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“Zustellkosten haben sich überdurchschnittlich erhöht”: Warum der BVDA-Chef eine direkte Infrastrukturförderung fordert

Jörg Eggers, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Anzeigenblätter
Jörg Eggers, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Anzeigenblätter

Die Zustellkosten für Publikationen belasten zunehmend die Verlage. Das Bundesarbeitsministerium will zeitnah eine Lösung präsentieren, um die Unternehmen hierbei finanziell zu entlasten. Im MEEDIA-Interview erklärt Jörg Eggers, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Anzeigenblätter (BVDA), warum er für eine direkte Investitionsförderung der Medienhäuser plädiert. Dabei könnten sich Subventionszahlungen an das Modell in Dänemark anlehnen.

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MEEDIA: Herr Eggers, gerade mal fünf Prozent der Zeitungsexemplare kommen mit der Post. Viele Zeitungshäuser bemühen sich daher, ihre Produkte über eigene Zustellorganisationen zum Leser zu bringen, damit die Zeitung möglichst früh um sechs beim Leser ist. Doch die Zustellkosten für Presseprodukte – darunter auch Anzeigenblätter – haben sich in den vergangenen Jahren massiv erhöht. Was hat die Kosten getrieben?
Jörg Eggers: Vorab möchte ich feststellen, dass es für Anzeigenblätter und Tageszeitungen viele gemeinsame Herausforderungen gibt, aber genauso auch zahlreiche, gattungsspezifische Unterschiede. Daher konzentrieren sich meine Antworten ausschließlich auf die Mediengattung Anzeigenblatt. Die Zustellkosten haben sich das erste Mal überdurchschnittlich stark erhöht, als der Stücklohn auf einen Stundenlohn umgestellt werden musste. Weitere Kosten hat der damit verbundene zusätzliche bürokratische Aufwand erzeugt; auch der Mindestlohn selbst ist ein Kostentreiber gewesen.

Befürchten Sie, dass sich die Zustellkosten weiter erhöhen, beispielsweise durch den Mindestlohn?
Davon müssen wir ausgehen. Da dieses Geschäftsfeld sehr personalintensiv ist, beeinflusst jede Steigerung des Mindestlohnes die Ausgabenhöhe und auch -struktur besonders stark.

“Dass bestimmte Regionen nicht beliefert wurden, war dabei die ganz große Ausnahme”

Viele Verlage haben Strategien entwickelt, den Zeitungsvertrieb rentabler zu machen. Die Unternehmen lassen ihre Zusteller Briefe und Prospekte mit austragen, um die Kosten besser zu verteilen. Warum sind trotzdem die Zustellkosten für die Medienhäuser immer noch eine Belastung?
Auch die Anzeigenblattverlage haben ihre Logistik optimiert und setzen darauf, diese effizienter und effektiver zu gestalten. Neue Strategien lassen sich für sie aber nur bedingt entwickeln, da ihr Geschäftsmodell nicht vorsieht, Zusteller als Vollzeitkräfte zu beschäftigen. Folglich sind weitere Services für die Anzeigenblattverlage, die nahezu flächendeckend verteilen, aber dafür nur ein-, zweimal in der Woche, derzeit keine wirkliche Alternative.

Stellen Sie fest, dass Verlage die Zustellung in bestimmten Regionen eingestellt haben, weil es sich finanziell nicht mehr lohnt?
Vereinzelt wurden auch in der Vergangenheit immer wieder einmal Verbreitungsgebiete optimiert. Dass bestimmte Regionen nicht beliefert wurden, war dabei die ganz große Ausnahme. Sollte es keine Infrastrukturförderung der Zustellung geben, besteht die große Gefahr, dass diese Ausnahmen immer öfter zur Regel werden könnten.

Nun soll für Mehrwertsteuer für digitale Presseprodukte, die bisher bei 19 Prozent lag, auf sieben Prozent gesenkt werden. Reicht dies nicht, die Verlage zu entlasten?
Aus Gesprächen schätze ich ein, dass dies nicht ausreichend ist; wie erwähnt kann ich aber nur für unsere Mediengattung sprechen. Hier gilt, dass die Anzeigenblattverlage gar nicht von einem niedrigeren Mehrwertsteuersatz profitieren, da sie kostenlos erscheinen, also keine Vertriebserlöse generieren können.

“Eine Infrastrukturförderung, die die Zustellung unterstützt, tangiert nicht die Unabhängigkeit der freien Presse”

Um die Zustellkosten in den Griff zu bekommen, wurden bereits verschiedene Modelle diskutiert. Dazu gehörte, dass die Verlage ihren Zustellern statt 15 Prozent Rentenversicherungsbeiträge befristet bis Ende 2022 nur 5 Prozent zahlen sollen. Ist das endgültig vom Tisch?
Diese von den Koalitionspartnern vereinbarte Idee, hat sich als für die Praxis relativ schlecht umsetzbar herausgestellt. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) prüft derzeit Alternativen, wie dieses Ziel aus dem Koalitionsvertrag dennoch erreicht werden könnte. Daher gehe ich davon aus, dass zeitnah ein neuer Vorschlag erfolgt, wie die Infrastruktur der Zustellung aufrecht erhalten bleiben kann.

