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Wochenrückblick: der schonungslose Fehler-Striptease des Spiegel mit dem Relotius-Report

Bigger Brother in Austria, Der Spiegel deckt eigene Missstände auf, Titel-Power der taz, CDU-Zerstörer Rezo
Bigger Brother in Austria, Der Spiegel deckt eigene Missstände auf, Titel-Power der taz, CDU-Zerstörer Rezo Fotos:SZ/Spiegel, Twitter/Lukas Wallraff, YouTube/Rezo

Zwei Videos hielten diese Woche die Medienwelt in Atem: Einmal das Skandal-Filmchen rund um den österreichischen Ex-Vize-Kanzler HC Strache. Dann das Video eines "kleinen" YouTubers, das die große CDU das Fürchten lehrte. Und der Spiegel hat seinen Relotius-Report vorgelegt, der gar kein gutes Licht auf die damaligen Abläufe bei dem Magazin wirft. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Zwei Bewegtbildformate dominierten die mediale Debatte in dieser Woche. Zu allererst zu nennen ist natürlich das Ibiza-Video, bzw. das Strache-Video, wegen der red-bulligen Dominanz des Protagonisten von der FPÖ. Sie werden es mitbekommen haben, liebe Leser. Wer das Werk produziert hat – Geheimdienste, ehemalige, halbseidene Wahlkampfberater, Satiriker, Kunst-Aktivisten – man weiß es nicht, wird es vielleicht auch nie erfahren. Abgesehen von der politischen Sprengkraft gibt das Video aber auch hinsichtlich der Stil- und Kulturkritik einiges her. Claudius Seidl lieferte in der FAZ (Paid Content) die für mich schlüssigste Analogie zur Populärkultur:

Klingt genau so, als hätten viel Champagner und Red Bull (von der Frage, was Strache raucht in dem Video, und was da sonst für weißes Pulver auf dem Tisch in der Russenvilla liegt, ganz zu schweigen) ihn eher inspiriert als jener nüchterne Realismus, den man als Fernsehserienfan schon deshalb vermisst, weil man sich vorstellen kann, wie misstrauisch und wie gut vorbereitet Weltklassebösewichte wie Tony Soprano oder Frank Underwood in so ein Treffen hineingegangen wären. Dass sie neutrales Terrain gewählt hätten, versteht sich von selbst. Was das Video zeigt, zwei Männer und eine Frau, die in Freizeitkleidung in einer Sitzecke herumlümmeln, trinken, rauchen, labern, das ist leider nicht „House of Cards“. Straches Format reicht nur für „Big Brother“.

Das ganze Setting mit den kahlen Wänden in der Nobel-Villa. Alk und der Aschenbecher auf dem Tisch. Die Lederbändchen um HCs Handgelenk und die viel zu engen T-Shirt bei zu prallen Plauzen mit viel zu großen Halsausschnitten – all das sind typische Accessoires von TV-Container-Insassen. Von dem größenwahnsinnigen Gelaber ganz zu schweigen.

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Der Spiegel hat an diesem Freitag endlich den Relotius-Report vorgestellt. Es handelt sich um die Aufarbeitung des vermutlich größten Fälschungsskandals im Journalismus seit den Hitler-Tagebüchern. Eine dreiköpfige Kommission hat recherchiert, Leute befragt und die Ergebnisse akribisch zusammengetragen. Im aktuellen Spiegel ist der Bericht der Kommission nachzulesen, der Spiegel hat die 17 Seiten aber dankenswerterweise auch gratis als PDF-Dokument für Alle zugänglich gemacht. Und der Bericht ist sehr, sehr lesenswert!

Zunächst einmal hat die Kommission eine tolle Arbeit geleistet und ohne Scheu und Rücksichtnahme die Affäre minutiös nachgezeichnet. Respekt gebührt hier auch dem Spiegel als Haus, das diesen nicht eben schmeichelhaften Bericht selbst so prominent veröffentlicht. Das lässt auf Willen zur Veränderung hoffen. Denn der Bericht legt sowohl Mängel in den redaktionellen Abläufen als auch eine sture Arroganz von Teilen des leitenden Personals offen.

