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Wie das Recherchebüro Correctiv mit dem Checkjetzt-Projekt Bürger zu Faktencheckern macht

Tania Röttger leitet die Faktencheck-Redaktion beim Recherchenetzwerk Correctiv
Tania Röttger leitet die Faktencheck-Redaktion beim Recherchenetzwerk Correctiv © correctiv.org

Die Faktencheck-Redaktion von Correctiv bildet Bürger aus ganz Deutschland zu Faktencheckern aus, deren Beiträge auf einem eigenen Blog veröffentlicht werden. Im Gespräch mit MEEDIA zieht Correctiv-Faktencheckerin Tania Röttger ein erstes Fazit zu dem Checkjetzt-Projekt.

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Von Felix Buske

„Die erbarmungsloseste Waffe ist die gelassene Darlegung der Fakten“, wusste schon der ehemalige französische Spitzenpolitiker Raymond Barre. Wie Recht er doch bis heute behalten hat. Und zu dieser Waffe gilt es aktuell wieder immer öfter zu greifen.

Denn Falschmeldungen haben, begünstigt durch Digitalisierung, Filterblasen und Co, Hochkonjunktur. Vor rund vier Jahren begann der Begriff “Fake News” seine aktuelle Karriere auf und er hat sich seitdem auch in der deutschen Sprache etabliert. Mittlerweile wird er fast schon inflationär für alles verwendet, was bestimmten Gruppen oder Personen nicht ins Weltbild passt. Aber was genau sind eigentlich „Fake News“? Die Journalistin Tania Röttger leitet die Faktencheck-Redaktion beim Recherchenetzwerk Correctiv. In einem Instagram-Video definiert sie Fake News wie folgt: „Fake News sind eigentlich gar keine News. Sondern gezielte Falschmeldungen, mit denen irgendetwas erreicht werden soll. Wir sprechen daher von Desinformation, Missinformation oder Falschmeldung.“ 

Soweit die Erklärung. Doch was in der Theorie so eindeutig klingt, ist in der Realität oft schwammig und kann gefährlich werden. Woran soll der ungeschulte Leser zum Beispiel in seiner Facebook-Timeline erkennen, ob etwas komplett falsch ist oder halb wahr? Oder nicht bewiesen? Um das zweifelsfrei zu klären, bedarf es professioneller Faktenchecks. Diese führen meist Journalisten aus Faktencheck-Redaktionen durch, wie etwa das von Röttger geleitete Faktencheck-Blog von Correctiv. Ein Problem dabei: Wie sollen Journalisten diese Faktenchecks glaubhaft durchführen, wenn es doch die Journalisten sind, denen viele Bürger nicht mehr vertrauen?

Bürger werden zu Faktencheckern

Correctiv hatte die Idee, den Spieß umzudrehen. Mit dem Ende März gelaunchten Checkjetzt-Blog lässt das spendenfinanzierte Recherchebüro nicht nur seine Redakteure, sondern Bürger aus ganz Deutschland zu Faktenfindern werden. 

Auf diesem Blog veröffentlichen die Bürger-Faktenchecker ihre Analysen zu fragwürdigen Beiträgen. Sie erklären dazu kurz den Sachverhalt, zeigen gebündelt die aufgestellten Behauptungen auf und geben in Kurzform das Ergebnis ihres Faktenchecks wieder. Anschließend folgen alle drei Teile nochmal in ausführlicher Form. Es gibt aber nicht nur „richtig“ der „falsch“, sondern auch Einstufungen wie „unbelegt“, „teilweise falsch“ oder „völlig falsch“. Ganz unten sind die Autoren des jeweiligen Faktenchecks mit Klarnamen zu erkennen. Tania Röttger beurteilt den Start des Projekts gegenüber MEEDIA positiv: „Es freut uns sehr, dass so viele Leute Interesse an dem Projekt zeigen und mitmachen wollen. Wir sind sehr zufrieden.“

Doch wie stellt Correctiv sicher, dass alle Faktenchecker ihre Arbeit ernst nehmen und sie journalistische Standards und Qualitätskriterien anlegen? Und lädt ein solches Tool nicht zur Unterwanderung von Fälschern ein? Röttger hält das aufgrund des strengen Auswahlprozesses für unwahrscheinlich: „Um Mitglied in der Checkjetzt-Community zu werden, müssen die Interessierten ein Zertifikat in unserem Online-Workshop bei der Reporter-Fabrik erlangen, an einem Tagesworkshop in unserem Büro teilnehmen sowie einen Probe-Faktencheck einreichen. Wer dies erfolgreich tut, erhält Zugang zu unserem Online-Redaktionstool Checkjetzt. Dort überprüfen wir die Faktenchecks der Community und geben Feedback, wenn zum Beispiel wichtige Quellen nicht beachtet wurden.“

Strenger Auswahlprozess

Anfang Februar startete Correctiv einen ersten Aufruf, an diesem Auswahlprozess teilzunehmen. Dieser richtete sich an „Menschen, die der Gesellschaft durch Recherche und faktenbasierte Berichte helfen wollen“ und „freie Journalisten, Wissenschaftler und alle anderen, die sich vorstellen können, Falschmeldungen zu begegnen, Fakten zu finden, diese für die Öffentlichkeit aufzubereiten und zu dokumentieren“.

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Interessierte konnten sich im nächsten Schritt über ein Online-Formular anmelden. Die Resonanz darauf fiel positiv aus. Tania Röttger: „Insgesamt haben bisher knapp 300 Leute ihr Interesse an dem Projekt angemeldet. Die meisten haben daraufhin Zugang zu unserem Online-Tutorial in der Reporterfabrik (einem Weiterbildungsprojekt, an dem auch Correctiv beteiligt ist) erhalten. Bei erfolgreicher Teilnahme am Onlinekurs wird besagtes Zertifikat ausgestellt. Dieses haben wir bisher von ungefähr 65 Teilnehmerinnen erhalten. Es gab bisher zwei Tagesworkshops, einen in unserem Berliner Büro, der andere in Essen. Dort waren jeweils 20 Teilnehmer.“

Fester Bestandteil der Checkjetzt-Community sind derzeit rund 29 Menschen aus ganz Deutschland. Feste Arbeitszeiten gibt es nicht, die Bezahlung erfolgt auf Honorarbasis. Die freien Faktenchecker suchen sich je nach Kapazität über das Checkjetzt-Tool fragwürdige Beiträge aus, die sie überprüfen wollen. Die Themen reichen von Alzheimer heilenden Ernährungsumstellungen bis hin zu Kinderhandel an U-Bahn-Stationen.

Bereitgestellt werden diese Beiträge von der hauseigenen Faktencheck-Redaktion von Correctiv. „Unter anderem beachten wir Viralität, also wie oft ein Beitrag auf den Sozialen Medien geteilt wurde, ob ein zweifelhafter Beitrag zur aktuellen Nachrichtenlage passt oder ob Menschen oder Gruppen geschädigt werden könnten, wenn eine Behauptung falsch wäre“, beschreibt Tania Röttger die Kriterien, nach denen ein Beitrag als überprüfungswürdig eingestuft wird.

Dann machen sich die Faktenchecker nach dem oben beschriebenen Schema an die Analyse: Klärung des Sachverhalts, Hervorhebung der Behauptungen und Recherche samt Fazit. Tania Röttger beschreibt, worauf bei dieser Arbeit zu achten ist: „Die Faktenchecker haben in den unterschiedlichen Etappen der Ausbildung gelernt, wie bestimmte Behauptungen überprüft werden sollen – etwa an Hand von Statistiken, Polizeimeldungen, Anfragen an Behörden oder Wissenschaftler oder durch die Bilderrückwärtssuche auf Suchmaschinen wie Yandex und Google.“   

Die fertigen Beiträge werden aktuell wiederum von der Faktencheck-Redaktion gegengelesen und erneut auf ihre Richtigkeit überprüft. Möglichst bald soll diese Verifizierung aber ebenfalls innerhalb der Checkjetzt-Community organisiert werden.

Mehr Faktenchecker sollen folgen

Und wen möchte Correctiv mit dem Blog erreichen? „Unsere Faktenchecks richten sich an alle Menschen. Faktenbasierte Informationen sind der Ausgangspunkt jeder verantwortlichen, demokratischen Teilhabe. Deshalb wollen wir diese für möglichst viele Leser bereitstellen“, antwortet Röttger und führt weiter aus: „Um unsere Faktenchecks dort sichtbar zu machen, wo Falschmeldungen besonders oft verbreitet werden, teilen wir sie auf den Sozialen Medien und verknüpfen sie auf Facebook mit den Falschmeldungen.“

Die Faktenchecks der Checkjetzt-Community erscheinen auf dem Blog momentan noch recht unregelmäßig. Das Projekt steckt merklich noch in Kinderschuhen. Auch Daten wie Klicks oder Reichweite erhebt Correctiv nach eigener Aussage bislang noch nicht. Wenn es nach Tania Röttger geht, soll aber ohnehin erstmal die Community wachsen: „Wir hoffen, das Projekt auszubauen und bis zum Ende des Jahres deutlich mehr Faktenchecker in der Community zu haben. Das Interesse ist da, hängt aber auch von unseren Kapazitäten ab.“

Correctiv betreibt auch für Facebook Factchecking. Die Arbeit mit dem Checkjetzt-Projekt überlappt sich dabei teilweise mit der Arbeit für Facebook. So gehen beispielsweise einige der Beiträge, die der Facebook-Algorithmus in einer Liste zwecks Überprüfung zusammenstellt auch an die Checkjetzt-Community. Umgekehrt hält auch Correctiv Ausschau nach fragwürdigen Beiträgen auf Facebook und gibt diese dann gegebenenfalls an Checkjetzt weiter.

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Alle Kommentare

  1. Correctiv hat einen Artikel vom “Compact Magazin” als Fake news angeschwärzt, mit LÜGEN und TATSACHENVERDREHUNGEN!

    Compact hat ein Interview von Schnappsdrossel-Junker aus einer Polnischen Zeitung/Onlineseite in einer Überschrift zusammengefasst: “Junker: Egal wie die EU-Wahl ausfällt, ich bestimme die Posten.”

    Correctiv hat diese Überschrift als wörtliches Zitat gewertet, obwohl es nicht in Anführungsstrichen geschrieben war. Aber die Inhaltliche Aussage war richtig!
    Jeder Hauptschüler erkennt den Unterschied zwischen einer zusammenfassenden Überschrift und einem Zitat.

    Aber die Propagandisten von Correctiv nutzen ihre Position um unliebsame Meinungen und Fakten zu unterdrücken und als Fake-news zu diffamieren!

    Ein ganz übler Propagandaverein ist dieses “Correctiv”!

  2. Das wichtigste beim Faktencheck: Die Fakten müssen ins gewünschte Narrativ des bürgerlichen Lagers passen. Und die Fakten dürfen KEINESFALLS das herrschende System in irgendeiner Form in Frage stellen.

  3. Strenger Auswahlprozess und Bürger Projekt passt wohl nicht ganz zusammen.
    Man muss eben geistig von der ganz primitiven Truppe sein, um dann bei Correctiv mitmachen zu dürfen, politisch aber dafür umso mehr richtig indoktriniert und mit glühendem Eifer für die eigene Ideologie bei der Sache sein.
    Zur Not hurt man eben mit dem Facebook-Konzern rum, der bekanntermaßen mit seinem immensen Steuerzahlungen das demokratische Staatswesen fördert und bekanntermaßen ein leuchtendes Beispiel von respektvollem Umgang mit den höchstpersönlichen Daten seiner User ist und sich dabei auch streng an die Datenschutzgesetze hält.
    Wobei streng betrachtet jede Hure im Rotlichtviertel mehr Prinzipien lebt, als diese Pöbler und Hetzer von correctiv

  4. “Um Mitglied in der Checkjetzt-Community zu werden, müssen die Interessierten ein Zertifikat in unserem Online-Workshop bei der Reporter-Fabrik erlangen”

    Die Reporterfabrik – WebAkademie des Journalismus
    ist ein Bildungsprojekt der CORRECTIV – Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH in Essen.
    Kooperationspartner ist das Reporter-Forum e.V. in Hamburg.

    Das Reporter-Forum hat Claas Relotius nicht einmal, nicht zweimal, nicht dreimal sondern vier Mal den Reporterpreis verliehen !!!

    1. Was will man von diesem Verein auch erwarten.
      Ein weiteres pseudokritisches Propagandainstrument.

  5. Correctiv hat es in der Vergangenheit stets genau genommen mit den Fakten! Nicht!

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