Partner von:
Anzeige

Harte und weiche Strategien: Wie Medienanwälte versuchen, Berichterstattung im Vorfeld zu beeinflussen

Justitia-1.jpg

Medienanwälte drohen Redaktionen oftmals im Vorfeld einer Veröffentlichung mit rechtlichen Konsequenzen. Die sogenannten "presserechtlichen Informationsschreiben" haben aber nur geringe Auswirkungen auf die Berichterstattung, wie eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung zeigt. Anwälte versuchen es daher immer häufiger mit anderen Methoden.

Anzeige

2015 macht ein Fall der Daimler AG Schlagzeilen. Die Deutsche Umwelthilfe und das ZDF hatten eine Untersuchung an den Fahrzeugen des Autoherstellers durchgeführt und wollten die Messergebnisse im Fernsehen präsentieren. Der Anwalt von Daimler war damals der Presserechtsanwalt Christian Schertz. Im Vorfeld schrieb er:

Sollten Sie weiterhin auch nur irgendwie die Behauptung aufstellen, dass meine Mandantin Abgaswerte manipuliert habe, werden wir mit aller gebotenen Nachhaltigkeit gegen Sie vorgehen und Sie insbesondere für jeden wirtschaftlichen Schaden, der meiner Mandantin dadurch entsteht, haftbar machen.”

Es sind Drohungen, die nicht wenige Journalisten kennen. Sie dienen dazu, Medien vor einer Veröffentlichung einer Berichterstattung zu warnen – und diese bestenfalls zu verhindern. Einige Anwälte machen von ihnen Gebrauch, manche sogar regelmäßig. Erstmals haben sich der Medienrechts-Professor Tobias Gostomzyk und der freie Journalist Daniel Moßbrucker damit wissenschaftlich auseinandergesetzt. Unterstützt wurden sie von der Otto-Brenner-Stiftung.

Presseschreiben erhöhen Sorgfalt bei Journalisten

Die Wirkungskraft solcher Schreiben, das ist ein zentrales Ergebnis der Studie, wird oftmals überschätzt. Gerade in Bezug auf den investigativen Journalismus konnten die Autoren keine starke Beeinflussung feststellen. Sie haben dazu u.a. 42 Journalisten und 20 Presserechtsanwälte interviewt. Allgemein würden solche Drohungen zwar die Sorgfalt der Berichterstattung erhöhen (18 der 42 Journalisten gaben das an) und dazu führen, dass einzelne Formulierungen “entschärft” werden. Eine Verhinderung investigativer Recherchen sei allerdings die Ausnahme – und wenn eher bei TV-Produktionen, falls sich die auftraggebenden Sender im Vorfeld weigern, die Haftungsrisiken zu übernehmen.

So gaben 17 der 42 befragten Redakteure an, dass die Drohungen der Anwälte sie eher motivieren als abschrecken. Und in einigen Fällen könnten solche Schreiben Redaktionen erst auf eine Geschichte bringen. So antwortet “Bild”-Chef Julian Reichelt: “Es gibt Fälle, in denen ich die Faxe als Auftakt einer Recherche nehme und eine Story erst in Auftrag gebe.”

Immer öfter “weiche” Methoden der Beeinflussung

Wer als Anwalt Einzelpersonen vertritt, die regelmäßig in der Boulevard-Presse erscheinen, greift eher zu solchen vorgeschalteten Instrumenten als andere. Anwälte, die gegen investigative Recherchen bei großen Medienhäusern vorgehen, haben ihre Strategie dagegen angepasst, zeigt die Studie. Statt eine Berichterstattung im Vorfeld komplett zu verhindern, setzen sie auf “weichere” Methoden, sogenannte kommunikativ-kooperative Maßnahmen. Dabei soll die Berichterstattung inhaltlich beeinflusst werden. Anwälte setzen sich mit Kommunikationsagenturen in Verbindung und bieten Redaktionen andere Informationen zum Tausch an, die aus ihrer Sicht eher veröffentlicht werden können. Praxis ist auch, Hintergrundgespräche zu arrangieren, um die Berichterstattung zu beeinflussen.

Anzeige

Kooperation von Anwälten treffen laut der Studie auf Gegenliebe – weil Journalisten dadurch erneut wertvolle Informationen bekommen und ihre Geschichte sachlicher wird. Die Gefahr für Medien besteht darin, sich nicht instrumentalisieren zu lassen.

Eine weitere Taktik von Anwälte kann sein, konkurrierenden Redaktionen die recherchierten Informationen mit eigenem Spin anzubieten. Das nimmt der Geschichte ihre Exklusivität. Sven Clausen, der Chefredakteur vom “Manager Magazin”, sagt dazu: “Da wäre es wünschenswert, wenn Medien eine Art Selbstverpflichtung abgäben oder sich zumindest ein Verständnis durchsetzte, sich im Interesse aller nicht instrumentalisieren zu lassen.”

Häufiger Kontakt zu Anwälten

Prinzipiell haben Journalisten aber regelmäßig Kontakt zu Anwälten der Gegenseite. 32 von 42 Journalisten berichteten in den Interviews von einem Kontakt im Vorfeld der Veröffentlichung, 38 der 42 Befragten hatten schonmal danach mit Anwälten zu tun. Zudem erhalten Medien der Studie zufolge im Schnitt drei Warnungen im Monat vor einer Berichterstattung und müssen sich doppelt so oft danach mit Anwälten auseinandersetzen.

Übrigens hat sich auch das ZDF und die Deutsche Umwelthilfe nicht von dem Daimler-Anwalt einschüchtern lassen. Die DUH veröffentlichte sowohl die Abgasmessergebnisse als auch das Schreiben des Anwalts. Versuche, dagegen vorzugehen, blieben bis dato erfolglos.

 

Die komplette Studie steht auf der Homepage der Otto-Brenner-Stiftung zum kostenlosen Download bereit.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Liest eigentlich jemand über die Texte auf meedia.de? Ausgerechnet auf einer Medienseite so viele Fehler. Hier verkehrt der Autor den Sinn in das genaue Gegenteil. Zitat aus obigem Text: “Die Gefahr für Medien besteht darin, sich nicht instrumentalisieren zu lassen.” Sehr witzig. Jeder “Lügenpresse”-Krakeler dürfte sich durch den Satz bestätigt fühlen. Sich nicht instrumentalisieren zu lassen ist also eine Gefahr? Ich hoffe für die deutschen Medien, dass das Gegenteil stimmt: Die Gefahr für Medien besteht darin, sich instrumentalisieren zu lassen. Sich nicht instrumentalisieren zu lassen, ist das einzig richtige.

  2. Kann ich alles nur bestätigen. Es kann mir als investigativem Journalisten nichts besseres passieren, als dass die “Gegenseite” mauert, Fragen nicht beantwortet und stattdessen der Anwalt droht. Dann steht 1. im Artikel “xy wollte sich nicht äußern und drohte mit rechtlichen Schritten”, was dann beim Leser den Eindruck erzeugt: “Der hat was zu verbergen und an den Vorwürfen ist wohl was dran.” Und 2. macht es weniger Arbeit, weil ich mich dann nicht mit den Argumenten der Gegenseite außeinandersetzen muss.

    Geschickte PR-Leute suchen deshalb auch lieber das Gespräch im Vorfeld. Und natürlich nehme ich das Angebot an. Zum einen, weil ich in der Berichterstattung die Argumente der “Gegenseite” angemessen darstellen muss, ansonsten kann ich hinterher vor Gericht Probleme bekommen. Viel wichtiger aber: Häufig komme ich so der Wahrheit näher. Denn die Informationen aus der Recherche stammen ja häufig aus zweiter Hand oder von Informanten mit eigenen Interessen (persönliche/wirtschaftliche oder Whistleblower, die – manchmal auch nur vermeintliche – Missstände aufdecken wollen). Da werden dann gerne entlastende Informationen “vergessen”. Das ist nicht schlimm, denn um das gradezubiegen, ist die PR-Abteilung der “Gegenseite” da. Der sollte man dann ohne Scheuklappen zuhören. Dann kriegt eine Geschichte auch schon mal einen ganz anderen Spin als ursprünglich geplant. Das hat auch nichts mit Instrumentalisierung zu tun, sondern mit der Suche nach der Wahrheit (ich weiß, das ist im aktuellen Journalismus nicht mehr in).

    Es gibt aber auch sehr dumme PR-Abteilungen, die dann im Hintergrundgespräch dreist lügen – selbst dann noch, wenn sie merken müssten, dass man sehr intensiv Bescheid weiß und viele interne Unterlagen hat. Dann steht im Artikel, Unternehmen a sagt, es hätte nie mit der Aussage xy um Anleger geworben, aber der Redaktion liegt ein Screenshot der Webseite aus dem Jahr z vor, auf dem xy steht. Dann doch lieber schweigen statt lügen.

  3. Es geht noch direkter:
    Der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte soll laut dem Buch “Meinungsmache”gleichzeitig dem Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung angehört haben. In dieser Position soll er erfolgreich eine Sendung über die Rolle von Bertelsmann im “Dritten Reich” verhindert haben….
    Nicht zuletzt deshalb können die “Bertelsmänner” und viele Angehörige von vielen anderen Medienunternehmen noch immer von “die Deutschen” statt “wir Deutschen” schreiben wenn es um diese Zeit geht.

  4. Studie der Otto-Brenner-Stiftung….das sagt doch schon alles.
    Aber wer die Medien politisch missbraucht, hat eben auch Probleme mit Anwälten und Gerichten, die die Rechtsordnung berücksichtigen.

    1. Sie müssen Ihren Seich zwanghaft loswerden, auch wenn obendrüber genau das Gegenteil steht, gell? Davon lassen Sie sich nicht stören, eine gesprungene Schallplatte kann ja auch sehr lange laufen…

      Anwalt wollte mit Drohungen die Aufdeckung des großen Abgasskandals unterbinden, die inzwischen soweit geführt hat, dass Autovorstände sogar persönlich angeklagt werden und womöglich demnächst einfahren. Viele sorgfältig und unerschrocken arbeitende Journalisten sorgten dafür, dass der Rechtsstaat nun zum Recht kommt.

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia