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Wissen, wie der Hase läuft – Lokaljournalismus zwischen Klischees und digitaler Transformation 

Mit Kaninchen kennen sich Lokaljournalisten gut aus. Gilt das auch in der digitalen Zukunft?
Mit Kaninchen kennen sich Lokaljournalisten gut aus. Gilt das auch in der digitalen Zukunft? Foto: TaiLi Samson/Unsplash

Für Lokaljournalisten ist gerade die spannendste Zeit seit den Gründerjahren der Tageszeitungen. Niemals wurde ihre Arbeitsweise derart auf den Kopf gestellt und niemals wurde ihr Tun derart in Frage gestellt wie durch die Digitalisierung. Malte Kirchner schreibt im Rahmen der Essay-Reihe "Werteorientierte Digitalisierung" über den Wandel im Lokalen.

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Von Malte Kirchner

Die Digitalisierung erfindet den Lokaljournalismus neu. Waren früher Journalisten davon abhängig, dass ihnen ein Verlag ein Sprachrohr gab, sind es heute die Verlage, die mehr denn je abhängig davon sind, fähige Journalisten zu finden, die alle Kanäle bedienen können, die beim Leser gefragt sind. Diese neue Rolle verlangt den Lokaljournalisten ein höheres Maß an technischem Knowhow und Experimentierfreudigkeit ab.  Zunächst müssen sie aber erkennen, dass sie es sind, die die Rahmenbedingungen für den Lokaljournalismus der Zukunft aktiv mitgestalten. 

Zu keinem Zeitpunkt boten sich Lokalmedien so viele neue Chancen, sich journalistisch auszuleben – angefangen bei der Recherche über die Verarbeitung bis hin zum Ausspielkanal. Ganz zu schweigen von den unmittelbaren Dialogmöglichkeiten mit dem Leser. Und all das muss nicht viel kosten. Früher mussten junge Journalisten in die großen Städte zu den großen Häusern, um Großes zu bewegen. Heute ist das auch im Kleinen möglich.

Lokaljournalistische Klischees und Umbrüche 

Dabei haftet Lokaljournalisten bis heute das Klischee an, ausführlich über den “letzten Kaninchenzuchtverein” zu schreiben. Darin steckt sogar ein Funken Wahrheit: Chronistenpflicht, lokale Verankerung und das Spiegeln der Gesellschaft vor Ort sind Punkte, wofür Leser ihre Medien vor Ort bis heute wertschätzen. Auch wenn sie nicht die Reichweiten-Stars sind. Angesichts der auf dem Lande schrumpfenden Vereinslandschaft sind es allerdings immer häufiger auch Nachrufe auf Vereine, die es zu schreiben gilt. Oft ist es sogar tatsächlich “der letzte Kaninchenzuchtverein” – weil es schlichtweg keinen mehr gibt. Die Welt, über die der Lokaljournalismus berichtet, ist im Umbruch. Und die Lokalmedien ebenso.

Die wichtigste Kompetenz von Lokaljournalisten bleibt online unumstritten: Dreht man das Vorurteil vom Kaninchenzuchtverein ins Positive, dann zeigt das Klischee doch, dass die Menschen Lokaljournalisten zutrauen, dass sie wissen, “wie der Hase” läuft.

Lokaljournalismus fand schon immer in sozialen Netzwerken statt. Nur hießen Facebook, Twitter und Instagram bis vor einigen Jahren noch Bürgerverein, Siedlergemeinschaft, Turn- und Sportverein oder eben Kaninchenzuchtverein. Das Zurechtfinden in neuen “sozialen Netzwerken”, das Identifizieren von Ansprechpartnern und das Bewerten der Glaubwürdigkeit von Informationen gehörten immer schon zum Geschäft. 

Nicht das Ob, sondern das Wie steht zur Debatte

Das Anforderungsprofil an Lokaljournalisten befindet sich jedoch im Wandel. Alte Tugenden wie gute Schreibe, Wissbegierde, Resilienz und ein kommunikatives Wesen werden ergänzt durch technische Fertigkeiten: Wer always-on, ein Nerd oder im Herzen ein Social-Media-Manager ist, liegt deutlich im Vorteil. Lokaljournalisten werden zunehmend zu multimedialen Allroundern. Empfanden es vor 20 bis 30 Jahren einige als Bürde, dass sie ihre geschriebenen Texte selbst umbrechen mussten, sehen sich heute Lokaljournalisten damit konfrontiert, zusätzlich zu filmen, live zu streamen oder gar zu podcasten. 

Dadurch hat sich das Arbeiten vor Ort verändert. Dies ist für die dortigen Ansprechpartner oftmals noch eine neue Erfahrung, wenn mit dem Smartphone fotografiert oder ein Video-Interview gestreamt wird. In der Redaktion ist neben einem guten Riecher für das Stadtgespräch zunehmend die technische Fertigkeit gefragt, diverse Kanäle und Gruppen durch softwaregestütztes Monitoring im Blick zu behalten.

