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“So muss Lokaljournalismus aussehen”: Wie die Lüneburger “Landeszeitung” mit ihren Lesern ins Gespräch kommt

Redaktionsgebäude als Plakatfläche: einfach und wirkungsvoll
Redaktionsgebäude als Plakatfläche: einfach und wirkungsvoll Foto: Vicari

Die "Landeszeitung für die Lüneburger Heide" machte ernst mit dem Projekt "Wem gehört die Stadt?" Die Zeitung startete eine groß angelegte Kampagne, um mit den Bürgern und Lesern wieder ins Gespräch zu kommen: beim Bäcker, auf Marktplätzen, bei einer Radtour. Für MEEDIA beschreibt Astrid Csuraji im Rahmen der Reihe "Werteorientierte Digitalisierung" die Erfahrungen mit der Aktion.

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Von Astrid Csuraji 

“Es ist die Pflicht der Journalisten, der Öffentlichkeit zuzuhören, der sie dienen”, klagte Jeff Jarvis, Professor an der Craig Newmark School der City University New York, im Januar 2019. Es sei ihre Pflicht, “journalistischen Mehrwert in das öffentliche Gespräch zu bringen”: durch Berichterstattung, Fakten, Erklärung, Kontext, Bildung, Verbindung, Verständnis, Empathie, Aktion, Optionen. “Journalismus ist Gespräch. Demokratie ist Gespräch”, schreibt Jarvis. Er sei enttäuscht, weil sich Kollegen von Twitter zurückziehen wollen. Sie sollten Teil des Gesprächs bleiben. Journalismus sei Gespräch, meint Jarvis.

Ungefähr zur gleichen Zeit als Jarvis sein Plädoyer verfasst, sitzen wir zu sechst in einem engen Büro in Lüneburg. Eingeladen hat Marc Rath, Chefredakteur der “Landeszeitung für die Lüneburger Heide”. Mit am Tisch: Anna Paarmann, Lokalredakteurin, Katja Grundmann, Koordinatorin fürs Digitale, Justus von Daniels von Correctiv.lokal, mein Kollege Jakob Vicari und ich, zwei kreative Journalisten, die das Medien Startup tactile.news betreiben. Alle in diesem Büro glauben daran, dass es für das Überleben des Lokaljournalismus nicht zu spät ist, dass es dafür aber frische Ideen und Mut braucht.

Weg vom Schreibtisch, rein in die Schule!

Journalismus als Gespräch ist ein Erfolgsmodell. Im letzten Jahr kamen bei “Deutschland spricht” von Zeit Online an einem Tag 9.000 Menschen zusammen, die sich mit jemandem mit einer anderen politischen Meinung austauschen wollten. Und mit der Bürgerrecherche “Wem gehört die Stadt” hat Correctiv einen Bestseller gelandet. Nach Redaktionen in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Minden, Heidenheim und Lüneburg stehen die nächsten in den Startlöchern. Die Jury des Grimme Online Awards lobt: “‘Wem gehört Hamburg?’ ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie Journalismus im Netz und unter Nutzung digitaler Tools seiner gesellschaftlichen Aufgabe und Verantwortung gerecht werden kann.”

“Journalismus im Netz” und “digitale Tools” – klingt gut. In Lüneburg wollen wir aber nicht nur im Netz erfolgreich sein, sondern auch auf dem Wochenmarkt. Wir wollen neben digitalen Tools auch den persönlichen Dialog ermöglichen, die direkte Debatte. Dazu muss man raus aus der Redaktion, rein in den Park. Weg vom Schreibtisch, rein in die Schule! Jarvis hat Recht: Journalismus ist Gespräch. Und das findet in der kleinen Stadt nicht auf Twitter statt, sondern auf der Straße.

