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Neustart der Reportageschule in Reutlingen: “Raus in die Gerichtssäle, Kaninchenställe, Plattenbauten”

Das neue Leitungsteam der Reportageschule (v.l.), Wolfgang Bauer, “Zeit”-Reporter,  Ariel Hauptmeier, Schulleiter, Katrin Langhans, Investigativteam “Süddeutsche Zeitung”, Philipp Mausshardt, Schulleiter, Heike Faller, “Zeit-Magazin”,  Michael Obert, Coach und Gründer der Reporter-Akademie
Das neue Leitungsteam der Reportageschule (v.l.), Wolfgang Bauer, "Zeit"-Reporter, Ariel Hauptmeier, Schulleiter, Katrin Langhans, Investigativteam "Süddeutsche Zeitung", Philipp Mausshardt, Schulleiter, Heike Faller, "Zeit-Magazin", Michael Obert, Coach und Gründer der Reporter-Akademie

Nach der Trennung von der Agentur Zeitenspiegel formiert sich die Reportageschule in Reutlingen unter dem Dach der dortigen VHS neu. Um die Schulleiter Philipp Mausshardt und Ariel Hauptmeier hat sich ein sechsköpfiges Leitungsteam gebildet. Mit MEEDIA sprachen die beiden Schulleiter über den Neustart und ihre "sieben Prinzipien".

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MEEDIA: Die Reportageschule in Reutlingen stellt sich nach der Trennung von der Agentur Zeitenspiegel neu auf. Was genau ändert sich?
Ariel Hauptmeier: Das beginnt beim Namen. Künftig heißt sie schlicht “Die Reportageschule”. Dieser Name ist weiterhin Programm: Wir bilden Reporterinnen und Reporter aus, bei uns steht der erzählende Journalismus im Mittelpunkt, in all seinen Facetten. 

Philipp Mausshardt: Einiges Bewährte werden wir beibehalten. Vieles wird sich ändern. So werden wir künftig noch mehr die schreiberische Praxis in den Mittelpunkt rücken. Die neue Reportageschule hat sich sieben Prinzipien gegeben, und das erste lautet: “Mehr Schreiben”. Sein Ohr schärfen, Nuancen ausdrücken, laut schreiben, leise schreiben … das werden wir wieder und wieder üben.    

Was sind die übrigen Prinzipien?
Mausshardt: Wenn ich sie einmal in aller Kürze runterrattern darf, dann lauten sie: mehr Schreiben, mehr Straße, mehr Recherche, mehr Coaching, mehr Verantwortung, mehr Startup, mehr Gemeinsinn. 

Was ist mit “mehr Straße” gemeint?
Hauptmeier: Reportagen schreiben lernt man nicht, indem man im Klassenraum sitzt und sich anhört, wie man’s macht. Sondern indem man rausgeht und sich der Wirklichkeit da draußen aussetzt. Also – raus in die Gerichtssäle, Kaninchenställe, Plattenbauten. 

Mausshardt: Unterrichtswochen, in denen wir das Handwerk vermitteln, wechseln mit Projektwochen. Da kriegen die Schülerinnen und Schüler am Montagmorgen ein Thema und geben am Freitagnachmittag ihren Text ab. Dazwischen wird nicht gegoogelt, sondern da sind sie unterwegs. Reportage ist Unterwegssein. Auf Menschen zugehen, Schwierigkeiten überwinden, Zeitdruck standhalten – das lernt man nur, indem man es immer wieder macht. 

“Die VHS ist das stabile Dach, unter dem die Reportageschule mit viel Freiraum agiert”

Der Standort Reutlingen war schon bisher für eine Reportageschule exotisch, weil abseits der medialen Hotspots in Deutschland. Was sind denn die Vor- und Nachteile, wenn man in der Provinz Journalismus lehrt?
Mausshardt: Der Standort Reutlingen hat sich in den vergangenen 15 Jahren bewährt. In einer Großstadt würde das Konzept einer solchen Schule nicht aufgehen. Da geht am Abend jeder seiner Wege. Hier sind wir ein Jahr lang eine eingeschworene Truppe. Oft sitzen wir hier abends noch zusammen, kochen etwas in der großen Paellapfanne und diskutieren. Das letzte der sieben Prinzipien lautet “Mehr Gemeinsinn”. Und meint: Wir wollen auch voneinander lernen. 

