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“Provokant und politisch”: ORF distanziert sich in laufender Sendung von Böhmermanns Österreich-Lästereien

Jan Böhmermann
Jan Böhmermann

Neue Aufregung beim ORF: Dieses Mal geht es um ein Interview, das der Satiriker Jan Böhmermann dem Sender gegeben hat. Von den "provokanten und politischen Aussagen" distanzierte sich die Moderatorin nach Ausstrahlung des Beitrags im Namen des Senders. Angesichts der jüngsten Ereignisse zwischen ORF und der Regierungspartei FPÖ spricht manch Beobachter bereits von "vorauseilendem Gehorsam".

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“Soweit die Ansicht des Satirikers Jan Böhmermann zu Österreich”, moderiert Clarissa Stadler den Beitrag im “Kulturmontag” ab. “Der ORF distanziert sich von den provokanten und politischen Aussagen Böhmermanns”, fügt die Moderatorin hinzu, “aber wie Sie wissen, darf Satire alles und der öffentliche Rundfunk künstlerische Meinung wiedergeben.”

Was war passiert?

Der ORF hatte anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung des Satirikers mit Böhmermann gesprochen (der Beitrag in der ORF-Mediathek). In “Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich” beschäftigt sich der 38-Jährige mit der Vergangenheit Österreichs. Die Ausstellung rückt laut Böhmermann “die Ambivalenz von Österreich seiner eigenen Geschichte gegenüber” ins Zentrum, wie er am Freitag erklärte.

In dem meinungsstarken Interview ging es dann aber weniger um die Ausstellung, als um die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in der Alpenrepublik. “Ein polemischer Rundumschlag auf Österreich”, wie es in der Moderation bereits angekündigt wird. Böhmermann äußerte sich beispielsweise zum österreichischen Kanzler Sebastian Kurz. “Es ist nicht normal, dass das Land von einem 32-jährigen Versicherungsvertreter geführt wird”, sagte er. Dem Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) wirft er “volksverhetzende Scheiße” vor, die er auf Facebook postet. Auch die verbalen Angriffe auf Journalisten seien “kein Zustand.”

Selbstverständlich ließ der Satiriker auch einige Bemerkungen zu den Anfeindungen der FPÖ gegenüber dem ORF-Anchor Armin Wolf fallen. Konkret geht es dabei um ein Interview, das Wolf mit Harald Vilimsky, dem Generalsekretär der FPÖ und Spitzenkandidat bei der Europawahl, führte. Dabei stellte er unter anderem einen Cartoon der steirischen FPÖ-Jugend zur Migration einer antisemitischen Darstellung aus dem NS-Blatt “Der Stürmer” gegenüber. Was folgte, war ein denkwürdiger Schlagabtausch, der darin gipfelte, dass Vilimsky sagte, so etwas könne “nicht ohne Folgen bleiben.”

Böhmermann stichelte im knapp achtminütigen Gespräch mehrmals in Richtung der Senderverantwortlichen und fragte beispielsweise, ob der ORF seine zugespitzten Aussagen überhaupt senden dürfe (MEEDIA berichtete). In diesem Zusammenhang – und zudem hinsichtlich der Entwicklungen in Österreich – ist der Thread von der Übermedien-Kolumnistin Samira El Quassil lesenswert. Dort listet sie diverse presserechtlich bedenkliche Vorfälle der vergangenen zwei Jahre auf und äußert sich zu dem Vorfall von Montagabend.

Sie twittert dazu: “Nun distanziert der ORF sich im vorauseilendem Gehorsam in der laufenden Sendung von Aussagen von Böhmermann, als ob dem Zuschauer urplötzlich nicht mehr klar wäre, wie er die Aussagen einer externen, nicht für den Sender sprechenden Person zu verstehen hätte.” Andere Beobachter sprechen beim Kurznachrichtendienst von einem “ersten Schritt zur Selbstzensur”. ARD-Moderatorin Anne Will spielt in ihrem Tweet dagegen auf den Titel der Ausstellung an und schreibt: “Distanzierung im #ASNCHLUSS. Besser geht’s ja gar nicht.”

