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Wochenrückblick: Fast ein “Friedenspreis” für einen Antisemiten und Medien merken nix

Der Präsident der Republica, fast ein Friedenspreisträger, aufpassen beim Adressieren, die Pioneer One Foto Credits: Jan Zappner/re:publica/Screenshots: YouTube, Facebook/Illustration: Jean-Pierre Kunkel
Der Präsident der Republica, fast ein Friedenspreisträger, aufpassen beim Adressieren, die Pioneer One Foto Credits: Jan Zappner/re:publica/Screenshots: YouTube, Facebook/Illustration: Jean-Pierre Kunkel

Beinahe wäre der lupenreine Antisemit Ruslan Kotsaba mit dem "Aachener Friedenspreis" ausgezeichnet worden. Zahlreiche Medien berichteten über die Verleihung, ohne etwas über Kotsabas Hintergrund zu wissen. Der Bundespräsident hat die re:publica eingelullt. Gabor Steingart sticht in die Spree und Obacht beim Briefe-Versand an Journalisten. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Zwei große Medien-Events – im weiteren Sinne – sind in dieser Woche zu Ende gegangen: Die re:publica in Berlin und das OMR Festival in Hamburg. Dass beide Groß-Ereignisse in diesem Jahr gleichzeitig stattfanden, scheint niemandem geschadet zu haben. Aus der Ferne betrachtet waren beide Messen/Kongresse/Festivals pickepackevoll. Nur um sicher zu gehen: Kommendes Jahr gibt es keine Termin-Kollision mehr. Die re:publica wurde sogar von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier eröffnet, was allgemein als Ritterschlag für die einst als “Blogger-Klassentreffen”gestartete Veranstaltung gewertet wurde. Das mag stimmen. Über den Nachrichtenwert von Steinmeiers Erscheinen hinaus sorgte sein Auftritt freilich für wenig Nachhall, sondern eher für schwere Augenlider. Symptomatisches Zitat aus seiner Rede:

Wer Differenzierung, Abwägung und Zwischentöne schätzt, wer Ambiguitäten zulässt und aushält, wer die Dinge von verschiedenen Standpunkten aus betrachten will und dafür auch bereit ist, manchmal mehr als eine Minute zuzuhören, kurzum: wer Nebensätze nicht zum Feind erklärt, der hat in diesem Bundespräsidenten einen natürlichen Verbündeten!

Ja, ja. Müssen diese Abwägungen aber immer gar so bleiern daherkommen? Ein Bundespräsident ist kein Possenreißer, aber irgendwo zwischen “stinklangweilig” und “klamaukig” könnte es doch vielleicht noch den einen oder anderen Zwischenton geben. Oder nicht? Gerüchten zufolge gibt es die Rede des Bundespräsidenten in Kürze als Sleep-Story bei der Meditations-App Calm.

In der NZZ schrieb Marc Felix Serrao eine kritische und lesenswerte Einordnung zur re:publica und zur Steinmeier-Rede, wofür er bei Twitter sogleich Prügel bekam. Hauptvorwurf: Er beziehe sich nur auf ein einziges Panel. Dies ist freilich ein eher schlichter Vorwurf, den Serrao recht einfach kontern konnte:

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Von Steini zu Steini. Gabor Steingart hält die Medien-Welt in Atem. Nach seinen vollmundigen Ankündigungen im Interview mit Peter Turi folgten in dieser Woche Fakten. Axel Springer steigt bei Steingarts Media Pioneer Firma mit 36 Prozent ein – Bämm! Steini wandelt die Company in eine Aktiengesellschaft um, an der sich auch Leser/Hörer beteiligen können – Bämm! Es gibt eine Bürger-Akademie – kleines bäm. Und – der Oberknaller – die Redaktion wird auf einem Spree-Schiff namens “Pioneer One” sitzen und andauernd die Spree rauf- und runterkuttern – MEGA-BÄMM! Der Kahn wird gerade für geschätzte drei bis fünf Mio. Euro (laut Tagesspiegel) gebaut und soll außer der Redaktion auch eine Eventfläche und ein Podcast-Studio beherbergen. Das klingt alles total verrückt und ist es auch, was per se aber nicht schlecht sein muss. Meine Zweifel an Steingarts Geschäftsmodell, das Werbung geradezu verteufelt, bleiben bestehen. Aber man muss dem Mann zubilligen, dass er für Gesprächsstoff sorgt und reichlich Chuzpe hat. Immerhin ist mal wieder was los in Medienhausen!

