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Dmexco-Start: Warum die Kölner Messe ein Lichtblick in Digital-Dunkel-Deutschland werden könnte

Thomas Koch
Thomas Koch Foto: Clap Bruchhaus & Ingenweyen

Die Dmexco steht vor der Tür und einer darf auf der Messe natürlich nicht fehlen: Branchen-Urgestein Thomas Koch. Für MEEDIA blickt er auf das Event in Köln, das sich unter Chef Dominik Matyka in einem Wandlungsprozess befindet. Was Koch sich in diesem Jahr erhofft und warum er ganz froh ist, dass die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer doch nicht kommt, verrät er im ersten Teil seiner Kolumne.

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Etwas Wichtiges vorweg: Wir haben “Dmexco” zehn Jahre lang falsch ausgesprochen. Es heißt nämlich gar nicht “De-mexco”, sondern “De-em-exco”. Noch nie zuvor hat jemand Dmexco so richtig ausgesprochen wie Dominik Matyka, der seit vergangenem Jahr für die “größte Kongressmesse für die digitale Industrie” auf europäischem Boden als Chief Advisor verantwortlich ist. Gut, dass das geklärt ist.

Wer ist dieser Dominik Matyka? Und was hat er mit der Dmexco vor? Spätestens seit 2018 wissen nicht nur Insider, wer dieser quirlige Entrepreneur aus Berlin ist. Der Plista-Gründer und Co-Gründer des VC-Fonds Cavalry Ventures spricht fünf Sprachen. Hoffentlich nicht alle so schnell wie deutsch. Er gehört zu den beneidenswerten Menschen, die zudem noch schneller denken als sie sprechen können. 

Und genau in diesem Tempo treibt er die Dmexco (“Two Days On The Pulse Of Digital Business”) voran. Schnell. Er hört zu, er analysiert, er konzipiert und er handelt. Nicht jede Veränderung wird sich als richtig erweisen. Aber interessant sind sie allemal. Wie der neue Future Park, wo Startups ihre Vorstellung des künftigen Onlinemarketings präsentieren. Ein Blick in die Kristallkugel klingt doch spannend.

Wie auch die Neukonzipierung der World of Agencies, auf die ich natürlich besonders gespannt bin. Früher lungerten die Agenturen in der abgeschiedenen Ecke ihrer Agency Lounges gelangweilt herum. Heute will Matyka sie mit Kunden und Dienstleistern effektiv zusammenbringen. Weil seine neue World of Agencies die Kundschaft regelrecht zwingen wird, vorbeizuschauen.

Ein bisschen Zwang darf schon sein

Zwingen ist ein gutes Stichwort. Muss man die Dmexco eigentlich mögen oder gar lieben, um hin zu gehen? Nö. Für das Gegenteil sorgt schon der Standort Köln, die absurden Hotelpreise und der alljährliche, vollständige Zusammenbruch des Verkehrs nach und in Köln. Man muss sich schon gezwungen fühlen, nach Kölle zu fahren. Weil man sonst das digitale Event des Jahres verpasst. Weil man alles Wichtige versäumt. Die neueste Entwicklung. Das potentielle Neugeschäft. Den Speech des Jahres nicht live erlebt. Mithin einfach nicht mitreden kann. Höher könnten die Ansprüche kaum sein. Aber keine Sorge, Dominik Matyka wird keine Ruhe geben, bevor wir “seine” Dmexco nicht auch lieben. Es wurde irgendwie Zeit, einen Fanatiker ans Steuer zu lassen.

Was mich an Matyka fasziniert, ist seine Präsenz. Der Mann hat in seinen Firmen hinreichend zu tun. Dennoch lebt er seinen Dmexco-Traum täglich, stündlich, minütlich. Er ist immer da, steht immer zur Verfügung, hat immer eine Antwort. Wenn man ihn anschreibt, antwortet er rasch. In punkto Nähe, Erreichbarkeit und Dialog macht ihm keiner was vor. Davon können sich by the way viele der ach so wichtigen Menschen in unserer ach so wichtigen Branche eine Scheibe abschneiden. Doch genug der Lobhudelei. Reden wir Tacheles.

Die Dmexco, die international den Anspruch hat, eine absolute Uniqueness und Unverzichtbarkeit an den Tag zu legen, steht gehörig unter Druck. Die Zahl der Branchenevents nimmt jedes Jahr zu. Da gibt es eine CES, SXSW, OMR, re:publica, DLD, Bits & Pretzels, Internet World, d3con, NEXT, die Medientage und nun Mirko Kaminksi‘s  Digital Kindergarten, die jede für sich zu digitalen Magneten werden und Besucher wie Aussteller zuhauf anlocken.