Der Job fordert den einzelnen sehr – aber er hat dadurch mittlerweile so viel zu bieten wie nie: Wer damals im Bewegtbild berichten wollte, musste zum Fernsehen. Es gab Radiojournalisten, Datenjournalisten und Infografiker. Die Experten mit guter Ausbildung und jahrelanger Erfahrung werden weiterhin benötigt. Doch längst nicht für jede niedrigschwellige Grafik braucht es einen Spezialisten. Die Werkzeuge dazu sind teilweise im Netz frei verfügbar, wie der Datawrapper für Infografiken, Audacity als Produktionssoftware für Podcasts oder CrowdTangle für das Social-Media-Monitoring. 

Selbst eine Paywall ist mit günstigen Diensten schnell hochgezogen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Journalisten von IT-Menschen und Technikern mit Spezialausbildung abhängig sein mussten. Mussten wohlgemerkt, denn es ist natürlich an den Journalisten, diese Freiheit zu leben und einzufordern.

Gefeierte Irrwege der Branche

Wo der Weg nicht mehr geradeaus geht, sondern Abzweigungen in verschiedene Richtungen führen, gibt es Irrwege. Der vor einigen Jahren gefeierte QR-Code oder das Tablet als Allheilmittel waren solche Sackgassen. Aber die gewonnenen Erkenntnisse sind heute wertvoll. Genauso wird es eines Tages mit aktuellen Modewörtern wie Virtual und vor allem Augmented Reality sein. Eine Erkenntnis ist zweifellos, dass es gar nicht immer so aufwändig und hochtechnisch sein muss: Ein Live-Ticker zum richtigen Thema oder ein gut geschriebener Text mit Bilderstrecke haben erwiesenermaßen das Zeug, die Herzen der Leser zu erobern.

Ungewohnt ist für viele langjährige Lokaljournalisten auch das Tempo, in dem populäre neue Kanäle und Ausgabeformen durch neue ersetzt werden. In einer Branche, zu deren elementaren Werten jahrzehntelang Kontinuität und Verlässlichkeit zählten, ist dieser stete Wandel ein neues Lebensgefühl. Die digitale Transformation ist kein Prozess, der einen Abschluss findet. Es gibt nicht den einen Kanal für die Zukunft.

Abhängigkeit von Redaktionssysteme-Herstellern 

Lokaljournalisten und lokale Medienhäuser wagen trotz der regional unterschiedlichen Bemühungen heute noch zu wenig. Dies hat zum einen damit zu tun, dass sie oft nicht die gleichen finanziellen Möglichkeiten wie große Medienhäuser haben. Zum anderen liegt es daran, dass sie parallel mit zwei Zielgruppen arbeiten, der tendenziell eher traditionalistischen im Print und der modernen online. Sie können sich nicht nur um die einen oder um die anderen kümmern. Für die Unternehmen geht es um nicht weniger, als ein jahrzehntealtes erfolgreiches Geschäftsmodell durch ein neues zu ersetzen.

Ein anderer wunder Punkt: Der Mut, selbst technisches Knowhow aufzubauen, ist meist gering. Viele Medienhäuser befinden sich in der Abhängigkeit von Redaktionssysteme-Herstellern und sonstigen technischen Dienstleistern, die horrende Preise aufrufen und damit Innovation hemmen. Die Vorstellung davon, wie digitale journalistische Produkte aussehen sollen, wird zu stark von denjenigen diktiert, die eigentlich nur die Rahmenbedingungen schaffen sollen und das umsetzen, was die Kreativen erdacht haben. Mehr Hands-On-Mentalität in den Redaktionen und die verlegerische Bereitschaft, Journalisten in Projekten oder Verticals machen zu lassen, bieten ein ungeahntes, bislang noch viel zu wenig geschöpftes Potenzial.

Rückbesinnung auf die Anfänge
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Alles, was der Lokaljournalismus – gerade im Print – braucht, ist eine Rückbesinnung auf seine Anfänge. Damals waren es oft sehr kleine Einheiten, manchmal Ein-Mann-Unternehmen, die einen Verlag und eine Redaktion aus der Taufe hoben: Wenig Geld, viel Idealismus, Freude an der neuen Drucktechnik, am Journalismus und an der Arbeit mit den Menschen prägten diese Zeit des Aufbruchs. 

Heute stehen an der Stelle der Drucktechnik neue Webtechnologien und im besten Falle die Bereitschaft, sich auf die Programmierung selbst einzulassen. Augenmaß und Wagemut, oder neudeutsch: Startup-Kultur stünden dem Lokaljournalismus gut zu Gesicht. Etablierte Medienhäuser können hierfür die Rahmenbedingungen schaffen. Aber: Die Abhängigkeit von einem Verlag ist für Journalisten so gering wie noch nie. Die Druckerpresse war ein limitierender Faktor. Heute kann jeder ein lokales News-Portal eröffnen. Der einzelne Journalist kann heute eine viel größere Rolle spielen. Wenn er sie denn annimmt. Zeit für ein neues Denken.

