Partner von:
Anzeige

“Wenn ihr das drucken wollt, könnt ihr das vergessen”: die unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte des “Katapult”-Magazins

“Katapult”-Chefredakteur und Geschäftsführer, Benjamin Fredrich
"Katapult"-Chefredakteur und Geschäftsführer, Benjamin Fredrich Foto: "Katapult"/Montage: MEEDIA

"Katapult", ein Magazin für "Kartografik und Sozialwissenschaft", überzeugt trotz mauer Marktlage mit wachsenden Abozahlen. Benjamin Fredrich, Chefredakteur und Geschäftsführer, hat das Quartalsheft während des Politikstudiums gegründet. Im MEEDIA-Gespräch spricht er über die Doppelbelastung Chef und Doktorand, gefloppte Ideen und warum (fast) alle Mitarbeiter das gleiche Gehalt bekommen.

Anzeige

Herr Fredrich, Sie schreiben derzeit Ihre Dissertation zur Theorie der “Radikalen Demokratie”. Wie passt das mit Ihrer Doppelfunktion als Chefredakteur und Geschäftsführer eines Magazins zusammen?
Benjamin Fredrich: Ich habe die Doktorarbeit gleichzeitig mit dem “Katapult”-Magazin angefangen und damals war noch nicht klar, ob ich der Wissenschaft treu bleibe oder dieses Projekt etwas Langfristiges wird.

Wie weit sind Sie?
Fredrich: Es gibt ein halbjähriges Treffen meines Professors mit allen Doktoranden und da habe ich kürzlich meinen letzten Abschnitt vorgestellt. Ich bin aber einer der langsamsten. Eigentlich ist das nicht vereinbar mit meiner jetzigen Arbeit, weil das ein Job ist, der mehr als neun Stunden am Tag beansprucht. Deshalb arbeite ich im Urlaub an der Dissertation.

Das klingt extrem aufwendig.
Fredrich: Ja, es ist aufwendig und kann nervig sein. Aber es gibt auch schöne Aspekte, denn wenn ich mich mit den anderen Doktoranden treffe, fallen mir ganz viele Dinge auf, die ich fürs Magazin nutzen kann. Insofern ist das eine sehr gute Erweiterung.

“Wenn man über Arbeitslosigkeit forscht, bringt es überhaupt nichts, einen Arbeitslosen zu fotografieren”

Kommen wir zu “Katapult”: Der Verlag wurde 2015 gegründet, hat seinen Hauptsitz in Greifswald an der Ostsee und derzeit ist die 15. Ausgabe des Heftes in Planung. Was war damals die Ursprungsidee?
Fredrich: In meinem Studiengang Politikwissenschaften und den Nachbardisziplinen gab es eine Art Wettbewerb, welcher Student bei den großen Zeitungen wie “Zeit” oder “taz” Artikel unterbringen kann. Dafür gab es sehr viel Anerkennung. Ich hatte aber immer im Hinterkopf, dass es eigentlich viel schöner wäre, wenn man ein eigenes Magazin hat.

Aber wie wurde aus der Idee ein gedrucktes Magazin?
Fredrich: Später ist ein zweiter Gedanke dazu gekommen, nämlich der, dass zum Beispiel die Politikwissenschaft interessante Studien produziert, die aber in der Regel in ihren eigenen Fachpublikationen belässt. “Warum gehen die damit nicht zu den großen Zeitungen und warum muss das im akademischen Kosmos bleiben?”, dachte ich. Insofern haben wir ein egoistisches Ziel verfolgt und wollten den Sozialwissenschaften mehr Präsenz verschaffen. Was zudem im Vergleich zu fast allen Naturwissenschaften auffällt, ist, dass diese sehr gute populärwissenschaftliche Veröffentlichungen haben. Es gibt beispielsweise die “Geo”, “Zeit Wissen” oder die “Nature”.

Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Fredrich: Die Naturwissenschaften können die Natur, die sie untersuchen, schön fotografieren und bebildern. Die Sozialwissenschaft hat damit enorme Probleme. Wenn man über Arbeitslosigkeit forscht, bringt es überhaupt nichts, einen Arbeitslosen zu fotografieren. Das wird dann ein ganz hässliches, unwürdiges Foto bzw. Symbolbild, das sogar falsche Nachrichten transportieren kann. Deshalb haben wir damals entschieden, es mit “Kartografik” zu probieren. Denn die Sozialwissenschaften haben viele Daten, die unbedingt aus den Tabellen und Datensätzen in die Hände von Grafikern gegeben werden müssen.