Die SXSW in Austin hatte in diesem Jahr 75.000 Besucher. Die Online Marketing Rockstars stolze 52.000. (Wie sagte Matyka: “Bei der OMR spielen die Musiker, bei der Dmexco die Musik.” Ok, rhetorisch kann dem Mann so schnell keiner das Wasser reichen.) Die erste Dmexco unter seiner Federführung zog 2018 41.000 Besucher an, nachdem man bereits 2017 die 50.000-Marke (allerdings bei kostenlosem Eintritt) gerissen hatte. So betrachtet, ein beachtlicher Erfolg. Aber worum geht es? Um noch mehr Besucher? Um noch vollere Gänge mit noch höheren Dezibel? Um noch überfülltere Damen-Toiletten? Wohl kaum.

Die “Experience” steht im Vordergrund

Es geht darum, dass die, die kommen, etwas mitnehmen. Eine Erkenntnis, ein Neugeschäft, ein Erlebnis, sorry: eine “Experience”. Zu den Insights and Experiences zählen zweifellos die Speaker. Als man im vergangenen Jahr Dorothee Bär ankündigte, wurde müde gelächelt: Na, habt ihr nicht mehr zu bieten? Doch siehe an, ihre Rede machte Eindruck. Nico Rosberg überzeugte nicht als Rennfahrer, sondern als Investor. Und die flammende Brandrede von Telekom-Chef Timotheus Höttges zum Thema Verantwortung klingt einem noch heute im Ohr.

Ok, Barack Obama kommt dieses Jahr wieder nicht. Michelle auch nicht. Und Mark Zuckerberg hat gottweiß Wichtigeres zu tun (dazu später). Trump hätte man wohl eingeladen, aber dann wäre die Halle leer geblieben und man wollte ihm die Schmach ersparen. Der Papst hatte leider auch keine Zeit, obwohl er sich sicher gerne zu den Entwicklungen der digitalen Industrie geäußert hätte (auch dazu später). 

Dafür werden Stars wie Kai Diekmann und Sir Martin Sorrell auf dem “Top-Event der Branche” die Rolle des CMO und der Agenturen radikal in Frage stellen. Aus Deutschland bringen Julia Jäkel (Gruner+Jahr) und Anja Hendel (Porsche Digital Lab) Frauenpower auf die Bühne

Auf die Genderfrage hat man dieses Jahr übrigens besonders geachtet. Judith Kühn, Director Conference Dmexco: “Die digitale Transformation verändert unsere Arbeitswelt maßgeblich und auch der aktuelle Zeitgeist fordert Lösungen für den noch immer bestehenden Gender-Gap. Die Messe wird ihren Beitrag dazu leisten, in dem sie Frauen nicht nur eine Bühne bietet, sondern vielfältige und außergewöhnliche Vernetzungsmöglichkeiten.”

Das unterschreiben wir glatt. Es erklärt dennoch nicht eine spezielle Speakerin, die zunächst zugesagt hatte: Annegret Kramp-Karrenbauer. Eine Regierungspartei, die schuld ist am digitalen Dunkel-Deutschland und jahrzehntelang nicht handelte, hat auf der Dmexco imho nicht viel zu suchen. Sie hat Gottseidank abgesagt. (Entschuldigt bitte die Entgleisung. Aber bei “AKK” gehen bei mir die Sicherungen durch.) Es kommt aber SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Und das finde ich gut.

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“Was wir hierzulande brauchen, sind europäische und (gerne) deutsche Herausforderer”

Was gibt es noch Schönes auf der Dmexco? Das “e-commerce-magazin” schreibt: “Conversational und Voice Commerce, Omnichannel und Experiential Commerce, Progressive Web Apps, Social Commerce. Die Liste an virulenten Trends ist lang und bestimmt einen wesentlichen Teil der Agenda.” Gut zu wissen. Habe dennoch nur verstanden, dass es schon wieder neue Buzzes gibt, denen man untertänigst hinterherlaufen müsste. Übrigens, verehrtes “e-commerce-magazin”, “virulent” bedeutet „sich gefahrvoll auswirkend“. Ihr meintet hoffentlich etwas anderes…

Fragt man indessen die Dmexco nach ihrem Mission Statement, kommt folgender, wohlformulierte Satz: “Sie versteht sich als Community und zentraler Treffpunkt aller wichtigen Entscheidungsträger aus digitaler Wirtschaft, Marketing und Innovation. Wir bringen Branchenführer, Marketing- und Medienprofis sowie Technologie- und Innovationstreiber an zentraler Stelle zusammen, um gemeinsam die digitale Agenda zu definieren.” Wer also kein Branchenführer ist, muss wohl draußen bleiben. Hier liegen die Kölner ganz falsch. Warum?

Die alten Marktführer sitzen bekanntlich allesamt in Silicon Valley. Und die neuen in China. Die USA haben: GAFA = Google, Apple, Facebook, Amazon; China hat: BAT = Baidu, Alibaba, Tencent; Europa und Deutschland haben: NADA…Was wir hierzulande brauchen, sind europäische und (gerne) deutsche Herausforderer. Ich wette, den Begriff “Herausforderer” sehen wir in der Ankündigung zur Dmexco 2020. Gern geschehen.

