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“Der Wahnsinn hatte keine Methode” – Mathias Döpfner über seine Zeit als Chefredakteur der “Hamburger Morgenpost”

“Ich war eine Fehlbesetzung” – Mathias Döpfner über seine Zeit als “Mopo”-Chefredakteur
"Ich war eine Fehlbesetzung" - Mathias Döpfner über seine Zeit als "Mopo"-Chefredakteur Foto: Axel Springer/Montage MEEDIA

Die "Hamburger Morgenpost" feiert ihren 70. Geburtstag am heutigen Montag mit einer 56-seitigen Sonderbeilage. Einer der berühmten Ex-"Mopo"-Chefs ist neben dem früheren SPD-Spitzenpolitiker Wolfgang Clement der heutige Springer-CEO Mathias Döpfner. In einem Beitrag in der Geburtstagsbeilage erinnert sich Döpfner: "Der Wahnsinn hatte in meinen zwei Jahren als Mopo-Chefredakteur keine Methode." MEEDIA dokumentiert den Beitrag.

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Von Mathias Döpfner

Als ich im April 1996 Chefredakteur der “Hamburger Morgenpost” wurde, warnte und tröstete man mich. Mein Vorvorvorgänger Wolfgang Clement habe die Zeit als Chefredakteur der “Mopo” als schwierigste Zeit seines bisherigen Berufslebens bezeichnet, sagte mir ein Kollege. Das verunsicherte mich. Noch schwieriger als das Leben eines Politikers, gar eines Wirtschaftsministers? Und auch der Trost des damaligen Gruner+Jahr-Vorstands Johannes Gross war irritierend. Als ich ihn fragte, warum mein Chef Gerd Schulte-Hillen mir nach dem Ost-Berliner Intellektuellen-Blatt Wochenpost  ausgerechnet die Führung einer von der SPD gegründeten Boulevard-Zeitung anvertraut habe, antwortete er: “Der Herr schickt seine liebsten Schafe auf die magerste Weide.”

Tatsächlich war es die schwierigste, lehrreichste und prägendste Zeit meines bisherigen Berufslebens. Und ich bin für jede Stunde bei der “Mopo” dankbar.

“Vom ersten Tag an eine Fehlbesetzung”

Als Chefredakteur des kriselnden Blattes war ich vom ersten Tag an eine Fehlbesetzung. Und machte fast jeden Anfängerfehler, den man machen kann. Um daraus fürs Leben zu lernen. Ich entließ als Erstes einen Großteil der damals agierenden Ressortleiter. Anstatt jedem erst mal ein paar Monate zuzuhören und eine echte Chance zu geben. Härte aus Unsicherheit.

Auch redaktionell tat ich alles, um die seit Jahren bedrohliche Sinkgeschwindigkeit der Auflage zu beschleunigen. Ein neues superschickes Layout, das ich zusammen mit dem Artdirector Diddo Ramm bis tief in die Nächte hinein entwickelte (eines Morgens arbeiteten wir bis vier Uhr am Bildschirm an den Themenkästen auf der eins), gefiel zwar den Kollegen, nicht aber den Lesern. Die gegen alle Vernunft bei meinem Lieblingsreporter Alexander Smoltczyk in Auftrag gegebene Reportage über die Hamburger Oberhafen-Kantine erschien auf sechs Seiten und hatte alle Eigenschaften mindestens einen Egon-Erwin-Kisch-Preis zu gewinnen. Allein die Leser verstanden die Welt nicht mehr. Auch mein Bemühen um originelle Schlagzeilen war zweifellhaft.

“Abschreckende Kommentare”

Als der völlig unbekannte Erfinder des Teebeutels Adolf Rambold mit 95 Jahren starb, zeigten wir auf der Seite eins das Foto eines Teebeutels und dazu die Schlagzeile: “Mein Papa ist tot“. Und als Bildtext: “Als er mich in die Welt gesetzt hatte, wurde ich von der feinen Welt der Teetrinker mit Verachtung gestraft: Ich war häßlich, praktisch und für Zeremonien ungeeignet.” Aber: “Ich bin nützlich. Und ich habe den Tee-Genuß demokratisiert.” Als sei das alles nicht genug, schrieb ich für die sozialdemokratische Stammleserschaft abschreckende Kommentare.  Unter der Überschrift “Die Arbeitwegnehmer” lieferte ich leidenschaftliche Gewerkschaftskritik: “Am Ende könnten sich die Interessenvertreter der Arbeitnehmer als die größten Arbeitsplatzvernichter erweisen. Dort, wo sie einen lebensnotwendigen Reformprozeß aufhalten, sind sie die Arbeitwegnehmer.” In einer SPD-Zeitung Gewerkschaften als Arbeitsplatzvernichter zu bezeichnen, kann man als gehobene Prinzipienfestigkeit bezeichnen. Oder als Wahnsinn.

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Der Wahnsinn hatte in meinen zwei Jahren als “Mopo”-Chefredakteur keine Methode. Er war purer Leidenschaft geschuldet. Es ging jeden Tag um alles. Wir – das war ein heterogenes Team um Uwe Dulias, Thomas Schmid, Jan Eric Peters und Marc Thomas Spahl – wollten mindestens die Zeitung, aber eigentlich die Welt retten. Gelungen ist das nicht.

Der Fall Reemtsma

Stattdessen haben wir ein wenig dazu beigetragen ein Menschenleben zu retten. Am 23. März 1996 wurde der Multimillionär Jan-Philipp Reemtsma entführt und war 33 Tage in der Gewalt der Erpresser. Die Entführer kommunizierten mit der Familie und der Polizei verdeckt über Kleinanzeigen in der “Mopo”. Am 28. März 1996 schickten sie den ersten verschlüsselten Text: “Alles Gute, Ann-Kathrin, lass mich nicht so lange warten”. Die Polizei antwortete den Gangstern ebenfalls per Kleinanzeige, signalisierte so Zahlungsbereitschaft. Mehr als einen Monat lang blieb die Entführung vor der Öffentlichkeit geheim. Dies war die Bedingung der Entführer. Bei einer Veröffentlichung drohte Reemtsmas sofortige Ermordung.

Ich erinnere das als den größten denkbaren Interessenkonflikt eines Journalisten. Als Journalist will und muss man veröffentlichen. Die schnellst- und bestmögliche Information der Öffentlichkeit ist unser Auftrag. Dennoch gab es in diesem Fall eine besondere Abwägung. Später habe ich das in einem Interview mit der “Berliner Zeitung” so zusammengefasst: “Das war ein absoluter Widerspruch. Wenn man in der Tat als erster über einen so brisanten Fall informiert wird, dann ist natürlich die Verlockung groß zu sagen: Das müssen wir jetzt auch gleich unseren Lesern mitteilen. Und trotzdem: Es war in dem Fall für mich von Anfang an keine Frage, wie wir da uns entscheiden würden. Die Bitte der Polizei, nicht zu veröffentlichen und sich an die Frist zu halten, war ja nicht begründet mit persönlicher oder politischer Rücksichtnahme. Das wäre eine klassische Unterdrückung von Nachrichten gewesen, die ich nie mitmachen würde. Es ging ganz konkret darum, daß ein Menschenleben bedroht war.”

Intentionaler Journalismus ist eine Sackgasse

Und dennoch: diese Entscheidung bleibt für mich bis heute die große, gut begründete einzige Ausnahme. In allen anderen Fällen habe ich mich seither gegen Rücksichten und für die Veröffentlichung entschieden. Wie ich überhaupt immer fester davon überzeugt bin, dass ein guter Journalist sich nur in absoluten Ausnahmefällen die Frage stellen sollte, was das Ergebnis seiner Recherche und eines Artikels bewirkt. Entscheidend ist, was ist. Also ob es stimmt. Nicht welche positiven oder negativen Wirkungen ein Bericht hat. Intentionaler Journalismus ist eine Sackgasse. Oder besser: die Vorstufe zum Aktivismus, zur Propaganda – also dem Gegenteil von Journalismus.

Das Nachdenken über solche Fragen verdanke ich – neben vielen anderen wichtigen Erfahrungen – meiner Zeit bei der “Mopo”. Das 1949 gegründete Blatt – manche sagen sogar, es habe Axel Springer indirekt zur Gründung der “Bild”-Zeitung inspiriert – war immer etwas Besonderes. Eine kleine Zeitung mit großer Seele. Jeder Mitarbeiter spürte das. Man arbeitete nicht für eine Zeitung. Man arbeitete für die “Mopo”. Den unter die Hanseaten geratenen Underdog – und Stachel im gut genährten Fleisch Hamburgs.

Ich gratuliere der “Hamburger Morgenpost” zu ihrem siebzigsten Geburtstag von Herzen. Und ich wünsche ihr und ihrer besonderen Haltung eine lange und erfolgreiche Zukunft.

Der Beitrag von Mathias Döpfner erschien am 16. September in der Geburtstagsbeilage der “Hamburger Morgenpost”. MEEDIA dokumentiert den Text mit freundlicher Genehmigung.

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Alle Kommentare

  1. Heute wäre es die letzte Chance der Mopo – die ganze merkelhörige Redaktion vor die Tür. Ansonsten bin ich mir nicht sicher ob auch nur noch der 71. Geburstag des Blattes gefeiert werden kann. Eher nicht.

  2. “Und machte fast jeden Anfängerfehler, den man machen kann. Um daraus fürs Leben zu lernen. Ich entließ als Erstes einen Großteil der damals agierenden Ressortleiter.”

    Und was genau hat er nun fürs Leben gelernt, der Jungdöpfner? Nicht so klein-klein, sondern groß denken! Und, gelernt ist gelernt, heute entlässt der Altdöpfner die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleich zu tausenden.

    Wahnsinn, aber keine Methode – eine denkwürdige Selbstbeschreibung. Mehr muss man nicht wissen.

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