“Wir wollten den Sozialwissenschaften mehr Präsenz verschaffen”

In welcher Form findet der redaktionelle Austausch mit den Forschern statt?
Fredrich: Es gibt zwei Wege, wie Artikel zustande kommen. Erstens melden sich mittlerweile Wissenschaftler bei uns, die im Magazin veröffentlichen wollen. Das vorgeschlagene Thema wird einem Redakteur zugeteilt und die besprechen das weitere Vorgehen sowie später auch den Schreibstil. Der Punkt ist eigentlich der schwierigste, weil das Wissenschaftler meistens nicht hinbekommen. Nämlich so zu schreiben, dass es auch Leute verstehen, die nicht an der Uni waren oder kein Abitur haben. Denn das ist unser Ziel: Möglichst viele Menschen sollen auch ohne hohen Bildungsabschluss einen Zugang zu Studien bekommen.

Wie sieht der zweite Weg aus?
Fredrich: Wenn wir ein Thema angehen wollen, kontaktieren wir Forscher. Später lesen sie die Stücke manchmal gegen und geben Hinweise – oder sie schreiben im Auftrag von uns. Es ist letztlich eine Kooperation zwischen uns und den Wissenschaftlern, bei der kein Geld fließt.

Sondern stattdessen?
Fredrich: Es ist ein Tauschgeschäft, schon seit der Gründung. Denn damals hatten wir gar kein Geld. Die Wissenschaftler geben uns also einen Artikel, dürfen dafür im Gegenzug die Karten und Infografiken, die für den Beitrag entstanden sind, für Veröffentlichungen, Seminare und Vorlesungen nutzen.

“Wenn ihr das drucken wollt, könnt ihr das vergessen”

In einer der vorigen Titelgeschichten ging es um den Auflagenrückgang der “Bild”. Es war illustriert, wie sich die Auflage von überregionalen Magazinen und Zeitungen zwischen dem 4. Quartal 2018 und dem von 2017 entwickelt hat. Die meisten Titel mussten mit einem Minus kämpfen. Die “Katapult” war ebenfalls abgebildet, mit einem Plus von 78 Prozent. Derzeit hat das Heft laut Verlagsangaben etwa 18.500 Abonnenten und eine Auflage von 50.000 Exemplaren. Können Sie sich das Wachstum erklären?
Fredrich: Was ich merke: Je länger Medienleute auf dem Magazinmarkt tätig sind und sich dementsprechend auskennen, desto erstaunter sind sie über unseren Erfolg. Wir haben natürlich Business-Pläne gemacht und die Wirtschaftsberater meinten damals: “Wenn ihr das drucken wollt, könnt ihr das vergessen. Dann ist das der schlechteste Business-Plan überhaupt.” Der Markt sei am Ende. Wir haben das zwar gesagt bekommen, aber bislang nie richtig erlebt. Also, warum funktioniert das? Die Basis ist natürlich der Inhalt und dazu eine gewisse Qualität, die wir halten können. Und dann sind die sozialen Medien ganz klar das große Sprungbrett. Dort sind wir überproportional groß, wenn man das mit anderen Medien vergleicht, die mehr Personal haben.

Anzeige

Welche Rolle spielen Facebook, Instagram und Twitter bei der Abo-Gewinnung?
Fredrich: Es ist eine geschätzte Zahl, die ich Ihnen jetzt nenne. Aber ich vermute, dass von der Gesamtzahl aller Abonnenten bislang 70 bis 80 Prozent über die sozialen Netzwerke gekommen sind. Auf die einzelnen Plattformen geblickt, sieht das anders aus: Instagram ist zuletzt ganz stark gewachsen, obwohl wir von den Zahlen dort schwächer sind als bei Facebook. Dennoch gewinnen wir über Instagram mehr neue Abos hinzu.

Woher wissen Sie das?
Fredrich: Nachdem man bei uns ein Abo abgeschlossen hat, können die Nutzer angeben, woher sie uns kennen. Bei den letzten 500 Abos beispielsweise kamen 184 über Instagram, 61 über Facebook, nur sieben über Twitter. Dann kamen 149 über Empfehlungen durch Freunde oder Bekannte und 32 aufgrund der Berichterstattung.

Die Print-Abos sind die Haupteinnahmequelle, es kommen Leserspenden hinzu und im Februar kam in Kooperation mit Hoffmann und Campe ein Buch mit 100 Karten heraus. Ein Digital-Abo ist nicht geplant. Womit verdient der Verlag noch sein Geld?
Fredrich: Wir haben viele Dinge rund um das Abo herum platziert. Dazu gehören Kartenspiele, das Sonderheft “Knicker” und die Bücher. In diesem Bereich sind drei neue in Planung, eins für Kinder, eins über Sprache und dann wohl eins zum Thema Nachhaltigkeit. Dennoch, das “Katapult”-Magazin soll immer die Basis unseres Geschäfts bleiben.

