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“Journalistische Institution im Zwielicht” – “Handelsblatt”-Investigativ-Chef Iwersen über den Fall Wirecard vs. “FT”

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen © Handelsblatt

Der deutsche Zahlungsdienstleister Wirecard hat schwere Anschuldigungen gegen die britische "Financial Times" erhoben. Das Unternehmen behauptet, dass Mitarbeiter der Wirtschaftszeitung mit Aktienspekulanten gemeinsame Sache gemacht haben. Im MEEDIA-Interview erklärt "Handelsblatt"-Investigativchef Sönke Iwersen die Hintergründe des spektakulären Falls.

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Die Fehde zwischen dem Finanzdienstleister Wirecard und der britischen “Financial Times” entwickelt sich immer mehr zum Wirtschaftskrimi. Wirecard erhebt schwere Vorwürfe gegen die Zeitung. Sie soll mit Aktien-Spekulanten gemeinsame Sache gemacht haben. Als Beweis hierfür dient eine Tonbandaufzeichnung zwischen Leerverkäufern. Herr Iwersen, wie stichhaltig ist das?
Die Tonbandaufnahmen gibt es. Sie liegen dem “Handelsblatt” vor. Darauf ist zu hören, wie der britische Geschäftsmann Nick X dem Vertrauten eines anderen Investors von einem weiteren bevorstehenden kritischen Artikel über Wirecard in der “Financial Times” berichtet.

Und warum die Aufregung?
Der Shortseller Nick X hat dem anderen Investor deshalb vorgeschlagen, selbst Wirecard-Aktien leer zu verkaufen, obwohl dieser eigentlich sein Aktienpaket langfristig halten wollte. Als Gegenleistung für den Tipp über die bevorstehende Veröffentlichung in der “FT” wollte sich Nick X mit dem Investor die Gewinn teilen, falls dieser leer verkauft. Das Besondere: Die Inhalte, über die Nick X dem Investor berichtet, decken sich an wesentlichen Stellen mit den Inhalten, die die “FT” als Fragen an den Zahlungsdienstleister Wirecard stellt. Dadurch hegt Wirecard den Verdacht, dass die “Financial Times” mit dem Shortseller unter einer Decke steckt.

Und hat deshalb die Staatsanwaltschaft eingeschaltet?
Ja, Wirecard will Schaden von seinen Aktionären abwenden. Wenn das Unternehmen Kenntnis davon hat, dass der Aktienkurs manipuliert wird, ist es verständlich, dass sich der Vorstand an die zuständigen Behörden wendet – in diesem Fall an die Staatsanwaltschaft München und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht – kurz Bafin.

“Es ist aber wohl so, dass jemand in Großbritannien heimlich Gespräche von einer illegalen Aktion aufnehmen kann, um sie juristisch zu verwenden”

Wirecard soll dabei auch die Tonbandaufzeichung an die Staatsanwaltschaft München weitergegeben haben. Fraglich ist aber, wie diese Audio-Aufnahme zustande gekommen ist. Gibt es da Erkenntnisse, ob dies rechtlich sauber war?
Soweit wir wissen, hat sich der Shortseller an einen Vertrauten eines Wirecard-Aktionärs gewandt, der eigentlich seine Aktienposition nicht abgeben wollte. Zu dem Gespräch mit Nick X hat der Investor dann einen vermeintlichen Vertrauten geschickt. Dieser war in Wirklichkeit aber ein privater Ermittler mit langer Erfahrung bei den Sicherheitsbehörden und der zeichnete das Gespräch mit Nick X auf. Danach brachte er das Tape seinem Auftraggeber – und dieser leitete es weiter an Wirecard.

Ist eine solche Tonbandaufnahme legal?
Ich bin kein Fachmann des britischen Rechtssystems. Es ist aber wohl so, dass jemand in Großbritannien heimlich Gespräche von einer illegalen Aktion aufnehmen kann, um sie juristisch zu verwenden. Das ist in Deutschland anders.

Kann die Aufnahme trotzdem als Beweismittel von der Staatsanwaltschaft in Deutschland herangezogen werden?
Das muss die Staatsanwaltschaft bewerten. Fest steht: Wirecard möchte nicht, dass der Kurs der Aktie manipuliert wird und hat deshalb die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Könnten die Aufzeichnungen nicht auch fingiert sein und die Aktion von Wirecard eingefädelt?
Das würde mich überraschen – und wir kämen dann ins Reich der Verschwörungstheorie. Seit Kurzem wissen wir, dass die Bafin gegen den Investor Nick X wegen früherer Vorkommnisse ermittelt. Dann müsste ja Wirecard mit einem Shortseller unter einer Decke steckt, der Wirecards Aktionäre, darunter ja auch Wirecard-Vorstände, schädigt. Es steht außer Frage, dass Wirecard großes Interesse daran hat, dass der Shortseller auffliegt.

“Die ‘FT’ hat erklärt, dass es keine Absprachen zwischen ihren Redakteuren und Shortsellern gab”

Die “FT” weist alle Vorwürfe zurück und kündigt eine externe Prüfung an. Glauben Sie, dass man der Redaktion Fehlverhalten vorwerfen kann?
Das ist schwer zu sagen. Das werden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zeigen. Die “FT” hat die Vorwürfe deutlich zurückgewiesen. Die Zeitung hat erklärt, dass es keine Absprachen zwischen ihren Redakteuren und Shortsellern gab. Das ist die eine Seite.

Und die andere Seite?
Hier haben wir den Shortseller. Der prahlt, dass er es schon zweimal erfolgreich geschafft habe, Aktien von Wirecard leer zu verkaufen. Und dies bevor ein entsprechender Artikel in der “Financial Times” erschien. Dabei kennt er diesmal die Inhalte sehr genau, die die “FT” bei Wirecard angefragt hat.

Nun nehmen Journalisten Informationen von Hintergrundgesprächen auf und verwerten diese Informationen. Das ist normales Tagesgeschäft. Kann man den “FT”-Journalisten wirklich ein Fehlverhalten vorwerfen, denn finanziell haben sie sich wohl kaum bereichert?
In diesem Fall läuft der Informationsfluss anders herum. Natürlich suchen und verwerten Journalisten den ganzen Tag Informationen, die sie – von wem auch immer – erhalten haben. In diesem Fall jedoch will die andere Seite, also ein Shortseller, die Informationen zu Geld machen, die sie angeblich über die Zeitung erlangt hat.

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Als Journalist kann man aber kaum verhindern, dass ein Gesprächspartner Informationen an eine andere Person weiterträgt?
Da haben Sie recht. Das ist schwer zu unterbinden. Wenn ein Informant den Eindruck hat, dass die Zeitung seine Information für eine Veröffentlichung verwendet, kann es der Journalist kaum verhindern, dass der Informant dies zum eigenen Vorteil verwendet. In diesem Fall stammen die relevanten Informationen aber nach Darstellung von Nick X von der “FT” selbst. Der Shortseller sagt auf dem Tape nicht, dass er Informationen an die Zeitung gab, und die nun darüber schreiben wird. Er sagt, dass er weiß, was die Zeitung schreiben wird. Und dass er das für seine eigenen Zwecke nutzt.

“Marktmanipulationen bei Aktiengesellschaften gab es in der Vergangenheit immer wieder”

Die Staatsanwaltschaft München hat die Ermittlungen übernommen, weil Wirecard in Deutschland sitzt. Glauben Sie, dass der Fall die britischen Behörden auf den Plan ruft?
Ich bin mir nicht sicher, ob die britischen Behörden auf den Fall aufspringen. Es kann aber sein, dass britische Investoren Schadensersatzklagen erheben, weil sie geschädigt wurden. Ob sich die Klagen dann an den Shortseller oder die “FT” richten, muss man sehen. Dann könnte dies aber ein Fall für die britischen Behörden werden.

Sie sagen “klagen”. Was könnte der “Financial Times” finanziell drohen?
Ich bin kein Jurist. Ich glaube, die erste Adresse für Schadenersatzklagen sind die Shortseller.

Ist dies ein einmaliger Fall in der Zeitungslandschaft oder sind ihnen andere Fälle bekannt?
Marktmanipulationen bei Aktiengesellschaften gab es in der Vergangenheit immer wieder. Jüngstes Bespiel hierfür ist Volkswagen. Da waren aber keine Journalisten beteiligt. Es gab Fälle, wo Vertreter einer Anlegerschutzorganisation gemauschelt haben sollen. Auch Journalisten wurden schon belastet – eine Herausgeberin nahm von einer Firma, über die ihr Magazin schrieb, teure Geschenke an und zusätzlich Honorare.Es gibt auch in unserer Branche schwarze Schafe.

Nun hat die “FT” mehrere kritische Berichte über Wirecard verfasst. Was hatte die Berichterstattung bisher für Auswirkungen?
Riesige. Das hat der Shortseller auf der Tonband-Aufnahme auch genau beschrieben. Dort erzählt er, dass er bei einem Kurs von 180 Euro eingestiegen ist und nach der FT-Veröffentlichung die Notierung auf zunächst 120 und später auf 80 Euro fiel. Mit solchen Aktiendeals können Shortseller viel Geld verdienen – möglicherweise hunderte von Millionen.

“Shortselling ist an sich nichts Schlechtes. In der Regel hoffen Aktionäre auf einen steigenden Kurs”

Nun sind Leerverkäufe in der Vergangenheit häufiger aufgetreten – beispielsweise beim Fall des Internet-Unternehmens Ströer mit Muddy Waters. Was ist davon zu halten?
Shortselling ist an sich nichts Schlechtes. In der Regel hoffen Aktionäre auf einen steigenden Kurs. Es gibt aber andere Aktionäre, die sich das Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen. Sie glauben, dass der Kurs des Unternehmens eigentlich bei fünf statt beispielsweise bei zehn Euro liegen sollte. Sie wetten deshalb auf fallende Kurse. Das hat auch eine reinigende Funktion. Denn die Shortseller machen viel und oft auch ein sehr gutes Research. Die dunkle Seite des Shortselling ist hingehen, wenn Leerverkäufer auf fallende Kurse setzen, um ihn dann nach unten zu treiben. Dann streuen sie gezielt falsche Gerüchte, weil sie hoffen, dass durch die negativen Nachrichten der Kurs fällt – und sie Profit einstreichen.

Warum ist Wirecard ein beliebtes Ziel von Leerverkäufern?
Das liegt in der Historie. Das Unternehmen hat eine – sagen wir es einmal salopp – relativ nebligen Geschäftsvergangenheit. Die Akteure sind schwer zu durchschauen. So wird der Aufsichtsrat seit Jahren von denselben Leuten besetzt. Zudem hat sich der Zahlungsdienstleister bei solchen Attacken in der Vergangenheit ungeschickt benommen. Das Unternehmen hat in diesem Fällen nicht immer alle Informationen offengelegt. Dies hat den Verdacht genährt, dass Sachen vertuscht werden sollen.

Gab es schon mal einen ähnlichen Fall bei Wirecard?
Ich verfolge die Entwicklung von Wirecard bereits seit zehn Jahren. Vor neun Jahren gab es einen Fall, der ähnlich war. Damals ging es um einen deutschen Jungunternehmer, der vom Secret Service verhaftet wurde. Der Vorwurf. Er sei in illegale Online-Spiele und Geldwäsche verwickelt. Nun berichtete damals der Finanznachrichtendienst Goldman Morgenstern & Partners (Gomopa), der Unternehmer habe in einem Gerichtsprozess gestanden, im Auftrag von Wirecard gehandelt zu haben. Es sei einer von fünf Geldboten des Unternehmens gewesen, die direkt vom Vorstand beauftragt worden. Gomopa bezog sich dabei auf einen Bericht einer Gerichtsreportern einer Lokalzeitung. Tatsächlich fiel aber der Name Wirecard in einem Gerichtsprozess gar nicht.

Und die Folge?
Der Aktienkurs von Wirecard brach durch die Veröffentlichung des Recherchedienstes massiv ein. Das zeigt: Wirecard wurde bereits in der Vergangenheit mit falschen Anschuldigungen angegriffen – und vermutlich haben einige Leute damit sehr viel Geld verdient. Dass jetzt eine journalistische Institution wie die “Financial Times” im Zwielicht steht, gibt dem Fall allerdings eine ganz andere Dimension.

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Alle Kommentare

  1. Nun, es ist immer wieder von “Shortseller”, “Shortselling” usw. zu lesen.
    Vielleicht mal zum Verständnis:
    Short bedeutet zunächst mal, dass es sich um den Fokus auf sinkende Kurse handelt. Jemand hofft zunächst mal sinkende Kurse, um davon zu profitieren.
    Ein Leerverkäufer ist meiner Ansicht nach nicht nur ein Shortseller, sondern auch ein Manipulator, aktiv. Dass das legal und gewünscht ist, verwundert mich sehr.
    Wenn ein Leerverkäufer eine massive Stückzahl an ausgeliehenen Aktien (allein das schon!! höchst fragwürdig) auf den Markt wirft, damit das Angebot steigert und in Folge damit den Preis senkt, sprich: der Kurs bricht ein, dann sorgt er selbst für sinkende Kurse. Und genau das will er , denn er möchte die verkauften Aktien ja billiger wieder einlaufen.
    Wenn dieser Leerverkäufer dann auch noch in Short-Produkte investiert hat, z.B. ein Short-Zertifikat, K.O. vielleicht…dann profitiert er damit zusätzlich von den selbst ausgelösten, sinkenden Kursen.
    Und wenn dieser Leerverkäufer dann auch noch durch Gerüchte, durch Insiderinfos oder sonstwas, genau weiß, dass der Kurs daraufhin sinken wird, dann verdienst er sich eine vergoldete, goldene Nase.

    Ich frage mich ernsthaft, warum Leerverkäufe erlaubt sind. Es sind aktive, gewünschte Manipulationen des Kurses.

  2. Das Problem ist vielleicht auch, woher die FT die Vorwürfe gegen Wirecard hat. Offensichtlich sind nämlich die Shortseller selbst die Quelle vieler FT-Artikel zu Wirecard. Viele “Analysen” und Vorwürfe stammen von Viceroy und Sirf und wurden zuvor veröffentlicht. Ich denke, als Quelle werden sie dann auch von FT über ein baldiges das Erscheinen der Artikel informiert – zumindest indirekt.

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