Partner von:
Anzeige

Winterbauers Woche: Treffen sich ein Grünen-Spitzenpolitiker und eine prominente Seenotretter-Kapitänin im ZDF … again!

Gern gesehene Gäste im ZDF in dieser Woche: Grünen Spitzenpolitiker, Seenotretter-Kapitäninnen
Gern gesehene Gäste im ZDF in dieser Woche: Grünen Spitzenpolitiker, Seenotretter-Kapitäninnen Fotos: ZDF

Beim ZDF gaben sich diese Woche Grünen-Spitzenpolitiker und prominente Seenotretter-Kapitäninnen die Klinke in die Hand. In Medien-Studien ist die Medien-Welt noch in Ordnung. Ein Klatschblatt macht eine Reporterin zum Fan und Claus Kleber wollte, dass sich Boris Johnson selbst zum Idioten erklärt. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Dass die ARD eine Art “Grünfunk” sein soll, ist teilweise ein Klischee, teilweise ein Zerrbild von Gegnern des öffentlichen Rundfunks und teilweise manchmal ein ganz klitzekleines bisschen auch wahr. Diese Woche machte das ZDF der ARD in Sachen “Grünfunk” aber mächtig Konkurrenz. Am Dienstag meldete sich “Markus Lanz” aus der Sommerpause zurück. Zu Gast waren u.a. der Grünen-Spitzenpolitiker Cem Özdemir und die Seenotretter-Kapitänin Pia Klemp (u.a. bekannt aus der Viertelstunde Sendezeit, die Joko & Klaas bei ProSieben guten Zwecken zur Verfügung stellten). Cem Özdemir wurde von Lanz ausführlich zu seinem Bundeswehr-Praktikum befragt und bekam auch sonst viel Sendezeit der 75-Minuten-Sendung. Knapp 38 Minuten (abzüglich Begrüßung und Geplänkel) widmete sich Lanz hauptsächlich Özdemir.

Danach durfte Kapitänin Klemp u.a. sagen, dass sie glücklich ist, “die Welt als zuhause zu haben” und persönlich ganz generell für offene Grenzen ist. Also: offen für alle. Am nächsten Tag durfte dann der Grünen-Chef Robert Habeck bei “Dunja Hayali” ausführlich die Politik seiner Partei erklären. Habeck stellte sich der Kritik dreier Bürger (einem Flughafen-Chef, einer Personal-Referentin der Braunkohle-Industrie und einem Schweinebauern). Auch hier nahm der Habeck-Komplex rund 38 Minuten ein, die komplette Sendung dauert allerdings nur 49 Minuten. Nach Habeck kam die Seenotretter-Kapitänin Carola Rackete zu Wort. Dunja Hayali konfrontierte die Kapitänin mit ihrer Aussage, dass Deutschland notfalls auch alle Klima-Flüchtlinge aufnehmen müsse. “Haben Sie Verständnis für die Menschen, die sagen, so jetzt reicht’s aber auch mal”, fragte die Moderatorin. Rackete: “Ne, eigentlich nicht.” Applaus im Publikum.

Dass Habeck mit kritischen Bürgern konfrontiert wurde, war ja prinzipiell eine gute Idee. Auch dass man mal aus diesem Paritäts-Zwang der Talkshows ausbricht, ist zu begrüßen. Aber zwei Grünen-Spitzenleuten und zwei Seenotretter-Kapitäninnen in zwei Sendungen an zwei Tagen hintereinander in einem Sender, das war dann aber doch vielleicht ein bisschen viel. Klar, die Redaktionen agieren autonom. Der Eindruck, der entsteht, ist trotzdem der eines gewissen Themen- und Gäste-Gleichschritts.

