuen großen Thema zu machen. Gerade weil die AfD die Klimafrage als neues populistisches Thema entdeckt, ist der offene Streit um den richtigen Weg zwingend. Gefährlich wäre ein Reflex, jede Kritik an „Fridays for Future“ als AfD-Position zu diskreditieren, auszuschließen ist er leider nicht.

Über den Autor: Franz Sommerfeld, Ex-Chefredakteur des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und ehemaliges Vorstandsmitglied im Hause DuMont, ist heute freier Publizist.

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