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Das traurigste Kapitel im Dandy Diary: Medien verneigen sich vor Modeblogger und Partykönig Carl Jakob Haupt, der mit nur 34 Jahren starb

Carl Jakob Haupt litt seit drei Jahren an Krebs und wurde nur 34 Jahre alt
Carl Jakob Haupt litt seit drei Jahren an Krebs und wurde nur 34 Jahre alt © Picture Alliance/ Eventpress

Dandy Diary war das erste deutsche Blog, das sich der Männermode widmete und sich nach dem Start 2009 mit seiner respektlos-avangardistischen Haltung nicht nur bei Fashion-Insidern einen legendären Ruf erwarb und die Modekonzerne provozierte. Nun ist Carl Jakob Haupt, einer der beiden Gründer, mit nur 34 Jahren an Krebs gestorben. "Er konnte über neue Jeans und Konsum so versiert schreiben wie über ein Kunstwerk", schreibt Zeit-Autor Moritz von Uslar. Die Nachrufe der Medien auf den Künstler und Partykönig der Berliner Kulturszene.

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Den frühen Tod des Kassel geborenen Bloggers, der bereits am Karfreitag in einer buddhistischen Klinik im brandenburgischen Bad Saarow verstorben war, hatte seine Ehefrau Giannina Escobar am Mittwoch bei Instagram bekannt gegeben.

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Die Liebe meines Lebens, die für immer meine Liebe bleiben wird, mein Herz ist von uns gegangen. Mein Ehemann Carl Jakob Haupt ist Karfreitag in meinen Armen friedlich eingeschlafen. Er hat sich so verabschiedet, wie er es sich gewünscht hat. Nach Wochen des Kampfes gegen den Krebs. Er war in diesem letzten Moment ganz bei mir, bei unserer Liebe. Die Zeit, die wir beide miteinander hatten, war so intensiv, dass Worte sie nicht beschreiben können. Wir haben jeden Tag so miteinander gelebt, als wäre es unser letzter. Wir haben ein Leben geführt, das so von uns geprägt war, dass alles andere egal war. Wir haben bedingungslose Liebe erlebt. Auch wenn Jakob nur 34 Jahre alt geworden ist, hat er so viele Spuren hinterlassen, eine so tolle Familie gehabt, so viele großartige Freunde gefunden, dass er in uns allen weiterleben wird. Er war und ist unser Häuptling. Ich weiß, dass er so viele Menschen verzaubert hat mit seinem unbeschreiblichen Lächeln, seiner Energie und seiner Klugheit. Jakob hat sich trotz der Krankheit nie beklagt. Er hat das Schöne im Leben betrachtet, war furchtlos und hat immer alles in vollen Zügen genossen. Jakob hat sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen, sich immer seine eigene Meinung gebildet und war für alle Menschen offen, egal welchen Hintergrund sie hatten. Jakob ist immer bei mir und bei uns. Er schaut jetzt von einem anderen Ort auf uns, wacht über mich und lächelt, weil er weiß, dass wir ihn nie vergessen werden. „Du bist das erste an das ich denke, wenn ich morgens aufwache – und das letzte, woran ich denke, wenn ich einschlafe. Und das, seit wir uns kennen. An jedem Tag. Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.“ (Jakob an mich, April 2019) Unsere Liebe bleibt. Jetzt ist spáter für immer. 🐺🐺❤️🤘🏽

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Das Paar hatte erst im vergangenen Herbst geheiratet. Haupt war damals bereits seit langem eine Ikone der pulsierenden Hauptstadt-Szene und hatte nicht nur als Blogger und Künstler, sondern auch als Partymacher unangefochtenen Kultstatus. Das Dandy Diary hatte dafür den Grundstein gelegt, es war Ausdruck der kompromisslosen Einstellung Haupts zu Mode, Kunst und dem Leben an sich. Als der damals 24-Jährige das Blog nach einem Politikstudium mit seinem Schulfreund David Kurt Karl Roth gründete, war Modeberichterstattung zumeist mehr schlecht als recht ummäntelte PR für die großen Fashion Labels.

Die “Dandys” räumten damit auf und brachten die Kommunikationsbeauftragten der Konzerne mit mehrfach zur Verzweiflung. Mal präsentierte das Duo einen “Fashion Porno”, mal bombten die beiden in Mailand mit einem nackten “Flitzer” auf dem Laufsteg die Modenschau von Dolce & Gabbana. Dennoch suchte die Modeindustrie in der Folge immer häufiger die Nähe der exzentrischen Blogger aus Deutschland. Die jährliche Mercedes Benz Fashion Week in Berlin wird schon traditionell von einer Eröffnungsparty eingeläutet, die als angesagtestes Event der gesamten Woche gilt. Die Jeans-Marke Diesel verpflichtete die Dandys für eine Party, die diese in eine Hamburger Schwulensauna organisierten.

Sie wollten “deutlich formulieren, was geht und was nicht”, sagten die Gründer einst über ihre Motive, das Blog zu starten. Carl Jakob Haupt beschrieb sein Blog einmal als “Punkrock ohne Gitarre” und bekannte: “Eigentlich ist Mode ein Quatschthema.” Den Kultstatus des früh gestorbenen Künstlers dokumentieren die Nachrufe von Feuilletons bis Boulevardmedien, in denen Freunde und Bekannte Haupts Abschied nehmen. Hier eine Auswahl:

Moritz von Uslar, Die Zeit: “In der Nachtleben-Hauptstadt Berlin hatte Carl Jakob Haupt über die letzten Jahre einen Donnerruf als Modeblogger und als Impresario sensationeller Partys. Beide Jobs, den Fashion-Blogger und den Partykönig, konnte Haupt nie ganz ernst nehmen, sonst hätte er sie nicht so grandios neuartig und oft wunderbar ironisch interpretiert. (…) ‘Mode ist vollkommen uninteressant’, bekannte Haupt einmal. Die Blogs von Dandy Diary, in denen Haupt und Roth dadaistische Aktionen starteten, die großen Marken von Adidas bis Balenciaga verspotteten und sich mit den Modehäusern von Paris und Mailand anlegten (anstatt wie sonst in der Branche üblich kleine Gefälligkeitstexte zu schreiben), gingen weit über Schönheit und Konsum hinaus – sie waren Konzeptjournalismus, Gesellschaftskritik, politische Aktionen in bester Agitprop-Manier: Zuletzt veröffentlichte Dandy Diary einen Berliner Stadtplan für Touristen, in dem Wirkungsstätten der libanesischen Großfamilien wie die Lieblings-Shisha-Bar und die Lieblings-Autovermietung von Arafat Abou-Chaker in Wilmersdorf und Neukölln verzeichnet sind.”

Peter Richter, Süddeutsche Zeitung: “Carl Jakob Haupt hat der Stadt unvergessliche Momente beschert, von ‘Fashion-Porno’ über eine Hausbesetzung zu exzessiven Partys. (…) Dass Kritik nicht zwingend als Genöle daher kommen muss, sondern dass auch brachialer Hedonismus eine Option sein kann: Hinter diese Erkenntnis kommt seit Dandy Diary keiner mehr zurück, selbst im kritischsten Kreuzberg und Neukölln nicht, wo Haupt und Roth mit ihrem veganen Imbiss ‘Dandy Diner’ zuletzt noch für Aufläufe gesorgt hatten, gegen die selbst die Schlangen vor der Currywurstbude am Mehringdamm mittags ein Witz sind. Wenn die beiden nicht zufällig zwei Männer, sondern ein Mann und eine Frau gewesen wären, hätten sie eigentlich exakt die Parteispitze abgegeben, die den Grünen mal zu wünschen wäre.”

Lukas Krombholz Iconist (Die Welt): “Er war Künstler, Autor, Provokateur, Punk, Mode-Blogger, Partybiest und natürlich ‘Dandy’. Carl Jakob Haupt war vieles und das bedingungslos und zu 100 Prozent. Auch deswegen erregte der gemeinsam mit David Roth geführte Blog ‘Dandy Diary’ international Aufsehen. Es ging den beiden immer um mehr als nur um Mode.”

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Florian Siebeck, FAZ: “Er war eine Ausnahmeerscheinung in der an skurrilen Persönlichkeiten nicht armen Modewelt. Und das nicht, weil er stets seinen Look änderte und dabei fast immer die Regeln des guten Geschmacks sprengte, was in Berlin beileibe kein leichtes Unterfangen ist. Wenn Carl Jakob Haupt im Berliner Nachtleben erschien, drängten sich die Menschen um ihn, diesen Lebenskünstler und Partykönig, das Enfant Terrible, den Underdog. (…) Er lebte auch den Exzess. Die Partys von ‘Dandy Diary’, traditionell zum Auftakt der Berliner Modewoche, eskalierten, wenn sie denn nicht von der Polizei geräumt wurden, bis in den nächsten Tag hinein. Auf ihnen fühlte sich Berlin wie eine Weltstadt an. ‘Wir gehen immer davon aus, dass jede Party die letzte ist’, sagte Haupt der F.A.Z. mal. ‘Ein Danach darf es nicht geben.’ Es klingt wie die Prämisse seines Lebens.”

Paul Ronzheimer, Bild: “Wenn er in einen Raum kam, löste er eine Herzenswärme aus, die Menschen, egal welchen Hintergrund sie hatten, in ihren Bann zog. Er war ein Magnet, auch für Künstler, Schauspieler und Musiker. Aber er hörte allen Menschen gerne zu, egal, was sie zu sagen hatten, egal ob sie bekannt waren oder nicht.”

Ein Fernsehinterview mit Carl Jakob Haupt von Spiegel TV ist hier zu sehen.

 

(ga)

 

 

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