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Wie merkwürdig die Distanzierung des ORF auf die Zuschauer wirken könnte, beschreibt Johannes Kopf in seinem Tweet. Er ist Vorstandsmitglied des Arbeitsmarktservice Österreich.

ORF-TV-Kulturchef Martin Traxl sagte gegenüber MEEDIA zu der Distanzierung:

Wichtig ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass der ORF dem Objektivitätsgebot unterliegt und nichts anderes getan hat, als medienrechtliche Vorgaben einzuhalten. Den Beitrag zu spielen, sich aber in Folge von darin getätigten unsachlichen Kommentaren zu distanzieren, war eine professionelle und rechtskonforme, redaktionsinterne Entscheidung, die auf keinerlei Druck von innen oder außen entstanden ist. Nach einem höchstgerichtlichen Urteil in Folge der „Nestroy“-Übertragung 2002 ist der ORF verpflichtet, sich von unsachlichen Äußerungen in seinen Sendungen zu distanzieren – d.h. in diesem Fall von Kommentaren und Standpunkten des Interviewpartners. Die verbale Distanzierung replizierte genau auf diese Rechtslage.

 

tb

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Alle Kommentare

  1. Auch wenn nur eine Handvoll Personen nahezu allen Reichtum des Landes besitzt, werden die Medien doch bezahlt von den geistig und materiell Besitzlosen, vulgo der Gosse. Also ist es logisch, daß sie deren Geschmack und Willen huldigen und das Ambiente der Gosse als Kulturnorm zelebrieren.

  2. Böhmermann ist ne arme Wurst, er kann sich nirgends in Deutschland frei bewegen, die Erdogan Beleidigung werden die Türken niemals vergessen, das ist ihm wahrscheinlich irgendwann klar geworden.

  3. Staatskünstler Böhmermann kommt mit der eigenen Existenz nicht klar.
    Hat man doch schon bei seiner Merkelklage gesehen.

    Böhmi will selbst nicht wahrhaben, das Systems hat ihn gemacht, gefördert und hält ihn aus, als Instrument gegen die Opposition.

  4. Der ORF müßte sich überhaupt nicht distanzieren, wenn sie das primitive Rumgepöbel von diesem drittklassigen TV-Clown gar nicht erst ausgestrahlt hätten.

  5. Also entweder ich habe es falsch verstanden oder ich habe den Fehler gemacht, den Artikel vor Kommentierung zu lesen, denn es ist doch wohl so:

    In Österreich haben die Gerichte entschieden, dass sich der ORF in solchen Fällen distanzieren muss, was soll der Sender also sonst machen?

    Das Hauptproblem scheint mir in diesem speziellen Fall also eher nicht beim ORF zu liegen.

  6. Ich bin absolut kein Fan von Böhmermann, da ich seinen Stil nicht mag. Aber Begriffe wie “gehirnamputierter Egozentriker” und “halbgare Dämlichkeiten” verwenden vermutlich ausschließlich Personen, die politisch auf der extremen Gegenseite stehen, sich als Rechtsradikale also angesprochen fühlen. – Aber nein, großer Aufschrei, Sie betrachten sich natürlich nicht als radikal, neigen bloß irgendwie zu radikaler Wortwahl …

  7. „Innenpolitik“ würd ich die Hanswurstiraden der rechtsradikalen FPÖ nicht grad nennen wollen.

  8. Clown Böhmermann war doch gemäßigt. Er hat den Bundeskanzler unseres Nachbarlandes nicht “Ziegenficker” genannt.

    Auch der ZDF-Mitarbeiter B. hat Österreich angeschlossen: Er trampelt in seiner Innenpolitik herum, als ob es das 16. deutsche Bundesland wäre.

  9. Die real existierende Satirepartei FPÖ wird ja nicht nur von der AfD und anderen Granden der „neuen“ Rechten getoppt, da hat JB schon recht.

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