Hauptmeier: Es hat noch einen anderen Vorteil, wenn man vom Rand aus schaut. Wir erwarten von unseren Schülerinnen und Schülern, dass sie politisch sind. Politisch in dem Sinne, dass sie einen wachen Blick haben für die Gräben, die dieses Land teilen. Wir wollen sie ermutigen, noch häufiger als bisher an die Ränder zu gehen, in die Peripherie, die demokratiefeindlichen Milieus. Das “GO-Magazin”, das Abschlussmagazin eines Jahrgangs, wird künftig ausdrücklich die Welt fern der “medialen Hotspots” in den Blick nehmen. Sei es in Zwickau, in Herne oder auf der Schwäbischen Alb. 

Welche Rolle spielt die VHS Reutlingen künftig als Trägerin der Schule? Was ändert sich?
Mausshardt: Da bleibt alles beim Alten. Die VHS ist das stabile Dach, unter dem die Reportageschule mit viel Freiraum agiert. Auf den ersten Blick mag man sich fragen: Warum betreibt eine Volkshochschule eine Reportageschule mit bundesweitem Anspruch? Dazu man muss wissen: Die VHS Reutlingen, eine der erfolgreichsten Volkshochschulen in Deutschland, ist quasi ein kleiner Bildungskonzern – und bildet auch Ärzte fort, Manager, Physiotherapeuten und Verwaltungsangestellte.

Das Leitungsteam besteht nun aus sechs Personen – ist das nicht ein bisschen viel?
Hauptmeier: Gute Reportagen entstehen im Team. Und eine exzellente Reportageschule entsteht hoffentlich genauso im Team. Heike Faller, Katrin Langhans, Wolfgang Bauer und Michael Obert – das sind Könner, jede und jeder ist auf einem anderen Gebiet spitze. Sie unterstützen uns mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung. Zusammen behaupte ich mal, sind wir eine gute Truppe. Gemeinsam um einen Tisch zu sitzen und ein Konzept zu schmieden – das war jedenfalls schon mal ein vielversprechender Start. 

“Eine bestimmte Form des allwissenden Erzählens ist mit der Causa Relotius an ihr Ende gekommen”
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Was waren eigentlich die Gründe für die Trennung von Zeitenspiegel?
Mausshardt: Das hatte viele Gründe, aber wenn man ehrlich ist – auf der menschlichen Ebene hat es einfach nicht mehr gepasst. Das Verhältnis zwischen der Volkshochschule und Zeitenspiegel ist im Lauf der Jahre immer schlechter geworden. Es gab mehrere Versuche, sich in moderierten Gesprächen wieder anzunähern, aber das hat nicht geklappt.  Mehr kann und will ich dazu nicht sagen. Zeitenspiegel hat die ganzen Jahre über exzellente Arbeit geleistet. Dafür danken wir ihnen.  

Seit dem Fall-Relotius beim “Spiegel” ist die Gattung der Reportage in die Kritik geraten. Gibt es Erkenntnisse aus dem Fall Relotius, die in das neue Konzept der Schule Eingang finden?
Hauptmeier: Eines unserer sieben Prinzipien lautet: “Mehr Recherche”. Wir bilden hier keine Schönschreiber aus, sondern hart recherchierende Reporterinnen und Reporter, die relevante Storys erzählen, die ihre Quellen offenlegen, die Zweifel formulieren, die Texte voller Widerhaken schreiben und keine glatt polierten Schmuckstückchen. Ja, es stimmt: Eine bestimmte Form des, sagen wir, allwissenden Erzählens ist mit der Causa Relotius an ihr Ende gekommen. Aber die Reportage? Hinausgehen in die Welt und bei der Rückkehr davon berichten? Das haben Menschen seit 2.500 Jahren gemacht, und sie werden damit nicht morgen aufhören. 