Auf “Care” folgt “Trust”

Dafür klappt aber das mit der Community immer besser. Denn die Dmexco findet nicht nur an zwei Tagen in Köln statt, sondern versteht sich nunmehr als ganzjähriges Event. Dazu gehört zum einen die neue App, die die Gäste untereinander und Aussteller besser vernetzen will. Sie ist eben nicht nur für die zwei Tage gedacht, sondern soll 365 Tage lang als Vernetzungstool dienen. Zweifellos eine Innovation. Auch Artikel, Podcasts, Whitepaper und weitere Veranstaltungen sind Teil des ganzjährigen Angebots. Klingt nach viel Arbeit für die Verantwortlichen – und vielversprechend. Bleibt zu hoffen, dass die Zielgruppe dafür Zeit findet. Alte Binsenweisheit: Wenn es nützt, wird es genutzt.

Das letztjährige Motto bekam von mir spontane Vorschusslorbeeren. Denn “Take C.A.R.E.” stand für Curiosity, Action, Responsibility und Experience. Klang super. Kam aber leider ganz anders. Denn Verantwortung übernahm niemand, als ein Datenskandal den nächsten jagte. Und Experience? Die Zahl der Adblocker erklimmt immer weitere Höhen. Ihre Zahl liegt inzwischen irgendwo bei 25 bis 40 Prozent. Und jeder Vierte klebt seine Webcam- und Smartphone-Kamera ab, um nicht von jedem, der es kann, ausgespäht zu werden. 

Es kommt aber noch ärger: Mehr als die Hälfte der Verbraucher hat Angst vor der digitalen Zukunft, vor Überwachung und Manipulation. Und fast 90 Prozent der Deutschen fühlen sich der Digitalisierung ausgeliefert. Dafür kann die Dmexco als Kongressmesse nichts. Aber jeder Aussteller und jeder Besucher. Frage: Würden Sie die Dmexco auch dann besuchen, wenn z.B. eine ganz bestimmte Social Media Plattform nicht als Aussteller anwesend wäre? Sehen Sie.

Wir werden also ein besonderes Auge darauf werfen, was die Dmexco unter dem Motto “Trust in you” genau versteht. Wie und für wen sie “Trust” umsetzt – und wie sie neues Vertrauen erzeugen will.

———————————-

Zum Autor: Thomas Koch, 67, Gründer von The DOOH Consultancy, ist seit 47 Jahren im Mediabusiness. Nach Stationen in namhaften Werbeagenturen, unter anderem als Mediachef bei GGK und Ted Bates, macht er sich 1987 mit thomaskochmedia (tkm) selbständig. tkm wird zur damals größten unabhängigen Mediaagentur Deutschlands. 2002 fusioniert Koch als CEO die Agentur mit Starcom zu tkmStarcom. Nach seinem Ausstieg 2007 ist er unter anderem Mitglied der Geschäftsleitung von Crossmedia, ruft Plural Media Services in Berlin ins Leben, berät mit tk-one Unternehmen, Agenturen und Medienhäuser und gründet gemeinsam mit Peter „Bulo“ Böhling 2017 die Eintagentur. 

In Teil 2 am Dienstag lesen Sie, was Thomas Koch mit dem Motto “Trust in you” verbindet und wie sich die Digitalbranche aus ihrer “größten Krise ever” befreien kann. 

Alle Artikel zum Dmexco-Special lesen Sie hier.

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  1. “Es kommt aber noch ärger: Mehr als die Hälfte der Verbraucher hat Angst vor der digitalen Zukunft, vor Überwachung und Manipulation. Und fast 90 Prozent der Deutschen fühlen sich der Digitalisierung ausgeliefert.”

    “Trust in you”:

    Bild.de 45 Tracker
    mit z.T. irrwitzigen Domain-Namen, denen ich niemals zugestimmt habe.

    YouTube 398 Tracker, dito

    Tagesspiegel.de 12-14 Tracker auf Titelseite, 19 auf ersten Artikel

    Spiegel.de 31 Tracker auf Titelseite, Netzwelt 32, Politik 29

    Meedia.de 11 Tracker

    … und whotracks.me kommt auch nicht mehr nach!

    … inzwischen ist die Nachrichtendichte zu hoch, Lesezeit und Zeit zum Vertrauensaufbau sind dagegen knapp! Genauso wie das Publikum hinter Leser-Paywalls!

    Die Folgen:

    Angst, Diskursunfähigkeit, Überforderung, Trumpismus & Populismus ….

    Die Verlegerverbänden müssen aufwachen, aus ihren Digital-Träumereien! :-))

    Get Smart Citizens!

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