Das Gespräch war schon immer das Band, das Menschen zusammenbringt. Jetzt ist es mehr denn je erforderlich zwischen Medienhäusern und ihrem Publikum. Einem Publikum, das nicht länger nur lesen, hören, zuschauen will, sondern selbst fragen, herausfinden, beitragen. Wem gehört die Stadt? Gemeinsam finden wir es raus – das ist unser Versprechen. “Bürgerrecherche” haben wir unser Projekt in Lüneburg genannt. Und das verlangt den Leuten einiges ab. Sie sollen nicht nur einen Fragebogen mit ihren Wohndaten füllen, sondern auch ihren Mietvertrag oder, schlimmer, einen Grundbucheintrag hochladen. Der Lüneburger hält solche Daten eigentlich lieber privat.

Mit handgemachten Bonbons ins Bürgergespräch 

Wie kommen wir ins Gespräch? Unsere leckerste Lösung schmeckt nach Blaubeeren. Es sind handgemachte Bonbons aus der lokalen Bonbonmanufaktur. Die “Boinschn”, wie wir sagen, haben die Form typischer Lüneburger Giebelhäuser und stecken in Tütchen mit “Wem gehört”-Geschenkband. Wir verteilen sie am Infostand an diejenigen, die bei unserer Bürgerrecherche mitmachen. Die Idee dazu kam uns in einem Design Sprint.

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Journalismus auf der Straße: Mit Sprühkreide wird der Kampagnenauftakt zu “Wem gehört Lüneburg?” markiert | Bild: t&w/Landeszeitung

Sprinten heißt: In Rekordzeit auf neue Ideen zu kommen. Vor der Aktion haben wir uns deshalb zwei Tage fernab der Redaktion eingeschlossen. Ziel: Die ganze Stadt soll über die Kampagne sprechen! In nur 16 Stunden entwickeln wir 67 Ideen für Aktionen in Lüneburg. Superballons mit Botschaften sind günstiger als jede Beach-Flag. Sprühkreide-Graffiti schafft Aufmerksamkeit auf dem Kopfsteinpflaster in der Fahrradfahrer-Stadt. Mit einem meterhohen Papp-Haus sorgen wir beim Firmenlauf für Furore. Und das Digitale haben wir auch im Blick: Auf Instagram gehen wir mit einem eigenen Channel und Mitmachaktionen in Serie.

“3 Krustenbrötchen und ein Eigenheim, bitte” 

Chefredakteur Rath räumt zum Auftakt der Kampagne das ganze erste Buch der Zeitung frei, acht Seiten “Wem gehört Lüneburg”. Er meint es ernst. Seither erscheinen täglich Artikel, Interviews, Debattenbeiträge, Fotostrecken – die Zeitung ist voll mit Wohnungsthemen. Die erste Datenauswertung der Redaktion erscheint, dank eines eigens für das Projekt engagierten Datenjournalisten aus Hamburg.

Schauen wir weg von der Zeitung auf das, was draußen passiert: Dort erreichen wir Leute, die die Zeitung nicht lesen. Zum Beispiel auf dem Weg zum Bäcker. An einem Samstag liegen in den 10.000 Exemplaren der Stadtausgabe leere Brötchentüten bei. “3 Krustenbrötchen und ein Eigenheim, bitte” steht darauf. Eine Bäckerei sponsert die Brötchen. Das Angebot zieht: Hunderte Tüten bringen die Lüneburger in die Filialen, treffen vor der Bäckerei auf unser Recherche-Team. Während wir Kaffee ausschenken, werden die Leute ihre Fragen los: Zur Recherche, zum Datenschutz, zum Lokaljournalismus. Wir sind im Gespräch. Und werden Gesprächsthema – beim Kinderturnen, auf dem Markt, in den Cafés.

