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“In der Ära Merkel hat die Phrasenhaftigkeit der politischen Sprache einen neuen Schub bekommen”

“Und täglich grüßt das Phrasenschwein”: FAZ-Redakteur Oliver Georgi Foto: FAZ/Wolfgang Eilmes
"Und täglich grüßt das Phrasenschwein": FAZ-Redakteur Oliver Georgi Foto: FAZ/Wolfgang Eilmes Montage: MEEDIA

"Und täglich grüßt das Phrasenschwein" ist der Titel eines Buchs, das der FAZ-Politik-Redakteur Oliver Georgi geschrieben hat. Er befasst sich darin mit der Phrasenlastigkeit der Politikersprache. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Georgi, warum er glaubt, dass Medien und Wähler auch eine wichtige Rolle dabei spielen, dass Politiker immer häufiger in Stanzen sprechen.

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Sie haben ein Buch über Politikerphrasen geschrieben, das heißt “Und täglich grüßt das Phrasenschwein”. Fast gleichzeitig hat auch der Cicero-Journalist Alexander Kissler ein Buch über Politikerphrasen veröffentlich. Haben Phrasen gerade Konjunktur?
Phrasen gab es in der Politik immer schon. Ich glaube nur, dass die Phrasen in der Politik in den vergangenen Jahren deutlich mehr geworden sind. In der Ära Merkel hat die Phrasenhaftigkeit der politischen Sprache noch einmal einen neuen Schub bekommen. Das stößt den Leuten übel auf, weil sie den Eindruck haben, dass die Politik die Verbindung zur Sprache der Wähler verloren hat. Insofern finde ich nicht erstaunlich, dass parallel gleich mehrere Bücher zu dem Thema erscheinen.

Wenn man Ihr Buch liest, könnte man den Eindruck gewinnen, die Politiker sprechen nur noch in Phrasen. Ist das so?
Nein, da würde man Politikern unrecht tun. Ich glaube, es gibt immer besondere Gelegenheiten, bei denen Phrasen besonders akut werden. Ein klassisches Beispiel wäre der Wahlabend. Wenn eine Partei eine Niederlage erlitten hat und ein Politiker wird bei laufender Kamera nach Konsequenzen gefragt, kann man regelmäßig beobachten, dass dann gerne auf Phrasen zurückgegriffen wird. Warum machen die das? Weil sie in dem Moment natürlich noch keine konkrete Konsequenz nennen wollen. Sie wollen Zeit gewinnen und im Eifer des Gefechtes nicht etwa den eigenen Rückzug voreilig verkünden. Also sagen sie etwas wie: “Wir werden schonungslos die Niederlage aufarbeiten und danach zur Sacharbeit zurückkehren.” Wenn man Politiker, auch die Kanzlerin, in einem privateren Umfeld erlebt, kann man bemerken, dass sie deutlich schlagfertiger, humorvoller und offener sein können, als in einer Situation vor der Kamera. Das kann man Politikern auch nicht verdenken.

Es gibt ja auch eine Wechselbeziehung zwischen Wählern, Bürgern und Medien. Sie schreiben an einer Stelle in Ihrem Buch: “Wie sollen Politiker ‘authentischer’ und echter werden, wenn ihnen schon bei erkennbar ironischen Gesten Empörung entgegenschlägt, weil man menschliche Regungen in der Politik nicht mehr für statthaft hält?” Da ging es um den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und seinen berühmten Stinkefinger. Ist das tatsächlich das Kernproblem, dass Wähler und Medien die berühmte “klare Kante” fordern, aber wenn die jemand zeigt, wird sofort draufgehauen?
Ich denke schon. Man sollte nicht immer nur mit dem Finger auf die Politiker zeigen. Ich finde, es gehören immer die Medien, die Öffentlichkeit und die Wähler dazu. Sie haben das Beispiel angesprochen: Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat 2013. Da gab es den berühmten Moment in einer Foto-Strecke für das SZ-Magazin, bei der Politiker Fragen nur mit Gesten oder pantomimisch beantworten. Sinngemäß wurde ihm die Frage gestellt: Herr Steinbrück, was sagen sie ihren Kritikern? Er stand damals unter gewaltigem Druck und hat in der Situation in einer erkennbar ironischen Geste den Mittelfinger gezeigt. Danach war die Empörung groß. Man kann natürlich sagen, dass das in der heißen Wahlkampfphase eine ungeschickte Geste war und dass er sich damit keinen Gefallen getan hat. Aber auf der einen Seite fordern Wähler und Medien authentische Politiker, die unbequem formulieren, die vom Mainstream abweichen, die auch mal ironisch sind. Und wenn ein Politiker das mal macht, bricht die große Empörung über hin herein. Das ist, finde ich, eine unehrliche Haltung. Dadurch lehren wir die Politiker, im Zweifel besser ungefährliche, technokratische Phrasen von sich zu geben.

Sie schreiben, Angela Merkel hat es zu einer Meisterschaft gebracht, eine Sprache zu pflegen, die nicht aneckt aber auch nicht inspiriert oder irgendetwas erklärt.
Angela Merkel ist zurecht berühmt und berüchtigt für ihre Phrasen. Wenn sie redet, merkt man oft, wie viele Berater und Köpfe sich über so eine Rede schon darüber gebeugt haben. Das ist manchmal so abgeschliffen, technokratisch und blasenhaft, dass man spürt, sie will eigentlich gar nichts sagen. Sie spricht dann etwa davon, dass wir jetzt “dringend den konkreten Weg beschreiten müssen, um eine Entscheidung treffen zu können, wonach wir uns dann sicher sind, dass erste Schritte unternommen wurden” oder so ähnlich. Das ist jetzt nur ein Beispiel, aber das sind Sätze, die man im Grunde auch weglassen könnte. Erstaunlicherweise war sie bei ihrer Ankündigung, dass sie nicht mehr als Parteivorsitzende kandidiert, erstaunlich offen und klar. Das war eine kurze Pressekonferenz, in der sie ungewohnt prägnant gesprochen hat.

Kann das auch damit zusammenhängen, dass sie in dem Moment als CDU-Vorsitzende die Verantwortung abgab und eben darum offen sprechen konnte?
Mit Sicherheit spielt das eine Rolle. Wir unterschätzen den Druck, unter dem Politiker stehen. Sie müssen immer schnell die richtigen Worte finden, die von Wählern oder Lobbyvereinigungen oder Medien aber nicht als anstößig empfunden werden. Natürlich führt das dazu, dass Politiker ihre Sprache glattschleifen. In dem Moment, als Angela Merkel einen Teil ihrer Verantwortung schon halb abgegeben hatte, fiel es ihr leichter, offener zu sprechen. Durch soziale Netzwerke und Online-Berichterstattung findet jedes Ereignis auf der Welt binnen Minuten den Weg an die Öffentlichkeit. Damit hat sich der Druck auf Politiker, in jedem Moment und zu jedem Thema sprechfähig zu sein, enorm erhöht. Ich kann verstehen, dass da viele überfordert sind. Im Grunde müsste ein Politiker öfter sagen: “Es tut mir leid, ich kann dazu noch nichts sagen”.

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Ein Politiker auf Landesebene, der das schon häufiger gesagt hat, ist der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der hat in Interviews schon öfter erklärt, dass er sich zu diesem oder jenem Thema noch keine Meinung gebildet hat oder er noch nicht genug Informationen hat, um eine Frage zu beantworten. Das kommt erstaunlicherweise bei der Bevölkerung sehr gut an.
Ja, das ist ein Beispiel. Es gibt da auch noch andere Politiker, die mir einfallen, die das schon gemacht haben. Peter Gauweiler hat mal sinngemäß auf eine Interviewfrage von uns gesagt: “Bitte fragen sie mich zu einem späteren Zeitpunkt nochmal.” Das fand ich bemerkenswert. Diese Art des Mutes, so etwas zuzugeben, ist bei Politikern aber nicht weit verbreitet, weil es umgekehrt zahlreiche Beispiele gibt, bei denen Politikern ihre angebliche Unwissenheit um die Ohren gehauen wurde.

Gerade im Social-Web sind Satire-Seiten sehr beliebt, wie die “heute show” vom ZDF, der “Postillon” oder “Extra 3” vom NDR. Die nehmen häufig Aussagen von Politikern, die mit einem Gag zugespitzt werden. Sie sehen das, glaube ich, kritisch …
Ich glaube, dass dadurch der Verkürzung und Skandalisierung der politischen Debatte Vorschub geleistet wird. Ich freue mich auch über gut gemachte politische Satire. Aber gerade die “heute show” nimmt gerne einen Satz aus der Rede eines Politikers, der lustig oder sonstwie bemerkenswert ist, raus und nagelt dafür den Politiker bildlich gesprochen an die Wand. Das ist eine bedenkliche Tendenz, weil dann über Inhalte gar nicht mehr gesprochen wird. Es geht häufig nur um aus dem Zusammenhang gerissene Schlagworte oder Äußerlichkeiten. Da werden, wie früher auf dem Jahrmarkt, komisch aussehende Menschen oder Leute, die vielleicht anders sprechen wie am Nasenring vorgeführt. Das finde ich sehr schwierig.

Und was machen wir jetzt mit dem ganzen Schlamassel? Phrasen werden wohl ebensowenig verschwinden wie das Social Web. Die Menschen sind, wie sie sind: Empfänglich für Emotionen und Aufreger und die Medien bedienen das entsprechend. Haben Sie für sich einen Weg gefunden, wie das künftig anders laufen könnte?
An der Tatsache der Sozialen Netzwerke und einer Rundumberichterstattung kommen wir heute nicht mehr vorbei. Wir müssen mit der Lage umgehen, wie sie ist. Zwei Dinge könnten helfen. Erstens brauchen wir mehr Mut, zu einer Meinung zu stehen und Widerspruch auszuhalten. Insofern halte ich auch für falsch, dass sich Robert Habeck bei Twitter zurückgezogen hat. Er hätte sich dem weiter stellen sollen! Medien und Wähler müssten zudem mehr Mut haben, Fehler zu tolerieren. Zweitens müssen wir mehr differenzieren. Nicht aus jedem Thema muss eine Generaldebatte über Moral oder Gut und Böse gemacht werden. Wir sollten härter in der Sache debattieren, aber differenziert.

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Alle Kommentare

  1. Das BMI und das Kanzleramt hat den lieben Medien vorgeschwindelt (!!), das es zur Abarbeitung der Ersatzenkelstampede überhaupt keine Regeln geben könne!

    Gesetzliche Regeln gibt es auch nicht, aber sehr strikten Regel, die bei SÄMTLICHEN extrakonstitutionelle Notstandsmassnahme immer gleich lauten, weil sämtliche extrakonstitutionelle Notstandsmassnahme immer nach dem gleichen Schema ablaufen!

    Und da die extrakonstitutionell handelnden Personen IN den Medien sich partout an diese zwei sehr einfachen Regeln nicht halten WOLLEN, ist der Untergang des politischen Qualitätsmedienfachjournalismus hier in Deutschland überhaupt nicht mehr anzuwenden!

  2. “Ich bin ein politischer Gegner einer JEDEN einzelnen Notstandsmassnahme eines JEDEN einzelnen Notstandes, den weder ich noch mein Staat überhaupt kennen, und der auch diesen einfachen Grund NIEMALS gesetzlich geregelt worden ist…”

    ..gibt es NICHT!

    Der Gegner einer JEDEN extrakonstitutionelle Notstandsmassnahme ist somit NIEMALS ein politischer Gegner, sondern IMMER nur der weiterhin rechtstreue Bürger, der selbstverständlich auch JEDEN einzelnen Punkt unserer bestehenden Rechtsordnung auch unterstützt, der die extrakonstitutionelle Notstandsmassnahme, in unseren Fall also die Ersatzenkelstampede aus rein demographischen Gründen und deren Abarbeitung, die naturgemäß überhaupt kein Bestandteil unserer bestehenden Rechtsordnung sein können, als unzulässiges staatliches Handeln auch IMMER vollständig MUSS!

    Die fortgesetzte und wirklich massive Bekämpfung der weiterhin rechtstreue Bürger genannt Rechtspopulisten( früher Legalisten) als Gegner dieser extrakonstitutionellen Notstandsmassnahme MITTELS dieser extrakonstitutionellen Notstandsmassnahme in Form einer Extralegalität Flüchtlinge durch die extrakonstitutionell handelnden Personen IN den Medien führt zu nichts Minderes als zum Untergang faktisch des gesamten politischen Qualitätsmedienfachjournalismus in Zeiten des demographischen Wandels!

    Selbst Schuld, denn wer erwiesenermaßen noch nicht einmal die Ndrangheta von einer tadellos funktionierenden Parteiendemokratie unterscheiden kann, disqualifiziert sich OHNEHIN nur SELBST für höhere Führungsaufgaben in Zeiten des demographischen Wandels!

    1. Wäre es Ihnen möglich, Ihren Phrasendresch-Generator so zu konfigurieren, dass er inhaltlich etwas mehr auf die Beiträge eingeht, auf die Sie ihn loslassen? Danke!

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