Der ehemalige “Spiegel”-Reporter Cordt Schnibben ist nun Kuratoriums-Mitglied der Schule, Ariel Hauptmeier ist einer der Leiter. Beide sind Mitgründer des Reporter-Forums, das den Reporter-Preis vergibt. Sind hier Kooperationen zwischen Reporter-Forum und Schule denkbar?
Hauptmeier: Natürlich werden wir unser Netzwerk nutzen und viele der großartigen Kolleginnen und Kollegen aus dem Reporter-Forum hierher als Dozenten einladen. Cordt Schnibben bringt aber noch etwas anderes mit: Er baut ja gerade die Reporterfabrik auf und testet dort, wie man Journalismus auf ganz neue Weise vermittelt, unterhaltsamer und effizienter zugleich, mittels Webinaren und Tutorials. Stichwort: Blended Learning. Da ist er seiner Zeit mal wieder weit voraus. Dass er dieses Wissen hier bei uns einbringt, dass wir die Tools und Tutorials der Reporterfabrik nutzen, wird den Unterricht bereichern. 

Welche Rahmenbedingungen, auch Kosten, erwarten die Schülerinnen und Schüler?
Mausshardt: Ein Jahrgang hat zwölf Schülerinnen und Schüler, das wird sich nicht ändern, so bleibt die Betreuung intensiv. Auch am Schulgeld von 200 Euro pro Monat ändert sich nichts. Nur der Starttermin ist neu: Die Ausbildung beginnt jetzt jeweils im Januar und endet im Dezember. In diesem Jahr, wegen all der Neuerungen, haben wir die Bewerbungsfrist verlängert bis Anfang Oktober. Also, liebe Nachwuchsreporter – ran an die Schreibmaschinen und her mit euren Bewerbungen. 

“Habe gelernt, wie Medien-Startups funktionieren und dass immer auch das Geld hereinkommen muss”

Herr Hauptmeier, Sie haben zuletzt als Textchef bei zwei Startups gearbeitet, bei Correctiv in Berlin und bei Republik in Zürich. Was zieht Sie jetzt an eine Journalistenschule?
Hauptmeier: Mir macht es seit langem viel Freude, Kolleginnen und Kollegen dabei zu unterstützen, aus intensiven Recherchen spannende Storys zu weben. Dass ich das jetzt hauptberuflich machen darf, empfinde ich als Privileg. Bei Correctiv, genau wie bei Republik, habe ich zudem gelernt, wie Medien-Startups funktionieren, wie man agil und teamorientiert zusammenarbeitet – und dass eben immer auch das Geld hereinkommen muss. Dieses Startup-Mindset möchte ich weitergeben. Seien wir ehrlich: Wie viele der jungen Kolleginnen und Kollegen werden langfristig auf einer Vollzeitstelle sitzen? Die wenigsten. Journalisten sind heute immer auch Startup-Gründer. Und das ist eine Chance.

Googelt man Sie, Herr Mausshardt, dann stößt man auf Ihre beiden Gefängnisaufenthalte, einmal in der Schweiz, einmal in Tübingen. Sind Sie den Schülern ein gutes Vorbild?
Mausshardt: Ich habe zweimal die Gelegenheit genutzt, ein geringfügiges Bußgeld nicht zu bezahlen, um so für zwei Tage in einen Knast zu dürfen. Das waren interessante Erfahrungen und hoffentlich auch interessante Texte. Das lässt sich verallgemeinern: Als Reporter muss du etwas riskieren. Wenn ich das den Schülerinnen und Schülern vorlebe, und ihnen auch noch etwas von meiner guten Laune mitgeben kann, bin ich stolz.

swi

Die Fragen an Ariel Hauptmeier und Philipp Mausshardt wurden via E-Mail gestellt.

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