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Yuval Harari beim OMR Festival: “Wir brauchen kein europäisches Tencent oder Facebook”

Yuval Harari
Yuval Harari © Twitter/OMRRockstars

Bestseller-Autor und Historiker Yuval Harari war an Tag 2 des OMR Festivals einer der prominentesten Gäste in Hamburg. Der derzeit wohl bekannteste Mahner der Tech-Branche ging in seinem Auftritt nicht nur auf die Gefahren von Künstlicher Intelligenz (KI) ein, sondern appellierte ebenfalls an Europa, sich nicht auf ein Technologierennen mit China und den USA einzulassen.

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Yuval Harari ist ein gefragter Mann. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und andere Regierungschefs lassen sich vom 43-Jährigen beraten. Erst kürzlich hat er sich mit Facebook-CEO Mark Zuckerberg über digitale Herausforderungen unterhalten. Am Montagabend tauschte sich der israelische Intellektuelle in Wien dann mit Österreichs Kanzler Sebastian Kurz aus.

Warnung vor übermächtigen Algorithmen

ORF-Anchor Armin Wolf hatte ihn zu dieser Gelegenheit im Interview und sagte über den Autor, dass es sich um “den wahrscheinlich meistdiskutierten Historiker der Gegenwart” handle. Am Vormittag darauf erwarteten ihn 1.000 Kilometer weiter nördlich die Besucher auf der Conference Stage des OMR Festivals. Mit grauem Anzug und schwarzem Hemd, professoral wie nicht anders zu erwarten war, saß der schmale Mann vor den großen, kunterbunten Videoleinwänden. Interviewt wurde er dabei von Ex-Bild-Chefredakteur und StoryMachine-Macher Kai Diekmann.

“Biologisches Wissen x Rechenleistung x Daten = Fähigkeit den Menschen zu hacken”, lautet die Formel die Harari präsentierte. Es werde Algorithmen geben, die uns irgendwann besser verstehen als wir uns selbst. Das sei nicht unmöglich, schließlich würden die meisten Leute sich selbst nicht sehr gut kennen. “Sie können unsere Entscheidungen vorhersagen, unser Verhalten prognostizieren und unsere Wünsche manipulieren”, betonte er. Das könne für viele Entscheidungen hilfreich sein, aber es gebe auch zahlreiche Schattenseiten.

“Größter Schwarzseher” der Tech-Branche

Der 43-Jährige hat mehrere Bestseller geschrieben (“Eine kurze Geschichte der Menschheit”, “Homo Deus” und “21 Lektionen für das 21. Jahrhundert”) und befasst sich darin mit Vergangenheit, Gegenwart und einer aus seiner Sicht möglicherweise düsteren Zukunft der Menschheit, die bestimmt wird von KI, großen Datenmengen und übermächtigen Algorithmen.

Als den “größten Schwarzseher” der Tech-Branche, wie ihn die New York Times in einem Porträt nannte, sieht er sich freilich nicht. Es handle sich nicht um Vorhersagen, wenn er auf den möglichen Missbrauch von KI durch Regierungen hinweist oder die Folgen für das menschliche Miteinander anspricht, wenn einen der Kühlschrank irgendwann besser kennt als die Liebsten. “Technologien sind nicht deterministisch”, so Harari, “wir entscheiden, wie wir sie nutzen und welche Gesellschaften damit kreiert werden. Deshalb sind meine Szenarien nur Möglichkeiten.“ Dennoch müsse der Mensch einsehen, dass “wir alle ‘gehackt’ werden können”.

Wie ist die Beziehung zum Smartphone?

In den rund 50 Minuten seines Vortrags betonte er mehrfach, dass er prinzipiell kein Gegner von Technologie sei und blickte beispielsweise auf die Vorteile für die Gesundheitsbranche oder die Früherkennung von Krankheiten. Sein Anliegen sei vielmehr als Sensibilisierung einer Gesellschaft zu verstehen, die im 21. Jahrhundert vor großen technologischen und ethischen Fragen steht.

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“Schau auf die Beziehung mit deinem Smartphone”, forderte der Wissenschaftler das Publikum auf. Wer am Morgen als erstes, noch vor dem Gang zum Klo, in die sozialen Netzwerke schaut, sollte über sein Verhalten einmal genauer nachdenken. Sein Credo: “Wir sollten Technologie bewusst für unsere Ziele nutzen, aber nicht von ihr benutzt werden.“

Harari fordert dritten Weg von Europa

Natürlich spielen die großen US-Tech-Unternehmen einen wichtigen Part, sagte er auf Nachfrage von Diekmann. “Das Silicon Valley hat Technologien mit einer sehr naiven Vorstellung von der menschlichen Natur erschaffen. Sie wollten die Menschen zusammenbringen. Das realisieren sie nun.“ Dass sie im Umgang mit KI, Algorithmus und Co. auch zukünftig relevant bleiben, steht für ihn außer Frage.

An Europa und seine Regierungen appellierte Harari, dass man gemeinsam einen dritten Weg finden müsse. Ein KI-Rennen gegen China oder die USA gewinnen zu wollen, sei gefährlich und führe in einen Zustand ohne jegliche Regulation. Dem digitalen Vordenker schweben viel eher Kooperationen vor. Gleichwohl betonte er: “Wir brauchen kein europäisches Tencent oder europäisches Facebook, sondern starke Unternehmen, die auf anderen Werten als die USA oder China basieren.” Was er damit meint? Den Schutz des Individuums, der Privatsphäre und der Daten.

Dass der beste Algorithmus manchmal eben doch aus Fleisch und Blut besteht, konnte Diekmann dem Gast im Laufe des Gesprächs entlocken. Bei seinem Auftritt auf der Rockstars-Bühne trug der Historiker türkise Socken mit lila Punkten. Die Empfehlung kam von seinem Mann.

Weitere Infos zum Festival

Bei der neunten Auflage des OMR Festival werden in diesem Jahr rund 50.000 Besucher erwartet. Das Veranstalterteam um Chef Philipp Westermeyer bietet mehr als 300 Redner und 150 Masterclasses an. Außerdem sind mehr als 400 Aussteller vor Ort.

Politische Hochkaräter nutzen die Gelegenheit mit Blick auf die bevorstehenden Europawahlen ebenfalls, um sich zur Zukunft der Digitalbranche, des Internet und der Urheberrechte zu äußern. Auf den Bühnen der Hamburger Messehallen präsentierten sich sowohl der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak als auch Juso-Chef Kevin Kühnert und Justizministerin Katarina Barley.

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Alle Kommentare

  1. >Am Montagabend tauschte sich der israelische Intellektuelle in Wien dann mit
    >Österreichs Kanzler Sebastian Kurz aus.

    Noch nie war eine Jude ein guter Berater für Europa.
    Das weiß die Physikerin aus der Uckermark aber nicht.
    Dazu muss man Gechichte(!) studiert haben.

  2. Ein schwuler, veganer, jüdischer Historiker(=jemand der uns Mitmenschen die Vergangenheit erläutert)

    So sehen die Fakten aus!

    Da kann sich jeder selbst seine Gedanken dazu machen.

    Mir bleibt da einfach die Sprache weg.

    1. …und wenn er sonstnochwas wäre, seine Fragen wirken präziser als viele Antworten sog. Fachleute, die lediglich Schwulitäten imstande zu bewirken scheinen.

      Und noch etwas: Politik, die auf Rassismus und Ressentiments setzt, das war schon damals ein Auslaufmodell, so sehr Sie sich dagegen auch sträuben

  3. Gleichwie: während EU nacheifert werden so ganz uninformatisch Fragen gestellt.
    Erstaunlich in einer Welt voller Antworten auf ungestellte Fragen.

  4. Was hat Herr Harari studiert, dass er so überzeugend über IT-Branche sprechen kann? Hat er jahrelang als Programmierer gearbeitet und bastelt zu Hause aus Leidenschaft KNNs etc.

    Er ist ein Historiker, ein sicherlich guter Spezialist, der gut schreiben und beschreiben kann etc. Aber sorry, meistens ist es allgemein formulierte Lösungen und Parolen. Mehr Buzzwörter und Hypethemen, als tatsächlich Ideen und Kenntnisse.

    P.S. Sicherlich war er vor ein paar Jahren überall als Fakenews-Spezialist unterwegs 🙂

    1. btw: Genausogut könnten Sie rms nach derzeit geltenden Valeurs von GNU fragen…
      Dafür studiert man Wirklichkeit ohne Netz und doppelten Boden imho

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