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Spiegel legt Abschlussbericht im Fall Relotius vor: „In seiner Verdichtung ein verheerendes Bild“

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann

Fünf Monate ist es her, dass beim Spiegel der große Betrug um Claas Relotius aufgeflogen ist. Nun hat das Hamburger Nachrichtenmagazin den Abschlussbericht der dreiköpfigen Untersuchungskommission vorgelegt. Das Ergebnis: Zwar gibt es keine Hinweise auf Mitwisser in der Redaktion, zahlreiche Warnsignale sind aber dennoch übersehen worden.

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Dass der Spiegel seinen Abschlussbericht zum Fall Claas Relotius Ende Mai veröffentlichen wird, wurde schon seit einigen Wochen in der Branche geraunt. Auch über mögliche Ergebnisse und die Rollen von Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, die Förderer von Relotius waren, wurde spekuliert.

17-seitiges Dokument online verfügbar

Nun hat der Spiegel den Bericht veröffentlicht, den seine Leser auch in der am Samstag erscheinenden Ausgabe finden werden und der bereits als PDF online verfügbar ist. Das 17-seitige Dokument hat die Kommission bestehend aus Brigitte Fehrle, externe Expertin und frühere Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Clemens Höges, Blattmacher beim Nachrichtenmagazin, und dessen Nachrichtenchef Stefan Weigel erarbeitet.

Geschäftsführer Thomas Hass, Geschäftsführer, und Chefredakteur Steffen Klusmann schreiben in einer Kurzmitteilung von einer guten und einer schlechten Nachricht. Zunächst seien keine Hinweise darauf gefunden worden, „dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war“. Zum anderen habe man sich vom Ex-Spiegel-Redakteur Claas Relotius „einwickeln lassen und in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist“.

Und weiter heißt es: „Wir sind, als erste Zweifel aufkamen, viel zu langsam in die Gänge gekommen und haben Relotius‘ immer neuen Lügen zu lange geglaubt. In seiner Verdichtung zeichnet der Bericht da ein verheerendes Bild.“

Personelle Konsequenzen bereits Mitte März gezogen

Personelle Konsequenzen hatte es bereits im Vorfeld der Veröffentlichung gegeben: Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, zwei Förderer und Vorgesetzte von Relotius, wurden mit neuen Aufgaben in der gemeinsamen Redaktion betraut. Die ihnen ursprünglich zugedachten Leitungsfunktionen, Chefredakteur und Blattmacher, traten sie in Einvernehmen mit der Chefredaktion nicht an, vermeldete der Verlag Mitte März. Geyer gab auf eigenen Wunsch zudem die Leitung des Ressorts Gesellschaft ab. Ebenfalls auf eigenen Wunsch hat der zuständige Dokumentar das Haus verlassen.

Die dreiköpfige Kommission zeichnet in dem Bericht nach, wie es Claas Relotius gelingen konnte über 50 zum Teil gefälschte oder verfälschte Texte zu veröffentlichen und dass es durchaus schon vor dem Dezember 2018 Zweifel beim Spiegel gab:

So erzählen beispielsweise Dirk Kurbjuweit, lange Jahre stellvertretender Chefredakteur, und Ex-Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer davon, dass sie sich bei Relotius‘ Artikeln durchaus gewundert hätten. Kurbjuweit klagte über die mangelnde Qualität eines Textes; Brinkbäumer habe sogar zwei Momente des Zweifelns erlebt. „Beim Interview mit Traute Lafrenz wunderte er sich, dass eine fast Hundertjährige, die in den USA lebt, innenpolitische deutsche Vorgänge wie den Aufstieg der AfD kommentiert. (…) Der zweite Fall war der Einstieg in die Reportage „Löwenjungen“, der ihm „allzu perfekt vorkam.“

Mit Relotius selbst hat die Kommission nicht sprechen können. Er habe über seinen Anwalt alle Gesprächsanfragen abgelehnt, so dass die Beweggründe für sein Handeln weiter im Unklaren bleiben. Auch die vom Spiegel selbst zitierten Aussagen des Ex-Spiegel-Mannes vom 19. Dezember 2018 konnten damit nicht überprüft werden.

Mit welchen Mitteln hat Relotius gearbeitet?

Der Report stellt ebenfalls dar, wie es dem heute 33-Jährigen über Jahre gelungen ist, dass seine Fälschungen unentdeckt blieben. Genannt werden Punkte, die teils bereits im Laufe der ersten Wochen ans Tageslicht kamen: Kollegen umgarnen, Dokumentare ablenken, Leser einwickeln, Abdruck von Leserbriefen verhindern, Making-of-Videos ablehnen und keine Übersetzungen zulassen.

Auch deutliche Warnsignale dokumentiert das Untersuchungstrio Fehrle, Höges und Weigel. So heißt es:

Bislang konnte die Kommission feststellen, dass es im Haus drei deutliche Warnungen vor Fälschungen in Relotius-Geschichten gab. Jede davon hätte Relotius stoppen können – zumindest theoretisch. Die erste Warnung eines Lesers muss Matthias Geyer, den Leiter des Gesellschaftsressorts, erreicht haben, er hat jedoch nicht reagiert. Bei der zweiten Warnung ist nicht ganz klar, ob und, wenn ja, wen in der Ressortleitung sie erreichte. Die dritte Warnung war die des Kollegen Juan Moreno. Ungeachtet dieser Warnung produzierte und veröffentlichte das Gesellschaftsressort noch knapp zwei Wochen nach Eingang von Morenos ersten Indizien eine von Relotius in drei nicht unwichtigen Teilen gefälschte Titelgeschichte zum Thema Klimawandel. Dabei hätte Matthias Geyer da schon klar sein müssen, dass sie es bei Relotius möglicherweise mit einem Betrüger zu tun hatten.

Dem Leser wird zudem eine detaillierte Chronologie der Ereignisse präsentiert, angefangen mit den ersten Zweifeln von Moreno über die eigenen Recherchen zur Geschichte „Jaegers Grenze“ bis hin zur Aufdeckung des Betrugs.

Erste strukturelle Änderungen angekündigt

Das Abschlusskapitel dreht sich um die Überlegungen zur Verbesserung der redaktionellen Abläufe, hinsichtlich der Funktion des Gesellschaftsressorts, einer neuen Fehlerkultur und der Arbeitsweise der Dokumentation in Verbindung mit der Redaktion.

Der Spiegel kündigt unter anderem weitere Änderungen bei den Sicherungsmechanismen an. Es soll eine unabhängige Ombudsstelle eingerichtet werden, „die etwaigen Hinweisen auf Ungereimtheiten nachgehen soll.“ Zudem werden die Recherche-, Dokumentations- und Erzählstandards überarbeitet. „Zusätzlich arbeiten drei Spiegel-Teams an einem neuen journalistischen Regelwerk für unsere Marke“, so Hass und Klusmann. Die Zeit hatte am Dienstag ihre Konsequenzen aus dem Fall präsentiert und dafür neue Regeln für Autoren aufgestellt (MEEDIA berichtete).

Zum Abschluss schreiben Geschäftsführer und Chefredakteur in der Mitteilung: „Wenn all das den Spiegel besser macht, stellen sich die Betrügereien von Claas Relotius rückblickend betrachtet vielleicht als heilsamer Schock heraus. Der Abschlussbericht war dafür ein wichtiger Schritt, aber die Aufarbeitung geht weiter.“

Der Spiegel stellt die Ergebnisse um 14 Uhr der Öffentlichkeit vor. Meedia wird berichten.

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