Malte Kirchner

Der Autor: Malte Kirchner leitet die Online- und die Friesland-Redaktion bei der “Wilhelmshavener Zeitung”. Privat betreibt und moderiert er mit dem “Apfelfunk” und dem “KFZ Podcast” zwei länderübergreifend erfolgreiche Podcasts. Kirchner ist Teilnehmer des ersten Jahrgangs des journalistischen Weiterbildungsprogramms Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.  

Über die Reihe: Dies ist der zwölfte Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht.

Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Teil 4: Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

Teil 5: Journalismus nach Relotius: Warum wir uns nicht auf den Täter, sondern auf die Frage der Haltung fixieren sollten

Teil 6: Lösung sucht Problem: fünf Schritte für eine produktive Innovationskultur der Medien

Teil 7: Weg mit dem Dringlichkeitsalgorithmus! Ein Sechs-Stufen-Plan für Bewältigungsstrategien in der New-Work-Welt

Teil 8: “Like Deine Freude, wie Du selbst geliked werden willst” – wie wir uns alle einer Digitalisierungsreligion unterwerfen

Teil 9: “Freie Presse” in Chemnitz auf Tuchfühlung mit Lesern: Warum der Lokaljournalismus besser wird

Teil 10: Ein Spotify für den Journalismus? Fünf Strategien zur Steigerung der Zahlungsbereitschaft im Netz

Teil 11: Warum wir Diversität im Medienbetrieb neu definieren müssen – die Hölle, das sind nicht die anderen

Teil 12: “So muss Lokaljournalismus aussehen”: Wie die Lüneburger “Landeszeitung” mit ihren Lesern ins Gespräch kommt

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Alle Kommentare

  1. Viele Lokaljournalisten leben hinter dem Mond, wenn sie glauben, den Lesern etwas verschweigen zu können. Das mag vor hundert Jahren so gewesen sein.

  2. Da ist Herr Kirchner aber auf dem Holzweg. Der einzelne Journalist, gerade im sublokalen Bereich, vor allem, wenn er sich darauf konzentriert, kämpft mit Unverständnis für den Wert von solchen Online-Medien regionaler Anbieter, den Anspruch als Leser alles umsonst zu bekommen und einer Reichweite, die sublokal zwar gut, für Einnahmen, beispielsweise über Google-Anzeigen, unrelevant. Leser erwarten zudem, dass ein Medium möglichst umfassend und regelmäßig aus dem sublokalen Bereich informiert. Diese Nachrichten sind “handgemacht”, weil keine Agenturen den Content liefern. Das erfordert in der Regel in einem gewissen Umfang Zulieferung, die “fair bezahlt” sein will, inklusive Künslersozialkasse etc..
    Gerade sublokale Medien leiden an “engagierten” jungen Journalisten, die gern mit einer Mission unterwegs sind, oft politisch fossiert. Das endet in der Regel mit Selbstausbeutung, Ausbeutung von Zulieferern, geringen Leserqouten und meistens mit einem langsamen Ende des Mediums.
    Wenn man sich dann in der professionellen lokalen Online-Szene umschaut, stellt man, wenn man die Zeit hat, fest, dass selbst angesehene Titel nicht in der Lage sind ihre in der Regel jungen und hoffnungsfrohen journalistischen Zulieferer zu auch nur annährend fair zu bezahlen.
    Gerade lokaler, in der Regel digitaler Journalismus erfordert weit mehr als, als in dem Artikel angesprochen. Technische Umsetzungen sind dabei noch das kleinste Problem. Erwaähnenswert sind auch alle rechtlichen Parameter, die gerade an kleine und Kleinstbetrieb ein diesem Bereich in den letzten Jahren eine enorm erhöhte Anforderung gestellt haben. Er verlangt aber vor allem nach Menschen, die auch in der Lage sind, durch Vernetzung und Überzeugungskraft nicht nur eine redaktionelle vielseitige Leistung zu erbringen, sondern auch die Einnahmen zu generieren, die so ein Projekt mittel- und langfristig tragen.

  3. Bei verschiedenen Vorfällen in Bahnhöfen und Bädern wurde gerade in letzter Zeit zwar sehr stark das Geschlecht, aber nicht über die Herkunft von beteiligten Personen berichtet.
    Ersteres scheint für die Berichterstatter aus nicht weiter ausgeführten Gründen sehr wichtig zu sein, während aber letzteres als nicht wichtig und berichtenswert empfunden, deklariert und behandelt wird.
    Für den Konsumenten stellt sich hier leider ganz massiv die Frage, ob er/sie sich mit dieser Form von Gatekeepertum von Medien abfinden will und bereit ist dafür auch noch Geld auszugeben.
    Vor allem vor dem Hintergrund, dass der Konsument bei der Bereitschaft dies zu akzeptieren und (finanziell) zu honorieren automatisch jede Kontrolle über sein Umfeld abgibt.
    Hier sollte auch berücksichtigt werden, dass es zu vielen Fällen in der Vergangenheit noch heute gerade in medialen und intelektuellen Kreisen den ganz massiven Vorwurf gibt, die Menschen damals hätten das doch wissen müssen…..

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