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Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm über die Kooperation mit “Neo Magazin Royal”: “Trockene Themen muss man auch mal satirisch angehen”

Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm
Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm

Unter der Leitung von Correctiv haben 35 Redaktionen aus 30 Ländern einen Steuerbetrug in Europa aufgedeckt. Kriminelle erbeuteten durch Umsatzsteuerkarusselle 50 Mrd. Euro jährlich von den Mitgliedsstaaten. Für Verwunderung sorgten die Teilnehmer des Projekts: Neben Correctiv, dem Handelsblatt und Frontal 21 hat das Satiremagazin "Neo Magazin Royal" an der Recherche mitgewirkt. Bei MEEDIA erzählt Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm, wie das zusammenpasst.

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Was sind die zentralen Ergebnisse ihrer Recherche?
Oliver Schröm: Durch Umsatzsteuerkarusselle klauen organisierte Banden europaweit 50 Milliarden Euro aus den Staatskassen. Und zwar jährlich. Allein Deutschland gehen durch diesen Steuerdiebstahl jährlich 5 bis 14 Milliarden Euro verloren. Genaue Zahlen kennt das Bundesfinanzministerium nicht. Es führt keine Statistiken über die jährlichen Milliarden-Verluste durch Karussellbetrug. Ebenso wenig wie die Finanzministerien der Länder. Dies allein schon ist eigentlich ein Skandal. Aber dem nicht genug: Deutschland blockiert einen effektiven Kampf gegen diesen Steuerdiebstahl. Neben Großbritannien ist Deutschland das einzige EU-Land, das sich nicht aktiv am europäischen Betrugs-Frühwarnsystem TNA (Transactional Network Analysis) beteiligt. Dabei haben wir eigentlich nix zu verschenken. Finanzminister Olaf Scholz verkündete gerade, dass durch geringere Steuereinnahmen 70,6 Milliarden Euro in den nächsten Jahren fehlen werden.

Sie haben mit 35 Redaktionen aus ganz Europa zusammengearbeitet. In Deutschland ist neben Correctiv, das Handelsblatt und Frontal 21 auch das “Neo Magazin Royal” dabei. Wie kam es dazu?
Mit dem Projekt #GrandTheftEurope hat Correctiv seit Februar 2018 binnen kurzer Zeit die vierte internationale Recherchekooperation auf die Beine gestellt. Weltweit gibt es nicht viele Journalistenorganisationen oder investigative Redaktionen, die dazu in der Lage sind, die über entsprechende technischen Voraussetzungen (Recherchedatenbanken, verschlüsselte Kommunikationsplattformen) und ein Netzwerk möglicher Medienpartnern verfügen. Und wie zuvor bei den #CumExFiles und den anderen Recherchekooperationen haben wir die Medienpartner angesprochen, an einen Tisch gebracht und unsere Reporterin Marta Orosz hat diese Recherchen geleitet und zusammen Christian Saleweski koordiniert.

Sind sie für die Recherche also auf das Team von Jan Böhmermann zugegangen?
Bei Correctiv suchen wir immer wieder nach neuen Erzählformen für investigative Geschichten, manchmal sind es Graphic Novels oder wir tun uns mit Theaterleute zusammen, die dieses Thema auf die Bühne bringen, wie etwa bei den CumEx-Recherchen. Und diesmal dachten wir, dieses eigentlich trockene Thema Steuerbetrug müsste man auch mal satirisch angehen und sind auf das Team von Jan Böhmermann zugegangen. Und die „Böhmermänner“ fanden die Idee gut, zwei Redakteure aus ihrem Team waren von Anfang an Teil der internationalen Kooperation, recherchierten zusammen mit klassischen investigativen Journalisten und glänzten bei unseren Treffen mit ihren Ideen und ganz anderen Sichtweisen auf das Thema Steuerbetrug.

Böhmermann hat das Thema am Donnerstagabend plakativ dargestellt, indem er satirisch beschrieben hat, wie jeder Zuseher “schnell” und “ganz einfach” Millionär werden kann. Finden Sie diese Darstellung gelungen?
Themen wie Steuerbetrug sind oft kompliziert und sperrig und erhalten durch herkömmliche Erzähl- und Darstellungsform oft nicht die Aufmerksamkeit oder Impact, der eigentlich bei so einem wichtigen Thema angemessen ist. Eine so grandios satirische Darstellung wie die von Jan Böhmermann hilft meiner Überzeugung nach, dieses an sich staubtrockene Thema auch einem anderen und vor allem jüngeren Publikum nahe zu bringen.

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Wie lange lief die Recherche generell?
Ein Datensatz über Karussellbetrug wurde dem ZDF-Magazin Frontal21 zugespielt. Und Frontal21 kam damit auf uns zu, weil sie zum einen wussten, dass wir bei Correctiv durch unser Tech-Team in der Lage sind, solche Daten für Recherchen aufzubereiten. Zum andere hofften die Kollegen auch auf Unterstützung bei der Recherche. Das geschah vor zirka einem Jahr. Seitdem recherchierte unsere Reporterin Marta Orosz zusammen mit zwei Kollegen von Frontal21 an dem Thema. Anfang des Jahres lagen die ersten Ergebnisse vor. Und da war uns sofort klar: wie bei dem Steuerdiebstahl durch CumEx-Aktiengeschäfte ist auch Umsatzsteuerbetrug ein europäisches Problem, das man nur im Verbund mit Kollegen von europäischen Medienpartnern durchleuchten kann. Und letztlich war es unser Ziel, aus jedem EU-Land einen Medienpartner an Bord zu haben. Das Ziel haben wir übertroffen, Kollegen aus Norwegen und Schweiz waren auch an der Recherche beteiligt.

Wie sah anschließend die Zusammenarbeit aus?
Wie bei allen von Correctiv initiierten internationalen Kooperationen wurden die Recherchen von uns geplant, umgesetzt und koordiniert. Konkret kümmerte sich bei GrandTheftEurope ein Projektmanager von Correctiv um Kommunikation und Austausch der Recherchen. Unser Tech-Team war ständig ansprechbar und half bei technischen Fragen, da nicht jeder Journalist gleichermaßen IT-affin ist und vertraut im Umgang mit Datenbanken. Und den inhaltlichen Gesamtüberblick hatte unsere Reporterin Marta Orosz, die nicht nur selbst recherchierte und aufdeckte, sondern auch die Recherchen der Partner im Auge hatte und dafür sorgte, dass die Ergebnisse rechtzeitig ausgetauscht und ergänzt wurden. Der Austausch fand überwiegend über eine gesicherte Kommunikationsplattform statt. Daneben gab es bei diesem Projekt insgesamt drei Treffen der beteiligten Journalisten im Berliner Büro von Correctiv. Beim ersten Treffen machte unser Tech-Team die Laptops der Kooperationspartner sicher und stattete sie mit entsprechender Kommunikationssoftware aus.

Sind sie zufrieden mit der Resonanz zu der Recherche?
Wie schon bei CumEx ist die Resonanz sehr unterschiedlich. In mehreren Ländern waren die Enthüllungen die Coverstory, liefen rauf und runter in den Nachrichtensendungen und wurde von anderen Medien übernommen. Entsprechend groß war auch die Reaktion aus der Politik, etwa in Polen oder Dänemark. In Deutschland war die Reaktion leider sehr verhalten. Der „deutsche Michel“ braucht offensichtlich etwas länger, bis er sich darüber echauffiert, dass ihm jährlich Milliarden geklaut werden.

Die Correctiv-Recherche ist hier einsehbar. Die Fragen wurden per Mail gestellt.

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