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Toutiao, News Republic und Co.: Wie ByteDance mit dem TikTok-Algorithmus sein Newsgeschäft voranbringt

Das Tech-Unternehmen Bytedance aus China
Das Tech-Unternehmen Bytedance aus China ©unsplash/chuttersnap/ Montage: MEEDIA

Künstliche Intelligenz ist das Geheimnis hinter der Erfolgsapp TikTok. Mit ihr will die Mutter-Firma ByteDance nun die Medienbranche erobern. Erfolge zeichnen sich ab. Doch der Algorithmus macht im Newsgeschäft auch Probleme.

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Wer die Kurzvideo-App TikTok nutzen will, muss sich nicht einmal dafür anmelden. Denn im Vordergrund der App steht ein Algorithmus, der die Kurzvideos verteilt. Die künstliche Intelligenz lernt die Interessen der Nutzer und passt den Feed daran an – ohne dass man auch nur einem User folgen muss. Das wird belohnt: Die Verweildauer der TikTok-User liegt mit 45 Minuten über der von Facebook (38 Minuten).

Der Algorithmus ist der Kern des sozialen Netzwerkes und der Grund, warum Nutzer zu TikTok zurückkehren. Ein Konzept, mit dem ByteDance, der chinesische Mutterkonzern von TikTok, auch andere Branchen erobern will. Mit Toutiao, TopBuzz und News Republic ist der Konzern im Newsgeschäft aktiv. In China bereits eine echte Größe, wächst das Geschäft mit Medien auch in Europa.

Mit Toutiao gelang der Einstieg ins Nachrichtenbusiness

Toutiao, ByteDances erste große App, besteht seit 2012. Im Grunde ist sie der Ursprung des Unternehmens. Der Nachrichtenaggregator empfiehlt dem Nutzer Texte und Videos auf Basis seiner Interessen. Dabei arbeitet er laut “WSJ” mit rund 2.000 Faktoren. Scrollt ein Nutzer in einem Text beispielsweise noch einmal zurück, um einen Absatz ein zweites Mal zu lesen, werden Keywords dieses Absatzes zu den Interessen hinzugefügt – und die Empfehlungen daraufhin verbessert.

Eingegriffen wird in den Algorithmus kaum. Im Gegenteil: Wie das “WSJ” beobachtete, verringern gezielte Eingriffe die Zeit, die Nutzer in dem Programm bleiben. Wann immer ByteDance versucht hat, gezielt seriöse Artikel zu pushen, mussten sie feststellen, dass Beiträge aus der Kategorie “Kurioses” oder “Sensationelles” besser laufen, schreibt das “WSJ”.

Dank dieses Prinzips hat Toutiao (zu deutsch: Schlagzeilen) über 120 Millionen tägliche Nutzer in China gewonnen. 74 Minuten lesen sie in der Regel am Tag auf der Plattform. Außerhalb Chinas spielt die App aber keine Rolle. Mit TopBuzz hat ByteDance daher einen weiteren Newsaggregator gelauncht, der weltweit genutzt werden kann. Laut Chartbeat war dieser allein im Dezember für 34 Millionen Seitenaufrufe bei Publishern vor allem in den USA verantwortlich. Das sind 36 mal mehr, als zwei Jahre davor.

News Republic nutzt seit 2018 den Algorithmus von ByteDance

In Europa startete das China-Startup im vergangenen Jahr im Mediengeschäft. News Republic, eine seit 2011 bestehende Nachrichten-App, hat der China-Konzern von Cheetah Mobile gekauft. Seither ist die künstliche Intelligenz des chinesischen Vorbilds Toutiao integriert.

In Deutschland lassen sich rund eine Million Menschen über den Algorithmus von News Republic Nachrichten anzeigen. Eine vergleichsweise geringe Zahl. Laut AGOF hatte Upday, der News-Aggregator von Springer auf Samsung-Smartphones, im Mai 2019 durchschnittlich rund 7,8 Millionen Unique User. Flipboard kommuniziert seine deutsche Nutzerzahl nicht.

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Im Unterschied zur Konkurrenz setzt News Republic aber nahezu komplett auf den Algorithmus. “Wir arbeiten mit verschiedenen Moderationstechniken in einem Mix“, sagt Stefan Lange, Director Business Development bei News Republic, gegenüber MEEDIA. “Wenn der Algorithmus merkt, dass von gewissen Lesern Nachrichten vom ‘Kicker’ über den FC St. Pauli überdurchschnittlich geklickt werden, so erhalten auch andere St. Pauli Fans diese Nachrichten bevorzugt angeboten.” Flipboard lässt die Algorithmen hingegen von etwa zwei Dutzend Mitarbeitern bearbeiten. Die Artikel im zentralen Politik-Feed von Flipboard werden grundsätzlich manuell ausgesucht. Auch Upday setzt auf die Verbindung kuratierter Inhalte und der künstlichen Intelligenz. Am ehesten vergleichen lässt sich News Republic daher mit Google News.

Immerhin 3.000 Medien arbeiten europaweit mit dem Programm zusammen. In Deutschland sind es 350, darunter die dpa, Reuters, der “Kicker” und die “WAZ”. Fast alle sind nativ in die App integriert. Pro 1.000 Impressionen erhalten sie einen festen Betrag, der je nach Medium unterschiedlich ist, aber unter zwei Euro liegt.

Problematische Kommentare

“Unser Vorteil ist, dass wir selbst Leser mitbringen und damit die Reichweite der Medien erhöhen”, sagt Lange. Wie groß der Benefit genau ist, will er nicht verraten – nur so viel: “Es lohnt sich für die Publisher.” Weil Artikel gleich behandelt werden, haben vor allem kleine Verlage eine Chance, Traffic und damit Umsatz zu erzielen.

Nur Vorteile hat der Algorithmus aber nicht. News Republic verstärkt durch ihn auch die Bildung von Filter Blasen, kritisieren Nutzer. Ein Blick in die Kommentare unter den Beiträgen und den Rezensionen zeigt, dass sich vermehrt Anhänger rechter Parteien in der App aufhalten. Auch die Auswahl der Beiträge stößt Nutzern auf. Vielen fällt auf, dass der Algorithmus regierungskritische, sensationslustige und boulevardeske Inhalte bevorzugt, weil diese für Impressionen und Klicks sorgten. Oftmals im Feed finden sich etwa Artikel zu Themen wie Verschleierung, Vergewaltigungen und Asylbewerber.

Lange sagt dazu: “Es ist für uns von zentraler Bedeutung, dass unsere Nutzer für sie relevante Nachrichten erhalten, sich aber gleichzeitig in unserer Community wohl und sicher fühlen. Das heißt jeder Publisher muss gewissen Regeln folgen, die wir streng überwachen, wie beispielsweise jede Art von extremen politischen Inhalten zu vermeiden.” Die Stärke von News Republic sei, Inhalte abseits der Breaking News anzubieten. “Wir haben eine viel größere Breite”, so Lange weiter.

In Europa muss sich News Republic erst noch beweisen. Beworben wird der Dienst bisher nicht, weshalb er vielerorts kaum bekannt ist. Gut möglich, dass sich das bald ändert. Denn im Newsgeschäft sieht ByteDance mit seinem Algorithmus durchaus Potential – wie nicht zuletzt der Erfolg in China zeigt.

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