Partner von:
Anzeige

“Freie Presse” in Chemnitz auf Tuchfühlung mit Lesern: Warum der Lokaljournalismus besser wird

Heike Hampl von der “Freien Presse”
Heike Hampl von der "Freien Presse" Foto: Hamburg Media School

Die Chemnitzer "Freie Presse" probiert viel aus, um den Kontakt zu Lesern zu halten und zu intensivieren. Heike Hampl leitet dort den Regio-Desk Zwickau und hat fünf Beispiele identifiziert, warum Lokaljournalismus sogar immer besser wird. Teil neun der Essay-Reihe "Werteorientierte Digitalisierung", die MEEDIA gemeinsam mit der Hamburg Media School veröffentlicht.

Anzeige

Von Heike Hampl

Als die Autorin 2007 das erste Mal für eine Lokalzeitung arbeitete, wurde dort Print gemacht. Später schnappten sich Kolleginnen und Kollegen aus der Zentrale einige Texte und stellten sie kostenlos ins Netz. Dass das erst zwölf Jahre her ist, ist spektakulär. Seitdem verändert sich der Lokaljournalismus in seinen Arbeitsabläufen, Inhalten, Darstellungsformen – und auch in seinem Selbstverständnis – rasant und radikal. Viele Verlage sind schon weit, andere gehen erste Schritte. Die These lautet: Der Wandel im Lokalen bringt uns näher zu den Menschen – und er verbessert es ständig. Fünf Beispiele.

1. Messbares Bauchgefühl 

„Das interessiert die Leute!“ gilt als alleiniges Argument in Themenkonferenzen nicht mehr. Was die Leute interessiert, wird heute gemessen und analysiert. Wir messen es live und in Rückschau – und erkennen so, welche Themen funktionieren und welche nicht. Was folgt, ist eine manchmal schmerzhafte Debatte in den Redaktionen: Ist unser Thema nicht gut genug? Oder haben wir es nicht richtig erzählt? Oder haben wir nur die Daten falsch interpretiert?

Vielleicht haben wir es nicht geschafft, den Leserinnen und Lesern klar zu machen, warum das Thema für sie wichtig ist? Dabei berücksichtigen wir im Lokalen die Rolle der Zielgruppen in jedem einzelnen Fall besonders – was in Dorf X relevant ist, kann den Leserinnen und Lesern in Stadt Y vielleicht egal sein. So viel inhaltliche Auseinandersetzung mit bereits erschienenem Stoff war selten – und bringt uns in der künftigen Berichterstattung voran. Dabei lassen wir uns nicht die Freiheit nehmen Themen zu setzen, die wir als Redaktion unverzichtbar finden – auch, wenn sie nicht so gut performen. Weil wir unsere Rolle als Vierte Gewalt ernst nehmen.

2. Mehr Interaktion mit Lesern – nicht nur im Digitalen

Als Lokaljournalistinnen und -journalisten waren wir schon immer nah dran. Unsere Redaktionen sitzen auf den Marktplätzen der kleineren und größeren Städte, wir selbst stehen beim Bäcker in der Schlange zwischen Stadträtinnen, Bürgermeistern und Unternehmerinnen. Wir besuchen Feste, Vereine und Schulen. Unsere Namen und Gesichter sind bekannt. Und doch: So viel Rückmeldung gab es in den Redaktionen noch nie. Die Kommentarspalten unserer Webseite, bei Facebook oder Twitter – es ist für Leser nie so einfach gewesen, uns zu erreichen: Sie kritisieren uns, entdecken Fehler, stellen Fragen, geben Themenhinweise. Und manchmal stellen sie unsere gesamte Arbeit infrage. Seid ihr unabhängig? Werdet ihr von Lobbys oder der Politik beeinflusst? Diesen vielen Fragen, der Neugierde der Leserinnen, begegnen wir offen.

Lokaljournalistisches Projekt „Chemnitz diskutiert“: Leser stimmen über Themen ab und diskutieren mit der Redaktion Foto: Uwe Mann/Freie Presse

Bei der „Freien Presse“ laden wir zum Beispiel regelmäßig Leser und Schulklassen in die Redaktion ein und erklären unsere Arbeit. Wir veranstalten Tage der offenen Tür. Mit unserem Projekt „ZimU“ (“Zeitung im Unterricht”) gehen wir an Schulen, zeigen unsere Arbeit und fördern Medienkompetenz. Wir treten als Moderatoren auf, wenn es Streit gibt. Deswegen laden wir unsere Leserinnen zu Debatten wie „Chemnitz diskutiert“ ein, sie selbst stimmen über Themen ab, über die wir diskutieren. Expertinnen, Leser und Redakteurinnen erarbeiten in Workshops Lösungen zu Themen wie Stadtplanung und Verkehrsentwicklung. Als Journalisten verfolgen wir langfristig, wie die Ideen der Behörden und Bürger umgesetzt werden und wie sie die Region verändern.

3. Bescheidener – und trotzdem selbstbewusster 

Wir alle verkaufen von Jahr zu Jahr weniger gedruckte Zeitungen – und schaffen es noch nicht, im Digitalen genauso viel Geld zu verdienen wie mit dem gedruckten Produkt. Wir sehen, dass viele Menschen uns mittlerweile für verzichtbar halten. Politiker, Unternehmen und Behörden kommunizieren im Netz an uns vorbei direkt mit ihrer Zielgruppe. Wir verlieren unsere Funktion als Gatekeeper immer mehr. In der Vergangenheit gaben sich manche Redaktionen angesichts dieser Tatsachen einer seltsamen Mischung aus Untergangsfantasie und Publikumsbeschimpfung hin. Düstere Jahre waren das – in den gesunden Redaktionen mündete die Düsternis in Demut.

