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Wochenrückblick: Getarnte SMS-Spende an Sea Watch – heiligt der gute Zweck die Fake-News-Mittel?

Spiegel noch mit Online, Fake-Kampagne gegen Sea Watch, AfD-Mann Bystron feiert Porno-Erfolg, Springer-Vorstandsfrau Stephanie Caspar musste “Welt”-Mitarbeiter beruhigen
Spiegel noch mit Online, Fake-Kampagne gegen Sea Watch, AfD-Mann Bystron feiert Porno-Erfolg, Springer-Vorstandsfrau Stephanie Caspar musste "Welt"-Mitarbeiter beruhigen Fotos: Spiegel, Facebook, Twitter.com/Axel Springer

Eine Satire-Aktion sorgte dafür, dass Gegner der privaten Rettungsorganisation Sea Watch versehentlich an diese spendeten. Auf dem Twitter-Profil des AfD-Politikers Petr Bystron gab es Porno-Alarm. Der "Spiegel" will nicht mehr "Online" heißen, und bei der "Welt" gab es Aufregung um eine "Bestandsgarantie". Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Seltsame, peinliche Geschichte bei Twitter: Der bayerische AfD-Bundestagsabgeordnete Petr Bystron wurde vom ARD-Magazin “Kontraste” öffentlich darauf hingewiesen, dass sein Twitter-Account einen Hardcore-Porno-Clip “liked”. Bystrons Social-Media-Team reagiert, bedankte sich artig für die öffentliche Zurschaustellung den Hinweis und erklärte, es handle sich um einen Hack. Man habe das entfernt.

Der Porno-Clip ist Tage später immer noch auf dem Twitter-Profil des AfD-Politikers abrufbar, die Häme-Tweets füllen inzwischen mehrere dicke Leitz-Ordner. Der frühere “B.Z.”- und “Welt am Sonntag”-Chefredakteur Peter Huth verstieg sich bei Facebook gar dazu, öffentlich zu kommentieren, dass der der von “Kontraste” verbreitete Screenshot “nahelegt, dass Bystron ein Fotobeitrag, in dem ein Kind sexuell misshandelt wird, gefällt”.

Wie Huth darauf kommt, ist schleierhaft. Man sollte mit solchen Spekulationen/Anschuldigungen aber vielleicht doch ein bisschen vorsichtiger umgehen. Interessant auch, dass Twitter Hardcore-Pornografie offensichtlich auf seiner Plattform duldet. Aber war das jetzt ein Hack und wenn ja, warum ist der Clip immer noch da? Ist es AfD-Mann Petr Bystron tatsächlich egal, was da auf seinem Twitterprofil unter “Gefällt mir” steht, Hauptsache die Follower-Zahl geht hoch?

Einen guten Eindruck hinterlässt das jedenfalls nicht.

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Beim “Spiegel” beerdigen sie kommendes Jahr die Marke “Spiegel Online” im Zuge der Zusammenlegung von Digital- und Print-Redaktion. Der Verlag begründet den Schritt damit, dass Leser mittlerweile weniger zwischen Print- und Online unterscheiden würden. Das Publikum würde “Spiegel”-Inhalte erwarten, wo “Spiegel” draufsteht.

Das stimmt wohl, aber war das nicht bisher schon auch so? Die Benennung von Digital-Versionen alter Print-Marken folgt gewissen Moden. Früher war der Namenszusatz “Online” en vogue. Später dann haben viele, das Web-Adressen-Anhängsel .de oder .com als Namens-Bestandteil gewählt. Diesen Trend hat der “Spiegel” ausgelassen. Jetzt gilt also: ein Name über alle Medien hinweg.

Ich glaube, dass ein über 25 Jahre gelernter Markenname wie “Spiegel Online” sich aus den Köpfen der Leser nicht so einfach tilgen lässt. Vielleicht ist die Umbenennung ja aber auch eher nach innen gerichtet. Da gibt es dann nur noch “Spiegel”-Redakteure und keine Onliner und Print-Redakteure mehr. Alle sind “Spiegel”! Alle sind eins! Toll! Den Unterschied merkt man dann erst, wenn man auf die Gehaltsabrechnungen guckt.

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Da haben sie sich bei Springer eine kleine Kommunikationspanne eingehandelt. In einem Dokument des Finanzinvestors KKR, der aktuell die frei verfügbaren Springer-Aktien aufkaufen will, ist die “Welt”-Gruppe des Hauses explizit erwähnt. Man habe vereinbart, die “Welt”-Gruppe fortzuführen, allerdings “unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation.” Das sorgte natürlich für Unruhe, denn dass die “Welt”-Gruppe kein großer Gewinnbringer für Springer ist (vorsichtig formuliert), ist kein Geheimnis.

Wenn jetzt ein auf Rendite fixiertes Unternehmen wie KKR die “Welt”-Gruppe so explizit unter Vorbehalt stellt, lässt das bei der Belegschaft verständlicherweise die Alarmglocken schrillen. Die Kommunikationsabteilung des Hauses war im Anschluss an erste Medienberichte bemüht, die Sache wieder einzufangen. Alles ganz anders: Es sei ja sogar der Wunsch der Springer-Seite gewesen, dass solch ein Passus in das KKR-Dokument aufgenommen wird, wurde kolportiert. Eben weil man so sehr an der “Welt” hängt. In einer Mail an die verstörte Belegschaft versuchten Springer-CEO Döpfner und Stephanie Caspar, im Vorstand verantwortlich für News Media National, die Wogen nach innen zu glätten: Ja, die Formulierung sei möglicherweise missverständlich gewesen, aber “faktisch” komme das “einer Bestandsgarantie für die ‘Welt’ gleich”.

Super beruhigend! Also im Sinne von: “beruhigend”. Aber vielleicht schlucken Mitarbeiter nun möglicherweise anstehende Sparrunden eher ohne aufzumucken. Denn wenigstens wird der Laden nicht komplett eingestellt.

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Darf man eigentlich im Netz “Fake News” verbreiten, wenn es für einen guten Zweck ist? Interessante moralische Frage. Im Web machte eine Social-Media-Kachel die Runde, die sich mit der Debatte rund um private Seenotrettung und die in die Schlagzeilen geratene Kapitänin Carola Rackete befasst. “Du bist für mindestens 10 Jahre Haft für Carola Rackete? Sende ‘seawatch10’ an die 81190” war da zu lesen. Der blaue Hintergrund und ein rotes Dreieck erweckten Assoziationen zur AfD-Optik.

Screenshot: Facebook

Wer nun eine solche SMS verschickte, spendete in Wahrheit zehn Euro per SMS an die Organisation Sea Watch, für die Carola Rackete arbeitet. Sea Watch selbst sagte gegenüber den Faktencheckern von Correctiv, dass sie nicht Urheber der Grafik sind. Man geht dort davon aus, dass die Satire-Truppe “Hooligans gegen Satzbau” dahintersteckt.

Heiligt also der gute Zweck auch das Mittel Fake-News? Ich glaube nein. Letztlich bedient man sich hier der gleichen Mittel, die sonst zu Recht angeprangert werden und trägt auch weiter zur Polarisierung und Verwirrung im Social Web bei. Man muss nicht jede Provo-Aktion als “Satire” feiern.

Schönes Wochenende!

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