Wie viele Hinweise da ignoriert wurden und wie massiv der freie Mitarbeiter Juan Moreno gegen Widerstände ankämpfen musste, bevor wegschauen praktisch unmöglich wurde, das liest sich atemberaubend. Besonders schlecht kommen hier der eigentlich designierte Co-Chefredakteur Ulrich Fichtner und der Ressortleiter Gesellschaft, Matthias Geyer, weg. Nur ein Zitat aus dem Report:

Die erste Warnung eines Lesers muss Matthias Geyer, den Leiter des Gesellschaftsressorts, erreicht haben, er hat jedoch nicht reagiert. Bei der zweiten Warnung ist nicht ganz klar, ob und, wenn ja, wen in der Ressortleitung sie erreichte. Die dritte Warnung war die des Kollegen Juan Moreno. Ungeachtet dieser Warnung produzierte und veröffentlichte das Gesellschaftsressort noch knapp zwei Wochen nach Eingang von Morenos ersten Indizien eine von Relotius in drei nicht unwichtigen Teilen gefälschte Titelgeschichte zum Thema Klimawandel. Dabei hätte Matthias Geyer da schon klar sein müssen, dass sie es bei Relotius möglicherweise mit einem Betrüger zu tun hatten.

Juan Moreno wird u.a. mit der Aussage zitiert, er habe den Eindruck gehabt, als laufe er beim Spiegel gegen eine Wand: “Es waren dicke, solide Betonwände, Spiegel-Qualität gewissermaßen.”

Bleibt die Frage: Gibt es nach dieser schonungslosen Analyse irgendwelche personellen Konsequenzen?

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Das andere Video, das neben “Strache – der Film” diese Woche für Aufsehen sorgte, war das YouTube-Video “Die Zerstörung der CDU” von einem gewissen Rezo. Vor fünf Tagen veröffentlicht kommt das Video mittlerweile auf über siebeneinhalb Mio. Aufrufe bei YouTube. Rezo rechnet darin in einer knappen Stunde mit der CDU ab, dass es sich gewaschen hat.

Die CDU ist demnach schuld an Armut, an der Ungleichheit der Vermögensverhältnisse, am Klimawandel, die Partei ist korrupt und duldet Kriegsverbrechen, CDU-Politiker und Politikerinnen sind inkompetent und doof, und sie lügen natürlich wie gedruckt. So in etwa in a Nutshell. Das Ganze belegt Rezo mit Aussagen von “tausenden” Wissenschaftlern und einem umfangreichen Online-Dokument, in dem er seine Quellen auflistet.

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Das wirkt zunächst ziemlich beeindruckend. Wahnsinn, was sich der junge Mann da für eine Arbeit gemacht hat! Warum recherchieren die blöden Mainstreammedien nicht mal so gründlich? So lauteten sinngemäß viele erste Reaktionen. Die CDU mit ihren ganzen Apparat wurde von dem YouTuber total überrumpelt. Es dauerte Tage, bis die Partei überhaupt zu bemerken schien, was sich da zusammenbraute. Dann wurde hastig ein Gegen-Video mit CDU-Jungstar Philipp Amthor fabriziert und noch vor der Veröffentlich wieder kassiert.

Schließlich reagierte CDU-General Paul Ziemiak mit einer Reihe von Tweets, bei denen er nebenbei zeigte, dass er nicht weiß, wie ein Thread bei Twitter funktioniert. Außerdem veröffentlichte die Partei ein PDF-Dokument mit einer inhaltlichen Replik auf die Vorwürfe. Ziemiak machte Rezo außerdem das Angebot zu einem Gespräch mit ihm und Amthor.

Liest man sich die Argumentation der CDU in dem PDF durch, dann ist die gar nicht mal schlecht und es wird klar, dass sich die Welt nicht gar so simpel in gut und böse (CDU) aufteilen lässt, wie der Rezo sich das denkt. Klar ist aber auch, dass die CDU in Sachen Kommunikation noch so einiges nachholen muss.

Die mit Abstand beste Titelseite zum Thema hatte übrigens einmal mehr die taz:

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier auch über das Strache- und das Rezo-Video. Außerdem geht es um den Relotius-Report, die Wahl von Kai Gniffke zum SWR-Intendanten, die neue Studie von Michael Haller und das Ende von “Game of Thrones”. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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