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Trennung von Redaktion und Verlag infrage gestellt: SZ-Digitalchefin Julia Bönisch hat Ärger im eigenen Haus

Julia Bönisch wird in der SZ-Chefredaktion für Digitales zuständig sein
Julia Bönisch wird in der SZ-Chefredaktion für Digitales zuständig sein

Weil sie in einem Gastbeitrag im Journalist die strikte Trennung von Redaktion und Verlag in Frage stellt, gerät Julia Bönisch, die Digitalchefin der Süddeutschen Zeitung, intern unter Druck. Kollegen der Reaktion fühlen sich übergangen und selbst der Betriebsrat kritisiert Bönisch für ihre Aussagen, schreibt die taz. Der Verlag selbst will sich öffentlich nicht zu dem Text äußern.

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Der Text der Digitalchefin, die seit Ende 2018 auch Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen ist, ist eigentlich schon eine Woche alt. Die Diskussionen darüber halten aber bis heute an.

Bönisch, die sich in dem Gastbeitrag selbst als “Affront” für “manche Kollegen” bezeichnet, schreibt darüber, was eine ihrer Ansicht nach moderne Chefredakteurin zu leisten hat. Die Redaktionsleiter definierten sich heutzutage mehr als Manager und Produktchefs, die in “Workflows und Prozessen denken”, so Bönisch. Ihr Job sei weniger die Schönschreiberei oder “wuchtige Texte”. Als “Frau, Onlinerin, noch keine 40” stehe sie selbst für “fast alles, was unbequem und lästig ist: für Veränderung, für Digitalisierung, für einen Generationenwechsel, der auch Frauen an die Spitze bringt”. Dieser Wandel müsse jedoch erst in den Köpfen der Redaktionsmitglieder ankommen.

Ihr Text birgt viel Konfliktpotential, weil er auch mit der SZ ins Gericht geht. Bönisch schreibt von “Beharrungskräften”, die Veränderungen im Haus verhindern, und vom Gegenwind, der ihr als Frau entgegenschlage. Ein Tabu bricht die Digitalchefin aber mit der Forderung, die strikte Trennung zwischen Redaktion und Verlag aufzuheben, um die Prozesse zu optimieren. Wörtlich schreibt sie:

Wir müssen uns von gewohnten Hierarchien und linearen Top-Down-Strukturen verabschieden, ebenso wie von der strikten Trennung in Redaktion und Verlag. Um in einer Zeitung ein funktionierendes Podcast-Team aufzubauen, müssen wir Journalisten von Anfang an mit Kollegen aus der IT und der Vermarktung an einen Tisch setzen. Das läuft auf ein Leben in der Matrix heraus und ist für die Redakteure eine Herausforderung, die es gewohnt waren, lange Alleinherrscher in ihren Häusern zu sein und auf die Anzeigenabteilung oder Programmierer mit einer Mischung aus Argwohn, Arroganz und Verachtung herabzublicken.

Sogleich distanzierten sich Kollegen von den Aussagen, schreibt die taz. Viele fühlten sich für unfähig erklärt, neue Formen des Journalismus anzunehmen. Der Text schade nicht nur dem Ansehen, sondern auch den Veränderungsprozessen, die bereits angestoßen wurden. Und auch der Betriebsrat schaltete sich ein – insbesondere wegen der Aussagen zur Trennung von Redaktion und Verlag. In der SZ ist die Eigenständigkeit beider Seiten seit den 70er Jahren im Redaktionsstatut verankert.

Bönisch spricht intern von Missverständnissen

Die Aufregung war so groß, dass sich Bönisch am Donnerstag vor rund 150 Kollegen rechtfertigen musste, berichtet die taz weiter. Dabei habe sie sich für einzelne Aussagen entschuldigt, Kollegen wollte sie nicht verletzen. Es habe Missverständnisse gegeben in Bezug auf ihre Aussagen über die engere Verknüpfung von Verlag und Redaktion. Auf eine Richtigstellung scheint Bönisch aber verzichten zu wollen.

Jedenfalls bleiben Bönischs Aussagen, von der offenbar auch die Chefredaktion vorab nichts wusste, auch nicht ganz ohne Zustimmung: Vor allem Onlinekollegen pflichten ihrer Chefin bei, schreibt die taz. Auf Twitter loben zudem einige Externe den Gastbeitrag. Hannah Suppa, Chefredakteurin der Märkischen Allgemeinen Zeitung ( MAZ), schreibt etwa: “Was Julia Bönisch über Transformation, Management, Führung & Zusammenarbeit von Verlag/Redaktion gesagt hat, ist richtig & wichtig. Für so einen Streit um diese Selbstverständlichkeiten haben wir im Journalismus eigentlich alle keine Zeit.”

Spiegel-Online-Korrespondent Florian Gathmann sieht die Sache differenzierter: “Provokationen hin oder her – da (in dem Text, Anm. d. Red.) steht viel Richtiges drin. Die Trennung von Reaktion und Verlag halte ich allerdings weiterhin für absolut zwingend und ohne wuchtige Texte gibt es keinen Journalismus mehr.”

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Andere Nutzer schreiben:

Weder Bönisch noch der Verlag wollen sich öffentlich zu dem internen Streit äußern.

(rt)

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