re:publica 2019: der schmale Grat zwischen politischem Idealismus und homogener Netzblase

Das Treffen der Digital Natives: die re:publica in Berlin© republica/ Montage: MEEDIA

In Zeiten von Klimaprotesten, Demokratie-Verdruss und Urheberrechtsreform ging es bei der re:publica19 um die großen Probleme der jungen Generation. Die 13. Ausgabe der Digitalmesse war politischer denn je. Das ist Folge einer sich wandelnden Gesellschaft – und birgt doch Gefahren. Eindrücke von drei Tagen in Berlin.

von Robert Tusch

Gleich zu Beginn ist vieles anders als sonst. Eine große Schlange bildet sich vor dem Saal 1 der „Station Berlin“ in Kreuzberg. Sicherheitsleute mustern die Teilnehmer. Sie kontrollieren die Rucksäcke und wollen sehen, ob ihre Laptops funktionieren. Und während hunderte Teilnehmer gar nicht mehr in den überfüllten Saal kommen, ergreift Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf der Bühne das Wort.

Nie zuvor hat ein so ranghoher Politiker wie der Bundespräsident die Digitalmesse re:publica eröffnet. Er spricht über die Bedeutung des langen Arguments in Zeiten von Populisten, Twitter und Verkürzungen. Über die „Demokratisierung des Digitalen“, Hate Speech und Regulierung. Themen, die das vorwiegend junge Publikum erwartungsgemäß mit Beifall quittierte.

Die Anwesenheit Steinmeiers zeigt: Die re:publica ist politischer geworden. Und der Bundespräsident war nicht der einzige Vertreter der politischen Elite der Bundesrepublik, der den Digital Natives, den Bloggern, Aktivisten und Unternehmern in Berlin einen Besuch abstattete. Mit Olaf Scholz, Hubertus Heil, Franziska Giffey und Svenja Schulze waren gleich vier SPD-Politiker eingeladen. Nicht jeder sah die Umarmung der Politik mit Begeisterung. Und doch wird damit klar, dass die oft als „Bloggertreffen“ umrissene Versammlung ernste Ziele verfolgt.

Das Publikum: jung und engagiert

Es wurde diskutiert, wie Integration gelingen kann. Was gegen Hetze und Hass im Netz hilft. Wie Regulierung der Tech-Konzerne aussehen kann. Und welche Folgen die Polarisierung in Zeiten von Populisten auf die Demokratie hat. Was viele früher als Bloggertreffen belächelten, widmet sich mittlerweile den wichtigen Fragen unserer Zeit.

Die re:publica stellt sich einer gesellschaftlichen Veränderung, die bei den jungen Leuten, die auf der Konferenz klar dominieren, seit ein paar Jahren sichtbar wird. Es ist eine junge, aktive Bewegung entstanden, die humanistisch denkt, proeuropäisch und sehr demokratisch tickt. Die “das Netz” und die Demokratie nicht mehr den Klimawandelgegnern, Systemkritikern und vermeintlich Lauten überlassen will. Ihr Engagement ist in Teilen aktivistisch, aber zumindest stark getrieben von einem Bedürfnis nach Veränderung.

Dass mit der Tincon erstmals unter 21-Jährige einen dedizierten Platz auf der re:publica bekommen haben, ist ein Indiz dafür, wie politisiert die Netzgemeinde über alle Altersgruppen ist. In der Tincon, einem Teilbereich der re:publica, der auch örtlich abgegrenzt ist, treffen sich die Jugendlichen zum Austausch, samt extra Speakern und Events. “Fridays for Future” lässt grüßen.

Realitätsschock und Homogenität

Montagabend, 20 Uhr. Die Sitzplätze im Saal 1, in dem am Morgen noch der Bundespräsident die Teilnehmer begrüßte, sind gut gefüllt. Selbst in den Gängen lungern die Interessierten. Auf die Bühne tritt der Netzaktivist Sascha Lobo. Seine Rede zur Lage der Nation ist fester Bestandteil der Digitalkonferenz. Vereinzelt wird Lobo gar als Klassensprecher der Netzgemeinde hofiert.

Die Politisierung der re:publica – auch bei Lobo spielte sie eine Rolle. Manche, sagt er, spürten eine „diffuse Wut“. Brexit, Trump, Klimakrise – „das alles erschüttert uns”, so Lobo. Die Welt scheint aus den Fugen geraten, aber nur vermeintlich. In Wahrheit, sagte Lobo, sei unser Bild der Welt eine Illusion gewesen, die jetzt zerplatzt. Dieses Zerplatzen bezeichnete der Kolumnist als “Realitätsschock”: „Falsche Vorstellungen von der Realität führen zu falschen Debatten und falsche Debatten führen zu falscher Politik.“ Dieser Schock führt nun dazu, dass die Menschen aufwachen, sich politisieren.

Lobo traf wie so oft den Zeitgeist. Der Applaus: minutenlang. Und noch Tage später schwärmten Teilnehmer von seiner Rede, die selten derart politisch war.

“Mutterschiff der Komfortzonen”

Doch so bewundernswert das politische Mitteilungsbedürfnis der Teilnehmer bei der Konferenz ist, so viel Kritik gibt es auch. Viele übersehen, was die NZZ treffend als “Mutterschiff der Komfortzonen” bezeichnet: die Homogenität. An kaum einem Ort sei man sich in seinen Freund- und Feindbildern so einig wie hier, so die NZZ. So sehr die Netzgemeinde sich politisiert – so sehr ähneln sich die Ansichten ihrer Mitglieder.

An vielen Stellen der re:publica wurde das deutlich: Als der Bundespräsident die Regulierung der großen Tech-Konzerne ausrief, machte er nichts weiter, als die Gemeinde in ihrer Selbstwahrnehmung zu bestätigen. Als der CDU-Politiker Axel Voss über das EU-Urheberrecht sprach, erntete er erwartungsgemäß hämisches Gelächter. Nicht einmal der Versuch war erkennbar, den Mann hinter der umstrittenen Urheberrechtsreform überhaupt zu verstehen. Der re:publica-Gründer Markus Beckedahl sprach ihm pauschal jegliche Expertise ab.

Kritik von Teilnehmern gab es auch an der großen Präsenz politischer Institutionen auf der Konferenz. Nicht nur, dass in dieser Politiker so präsent waren wie nie. Mit Institutionen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat die Politik seit Jahren auch im Ausstellungsbereich ihren Platz.

Die re:publica pflegt Partnerschaften zu Stiftungen und Ministerien, in diesem Jahr etwa dem Umweltministerium als Hauptpartner. In der Vergangenheit erhielt die Konferenz bereits Mittel aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

Einige halten das für problematisch, andere stören sich nicht daran. Die Party will halt auch bezahlt werden.

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