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Winterbauers Woche: Kann mal eben jemand bei der “SZ” aufs Klo gehen und schauen, was da für Handtücher hängen

Lindner in der ARD, das Tagebuch des Helmut M., die “Süddeutsche” ohne Sommersause, “TV Spielfilm” ohne eigene Redaktion
Lindner in der ARD, das Tagebuch des Helmut M., die "Süddeutsche" ohne Sommersause, "TV Spielfilm" ohne eigene Redaktion

ARD-Frau Tina Hassel überbringt FDP-Chef Christian Lindner "geschmacklose" Zuschauerfragen zu seiner Freundin. Beim "Focus" sind sie ganz betrübt, dass Jens Spahn nicht Verteidigungsminister wurde. Leser trauern der alten "TV Spielfilm" nach und die "Süddeutsche" streicht ihr Sommerfest. Der Medien-Wochenrückblick.

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Ach, ARD! Da will man sich mal modern zeigen und plant flankierend zu den klassischen Sommer-Interviews eine interaktive Schnell-Runde mit Fragen aus dem Publikum, Verzeihung: aus der “Community”, und setzt sich dann gleich zum Auftakt im Gespräch mit FDP-Chef Christian Lindner in die Nesseln. Müffelten schon einige der ersten Fragen schwer nach Klischee Nr. 5 (“Porsche oder Mercedes SLK”?) wurde der Bogen mit der Schnellfrage “Vermögenssteuer oder gleichaltrige Freundin” souverän überspannt. Dass Lindner mit einer elf Jahre jüngeren RTL-Moderatorin liiert ist, ist kein Geheimnis. Der Politiker trägt sein Privatleben aber auch nicht durch die Öffentlichkeit wie eine Monstranz. Was soll also diese dumm herbeikonstruierte Alternative “Vermögenssteuer oder gleichaltrige Freundin”? Community? Come on! Es ist faszinierend, sich den Ausschnitt im Video anzuschauen. Man sieht, wie Lindner hier denkt, wie er realisiert, dass er bei einer Antwort nur verlieren kann. Dann sagt er geistesgegenwärtig: “geschmacklos”. Fragestellerin Tina Hassel ist danach bei massiven Rückruder-Bewegungen zu betrachten. Schnell geht sie weiter zu anderen Fragen und betont ein ums andere mal, dass dies ja nicht ihre Fragen seien, sondern solche, die von der “Community” “reingeflogen” kämen.

Ja, klar. Gerade so, als ob die Redaktion hier keine Vorauswahl treffen würde. Lindner arbeitete die Sache nach und er thematisierte diese Frechheit in Frageform nochmal. Er fragte seinerseits Frau Hassel, ob sie das nicht selbst als geschmacklos empfände. Sie würde eine solche Frage ja auch gar nicht stellen, sagte sie und verwies – ruder, ruder – auf ihre Rolle als “Anwalt” der Zuschauer. Eine eher preiswerte Ausrede. So wird sich die ARD auch künftig immer wieder mit Vorwürfen auseinandersetzen dürfen, einen Bias in eine bestimmte politische Richtung zu haben. Dieses Wochenende befragt Tina Hassel die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock. Mal schaun, was da so für Fragen hereinfliegen.

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Prognosen sind seit jeher eine schwierige Sache, zumal wenn sie die Zukunft betreffen. Trotzdem sind sich gerade auch Journalisten immer wieder erschreckend sicher, ganz genau zu wissen, was nun bald oder gleich hundertprozentig passieren wird. Diese Woche kam mir im Arzt-Wartezimmer (stimmt wirklich!) ein “Focus” unter die Finger. Es war eine Lesezirkel-Ausgabe, und zwar die Nummer 29 vom 13. Juli. In seinem “Tagebuch” ganz hinten widmete sich Helmut Markwort der Frage, wer denn Ursula von der Leyen im Verteidigungsministerium nachfolgen könnte. Da das Hefterl schon ein paar Tage älter war, wusste ich schon mehr als der Herr Markwort zum Zeitpunkt der Drucklegung. Wenn man rückblickend solche Spekulatius-Stories liest, ist das schon sehr ernüchternd. “Zu den vielen möglichen Rochaden werden etliche Namen genannt. Die CDU-Spitzen AKK und Merz sind nie dabei. Obwohl sie das Kabinett mit ihrer jeweiligen Kompetenz verstärken könnten, spielen sie in keiner Spekulation eine Rolle. Zwei Szenarien sind denkbar.” Szenario 1, laut Markwort: Jens Spahn wird Verteidigungsminister, Annegret Kramp-Karrenbauer Gesundheitsministerin. Szenario 2: Friedrich Merz wird Wirtschaftsminister, Peter Altmaier wird Gesundheitsminister. Dass Spahn Verteidigungsminister werden muss, schien für Helmut Markwort unumstößlich festzustehen.

Im nächsten Absatz erklärte er seine Szenarien dann – Huch! – selbst für obsolet, denn: “Angela Merkel hat weder Lust, ihre Parteichefin AKK an den Regierungstisch zu holen noch ihren alten Rivalen Merz, der unabhängig auftreten kann.” Außerdem, so Markwort, wollten sich weder AKK noch Merz “in einer Koalition verbrennen lassen, die jeden Tag auseinanderfliegen kann. Sie bleiben lieber in den Startlöchern für eine nächste Regierung.”

Wie wir alle wissen, kam erstens alles ganz anders und zweitens als Helmut Markwort dachte. Kurz bevor die Berufung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin bekannt wurde, verschickte “Focus Online” übrigens noch fix eine Eil-Meldung, dass Jens Spahn Verteidigungsminister werden würde, um auch wirklich noch die allerletzte Gelegenheit zu nutzen, schön daneben zu liegen.

Spekulatius bitte nur an Weihnachten und auf dem Teller!

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Burda löst seine TV-Magazin-Redaktion in Hamburg auf und gibt die Produktion von “TV Spielfilm”, “TV Today” und “TV Schlau” an die Funke Mediengruppe. Das ist schlimm für die Betroffenen Mitarbeiter. Ob ein solcher Schritt wirtschaftlich wirklich unausweichlich ist, lässt sich von außen nur schwer beurteilen. Was ich aber bemerkenswert fand, waren die zahlreichen Leser-Kommentare unter den entsprechenden MEEDIA-Meldungen zum Thema, die der “TV Spielfilm” alten Zuschnitts schon jetzt nachtrauern. “Die erwartbare Zusammenschaltung der Texte wird auch Grund für mich sein, der Spielfilm fortan zu entsagen”, schreibt da einer. “Gerade ‘TV Spielfilm’ lebt(e) von der Fachkenntnis und Besonderheit der Redaktion. Schade”, ein anderer. Ein weiterer Kommentar: “Die überaus geistreichen bis bissigen Kommentare zu den Sendungen im Programmteil sind ein Markenzeichen der Zeitschrift, die sie aus dem üblichen Allerlei heraushebt. Und die kommen nun mal von den Autoren, die jetzt geschasst werden.”

Es scheint, dass es da noch Leser gibt, denen die Zeitschrift “TV Spielfilm” alles andere als egal ist, bzw. war. Ist diese Zielgruppe zu klein, um wirtschaftlich interessant zu sein? Es wäre doch schön, irgendjemand könnte diesen Menschen, die der alten “TV Spielfilm” nachtrauern, ein inhaltliches Angebot machen. Ob die Programmie-Zentralredaktion von Funke das schafft? Wir werden sehen.

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Die Nachricht, dass die “Süddeutsche Zeitung” in diesem Jahr ihr Sommerfest streicht, geisterte schon ein paar Tage durch die Branche, der kress hat jetzt eine Meldung daraus gemacht. Gleichzeitig werde das in zweijährigem Rhythmus stattfindende Fest für Verlags-Pensionäre gestrichen und die Geschäftsführung überlege, den halben freien Tag am Faschingsdienstag zu streichen. Alles jeweils aus den bekannten “wirtschaftlichen Gründen”. Wenn Firmen Feste streichen, kommt das nie gut an. Schlimmer wäre nur noch der Image-Super-GAU: Weihnachtsfeier ausfallen lassen. Nicht selten sind solche Maßnahmen die Ouvertüre für weit härtere Einschnitte. Damit es dann nicht heißt: Die schmeißen Leute raus, aber für die Sommer-Sause war noch Kohle da.

Bei einer Fortbildungsveranstaltung, an der ich vor vielen Jahren beiwohnen durfte, hat die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld mal erzählt, woran man u.a. erkennen kann, dass es einer Firma finanziell vielleicht gerade nicht ganz so dolle geht. Man solle doch mal auf die Toilette gehen. Wenn dort die Einweg-Papierhandtücher durch schlotziges Frottee ersetzt wurde und der Seifenspender durch ein Stück Kernseife, dann könne es brenzlig werden. Kann mal eben jemand bei der “Süddeutschen” aufs Klo gehen und nachschauen?

Trotz allem: Schönes Wochenende!

PS: Unser Podcast “Die Medien-Woche” meldet sich heute aus der Sommerpause zurück. Christian Meier von der “Welt” und ich sprechen u.a. über eine zweifelhafte “Spiegel”-Story, über den Trend, dass Redaktionen ausgelagert werden, über das Lindner-Interview der ARD und – es wird heiß – über “Paradise Hotel”. Viel Spaß beim Reinhören!

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