Was bewegt die Menschen in Chemnitz? Die “Freie Presse” will es wissen – gemeinsam mit ihren Lesern diskutiert sie über Probleme, erarbeitet Lösungen Foto: Uwe Mann/Freie Presse

Uns ist heute – vielleicht mehr denn je – bewusst, dass wir Journalismus für die Nutzerinnen machen. Nicht für Bürgermeister, Unternehmerinnen, Abgeordnete oder die Redaktionsleitung. Diese Bescheidenheit paart sich mit neuem Selbstbewusstsein, das sich auch durch Bezahlschranken im Netz in den Redaktionen ausgebreitet hat. Guter Journalismus kostet Geld. Die Zahl der E-Paper- und Digital-Abos wächst. Vor Kurzem sagte ein Kollege treffend: „Gibt es in unserem Job ein besseres Gefühl, als mal zu sehen, dass eine Kurve nach oben zeigt?“

4. Endlich interdisziplinär denken

Keine Abteilung schafft es alleine, den Lokaljournalismus im Digitalen weiterzuentwickeln. Der Lesermarkt weiß, wie ein Abo-Modell aussehen muss, wie der Sales-Funnel funktioniert, und was es braucht, um diesen zu füllen. Die Technik weiß, wie eine benutzerfreundliche Oberfläche aussieht, wie wir am Desktop gesteuert unsere Inhalte für Mobile Devices optimieren, wie wir welche Daten in die Redaktionen ausspielen. Die Redaktion weiß, welche Themen die Region umtreiben, wie sie aufbereitet sein müssen, wann ein Ticker angebracht ist, wann ein Thema nach einem Nachdreh schreit, wann wo welcher Inhalt geplant ist. Und selbstverständlich bleibt die Redaktion weiterhin unabhängig von der Anzeigenabteilung.

Ohne interdisziplinäre Arbeitsgruppen jedoch kommen wir nicht voran – wir schaffen es nur gemeinsam, unsere Häuser digital zu transformieren. In abteilungsübergreifenden Arbeitsgruppen begegnen wir einander auf Augenhöhe, wir lernen voneinander, wir lernen übereinander und stellen fest: Gemeinsam sind wir innovativer, kreativer und schneller.

5. Der Beruf ist kreativer geworden
Anzeige

Klar, der Lokaljournalismus war immer ein kreativer Beruf. Aber nicht nur. Es hatte nicht immer etwas mit Kreativität zu tun, den Text eines freien Mitarbeiters von der Jahreshauptversammlung des Schützenvereines schnell auf Zeile zu bringen. Die Digitalisierung aber hat uns mächtige Instrumente gegeben, mit denen riesige Freiheiten einhergehen. Ich kann heute eine Geschichte als Quiz erzählen, wenn mir der klassische Fließtext ungeeignet erscheint. Ich kann 360-Grad-Fotos aus dem Inneren eines Lego-Bauwerkes oder von der Landesgartenschau machen. Ich kann lange, komplexe Handlungen im interaktiven Zeitstrahl nacherzählen.

Das Beste aber ist: Die Mentalität in vielen Redaktionen passt sich allmählich dieser neuen, großen Welt der Darstellungen an. Wir dürfen ausprobieren, scheitern, lernen. Für diejenigen Kollegen in den Redaktionen, die sich mit den Veränderungen und den neuen Anforderungen schwertun ist es wichtig, genau das zu erkennen: Vor der Digitalisierung des Lokaljournalismus muss sich niemand fürchten. Sie gibt uns neue Impulse, neue Motivation.

Und ganz sicher ist: Lokaljournalismus war nie zuvor so kreativ und spannend wie heute.

Über die Autorin: 

Heike Hampl leitet den Regio-Desk Zwickau der „Freien Presse“ mit Sitz in Chemnitz. Nach dem Studium der Theater- und Medienwissenschaften und der Germanistik volontierte sie beim „Nordbayerischen Kurier“, bevor sie nach vier Jahren bei der Bayreuther Tageszeitung beruflich die Seiten wechselte und als stellvertretende Sprecherin für die Regierung von Oberfranken und später als Online- und Social-Media-Redakteurin für das Parteiorgan der CSU in München arbeitete. Hampl ist Teilnehmerin des ersten Jahrgangs des journalistischen Weiterbildungsprogramms Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School. 

Über die Reihe: Dies ist der neunte Teil der von Stephan Weichert herausgegebenen mehrteiligen Essay-Reihe mit dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, die MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht.

Bereits erschienen:

Teil 1: Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

Teil 2: Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Teil 3: News zwischen Marslandung und Verlegenheitsmeldung: Befreit die Nachrichten aus der Linearität!

Teil 4: Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen

Teil 5: Journalismus nach Relotius: Warum wir uns nicht auf den Täter, sondern auf die Frage der Haltung fixieren sollten

Teil 6: Lösung sucht Problem: fünf Schritte für eine produktive Innovationskultur der Medien

Teil 7: Weg mit dem Dringlichkeitsalgorithmus! Ein Sechs-Stufen-Plan für Bewältigungsstrategien in der New-Work-Welt

Teil 8: “Like Deine Freude, wie Du selbst geliked werden willst” – wie wir uns alle einer Digitalisierungsreligion unterwerfen

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia