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Wochenrückblick: kranke Werbung, geschlechtslose Stimmen und ein “geklauter” Tweet

Frank Elstner, “Q”, Katja Berlin auf Twitter, Enissa Amani bei den “About You Awards”
Frank Elstner, "Q", Katja Berlin auf Twitter, Enissa Amani bei den "About You Awards" © Screenshot: YouTube, genderlessvoice, Twitter

Der Shitstorm gegen Spiegel-Online-Autorin Anja Rützel wegen einer TV-Kritik zog zu Wochenbeginn weite Kreise. Dabei geriet ein bisschen in den Hintergrund, wie schlecht die besprochene Award-Show war. Zeit-Torten-Malerin Katja Berlin klagte auf Twitter, dass die Welt ihre Tweets "klaut". Es gibt sein einiger Zeit eine "genderlose Stimme" und Frank Elstner nutzt seine Parkinson-Erkrankung, um Werbung zu machen. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Influencer, die sich wie die neuen Alpha-Hühner im Medienstall aufführten. Ein “Empowerment”-Preis, der der armen Klima-Greta hinterhergeworfen wurde und in Sachen Verlogenheit den Old-School-Award Goldene Kamera noch um Längen schlug. Ein ungelenk am Blatt Papier klebender Jérôme Boateng, der auftrat wie ein Grundschüler im Körper eine Mannes, gezwungen, zum ersten mal in der Klasse laut vorzulesen. Das und vieles mehr war der “About You Award” des gleichnamigen Online-Klamotten-Versenders. Dort jubilierte man hinterher über… ja, über was? Über die Reichweite natürlich! Wir sind ja bei den Influencern.

DWDL-Chef Lückerath hat absolut recht mit dieser Frage. Aber, hey, egal! 950 Millionen! So selbstverliebt, wie sich große Teile der jungen Influencer-Branche hier präsentierten, sollte die Veranstaltung kommendes Jahr vielleicht umgetauft werden in “About me Awards”

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Katja Berlin, die u.a. für die Zeit die “Torten der Wahrheiten” macht (Info-Grafik-Satire, nenne ich das mal), hat sich darüber geärgert, dass Springers Welt einen Tweet von ihr ungefragt online veröffentlicht hat.

Die Sache war wohl so, dass der Text des Tweets automatisch von den Inhalten der Print-Ausgabe der Welt kompakt auf die Internet-Seite gehievt wurde. In der gedruckten Ausgabe sucht die Redaktion jeweils einen “Tweet des Tages” aus. Die Welt sagte sorry:

Das wirft natürlich rein rechtlich ein paar interessante Fragen auf, die womöglich noch interessanter sind, weil Axel Springer-CEO Mathias Döpfner stets betont, wie schlimm es sei, dass böse Internetfirmen die wertvollen Inhalte und Textschnipsel der honorigen Verlage “klauen”. Darum will Springer ja unbedingt ein Leistungsschutzrecht.

Dass die Welt hier einen Mini-Text von Katja Berlin “geklaut” hat – so einfach ist es unter Umständen aber auch wieder nicht. Ein User machte darauf aufmerksam, dass man bei der Nutzung von Twitter dem US-Unternehmen eine unentgeltliche Lizenz mit dem Recht zur Unterlizensierung gewährt. Das ist vielleicht nicht jedem, der Twitter (oder Facebook, oder Insta) fleißig füttert, immer bewusst. Aber irgendwann mal hat man bei diesen langen “Terms of Service” auf “Einverstanden” geklickt. Und selbst, falls diese Lizenz, bzw. Unter-Lizenz in einem solchen Fall nicht greifen sollte, wäre noch zu klären, ob ein Tweet in diesem speziellen Fall überhaupt die nötige Schöpfungshöhe hat, um unter das Urheberrecht zu fallen. Es ist mal wieder kompliziert.

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Ganz unkompliziert wäre es freilich, die Leute bei der Welt würden ganz altmodisch fragen, ob ein Twitterer einverstanden ist, in der Rubrik “Tweet des Tages” zu erscheinen. Das wäre nicht nur höflich, man wäre auch rechtlich total safe.

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Über einen Newsletter der Medienfirma Vice stieß ich diese Woche auf “Q”. Gemeint ist nicht der Waffenmeister von James Bond, sondern die “erste genderlose Stimme der Welt für mehr hörbare Vielfalt”. Diese Stimme wurde von der an Vice angeschlossenen Agentur Virtue, dem Festival Copenhagen Pride und einer Linguistin der Uni Kopenhagen entwickelt. Vice schreibt dazu: “Beim Autofahren navigiert eine Frau, in Bank- und Versicherungs-Apps ist eine männliche Stimme zu hören. So wurden bislang geschlechtsspezifische Stereotypen gefördert und nicht-binäre Menschen ausgeschlossen.” Dazu wurde die neue Neutralstimme so moduliert, dass sie weder spezifisch weiblich noch männlich klingt. Hier kann man sich das mal anhören. Wobei: Klingen nicht-binäre Menschen alle “neutral”? Die sind doch auch mal irgendwann als Junge oder Mädchen auf die Welt gekommen, von Hermaphroditen vielleicht mal abgesehen. Und die noch drängendere Frage: Was soll das?

“Q”, so teilt Vice mit, soll “geschlechtsspezifische Vorurteile verringern und eine stärkere Inklusion in der Sprachtechnologie ermöglichen”. Die Innovation zwinge die Gesellschaft dazu, bestehende Vorstellungen kritisch zu prüfen und zu überdenken. Auch ich habe meine bestehenden Vorstellungen hierzu kritisch überprüft und bin zum Ergebnis gekommen, die “genderlose Stimme” für Kokolores zu halten.

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Frank Elstner hat in der Zeit ein sehr lesenswertes Interview zu seinem Leben und seiner Parkinson-Erkrankung gegeben. Gleichzeitig hat er angekündigt, eine neue Talkreihe bei YouTube zu machen: “Wetten, das war’s..?” Ich finde die erste Folge mit Jan Böhmermann in einem leeren Kölner Theater überaus gelungen. Da treffen zwei Generationen von TV-Unterhaltern aufeinander. Böhmermann ist über weite Teile erfreulich ernst, Elstner blitzgescheit und hellwach in der Gesprächsführung. Vor der Aufzeichnung der jüngsten Episode unseres Podcasts “Die Medien-Woche” diskutierte ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt darüber, ob die Offenbarung seiner Krankheit vielleicht auch PR für seine YouTube-Show war. Nach einigem Überlegen kamen wir zum Schluss: Nee, das kann ja nicht sein. Wegen einer PR-Nummer macht man so einen Schritt nicht. Ich vermutete, dass Elstner seine Show machen wollte und ihm klar wurde, dass die Leute das Zittern seiner Hände bemerken würden. Vermutlich habe er sich darum entschlossen, das Interview zu diesem Zeitpunkt zu geben. Und dann sah ich diese Geschichte in der Bild:

 

Und das ist nicht etwa von der Bild verdreht. Das wörtliche Zitat von Frank Elstner auf die Frage, ob der Zeitpunkt bewusst gewählt war, um über seine Krankheit Werbung für die Show zu bekommen, lautet:

„Na klar! Nach dem Bekanntwerden meiner Krankheit fragt mich doch jetzt jeder: Machst du noch weiter Fernsehen?“

Die Showmaster-Legende weiter: „Dann kann ich auf meine neue Talkshow verweisen. Drei haben wir schon aufgezeichnet, drei kommen noch. Und dann schauen wir mal, wie es den Leuten gefällt. Vielleicht werden es dann auch irgendwann 50.“

Tja, falsch gedacht. Aber auch irgendwie erfrischend offen von Frank Elstner. Die aktuelle Podcast-Folge der Medien-Woche können Sie übrigens hier anhören. Neben der Elstner-Show geht es um den Amani-Shitstorm bei den About You Awards und Boris Palmers Facebook-Eskapaden.

Schönes Wochenende!

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