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The Guardian vermeldet erstmalig seit 1998 schwarze Zahlen – und hat nicht mal eine Paywall

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21 Jahre ist es her, dass der britische Guardian schwarze Zahlen geschrieben hat. Nun hat der Medienkonzern, zu dem auch der Observer gehört, einen Gewinn von 800.000 Pfund vermeldet. Noch vor drei Jahren war es ein dickes Minus im zweistelligen Millionenbereich. Bemerkenswert ist der geschäftliche Umschwung auch deshalb, weil das britische Qualitätsmedium auf eine Paywall verzichtet.

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Die britische Guardian News & Media (GNM), zu der der Guardian und der Observer gehören, hat am Mittwoch eine für das Medienhaus historische Meldung veröffentlicht. Das erste Mal seit 21 Jahren verzeichnet das Traditionsmedium einen Gewinn: 800.000 Pfund (etwa 932.800 Euro) sind es für das abgelaufene Geschäftsjahr (April 2018 bis April 2019). Zur Erinnerung: Noch vor drei Jahren hatte der Guardian einen Verlust von 57 Millionen Pfund verzeichnen müssen.

“Einer bedeutendsten Umschwünge in der jüngeren britischen Mediengeschichte”

Vor diesem Hintergrund spricht die BBC spricht von einem “der bedeutendsten Umschwünge in der jüngeren britischen Mediengeschichte”. Das Branchenportal Nieman Lab nennt den Guardian gar ein “weird newspaper” angesichts der nun verkündeten Zahlen.

Und “merkwürdig” ist in diesem Zusammenhang wohl das passende Wort für den Guardian und das dahinter stehende Medienunternehmen. Denn im Gegensatz zur New York Times, Washington Post oder dem Wall Street Journal setzt das britische Qualitätsblatt nicht auf eine Paywall. Statt digitale Abos zu verkaufen, hofft der Guardian auf die Spendenbereitschaft der Leser. Die können das Blatt bei bestimmten Themen, beispielsweise Cambridge Analytica oder den Paradise Papers, freiwillig finanziell unterstützen. 655.000 regelmäßig Unterstützer hat das Unternehmen derzeit im Monat. Dies gilt für Print und Online. Weitere 300.000 Leser hätten allein im Jahr 2018 einmalige Spenden geleistet. Bis 2022 wolle man auf zwei Millionen Spender kommen, betonte Katharine Sophie Viner, Chefredakteurin vom Guardian.

Die monatlichen Page Views seien in den vergangenen drei Jahren deutlich gestiegen, so die GNM. Im März 2019 waren es 1,35 Milliarden. Zum Vergleich: Im Januar 2016 registrierte man in London 790 Millionen Seitenaufrufe.

Die mobile App des Guardian ist für alle frei nutzbar, allerdings bietet der Verlag ein Premium-Upgrade für 6,99 Pfund monatlich. Damit erhält der Leser einige Features zusätzlich, unter anderem eine werbefreie Nutzung und tägliche Kreuzworträtsel. 190.000 Nutzer haben dieses Angebot bislang gekauft.

Viner kommentierte den finanziellen Meilenstein wie folgt: “Wir sind nun in einer nachhaltigen Position und besser in der Lage, hervorragenden Journalismus zu produzieren, der die Gegenwart versteht und abbildet.”

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Gesamteinnahmen um drei Prozent gestiegen

Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat die GNM Gesamteinnahmen in Höhe von 223 Millionen Pfund erwirtschaftet. Ein Anstieg von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 55 Prozent der Einnahmen kommen dabei aus dem Digitalen. Bemerkenswerterweise ist Printwerbung lediglich für acht Prozent der Erlöse verantwortlich. Insgesamt 110.000 Printabonnenten haben die drei Produkte Guardian, Observer und Guardian Weekly.

Ein weiterer Grund für den aktuellen wirtschaftlichen Erfolg sind reduzierte Kosten, allen voran im Personalbereich. Die BBC berichtet von 450 gestrichenen Jobs, darunter 120 im redaktionellen Bereich. Allein im Vorjahr hatte das Medienhaus durch Kürzungen beim Personal zehn Millionen Pfund gespart. Damals verteidigte Geschäftsführer David Pemsel den Schritt mit Blick auf die langfristige Strategie: “Der einzige Grund, der Kürzungen im Personalbestand rechtfertigt, ist Nachhaltigkeit.” Insgesamt habe man die Kosten über die Zeitspanne von drei Jahren um 20 Prozent reduzieren, heißt es von Verlagsseite.

Keine Garantie für nachhaltig schwarze Zahlen

Dass die GNM nun den Drei-Jahres-Plan eingehalten hat, liegt auch an der finanziellen Unterstützung der Scott Trust Stiftung, zu der die übergeordnete Guardian Media Group gehört. Zwischen 25 und 30 Millionen Pfund fließen in die Mediengruppe. Das Geld wird für Kapitalkosten und andere Ausgaben verwendet. Ohne diese Subventionierung, rechnet die BBC vor, würde der Guardian weiter Verluste machen.

Die Verantwortlichen in London werden wissen, dass die aktuell schwarzen Zahlen keine Garantie für nachhaltige Wirtschaftlichkeit sind. Chefredakteurin Viner beschreibt die schwierige Situation vor drei Jahren, als die Printwerbung zusammenbrach, die Zeitungsverkäufe zurückgingen und digitale Werbezuwächse fast komplett von Google und Facebook eingestrichen wurden. “Diese Gefahren existieren weiter”, sagt sie. “Und während wir eine Strategie gefunden haben, bleibt die Situation schwierig.”

tb

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Alle Kommentare

  1. …und ist eine linke Tageszeitung, die sich für Migranten und gegen Rassismus stark engagiert. Au weia, wenn das die üblichen rechten Forentrolle erfahren, geraten die wieder in Erklärungsnot – wie so häufig in letzter Zeit.

    1. “Links” (-grün-versifft) vielleicht für die rechten Forentrolle. Für die ist ja alles “links”, wenn es nicht auf AFD Parteilinie und noch weiter rechts davon ist.

      Ich würde den Guardian eher als “linksliberale” Zeitung sehen. So wie einst der Spiegel unter Augstein.

      Ansonsten: ob ein Medium in dieser Art erfolgreich sein kann, da bleibt immer noch ein dickes Fragezeichen.

  2. Links ist die Zeitung sicher nicht, eher liberal in der ursprünglichen Bedeutung.
    Ich kaufe den “Guardian” nur selten, er hat meist große Themen, für die man die entsprechende Zeit braucht, die aber auch schon in deutschsprachigen Medien ausführlich erörtert worden sind. Dazu noch der sehr kleine Schriftsatz, der auf die Dauer anstrengend ist.
    Ich vermisse da auch kleine lokale Themen, z.B. was passiert gerade in Wales, was machen Ikonen der brit. Computerbranche heute ? usw.

    Mich freut daß sie schwarze Zahlen schreiben, aber sehr viel hängt von der Spendenbereitschaft der Leser ab, auf die man sich nicht dauerhaft verlassen kann.
    ( Auf lebenslange Abos allerdings ja auch nicht ) Aber das Modell ist nur auf wenige Zeitungen übertragbar.

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