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Kennen Sie den Aachener Friedenspreis? Bitte jetzt nicht verwechseln mit dem Aachener Karlspreis, den u.a. schon Persönlichkeiten wie Bill Clinton, Václav Havel, Papst Franziskus oder Angela Merkel erhalten haben. Der Aachener Friedenspreis ist etwas anderes. Etwas ganz anderes. Die Preisträger dort sind in der Regel … sagen wir mal sehr Israel-kritisch und sehr Russland-freundlich. U.a. erhielt den “Friedenspreis” auch schon der inzwischen verstorbene Macher der so genannten Kölner Klagemauer (auch bekannt als Kölner Hetzmauer), Walter Herrmann, der auch schon mal Juden mit Nazis gleichsetzte. Da kann man so ungefähr erahnen, in welche Richtung das geht.

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In diesem Jahr sollten im Herbst mit dem “Friedenspreis” zwei Initiativen gegen Atomwaffen und der ukrainische Journalist Ruslan Kotsaba ausgezeichnet werden. Nun ist es aber so, dass Herr Kotsaba durch antisemitische Hetze übelster Sorte aufgefallen ist. In einem im Netz kursierenden Video bezeichnet er den Holocaust u.a. als Strafe dafür, dass die Juden Stalin und Hitler “gezüchtet” hätten. Haarsträubend zu lesen ist, was Karl-Hermann Leukert bei den “Salonkolumnisten” über Kotsaba und den “Friedenspreis” aufgeschrieben hat. Erschreckend auch, dass zahlreiche Medien die Meldung vom “Friedenspreis” für Kotsaba ohne jede Einordnung einfach mal so übernommen haben. Gab’s da etwa eine Pressemitteilung? So u.a. der WDR, der Deutschlandfunk, das ZDF (okay, nur als dpa-Meldung aber trotzdem) und auch die Aachener Nachrichten. Zumindest dort, bei der lokalen Zeitung, könnte/sollte man doch wissen, dass dieser “Friedenspreis” mindestens komisch riecht. Dass die extremen antisemitischen Ausfälle ihres Preisträgers doch langsam Kreise zogen, wurde wohl auch dem Verein des “Friedenspreises” zu heiß und man will Kotsaba nun doch nicht auszeichnen. Auf der Website des Vereins heißt es:

Der Vorstand des Aachener Friedenspreis e.V. hat sich nach den Vorwürfen gegen Ruslan Kotsaba zu dessen antisemitischen Äußerungen gegen eine Preisverleihung an den ukrainischen Pazifisten entschieden.

“Pazifist” – klar doch. Für die öffentlich-rechtlichen Qualitätsmedien und die Aachener Nachrichten ist es aber schon peinlich, die Verleihung eines nicht erst seit gestern umstrittenen “Friedenspreises” an einen lupenreinen Antisemiten ohne jede Einordnung in die Welt hinausposaunt zu haben.

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Zum Schluss noch ein Pro-Tipp: Wenn man Brief-Adressen mit Tabellen-Programmen bearbeitet und in bestimmte Felder dann noch kleine, spitze Bemerkungen zu den Adressaten reinschreibt, dann sollte man aufpassen, dass man die Felder nicht verwechselt.

Schönes Wochenende!

P.S.: Im Podcast “Die Medien-Woche” hat mein Kollege Christian Meier von der Welt mit Gabor Steingart über seine schwimmende Redaktion gesprochen. Sehr hörenswert! Außerdem diskutieren wir die aktuelle Aufreger-Werbung von Edeka (Muttertag!) und der BayernLB (Ronja von Rönne!), und es geht um re:publica, OMR, Jan Fleischhauer und Joyn. Viel Spaß beim Reinhören!

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