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Wochenrückblick: Stell Dir vor, “Hart aber fair” lädt einen AfD-Mann ein und alle flippen aus …

Uwe Junge bei “Hart aber fair”, Reportage alter Schule in der FAZ, Mini-Job beim “Stadt-Anzeiger”
Uwe Junge bei "Hart aber fair", Reportage alter Schule in der FAZ, Mini-Job beim "Stadt-Anzeiger"

Der Auftritt des AfD-Politikers Uwe Junge bei "Hart aber fair" in dieser Woche sorgte für mächtig Wirbel. Manche Kritiker machen es sich dabei womöglich zu einfach. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" degradierte Journalismus kurzzeitig zum Mini-Job. Und die FAZ zeigt, dass die Reportage auch nach Relotius noch ein eine gute Stilform sein kann. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Große Aufregung gab es in dieser Woche, weil die Redaktion von “Hart aber fair” den AfD-Politiker Uwe Junge in die Sendung eingeladen hatte. Thema war der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke durch einen Rechtsextremen, Titel: “Aus Worten werden Schüsse: Wie gefährlich ist rechter Hass?” Dass dazu auch jemand von der AfD dabeisaß, sollte nicht verwundern. Immerhin wurde der Partei vielfach vorgeworfen durch das Schüren von Hass und Hetze so etwas wie geistige Wegbereiter für den Mord an Lübcke zu sein. Nun war es aber im Verlauf der Sendung so, dass sich AfD-Mann Junge leider, leider nicht als Hetzer vorführen ließ, sondern als durchaus gemäßigt präsentierte. Am Ende, so die Lesart vieler, kamen er und die AfD dabei viel zu gut weg. War Moderator Frank Plasberg zu zahm? Darf/soll eine Redaktion zu solch einer Sendung überhaupt einen AfD-Vertreter einladen? Medien griffen zur Stopp-Uhr und maßen nach, dass Junge mehr Redezeit hatte als die übrigen Teilnehmer (was nicht verwunderlich ist, da sich große Teile der Debatte eben um die Verantwortung der AfD drehten).

Dann fiel jemand auf, dass ein Zuschauer im Publikum Gesten zeigte, die als rassistisch identifiziert wurden. Ein Gast soll drei ausgestreckte Finger als “W” präsentiert haben und aus Daumen und Zeigefinger ein “P” geformt haben. Das Symbol steht wohl für “White Power”. Muss man erst mal wissen. Aufgeregte Schlagzeilen folgten. Der Studiogast gab später “überrascht und entsetzt” zu Protokoll, er habe mit einem Freund verabredet, das so genannte “Kreis- und Brunnenspiel” übers Fernsehen zu spielen. Schaue einer in den Kreis des anderen, bekomme dieser eine “Nackenschelle”. “White Power” oder “Schnick, schnack, schnuck” – das ist hier die Frage!

Dann hat “Das Erste” auch noch getwittert, die Redaktionen der Talksendungen bemühten sich “insbesondere, AfD-Vertreterinnen kein Forum für ihre Zwecke zu bieten.” Was ja nun eindeutig dem Rundfunkstaatsvertrag widerspricht, wo es heißt:

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bei der Erfüllung ihres Auftrags die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.

Die Leiterin der Zuschauerredaktion war dann auch bemüht, den Lapsus wieder einzufangen, aber getwittert war getwittert, da machste nix.

Keinen Gefallen tut der Debatte womöglich auch jener Kommentar im “Tagesspiegel”, der fordert, von der AfD bitte nur noch “ausgemachte Brandstifter” einzuladen:

Nein, nicht die Einladung eines AfD-Vertreters muss kritisiert werden, vielmehr sollte es dann aber auch ein ausgemachter Brandstifter sein, dem dann von einem angriffslustigen Moderator mit der ganzen Härte der Fakten seine Verantwortung nachgewiesen werden kann.

Solche Einlassungen bestärken medienmüde Zeitgenossen in ihren schlimmsten Vorurteilen. Und die AfD hatte wieder reichlich neuen Stoff für die Kultivierung ihrer medialen Opferrolle.

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Mittlerweile hat sich auch der WDR-Rundfunkrat wegen der “Hart aber fair”-Sendung “eingeschaltet” und will darüber beraten. Vielleicht wird die Sendung ja wiederholt, wie einst die “Hart aber fair”-Sendung “Nieder mit den Ampelmännchen” zum Thema Gender-Gaga. Das meiner Meinung nach beste Zitat zum Thema stammt von Hans Leyendecker, Präsident des Kirchentags und ehemaliger Investigativ-Doyen der “Süddeutschen”: “Eine Talkshow, die niemals einen Vertreter der größten Oppositionspartei einladen würde, wäre eine noch komischere Veranstaltung, als sie es in den Augen vieler Kritiker ohnehin schon ist.”

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Für Erregung in Twitterland sorgte auch der “Kölner Stadt-Anzeiger”, jene honorige Tageszeitung aus der Domstadt, die zum Verkauf steht. Dort sucht man neue Kräfte, aber allzu teuer sollen sie wohl nicht sein. Eine Stellenanzeige des “Stadt-Anzeigers” machte in den Sozialen Medien die Runde, in der ein Redakteur in Teilzeit (50%) und einer auf 450 Euro-Basis gesucht wurde.

Journalismus als Mini-Job – was für eine Symbolik! Online ist von einem 450-Euro-Job ist nun keine Rede mehr. Ob es das besser macht?

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Dass die Stilform der Reportage auch nach Relotius nicht tot ist, zeigte ein Text in der “FAZ” von Philip Eppelsheim, Justus Bender. In “Auf der Schattenseite” begleiten sie u.a. eine Sitzung des Kreistags Eichsfeld in Thüringen. In dem seit kurzem auch der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke sitzt. Höcke trifft dort auf den örtlichen NPD-Landesvorsitzenden Thorsten Heise. Der Text fächert die Strukturen, Denkweise und das Umfeld der Neonazi-Szene dort und in Kassel auf, ohne den Leuten dabei in den Kopf zu kriechen. Die Autoren beschreiben Szenen, die sie selbst gesehen haben und geben Gesagtes ohne Gebrauchsanweisung wieder. Das ist dann durchaus szenisch und spannend zu lesen, aber eben nicht szenisch “rekonstruiert”. Vermutlich also leider kein Anwärter für einen Reporterpreis …

Schönes Wochenende!

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