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Investigativ-Legende Hans Leyendecker wird 70: “An meinem Versagen kann ich Journalismus am besten erklären”

Hans Leyendecker prägte die Investigativ-Recherchen bei Spiegel und SZ
Hans Leyendecker prägte die Investigativ-Recherchen bei Spiegel und SZ

Er ist einer der profiliertesten Journalisten: Hans Leyendecker hat mit investigativen Recherchen über Jahrzehnte immer wieder die Republik aufgerüttelt. Am Sonntag wird der Ausnahme-Autor 70 Jahre alt. Über sich selbst sagt er: "Ich habe drei Lebenswerk-Preise bekommen und will keinen vierten mehr, weil da auch immer Dinge gerühmt werden, wo man denkt: Das war doch eigentlich viel schlechter."

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Leyendecker berichtete fast zwei Jahrzehnte lang für den Spiegel, ab 1997 für die Süddeutsche Zeitung (SZ). Dort baute er ein Investigativ-Ressort auf, deckte Affären und Korruptionsfälle in Politik und Wirtschaft auf, auch die schwarzen Kassen von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in den 1990er Jahren. Als Teil eines internationalen Rechercheteams veröffentlichte er 2016 die Aufsehen erregenden “Panama Papers” über Briefkastenfirmen und Steuertricksereien.

Mit Blick auf seine Berichte rund um Waffenhandel, um Skandale in Rathäusern oder Konzernen sagt der Autor rückblickend: “Das war gute Arbeit, zu der man stehen kann.” Da sei er mit sich im Reinen. Dagegen ist seine Spiegel-Titelgeschichte 1993 über Bad Kleinen für Leyendecker weiter ein “Alptraum”. Es ging um den missglückten Einsatz der Spezialeinheit GSG 9 gegen die RAF und die angebliche Hinrichtung des Terroristen Wolfgang Grams. Der Bericht war nicht korrekt, seine Quellen waren unzuverlässig. “Es war ein großes handwerkliches Versagen.”

Leyendecker schildert: “Wenn mich junge Leute fragen, wie Recherche, wie Journalismus funktionieren, dann rede ich am ehesten über mein Versagen, daran kann man es am besten erklären.” Und er mahnt: “Man darf kein Jäger sein. Ich war nie Jäger, aber ich war nahe dran.” Ein Beispiel: Lothar Späth, der 1991 als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurücktrat – auch wegen Leyendeckers Veröffentlichung über dessen Traumschiffreisen.

Beim tiefen Fall von Christian Wulff wurde ihm klar, was Journalismus anrichten kann

“Mit unserer Vorgehensweise damals tue ich mich heute schwer”, sagt der Journalist zum Fall Späth. “Besser wäre ein Weg gewesen, der ihn und seine Familie nicht so verletzt hätte.” Spätestens mit dem tiefen Fall von Bundespräsident Christian Wulff sei ihm klar geworden, was Journalismus anrichten könne. 2012 lehnte Leyendecker den Henri-Nannen-Preis zusammen mit zwei SZ-Kollegen ab. Aus Protest, weil die Jury auch die Bild-Zeitung für ihre Berichterstattung in der Wulff-Affäre auszeichnete.

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“Ich bin eine Mittelbegabung”, urteilt Leyendecker über sich selbst, “ein ganz guter Recherchierer und ein einigermaßen guter Schreiber.” 2016 gab er die Ressortleitung bei der SZ ab. Ob es eine Rückkehr in den Journalismus gibt, hat er noch nicht entschieden.

Jetzt hat der 37. Evangelische Kirchentag Mitte Juni in Dortmund für ihn Top-Priorität. 2017 wurde er zum Präsidenten gewählt. Vom kritisch hinterfragenden, Distanz wahrenden Autor zum Präsidenten eines Glaubensfestivals –wie gelingt der Rollenwechsel? “Das geht aus der Glaubenshaltung heraus. Ich war immer ein gläubiger Mensch, fand es aber nicht nötig, das der ganzen Welt mitzuteilen.”

(dpa)

 

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