Sie fordern nun, dass die Printhäuser direkte Subventionen erhalten sollen, um weiter eine flächendeckende Zustellung von Presseprodukten zu ermöglichen. Danach soll jedes einzelne Exemplare je nach Aufwand in der Zustellung gefördert werden. Nun ist der Aufwand in der Stadt geringer als auf dem Land, weil dort längere Wegstrecken zu bewältigen sind. Wie soll der Verteilerschlüssel aussehen?
Zunächst möchte ich festhalten, dass es nicht nur ein Ansinnen der Verlage ist; es gibt viele Impulse aus dem Kreis der Parlamentarier, die eine vielfältige und freie Presse in der Fläche bedroht sehen. Sie treibt eine Sorge um: Aktuelle Entwicklungen wie die Filterblasen in den Sozialen Medien oder Fake News im Internet ohne lokale journalistische Inhalte als Korrektiv, und damit Chance zur Meinungsbildung vor Ort, könnten der demokratischen Gesellschaft mittel- bis langfristig schweren Schaden zufügen.
Außerdem hat die Bundesregierung eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse postuliert. Dem würde ein Verteilerschlüssel Rechnung tragen, der die unterschiedlichen Herausforderungen und damit Kosten berücksichtigt. Denkbar wären zum Beispiel drei Cluster, die Kostenstrukturen in ländlichen, städtischen und Mischgebieten berücksichtigen. Das Datenmaterial aus dem Statistischen Bundesamt und die unabhängige Auflagenkontrolle der Anzeigenblätter böten dafür das geeignete Fundament.

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Regionalverlage, die ihre Zeitungen verstärkt in ländlichen Regionen verteilen, dürften nach ihrem Modell stärker gefördert werden. Kommt es hier nicht zu einer Wettbewerbsverzerrung?
Davon ist nicht auszugehen: Schließlich findet der Wettbewerb in erster Linie innerhalb eines festen Verbreitungsgebietes stattfindet. Eine bedarfsgerechte Infrastrukturförderung sollte außerdem die Kostenstruktur der Zustellung widerspiegeln und eine Wettbewerbsverzerrung so ausschließen.

Ist aber nicht durch eine direkte staatliche Förderung die journalistische Unabhängigkeit der Medienhäuser bedroht?
Aus diesem Grund sollte es keine pauschalen Subventionen für die Redaktionen geben, dies wäre in der Tat problematisch. Eine Infrastrukturförderung, die die Zustellung unterstützt, tangiert nicht die Unabhängigkeit der freien Presse.

Sind Sie mit ihrer Forderung nach direkten Subventionen auch auf der Linie anderer Verbände – beispielsweise des BDZV?
Aus Sicht des BVDA ist eine Infrastrukturförderung eine der besten Möglichkeiten, die im Koalitionsvertrag geplante Unterstützung umzusetzen. Dies haben wir für uns frühzeitig erkannt und auch mit dem BDZV so abgestimmt.

“Eine Förderung könnte sich am ehesten an ein Modell aus Dänemark anlehnen”

Das Bundesarbeitsministerium sucht nach Alternativen, um die Verlage bei den Zustellkosten finanziell zu entlasten und hat hierfür eine Studie in Auftrag gegeben. Wann erwarten Sie hier Ergebnisse?
Zeitnah, voraussichtlich in den nächsten Wochen.

In der Studie soll untersucht werden, ob Fördersysteme aus Frankreich, Schweden oder Dänemark greifen könnten. Sehen Sie hiervon ein Modell als besonders geeignet?
Dass es bereits Fördersysteme in den Nachbarstaaten gibt, ist ein Beleg dafür, dass eine Förderung – erstens – nicht ungewöhnlich ist und – zweitens – auch mit den Vorgaben der EU vereinbar wäre. Allerdings sind die Presselandschaften in den genannten Ländern im Vergleich zur deutschen, und hier speziell bei den Anzeigenblättern, völlig anders strukturiert – eine direkte Vergleichbarkeit ist somit nicht gegeben. Eine Förderung könnte sich am ehesten an ein Modell aus Dänemark anlehnen, welches dort von 2006 bis 2013 für Zeitungen angewendet wurde.

Sollten sich der BVDA und die anderen Verbände nicht auf eine Förderung einigen, was für Alternativen sehen Sie?
Zunächst ist festzuhalten, dass wir uns nicht einigen, sondern der Impuls aus der Regierung kommt, die den Koalitionsvertrag umsetzt. Dazu gehört natürlich auch, dass die betroffenen Verbände angehört werden. Der Gesetzentwurf wird jedoch in den Ministerien erarbeitet. Zum jetzigen Zeitpunkt wurde eine Förderung der Zustellinfrastruktur als Alternative zu weniger zielführenden Modellen von den beteiligten Ministerien nicht ausgeschlossen. Das liegt sicher auch daran, dass eine solche Förderung nicht zu Lasten der Unabhängigkeit der Presse ausschlägt.

Die Fragen wurden per Mail gestellt.

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Alle Kommentare

  1. “Zustellkosten haben sich überdurchschnittlich erhöht”: Warum der BVDA-Chef eine direkte Investitionsförderung fordert

    Welche Zustellkosten? Meedia sollte mal eine Umfrage bei den Zeitungsausträgern machen, die morgens Zeitungen verteilen und in die Briefkästen stecken. Da habe ich manchmal den Eindruck, deren Entlohnung hat sich seit 1964 nicht geändert.

    Bei uns in der Region werden ständig Austräger gesucht. Das hiesige Tageblatt sucht derzeit für 7 Zustellbezirke neue Austräger.

  2. Jede nicht gedruckte Zeitung entlastet die Umwelt. Hinzu kommt der energieverschlingende Transport bis zur Haustür. Die fff Kids sollten am letzten Schultag in der Woche für eine zeitungsfreie Republik hüpfen.

    1. Ist hier etwa nur von Anzeigenblättern die Rede oder wie kommen sie auf Ihren Kommentar? Davon abgesehen, dass Sie unverlangte Werbung und kostenlose Anzeigenblätter „in den Kasten“ auch selbst unterbinden können!

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