+++

Diese Woche kam die neue Kinder-Medien-Studie raus und wenn man der glaubt, dann machen Kinder in Deutschland fast nix lieber, als tolle Kinder-Zeitschriften lesen und dabei zu lernen. Wenn sie nicht gerade schlaue Kinder-Magazine lesen, spielen die Kleinen gerne draußen oder treffen sich mit Freunden. Eine andere Studie des Zeitungs-Vermarkters Score Media kam zum Ergebnis, dass 80 Prozent der Leser Werbung in der Printausgabe ihrer Tageszeitung schätzen und sich die Anzeigen dort “ganz bewusst” anschauen. Und eine GfK-Studie im Auftrag der TV-Zeitschrift “TV Spielfilm” ermittelte, dass die Deutschen am allerliebsten noch das gute, alte lineare Fernsehen schauen. Schlimmer Verdacht: Könnte es sein, dass die Ergebnisse solcher Studien ganz maßgeblich davon abhängen, wer sie bezahlt? Nein? Ist alles ganz wissenschaftlich und ultra-repräsentativ? Gut! Dann kann ich mich ja wieder hinlegen.

+++

Das “Zeit Magazin” hatte vor kurzem ein Interview mit Thomas Seitel, dem Lebensgefährten einer gewissen Helene Fischer. Das unaufregende, Verzeihung, ich meine natürlich unaufgeregte Interview war auch für die Klatschpresse ein hoch willkommener Anlass zur fortgesetzten Berichterstattung. Obwohl und gerade weil eben jene Klatschpresse in dem Interview nicht eben gut wegkam. Die Funke-Zeitschrift “Die Aktuelle” druckte einige Social-Media-Kommentare zu dem Gespräch unter der Überschrift “Das denken die Fans über Thomas Seitel”. Dabei stammte einer der abgedruckten Kommentare “Mimimi” laut “Übermedien” von der Chefreporterin des Bauer-Verlags, bekanntermaßen ebenfalls ein Haus mit zahlreichen Klatschblättern. Vielleicht ist die Dame ja halt auch einfach Chefreporterin UND “Fan”. Wer weiß das schon?

Anzeige

+++

Manchmal steckt der Teufel im Detail. In der “heute journal”-Sendung vom 29. Juli sagte Claus Kleber über den noch neuen und durchaus umstrittenen britischen Premier Boris “the hair” Johnson, dieser setze “auch bei der Beschreibung seines eigenen Charakters die Maßstäbe lieber selbst“. Nämlich nach unten. Kleber über Johnson: “Man kann nicht ausschließen, sagt er, dass in meinem Fall hinter der Fassade eines durchgeknallten Idioten tatsächlich ein durchgeknallter Idiot steckt.” Die Website Sciencefiles (die nicht wirklich etwas mit Wissenschaft zu tun hat und selbst auch durchaus umstritten ist) fragte öffentlich nach, woher denn dieses Zitat stamme und das ZDF rückte irgendwann mit der Info raus, das Zitat stamme aus einer “Top Gear”-Sendung der BBC von 2010. Allerdings sagte Johnson in dieser Sendung wörtlich: “You can’t rule out the possibility that beneath the elaborately constructed veneer of a blithering idiot, there lurks an, er, blithering idiot.” Merken Sie was: Da fehlt die von Kleber vorgenommene Zuschreibung “in meinem Fall”. Hätte der “heute journal”-Moderator korrekt zitiert, wäre die Pointe seiner Anmoderation, dass Johnson die Maßstäbe auch über sich selbst setzt, keine gewesen.

ZDF-Intendant Thomas Bellut räumte das falsche Zitat gegenüber Henryk M. Broder schriftlich ein und verspricht: “Ich habe Ihre Anmerkung an die Redaktion weitergegeben und gebeten, bei zukünftigen Übersetzungen noch gewissenhafter zu arbeiten.”

“Noch gewissenhafter.”

Dabei würde einfach nur gewissenhaft ja schon reichen. Es mag wie eine Kleinigkeit wirken, aber genau das sind diese Nadelstiche, die das Vertrauen in die Medien immer wieder untergraben. Und wofür? Für eine gebremst lustige Pointe in der Anmoderation? Boris Johnson bietet nun weiß Gott genug Angriffsfläche. Da muss man gar nicht Jahre alte Zitate von ihm verfälschen.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der “Welt” über die Aufregung rund um ein Interview des CDU-Politikers Carsten Linnemann. Stichwort: “Grundschulverbot”. Außerdem geht es um die Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die das Verhältnis von Medien-Anwälten und Journalisten beleuchtet. Viel Spaß beim Reinhören!

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia