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Mit der “Pioneer One” in die Zukunft: Warum Axel Springer das Ticket für Steingarts Digital-Dampfer löst

Kreuzt ab Frühjahr 2020 auf der Spree rund um das Regierungsviertel auf: das Redaktionsschiff “Pioneer One” soll laut Steingart “eine Bühne für den Qualitätsjournalismus” sein
Kreuzt ab Frühjahr 2020 auf der Spree rund um das Regierungsviertel auf: das Redaktionsschiff "Pioneer One" soll laut Steingart "eine Bühne für den Qualitätsjournalismus" sein

Es war das "One more thing" der Axel-Springer-Bilanz-Telko – und was für eins! Am Dienstag kündigte CEO Mathias Döpfner im Konferenz-Call an, worüber in Fachkreisen monatelang orakelt worden war: "Axel Springer wird strategischer Partner von Gabor Steingart." Mit 36 Prozent steigt der Konzern beim Startup Media Pioneer des Ex-Handelsblatt-Herausgebers ein. Für beide bieten sich gewaltige Chancen.

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Einige Minuten hatte der CEO des Berliner Medienhauses (Bild, Welt, Business Insider) das Zahlenwerk heruntergespult, dann kam er in fast beiläufigem Ton zur “News des Tages”. Zeitgleich verbreitete der Konzern eine multimediale Presse-Info, zudem schalteten Steingarts Medien-Pioniere ihre aufwändig gestaltete Website frei, die manchem Bilanz-Chronisten glatt den Atem nahm: It’s showtime! Was die Journalisten zunächst exklusiv zu sehen bekamen, schlägt die üblichen Medien-Verlautbarungen um Längen und zeugte von einer Marketing-Punktlandung in Sachen Selbstdarstellung (MEEDIA berichtete).

Statt der erwartbaren Aneinanderreihung von guten Vorsätzen und Eckdaten einer angestrebten Kooperation präsentierten die künftigen Partner die Illustration einer Spree-Yacht, die im kommenden Jahr vom Stapel laufen und “schwimmendes Hauptquartier” einer Elite-Redaktion sowie Event-Location sein soll. Die “Pioneer One” wird in der Länge 40 Meter, in der Breite sieben Meter messen und auf 200 Quadratmetern Newsroom, Tonstudio und Veranstaltungsbereich bieten – eine Art Arche Noah des Qualitätsjournalismus, die die bedrohte Medienwelt in die Zukunft führen und auf den Wasserwegen rund um das Regierungsviertel schippern soll. Umweltfreundlich mit Elektroantrieb, schöne Grüße an Greta Thunberg.

Wie kühn, ja, wie verrückt ist das denn? Man darf annehmen, dass sowohl der Unternehmensgründer als auch der Springer-Konzern bei ihrem Konzept wie auch bei der Inszenierung eingepreist haben, dass sich angesichts des Projekts in der Medienszene nicht gerade wenige an die Stirn tippen werden und über die bekloppten Ideen lästern werden. Sollen sie doch. Ziel eins ist in jedem Fall erreicht: Obwohl das Portal noch gar nicht live ist, zeigt Media Pioneer nicht nur in der Hauptstadt Flagge. Und allen in der Branche dürfte jetzt endgültig klar sein: Gabor Steingart is back.

Mit Axel Springer kann Pionier Steingart bei der Verwirklichung seiner Vision aufs Ganze gehen

Das wird nicht allen gefallen, die in ihrem Berufs- oder Verlegerleben die Wege des genialischen Redakteurs gekreuzt haben, den sein früherer Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust einst gegenüber MEEDIA als den “begabtesten Journalisten seiner Generation” bezeichnete. Gut ein Jahr nach seinem abrupten Ende als Vorsitzender der Handelsblatt-Geschäftsführung startet Steingart, 56, noch einmal richtig durch. Und diesmal hat er einen Mitstreiter, dem das besitzwahrende Zaudern der traditionellen Zeitungsverleger fremd ist. Mit Axel Springer kann der Pionier Steingart aufs Ganze gehen, wenn denn der Konzern seine Visionen teilt. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass diese Kombi Spannung garantiert.

Aber auch das Medienhaus löst mit der Beteiligung am neuen Unternehmen ein schon länger schwelendes Problem. Denn die publizistische Power ging in den vergangenen Jahren immer mehr von einem aus, der dafür eigentlich nicht zuvorderst zuständig ist: Konzernchef Mathias Döpfner, der in gesellschaftlich relevanten Fragen von Böhmermann-Affäre bis EU-Leistungsschutz das Wort ergriff und Debatten prägte, auch in seiner Rolle als Präsident des Lobby-Verbandes BDZV. Daneben gab es die einst und immer noch großen Marken Bild und Welt, die aber (vor allem im Print) doch zusehends an Schwindsucht leiden und sich trotz aller Bemühungen in der vom Haus so energisch vorangetriebenen Digitalisierung eher schwer tun.

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Sein Geld verdient Springer zu weiten Teilen mit digitalem Rubrikengeschäft. Das ist gut und schön, aber nur die eine Hälfte des Verlegerbusiness. Zukäufe (Politico, Business Insider) sind sicherlich interessante Investitionen, werden aber in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, ebenso wenig wie innovative Redaktionskonzepte (Upday). Seit langem ist der große publizistische Aufschlag bei einem so selbstbewusst agierenden Verlag wie Axel Springer überfällig – und bitte, hier könnte er sein. Denn Steingart ist nicht nur ein Alpha-Journalist, sondern ebenfalls ein virtuoser Marketer seiner Mission. Und er bringt, ganz wichtig, als ehemaliger US-Korrespondent auch das Potenzial für eine internationale Expansion mit.

Das “matched” perfekt mit dem Beuteschema des ehemaligen Zeitungs- und Zeitschriftenverlags, der nichts so sehr herbeisehnt wie den Erfolg im digitalen Mediengeschäft, den Sprung in die Informationswelt der nächsten Generationen. Für Döpfner und seinen Vorstand Jan Bayer dürfte Media Pioneer strategisch ein Entwicklungslabor sein, in dem mit radikalen Rezepturen experimentiert wird. Allein die von Steingart propagierte Werbefreiheit ist ein Weg, der im besten Fall interessante Optionen für unabhängigeren Journalismus bietet, als er heute weitverbreitet ist.

Zudem verspricht Steingarts Quirligkeit eine Perspektive im Event- und Veranstaltungsbereich, die der Konzern in vielen Bereichen derzeit nicht aufweist. Döpfner wollte ehedem die britische Financial Times und scheiterte an einem horrenden Kaufpreis. Das Invest in Media Pioneer ist dem Vernehmen nach alles andere als ein Schnäppchen, rangiert aber in einer ungleich günstigeren Dimension und ist mit etwas Glück und Phantasie auf lange Sicht sogar reeller und sinnvoller.

Unterm Strich muss sich das Experiment rechnen, hier liegt die Sollbruchstelle des Bündnisses

Natürlich ist nicht alles, was Steingart nun vorhat, komplett neu. Das Club-Modell etwa hatte er bereits beim Handelsblatt gestartet, ebenso zahlreiche Konferenzen etc. – aber der 56-Jährige setzt bei der Diversifizierung seiner potenziellen Geschäftsmodelle immer noch einen drauf. So steht nun eine “Akademie für demokratischen Journalismus” und die Möglichkeit, sich mittels „Leseraktien“ direkt am Unternehmen zu beteiligen, auf dem Plan und ebenso “exklusive Zugänge” für Aktionäre zum Spree-Dampfer “Pioneer One”. Und wenn die skeptischen Geister der Branche das Bohei um die Neugründung belächeln oder die Bilder vom durch Berlin kreuzenden Medienschiff an die Schlussszene von “Schtonk!” erinnern sollten – so what?

Und doch wird es am Ende darauf ankommen, ob sich das größte Medien-Experiment und -Abenteuer des Jahres unterm Strich für Springer wie für den Entrepreneur selbst rechnen wird. Da können, da müssen Konzerne unerbittlich sein: Hier liegt die Sollbruch-Stelle und das elementare Fragezeichen hinter der Kooperation. Vorerst aber ist man von Aufbruchstimmung beseelt. “Axel Springer und Gabor Steingart eint die Überzeugung, dass exzellenter Journalismus und kluge, neue Vertriebsideen das Erfolgsrezept sind, um mit digitalen Medien wirtschaftlich erfolgreich zu sein”, zitiert die Verlagsmitteilung heute Vorstand Bayer, “das ist die perfekte Ausgangslage, um ein spannendes journalistisches Konzept gemeinsam weiterzuentwickeln und künftig noch mehr Menschen mit digitalem und interaktivem Qualitätsjournalismus zu begeistern.“

Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sind demnach die Kernthemen von Media Pioneer. Das Unternehmen  publiziert seit Juni 2018 den Newsletter Steingarts Morning Briefing mit geschätzt ca. 100.000 Abonnenten, der gleichnamige Podcast ist mit knapp 400.000 Streams pro Woche Deutschlands führender Daily Podcast in dem Segment. Steingarts Team verfügt bereits über 20 Medienexperten und Journalisten in Berlin, den USA und China und soll um weitere 30 Köpfe aufgestockt werden. Und Steingart wäre nicht Steingart, würde er vor dem Stapellauf seines Redaktions-Schiffs nicht auch eine kaum verhohlene Ansage in Richtung der Garde der lange etablierten Hauptstadtkorrespondenten liefern: “Das Problem sind nicht die kritischen Journalisten, sondern die harmlosen.” Die Medienjournalisten können schon mal Popcorn holen.

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