Partner von:
Anzeige

Ex-“Guardian“-Chef Alan Rusbridger über das Geldverdienen mit Journalismus: Paywalls sind keine Lösung

Alan Rusbridger auf dem Scoopcamp in Hamburg
Alan Rusbridger auf dem Scoopcamp in Hamburg © Screenshot/Scoopcamp

Beim Hamburger Scoopcamp haben Medienmacher nach Auswegen der Finanzierungskrise des Journalismus gesucht. Als prominentester Gast riet der Ex-Chef des britischen "Guardian“, Alan Rusbridger, von Paywalls ab. Nachrichten seien ein öffentliches Gut und müssten daher frei zugänglich sein, betonte er bei der Medien-Konferenz im Theater Kehrwieder.

Anzeige

Mit der Einführung des Smartphones, Twitter und Facebook habe sich die Wahrheitsfindung der Menschen geändert. Gegen 65 Milllionen Follower von Trump auf Twitter oder Milliarden Nutzern in Sozialen Netzwerken kämen Zeitungen mit einer Million Abonnenten nicht mehr an, sagt Rusbridger im voll besetzten Theater. Jeder habe eigene Wahrheiten und glaube andere Dinge, die er liest.

Laut Rusbridger seien die dramatischen Veränderungen, die das Smartphone und Soziale Netze mit sich bringen, noch immer nicht vorüber. Die Branche müsse sich anpassen, forderte der Journalist, der einst die Enthüllungen zu den Überwachungsmethoden der NSA öffentlich machte. Das fange zunächst einmal damit an, ein Produkt zu schaffen, dass die Menschen haben wollen – was es zu oft noch nicht gebe. Erst dann ginge es um die Finanzierung.

Rusbringer machte seine Thesen am Beispiel des Brexits fest. In der Zeit des Votums hätten viele Zeitungen in Großbritannien Kampagnen gefahren und damit dem Leser vorgeschrieben, was er denken soll. Dafür würde jedoch kaum jemand zahlen. Man müsse bei den Fakten bleiben und informieren statt zu belehren. “Ohne Fakten gibt es keine Gerechtigkeit.”

Ein Ausweg aus der Krise ist nach Ansicht des Ex-“Guardian”-Chefs daher der investigative Journalismus. “Comment is free, facts are sacred“, sagte er. Also: Die Kommentierung ist frei, die Fakten sind heilig.

Journalismus als öffentliches Gut

Von Paywalls hält Rusbridger aber wenig. Journalismus sei ein öffentliches und kein privates Gut. Nachrichten müssten frei zugänglich sein. Lukrativer sei es, wie es der “Guardian” macht. Im Gegensatz zur “New York Times”, “Washington Post” oder dem “Wall Street Journal” setzt das britische Qualitätsblatt nicht auf eine Paywall. Statt digitale Abos zu verkaufen, hofft der Guardian auf die Spendenbereitschaft der Leser. Die können das Blatt bei bestimmten Themen, beispielsweise Cambridge Analytica oder den Paradise Papers, freiwillig finanziell unterstützen.

655.000 regelmäßig Unterstützer hat das Unternehmen derzeit auf monatlicher Basis. Dies gilt für Print und Online. Weitere 300.000 Leser hätten allein im Jahr 2018 einmalige Spenden geleistet. Bis 2022 wolle man auf zwei Millionen Spender kommen.

Gelinge es nicht, ein Businessmodell zu finden, bliebe nach Ansicht Rusbridgers noch der Plan B: ein öffentlich finanzierter Journalismus. Wie bei den Öffentlich-Rechtlichen müsste man die Menschen überzeugen, dass der Journalismus ein öffentlicher Dienst ist, für den sie bezahlen.

“Nicht den einen Weg für alle”

Auf dem Hamburger Scoopcamp gab es für Rusbridger und seine Thesen überwiegend Anerkennung. Romanus Otte, Executive Publisher des “Business Insider Deutschland”, wies im Abschlusspanel jedoch darauf hin, dass es nicht “den einen” Weg für alle gibt. Selbst setzt das Axel-Springer-Portal im Gegensatz zu seiner US-Mutter bislang allein auf das Reichweiten- und Anzeigengeschäft.

Die österreichische Journalistin Anita Zielina bestätigte Rusbridgers Ansicht, dass man zunächst ein Produkt finden solle, für das Leser Geld zahlen wollen – und sich erst dann um die Finanzierung kümmern. “Am besten fahren die Verlage, die unterschiedliche Geschäftsmodelle haben”, sagte Zielina.

Und der neue “RND”-Chef Marco Fenske warnte davor, einfach Konzepte, die im Ausland funktionieren, auf Deutschland zu übertragen. Die Rahmenbedingungen seien in jedem Land unterschiedliche. Selbst bekräftigte er abermals, dass Journalisten lernen sollten, auch mit Vermarktern zusammenzuarbeiten. Journalisten würden dadurch sehen, dass viele Dinge, die jahrelang gemacht wurden, nicht funktionieren. „Das kann ein Stück weit wehtun”, so Fenske, ließe sich aber nicht vermeiden.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Journalismus konstituiert sich aus Dutzenden betriebswirtschaftlichen “burn-rate”-Prozessen, die immer negative Zahlen hervorbringen. Die sogenannte Digitalisierung hat dazu geführt, alle “earn-rate”-Prozesse aus der Verlagsökonomie auf Dritte auszulagern. Das ist natürlich Irrsinn!

    Die redaktionelle Verantwortung für das Ausspielen und Anzeigen von Werbung muss wieder in den Verlag zurückkommen.

    Überdies muss das Selbstverständnis des Journalismus itself erweitert werden, und ein neuer Grundauftrag in Smart Cities definiert werden.

    Get Smart Citizens!

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia