Von wegen “massive Konsequenzen” – wie das abgebrochene ZDF-Interview mit AfD-Mann Björn Höcke instrumentalisiert wird

AfD-Politiker Björn Höcke im ZDF-Interview

Das abgebrochene ZDF-Interview mit dem thüringischen AfD-Spitzenkandidaten Björn Höcke sorgte für reichlich Wirbel. Das ZDF stellte das Interview als Video und Textfassung ins Netz, die Klicks und Kommentare explodierten, der DJV schäumte. Von "Drohungen" Höckes ist die Rede. Wer das Video anschaut, kann die Aufregung unter Umständen nicht ganz nachvollziehen. Ein Kommentar.

von Stefan Winterbauer

Das ZDF-Interview mit Björn Höcke ist leider mal wieder ein Lehrstück dafür, wie Medien mit der AfD und Björn Höcke als einem ihrer umstrittensten Vertreter nicht umgehen sollten. Zu Beginn des Gesprächs konfrontierte der ZDF-Reporter Höcke mit Film-Schnipseln auf einem Tablet. AfD-Politkern wurden Zitate aus Höckes Buch vorgelesen und sie wurden gefragt, ob die Zitate aus Hitlers “Mein Kampf” oder aus Höckes Buch stammen. Die AfD-Leute vermochten das nicht zu sagen.

Dass Höcke eine seltsame Sprache pflegt, die bisweilen verstörende Anklänge an die Terminologie der NS-Zeit nimmt, ist bekannt und hinreichend belegt. Der Clou mit den befragten AfD-Mitgliedern war ein provokanter Einstieg in das Interview, der Höcke entlarven und aus der Reserve locken sollte. Das kann man machen, das hat auch so funktioniert. Höcke versuchte sich zu rechtfertigen, was eher schlecht als recht gelang.  Der ZDF-Mann beließ es dabei aber nicht, sondern ritt immer weiter auf dem Punkt “Ähnlichkeiten zur NS-Sprache” herum. Gerade so, als ob er Höcke irgendwann “knacken” könnte, so dass dieser zusammenbreche und endlich gestehen würde, dass er absichtlich mit NS-Begriffen operiert: Ja, ja, ich gesteh es, ich bin ein Nazi, Sie haben mit enttarnt!

Das passierte natürlich nicht.

Stattdessen war Höcke immer genervter und irgendwann ging sein Sprecher, der ehemalige “Welt”-Journalist Günther Lachmann, dazwischen. Das Interview sei so nicht abgesprochen gewesen, die Fragen hätten Höcke emotionalisiert, ob man das Interview noch einmal starten könne, fragte er. Das war natürlich nicht so schlau. Selbstverstädlich wies der ZDF-Mann das Ansinnen von sich, wegen Pressefreiheit usw.

Die Kabbelei ging noch ein bisschen weiter und dann kommt die Stelle, an der Höcke angeblich “massive Konsequenzen” androht. Tatsächlich sagt er im Video, dass ein Abbruch des Interviews “massive Konsequenzen in der Zusammenarbeit von Politikern und Journalisten” habe. Höcke meint erkennbar, dass es um das allgemein gestörte Vertrauensverhältnis zwischen Politikern und Medien geht. “Massive Konsequenzen” für den ZDF-Frager “droht” er nirgends an. Wenn das Interview abgebrochen wird, werde er dem Fragesteller sicher kein weiteres Interview geben, auch wenn er, Höcke, einmal zu einer “interessanten politischen Person” im Lande aufsteige. Ob das eine Drohung sei, will der ZDF-Mann wissen. Nein, das sei eine Sachaussage, erwidert Höcke.

Das kann man doof finden und/oder größenwahnsinnig. Dass Höcke-Sprecher Lachmann das Interview genau an der Stelle unterbrach, als der Fragesteller das Thema NS-Sprache verlassen und zu Höckes Demokratieverständnis kommen wollte (Höcke: “Gerne!”), war aus Kommunikatons-Sicht vermutlich auch keine Glanzleistung. Dem ZDF bescherte er damit einen schönen Klick-Erfolg.

Dass zahlreiche Medien und auch der Deutsche Journalisten-Verband die Höcke-Zitate “massive Konsequenzen” und “wissen nicht, was kommt” aus dem Zusammenhang reißen und eine diffuse Drohung Höckes gegen das ZDF, den öffentlichen Rundfunk, die Medien, die Demokratie oder was auch immer daraus ableiten, ist aber eben auch nicht fair und Wasser auf die Mühlen jener, die dem Medienbetrieb extrem kritisch gegenüberstehen. Das offensive “Entlarven” von Interviewten durch Journalisten funktioniert in der Regel nicht. Wenn, dann entlarven sich die Befragten schon selbst.

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