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“Zum Werkzeug des Täters gemacht”: Presserat rügt “Bild” wegen Veröffentlichung des Christchurch-Videos

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Nach dem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch hatte Bild.de das Live-Videos des Täters ausschnittweise in kommentierter Fassung veröffentlicht. Dies hatte eine breite Debatte unter Medienmachern ausgelöst und der "Bild" einiges an Kritik eingebracht. Nun hat der Presserat die Veröffentlichung des Videos gerügt. Die Redaktion habe sich "zum Werkzeug des Täters gemacht".  

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Der Christchurch-Attentäter hatte im im März die Tötung von über 50 Menschen live via Facebook ins Internet übertragen. Auch Facebook wurde wegen der Verbreitung des Videos massiv kritisiert und hat in der Folge die Regeln für Live-Streaming auf der Plattform verschärft. Bild.de veröffentliche einen kommentierten Zusammenschnitt der Live-Übertragung unter der Überschrift „17 Minuten Mordfeldzug“. Die Taten selbst wurden in dieser Fassung nicht gezeigt, allerdings sah man den Attentäter auf dem Weg zu den Moscheen und beim Laden seiner Waffen. Laut Presserat reichten diese Bilder, um Assoziationen zu erzeugen, “die weit über das berechtigte öffentliche Interesse an dem Geschehen hinausgingen”. Auch die detaillierte, dramatisierende Schilderung und drastische Bebilderung im Begleittext zum Video bedienten nach Ansicht des Beschwerdeausschusses überwiegend Sensationsinteressen.

“Bild”-Chef Julian Reichelt hatte die Veröffentlichung damals in einem Kommentar verteidigt: “Durch Journalismus wird aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist: kein Kämpfer, kein Soldat.” Man dürfe das Video nicht den sozialen Netzwerken überlassen, so Reichelt. Beim Presserat waren wegen der Veröffentlichung des Videos durch die Bild mindestens 35 Beschwerden eingegangen.

Ein “Bild”-Sprecher sagte zu der erteilten Rüge: “Die Begründung des Presserates ist absurd. Die Werkzeuge des Täters von Christchurch waren seine Waffen, nicht die freie Presse, die über diese schreckliche Tat berichtet hat. Mit seiner Einschätzung erteilt sich der Presserat nach eigenen Maßstäben selbst eine Rüge.”

Weitere Rügen
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Eine weitere Rüge kassierte Bild.de wegen einer Verletzung des Persönlichkeitsschutzes nach Ziffer 8 des Pressekodex. Die Redaktion hatte unter der Überschrift „Anwältin: ‚Opfer waren zur falschen Zeit am falschen Ort‘“ über einen Verkehrsunfall berichtet, bei dem ein junges Paar ums Leben kam. Veröffentlicht wurden in diesem Zusammenhang Vorname, abgekürzter Nachname und Alter sowie ein Foto des männlichen Opfers. Ein öffentliches Interesse an dieser identifizierenden Darstellung bestand laut Presserat nicht, da es sich bei dem jungen Mann nicht um eine Person des öffentlichen Lebens handelte. Auch hätten seine Hinterbliebenen der Veröffentlichung der Angaben nicht zugestimmt, so dass ein grober Verstoß gegen den Opferschutz vorlag.

Weitere Rügen wurden ausgesprochen gegen die “Nordwest Zeitung” (Schleichwerbung), gegen die “Ostthüringer Zeitung” (Verletzung des Persönlichkeitsschutzes), gegen “Bravo Sport” (Schleichwerbung), gegen “Brigitte” (Schleichwerbung), gegen merkur.de (Schleichwerbung) sowie gegen die Beilage “Rhein Main Media” (Schleichwerbung).

Update: Eine Stellungnahme eines “Bild”-Sprechers zur Christchurch-Rüge wurde eingefügt.

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Alle Kommentare

  1. Da sind sie wieder, die Nazis vom Presserat, die festlegen wollen, wo das “berechtigte” Informationsinteresse beginnt und wo es endet.
    Bei den Toten und verletzten Kindern in fremden Ländern oder Stränden haben diese Agitatoren vom Presserat weniger Probleme. Oder wog das Informationsinteresse der Bevölkerung Leichname von Kindern zu sehen etwa dort mehr? Wohl kaum. Folglich kann man nur empfehlen: Organspendeausweis und dann ab zum individuellen Beitrag, die Überbevölkerung einzugrenzen.

    1. Nazis vom Presserat??? Wenn man nicht mehr weiter weiß, dann kommt sofort diese hirnrissige Bezeichnung!

      Schon mal daran gedacht, dass das Gros der alltagsunfähigen Entscheidungen dieses, Presserat genannten Gremiums aus Köpfen von rotlinksgrünen Hirnen stammen muss?

      Sonst wären sie doch schon vor der Veröffentlichung in unserem demokratiefeindlichen Staatswesen direkt gelöscht worden!

  2. Der Presserat hat sich schon vor langer Zeit ad absurdum geführt. Kann man nicht mehr ernst nehmen…

  3. Als würde es die Verbreitung einschränken, wenn man es nicht veröffentlicht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Hätte die Bild es nicht veröffentlicht hätte es noch deutlich mehr Reichweite erlangt und mehr Menschen hätten es über die üblichen Plattformen geteilt. Schon während dem Stream ging das viral mit mehreren Millionen downloads.

    Reichelt hat vor allem ökonomisch opportun gehandelt und sich selbst und der Bild einen gefallen mit erhöhter Aufmerksamkeit getan und der Konkurrenz somit das Exklusivmaterial vorweggenommen.

      1. Was wiederwärtig ist, bestimme immer noch ich selber und sonst niemand.
        Wo kommen wir denn dahin, wenn wir anderen vorschreiben wollen, was widerwärtig ist und was nicht? Das hatten wir schonmal. Wehret den Anfängen;D!

      2. Ein Massaker mit 51 Toten und 50 Verletzten, und Sie bestimmen „immer noch selber“, ob das Filmmaterial des Täters widerwärtig ist.
        Nur zu: Wie fällt denn Ihr Urteil aus? Geiles Splatter-Movie? Mehr davon? Weil es ökonomisch opportun ist?

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