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Winterbauers Woche: der verzweifelte Konsumsüchtling vom WDR

Kanzlerinnen-Urlaub, Malcom Gladwell, Lorenz Beckhardt vom WDR, DLF “in eigener Sache”
Kanzlerinnen-Urlaub, Malcom Gladwell, Lorenz Beckhardt vom WDR, DLF "in eigener Sache" Fotos: Bild,de/YouTube/TED/Twitter.com/deutschlandfunk.de

Und wieder einmal müssen wir uns mit der leidigen Frage befassen, wie Medien berichten sollten angesichts solch furchtbarer Verbrechen wie sie jüngst in Frankfurt und Stuttgart geschahen. Außerdem: Ein konsumsüchtiger WDR-Redakteur wünscht sich eine strenge Hand, Malcolm Gladwell macht schlaue Werbung und die Kanzlerin urlaubt auf Balkonien. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Was sagen Sie zu diesem schrecklichen Verbrechen, das da am helllichten Tag in Stuttgart geschah? Bei dem ein angeblich syrischer Flüchtling einen Mann mit einem Samurai-Schwert regelrecht abgeschlachtet hat? Wie, Sie haben davon gar nix mitbekommen? Dann beziehen Sie womöglich Ihre Informationen aus der 20-Uhr-Ausgabe der “Tagesschau”, da fand das Thema nämlich gar nicht statt. Vermutlich, weil es sich “nur” um einen Kriminalfall von bestenfalls “regionaler Bedeutung” handelte. So lautet die Begründung für das Weglassen von Themen aus der “Tagesschau” und anderen Qualitätsmedien häufig.

Dafür wissen Sie nach “Tagesschau”-Sichtung aber, dass die Wuppertaler Schwebebahn wieder fährt. Auch was wert und sicherlich bundesweit höchst relevant. Der Deutschlandfunk verzichtete auch ganz vornehm auf eine Berichterstattung zu Stuttgart, eben weil dort “einzelne Kriminalfälle nur selten eine Rolle” in den Nachrichten spielen. Ja, echt? War der Fall von Frankfurt, als eine Mutter mit Kind vor einen ICE gestoßen wurde, nicht auch nur ein “einzelner Kriminalfall”? Über den hatte die “Tagesschau” übrigens zunächst unter “ferner liefen” berichtet, kurz hinter einem höchst relevanten Beitrag zu den Wahlen in Afghanistan. Erst nachdem der Bundesinnenminister dazu eine Pressekonferenz abhielt, rutschte das Thema bei der “Tagesschau” auf die Eins. In einer Woche also, in der der Innenminister samt BKA-Chef und Bundespolizeipräsident vor die Öffentlichkeit tritt und erklärt, dass das “Sicherheitsgefühl in Deutschland sehr angespannt” ist, wird ein Mann in Stuttgart auf offener Straße abgeschlachtet. Das soll dann nur regional von Bedeutung sein?

Bei vielen anderen Qualitätsmedien musste man die Stuttgart-Nachricht auf den Homepages mit der Super-Lupe suchen. Und bei den Mini-Meldungen, die sich dann in Ressorts wie “Vermischtes” oder “Panorama” fanden, war in Polizeiberichtsprache oft noch von einem “schwertähnlichen Gegenstand” die Rede, den der Täter angeblich benutzt habe. Gespreizter und mehr mit spitzen Fingern angefasst geht es kaum. So überlassen die Qualitätsmedien die Verbreitung und Einordnung dieses Verbrechens größtenteils den Boulevardmedien, Social Media und der AfD. Hauptsache, man macht sich selbst nicht die Finger schmutzig. Ganz herzlichen Glückwunsch!

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Diese Woche wurde nicht nur darüber gestritten, was berichtet werden darf. Es ging auch mal wieder um die Frage, ob wir noch Auto fahren, fliegen und Fleisch essen dürfen. Und wenn ja, wie viel, ohne dass gleich die Welt untergeht. In besonderer Weise hervorgetan hat sich dabei Lorenz Beckhardt vom WDR, der dazu einen Kommentar in den “Tagesthemen” einsprach. Er bekannte, selbst ein Fleisch essender, Auto fahrender, in der Weltgeschichte herumfliegender Wicht zu sein und bettelte regelrecht darum, dass ein starker Führer (oder möglicherweise: eine Führerin) ihn doch an die Kandare nehmen und das alles so verdammt teurer machen möge, auf dass er nicht mehr in Versuchung geführt würde (ich habe das jetzt ein kleines bisschen zugespitzt formuliert).

Der arme Mann! Eine solche Autoritätsperson würden “wir” dann auch ganz sicher “alle” wählen, meinte der verzweifelte Konsumsüchtling vom WDR. Es gab dann erwartbaren Gegenwind in Form von “Welt”-Kommentaren und Tweets aus den Reihen der FDP. Muss man nicht näher drauf eingehen. Aber eines frage ich mich doch: Glaubt Herr Beckhardt tatsächlich, dass eine Partei bzw. ein Politiker Wahlerfolge einfahren könnte, wenn er oder sie erklärt, dass Fleischkonsum, Autofahren und Flüge radikal teurer werden sollen? Na, dann viel Vergnügen im Wahlkampf!

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Nun aber zu etwas komplett anderem: Wer sich dafür interessieren sollte, wie man Werbung unterhaltsam und intelligent macht, könnte mal in den Podcast “Revisionist History” von Malcolm Gladwell reinhören. Der Podcast ist ganz generell super hörenswert, aber wie Gladwell dort Werbung einbaut, ist schon auch sensationell. Er bewirbt zum Beispiel den Decken-Hersteller Parachute, indem er bei einer Frau in Manitoba anruft, deren Mutter eine legendäre Quilt-Macherin (Quilt = traditionelle amerikanische Zierdecken) ist und sie befragt, ob ihre Mutter vielleicht eine geheime Geschäftsvereinbarung mit “Parachute” habe. Hat sie wohl nicht. Am Ende preist Gladwell die “Parachute”-Decken dann als “so gut, sie könnten hypothetisch von Beths Mutter gemacht sein!” an. Oder er bewirbt den Online-Job-Vermittler Zip Recruiter, indem er seine Assistentin interviewt, wie sie an ihren Job bei ihm kam. Immer wieder findet und erfindet Gladwell kleine Geschichten zu den beworbenen Produkten und Dienstleistungen und präsentiert diese in seinem Podcast mit einer gewissen ironischen Distanz. Das ist Werbung für denkende Menschen. Und – komplett irre: Es scheint zu funktionieren!

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Zu den schönsten Medien-Phänomenen des Sommers gehören für mich die Paparazzi-Fotos aus dem Urlaub der Bundeskanzlerin. Wir erinnern uns an Aufnahmen des Kanzler-Ehepaares mit missmutiger Miene und Anno-Tobak-Wanderhosen in einem Old-School-Sessellift. Dieses Jahr zeigen die “Abschüsse” Kanzlerin Merkel u.a. wie sie ihren Badeanzug auf dem Balkon ihres Hotels zum Trocknen aufhängt. Egal, was man von Frau Merkel und ihrer Politik hält: Ein Staatsoberhaupt, das so uneitel und bescheiden ist, muss man erstmal finden!

Schönes Wochenende!

PS: Auch im Podcast “Die Medien-Woche” diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der “Welt” über die Frage, wie Medien über Verbrechen wie in Frankfurt oder Stuttgart berichten sollten. Außerdem geht es um den Tod der Bloggerin Marie Sophie Hingst und wir haben ein Interview mit Michael Bröcker. Der Chefredakteur der “Rheinischen Post” hat Hans-Georg Maaßen interviewt und darüber einiges zu erzählen! Viel Spaß beim Reinhören!

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Alle Kommentare

  1. Ich hoffe, dass ich den Tag noch erlebe, dass den öffentlich-rechtlichen der Strom der zwangeingetriebenen Gelder entzogen wird und diese Form von gelenktem Journalismus sein Ende findet. Wer täglich leistungslos in Sekt badet verliert zwangsläufug den Kontakt zur Bevölkerung, die hart für ihr Geld arbeiten muss.

  2. Ach Herr Winterbauer,
    Frau Merkel ist nicht das Staatsoberhaupt, sondern die Regierungschefin.
    Staatsoberhaupt ist Herr Steinmeier und der hängt seine Badeanzüge nur sehr selten zum trocknen raus.

  3. Es sind ja die doppelten Massstaebe, welche Leser enttaeuschen. Messermorde und Kopftreter, freigelassene Mörder (Bonn Godesberg) etc. von regionaler Relevanz, eine Böller vor der Moschee – oh weh! Merkel un die Hauptnachrichtensendungen werden bemüht.

    1. In Wiesbaden töten sich zwei Männer gegenseitig mit Messern. Beide sind Deutsche. In Kassel tötet ein Deutscher einen Mann mit fünf Schüssen. In Stuttgart tötet ein Syrer einen Mann mit einer Machete. Welche Nachricht wird von Bild riesengroß gespielt? Richtig. (C) Jan Jessen, FB

      1. In Deutschland sind Macheten noch etwas exotisches.
        Und nicht jeder ist der Ansicht, dass in Zeiten von “Multikulti” und “das Zusammenleben täglich neu verhandeln” da wo “Deutscher” draufsteht, auch “Deutscher ” im gewohnten Sinne drin ist…

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