Zum Picknick im Park kündigt sich der Oberbürgermeister als Gast an. Wir dekorieren in Kampagnenfarben, schleppen Bierzeltgarnituren, Ballspiele, einen Barista mit Kaffeewagen ran. Während die Leute auf ihren “Flat White” warten, reden sie über ihre Wohnsituation, die vergebliche Suche nach einem bezahlbaren Haus, die dubiose Verwaltung der Mietwohnung, die Gentrifizierung ihres Viertels. Aber auch ihren fairen Vermieter, die tolle Aufräumaktion in der Nachbarschaft, den Umzug aus der großen Stadt hierher. Limonade, Kuchen, Spielmobil und das Wetter sorgen für frischen Wind, der Chefredakteur selbst steht am Infostand, entlang der Picknickdecken flattern die Gespräche. Der Oberbürgermeister hat keine Zeit zum Kuchenessen, immer ist er von mindestens zehn Leuten umringt, die ihn in ein Gespräch verwickeln. Kinder und Erwachsene balancieren auf der Slackline, andere genießen die Nachmittagssonne auf unserem Sofa mitten im Park. Die Leute fühlen sich wohl – zu Gast bei ihrer Lokalzeitung.

Kontrovers, inhaltsstark und sachlich 

An einem anderen Tag bringen wir unsere Bürgerrecherche live auf die Bühne. In der Aula der Oberschule sitzen fünf Experten umringt von 150 Interessierten.  Der Anwalt des Mieterbundes berichtet von den Klagen der Mieter, der Geschäftsführer der Wohnungsgenossenschaft prangert das Versagen beim sozialen Wohnungsbau an. Der Oberbürgermeister kontert. Die Zuständige der Klosterkammer verteidigt das Erbbaurecht. Ein Betroffener weint. Der Grundstücksgutachter schätzt die Preisentwicklung beim Bauland auf den Dörfern ein. Eine Studentin fragt, warum es immer mehr Mikroapartments gibt statt WGs. Ein älterer Herr fordert, die Nutzung von Wohnungen für Airbnb einzuschränken. Politisch aufgeladene Begriffe fallen: Zweckentfremdung, Enteignung. Es geht kontrovers zu, inhaltsstark und sachlich.

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In die Zukunft rollen: Die geführte Radtour zu vier Wohnprojekten war schnell ausgebucht | Bild: Grundmann/Landeszeitung

Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Die Antwort auf diese Frage suchen wir gemeinsam auf einer Radtour. Geführt von einem Architekten besuchen wir vier Wohnprojekte in der Stadt. Die Tour ist auf Anhieb ausgebucht: 50 Leute kommen zum Treffpunkt, fahren zu Baustellen und Gemeinschaftsgärten. Das Team von “Wem gehört Lüneburg?” radelt mit, in Kampagnen-T-Shirts, mit Superballons am Lenker und Kissen mit Kampagnen-Logo im Lastenrad. Während der Architekt die Wohnprojekte vorstellt, öffnen die Bewohner ihre Wohnzimmer und Küchen. Die Mitfahrer schauen sich um und staunen. Eine Frau sagt: “Wie toll, in welche neue Rolle hier der Lokaljournalismus schlüpft.” Und sie fordert: mehr davon!

Das Bedürfnis nach Lokaljournalismus neu wecken 

“Wir haben einen Resonanzboden in der Stadt erzeugt”, sagt Marc Rath nach sechs Wochen Kampagne. “So muss Lokaljournalismus aussehen.” Und auch Anna Paarmann, die Projektkoordinatorin, ist stolz: “Es ist uns gelungen, die Lüneburger aufzuscheuchen. In der Stadt wird über das Thema geredet, mein Telefon steht nicht still. Die Leute vertrauen unserer Zeitung ihre Geschichten an. Wir erfüllen nicht nur unsere Pflicht, gehen zu Terminen und berichten, sondern wir sind jetzt Gastgeber einer Debatte. Das finde ich toll.”

Damit die Debatte nicht nur rund ums Rathaus stattfindet, suchen wir das Gespräch in fast jedem Stadtteil. Unser mobiler Stand wandert von Wochenmärkten zu Supermärkten, von der Universität zum Stadtfest auf dem Sande. Redakteure beantworten die Fragen der Leute. Nicht, um Abos zu verkaufen. Wir machen keine Werbekampagne. Wir wollen Lokaljournalismus neu denken, das Bedürfnis nach ihm neu wecken. Vertrauen schaffen.

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