Wohin soll es für das Magazin gehen? Können Sie das in konkreten Zahlen ausdrücken?
Fredrich: Klar, wir wollen den “Cicero” einholen! Der hat zurzeit etwa 28.000 Abonnenten. Um diese Kennzahl geht’s uns primär. Wenn das derzeitige Wachstum anhält, schaffen wir das vermutlich nächsten Sommer oder Herbst.

“Extrem viel gearbeitet und extrem wenig verdient”

Gab es in der kurzen Verlagsgeschichte schon einen richtigen Flop?
Fredrich: Ja, gleich zu Anfang. Nach der Gründung haben wir ein Jahr nur online gearbeitet und gar nicht gedruckt. In der Phase haben wir geschaut, was funktioniert und was uns besonders gut liegt. Jedenfalls haben wir versucht – und es war eine komische Idee – alle Artikel in fünf Sprachen zu übersetzen bzw. übersetzen zu lassen. Es waren Englisch, Französisch, Arabisch, Russisch und Italienisch.

Woran ist es gescheitert?
Fredrich: Es war extrem kommunikationsaufwendig, obwohl es sich um eine Dienstleistung gehandelt hat. Auch die Wirtschaftsberater meinten, dass wir das mit den vier Leuten, die wir damals hatten, nie schaffen werden. Wir waren naiv! Was gut ist, aber nach einem Vierteljahr mussten wir das komplett einstellen. Es gibt aber englische Überbleibsel davon auf unserer Seite. Womöglich wird das wieder relevant, denn ab Oktober haben wir 16 Mitarbeiter und dann wären wir eigentlich stark genug, um irgendwann wieder englischsprachige Inhalte zu liefern.

Alle Mitarbeiter im Verlag, auch Sie als Geschäftsführer, bekommen das gleiche Gehalt. Aktuell liegt das bei 2.250 Euro brutto. Weshalb?
Fredrich
: Mein Kollege Tim Ehlers und ich haben in den ersten Jahren extrem viel gearbeitet und extrem wenig verdient. Jetzt könnte man sagen, dass das jetzt belohnt werden müsste. Aber wir haben uns zusammengesetzt und uns dafür entschieden, dass die Leute für die gleiche Arbeit in der Redaktion auch den gleichen Lohn bekommen sollen. Da machen wir keinen Unterschied zwischen Redakteur, Layouter oder Statistiker. Wir haben nun eine einzige Ausnahme bei unserem Programmierer machen müssen.

“Bisher finden alle fair, dass das Gehalt bei Erfolg erhöht wird”

Aus welchem Grund?
Fredrich: Bei unserem derzeitigen Gehalt bekommen wir auf dem Markt einfach keine Programmierer. Wir würden sie vielleicht in zwei, drei Jahren bekommen, da unser Gehalt automatisch mit den Abozahlen steigt (pro 5.000 Gesamtabos steigt der Lohn um 250 EuroAnm. d. Red.). Allerdings wollte ich aufgrund der vielen Projekte nicht so lange warten.

Der Verlag steht, so scheint es, ganz gut da. Warum wird das niedrige Gehalt nicht angehoben, auf Tarifniveau zum Beispiel?
Fredrich: Bei der Auflage des Magazins und des Sonderhefts, nochmal 40.000 Exemplare, liegen die Kosten pro Druck bei etwa 28.000 Euro. Deshalb ist das derzeitige Gehalt genau das, was wir zahlen können, wenn wir weiter wachsen wollen. Ich entscheide das als Geschäftsführer nicht alleine. Viele fühlen sich wohler, wenn das Team größer wird und diesem Wunsch sind wir mit sechs Neuanstellungen in diesem Jahr nachgekommen. Bisher finden alle fair, dass das Gehalt bei Erfolg erhöht wird. Außerdem ist absehbar, dass der Lohn in einen Bereich kommt, der hinsichtlich des Tarifs akzeptabel ist. Abgesehen davon streichen wir keine großen Gewinne ein. In diesem Jahr erzielen wir voraussichtlich einen Umsatz von über einer Millionen Euro (2018 lag der Umsatz bei 388.000 Euro, Anm. d. Red.). Da wir ohnehin gemeinnützig sind, müssen wir das Geld immer wieder für uns selbst bzw. den gemeinnützigen Zweck ausgeben.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia