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Verbands-Fusion im Grosso: Neuer Gesamtverband nimmt im Oktober seine Arbeit auf

Grosso-Verbandsgeschäftsführer Kai-Christian Albrecht

Jahrelang hat der Bundesverband Presse-Grosso in Baden-Baden getagt. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Erstmals findet die für Mitte September geplante Branchenveranstaltung in Wiesbaden statt. Grund hierfür ist eine Neuausrichtung des Bundesverbands, der sich Mitte des Jahres mit der Arbeitsgemeinschaft Pressevertrieb zum neuen Gesamtverband Pressegroßhandel vereint hat. Er soll im Oktober seine Arbeit aufnehmen.

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Ob „stern“-Chefredakteur Florian Gless, „FAZ“-Digitalchefredakteur Carsten Knop oder Funke-Chefredakteur Jörg Quoos – viele hochkarätige Journalisten hat der Bundesverband Presse-Grosso für seine Podiumsveranstaltung auf dem diesjährigen Jahrestreffen am 17. September eingeladen. Das Thema: Wie können Qualitätsmedien noch Agenda-Setting betreiben, wenn Influencer und Algorithmen zunehmend den Medienkonsum vor allem junger Zielgruppen bestimmen? Moderiert wird die Veranstaltung von Claus Strunz.

Wiesbaden statt Baden-Baden

Jedes Jahr lädt die Interessengemeinschaft namhafte Größen aus der Medienbranche ein. Doch diesmal ist vieles anders. Erstmals findet das Branchentreffen nach mehreren Jahrzehnten in Wiesbaden statt, rund 200 Kilometer vom bisherigen Tagungsort Baden-Baden entfernt. Grund hierfür ist, dass Deutschlands Grossobetriebe verbandsmäßig vor einem historischen Wandel stehen. So haben sich der Bundesverband Presse-Grosso (BVPG) und die Arbeitsgemeinschaft Pressevertrieb (APV) Mitte des Jahres zum neuen Gesamtverband Pressegroßhandel vereint, der seinen Sitz in Köln hat. „Der Wechsel der Grosso-Jahrestagung 2019 nach Wiesbaden erfolgt bewusst. Nach knapp 60 Jahren am beliebten Standort Baden-Baden ist es an der Zeit für einen Neuanfang – auch und gerade vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen und der erfolgreichen Verbandsreform“, betont BVPG-Hauptgeschäftsführer Kai Christian Albrecht gegenüber MEEDIA.

Zudem steht der neue Gesamtverband kurz davor, seine Arbeit aufzunehmen. „Mit dem operativen Start des Gesamtverbandes, der spätestens im Oktober 2019 erfolgt, liegen wir sehr gut im Zeitplan. Wir erwarten bis Ende August eine Rückmeldung vom zuständigen Amtsgericht Köln über die Eintragung im Vereinsregister. Dann können weitere Formalien wie Steuernummer, Bankkonto, Verträge beantragt bzw. umgeschrieben werden“, so Albrecht. Mit der Neuausrichtung repräsentiert der neue Gesamtverband erstmals bundesweit alle Grossobetriebe. Dies war bisher nicht der Fall. Bislang waren im Bundesverband Presse-Grosso lediglich die selbstständigen Grossisten organisiert, im APV hingegen Betriebe, an denen die Verlage beteiligt sind. Nun bündeln beide Verbände ihre Kräfte und treten damit gegenüber der Politik als gemeinsame Branchenstimme auf. In den Vorstand des neuen Verbandsriesen wurden zur Gründungsversammlung der BVPG-Präsident Frank Nolte (Süddeutsche Zeitungszentrale, Stuttgart), als Vorsitzender und Vincent Nolte als Vizepräsident (Presseservice Nord, Bremen) gewählt.

Verhandlungen führt weiter der BVPG

Doch der neue Gesamtverband hat eine Eigenart. Er ist nicht bei Verhandlungen über Preisspannen mit den Verlagen dabei. Dies bleibt weiterhin in der Hand des BVPG. „Aufgrund seiner Mitgliederstruktur führt der Gesamtverband keine Konditionenverhandlungen. Dies ist aus Compliance- und wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht möglich. Der Gesamtverband beauftragt für diese Teilaufgabe den Bundesverband Presse-Grosso e.V., der wettbewerbsrechtlich legitimiert ist und deshalb als Plattform für den Bedarfsfall ohne regionale Gliederung formal bestehen bleibt“, erklärt Albrecht. Der Gesamtverband gelte davon unabhängig zukünftig als zentraler Ansprechpartner für die Branche und Öffentlichkeit.

Dass sich Deutschlands Grosso verbandsmäßig neu ausgerichtet hat, ist verständlich. In den vergangenen Jahren hat die Konsolidierung des für die Verlage wichtigen Wirtschaftszweiges strukturbedingt stetig an Fahrt aufgenommen. „Im Kontext des fortschreitenden Wandels in der Mediennutzung und eines unvermindert hohen Drucks auf die Margen mit entsprechenden Prognosen reagieren die Pressegroßhändler vorausschauend durch verstärkte Zusammenarbeit und Konsolidierung. So hat sich die Anzahl der Grosso-Betriebe zwischen 1993 und 2018 mehr als halbiert“, sagt Albrecht. Dabei erreichen die Betriebe, die sich zusammengeschlossen haben, größere Umsatzschwellen. „Durch die jetzt laufende Fusionswelle entstehen deutlich größere Unternehmenseinheiten, welche erstmals die 200-Millionen-Grenze überschreiten. Diese Unternehmen stemmen mit einem Kraftakt eine geordnete Transformation, um aus einer starken Position das Kerngeschäft zu stabilisieren und in neue Geschäftsfelder zu investieren. Dabei steht das Printgeschäft weiterhin im Fokus“, so der Hauptgeschäftsführer. Derzeit gibt es in Deutschland (Stand August) nur noch 36 Pressegroßhändler, die die rund 100.000 Verkaufsstellen beliefern.

Fusionitis geht weiter

Die Fusionitis soll weitergehen. So schätzten Branchenkenner, dass sich die Zahl der Grossisten in den kommenden fünf Jahren um zwei Drittel auf bis zu zehn Zwischenhändler reduzieren könnte. In Nordrhein-Westfalen hatte sich die Konzentration der Branche Anfang des Jahres bereits massiv fortgesetzt. Hier schlossen sich vier Pressegroßhandlungen zusammen. Das fusionierte Unternehmen beliefert jetzt mehr als 11.000 Verkaufsstellen in der Metropolregion Rhein-Ruhr mit Presseprodukten. 2018 setzte die Grossobranche rund 1,915 Milliarden Euro zu Abgabepreisen an den Einzelhandel um. Dabei gehören die belieferten Einzelhandelsbetriebe den unterschiedlichsten Geschäftsarten an – vom Kiosk über das Pressefachgeschäft bis hin zu dem Supermarkt und Discounter. Die Presse-Großvertriebe sind vor allem mittelständisch geprägt. Sie handeln häufig mit einem Sortiment von über 4.000 Titeln, das an einzelnen, international geprägten Standorten bis zu 6.000 Titel umfassen kann.

Die Grossoverbände sind nicht die einzigen Interessengemeinschaft in der Medienbranche, die ihre Strukturen den veränderten Marktbedingungen anpasst. Auch der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) will sich neu ausrichten und plant, die fünf Landesverbände noch in diesem Jahr auf den Bundesverband zu verschmelzen. Ebenso hat der Verband Deutscher Lesezirkel gegenüber MEEDIA angekündigt, seine Verbandsstrukturen in 2020 zu reformieren. Er reagiert damit auf die wachsende Konsolidierung seiner Mitgliedsunternehmen.

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