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Frank Thelen über die Digitalisierung der Medien: “Verlage müssen die Business-Modelle anders aufziehen”

Frank Thelen: Investor, Startup-Gründer und Geek
Frank Thelen: Investor, Startup-Gründer und Geek ©Freigeist

Werbeeinnahmen gehen zurück und Verlage stellen ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand: Die Medienbranche ist im Umbruch. Ein wichtige Rolle spielt dabei die Digitalisierung. Startup-Gründer und Investor Frank Thelen, bekannt aus dem Vox-Erfolgsformat "Die Höhle der Löwen", blickt im Interview auf die Branche, die Macht der großen US-Digitalkonzerne und Blaupausen aus Osteuropa.

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MEEDIA: Für welche journalistischen Medien geben Sie Geld aus?
Frank Thelen: Für hochwertige.

MEEDIA: Das heißt?
Frank Thelen: Wenn ich sehe, dass da eine Redaktion dran ist, die gute Inhalte bringt. Dazu zählt vor allem die Zeit. Die machen einen grandiosen Job, im Fachbereich ist es t3n. Und das ist selten geworden, weil viele nur noch auf Clickbaiting setzen.

MEEDIA: Wie steht es gegenwärtig um die Medienbranche?
Frank Thelen: Es wird alles immer schneller. Für mich bedeutet Journalismus aber auch, dass sich jemand mit einem Thema auseinandersetzt und es tiefgreifend versteht. Ich sehe immer öfter, dass wilde Behauptungen, die irgendjemand aufstellt, wie zum Beispiel ‘Elektroautos sind die schlimmsten Umweltverschmutzer’ schneeballartig verteilt werden, weil sie sich gut klicken. Da befindet sich die Branche in einer Negativspirale.

“Am Anfang haben alle geschrien, wenn eine App auf einmal Geld kosten sollte, nun akzeptieren sie das”

MEEDIA: Aber es gibt bereits Redaktionen, die sich bewusst diesem „Immer schneller“ entziehen.
Frank Thelen: Klar, da nenne ich erneut die Zeit. Die machen zum Beispiel den längsten Podcast, den es jemals gab. Außerdem bringen sie Hintergrundgeschichten zu Themen, die sonst niemand macht. Darüber hinaus gibt es viele andere tolle Redaktionen.

MEEDIA: Wie sieht es mit der Zahlungsbereitschaft der Menschen aus? Für Netflix, Spotify und Co. geben sie ja durchaus Geld aus.
Frank Thelen: Ich glaube, dass die Zahlungsbereitschaft der Menschen im Digitalen höher wird. Dafür spricht, dass im App-Bereich auf Abo-Modelle umgestellt wird. Am Anfang haben alle geschrien, wenn eine App auf einmal Geld kosten sollte, nun akzeptieren sie das. Das wird auch der Medienbranche helfen, denke ich. Aber es ist auch klar, dass sie kleiner werden wird. Damit meine ich die Leute, die Bezahlinhalte erstellen. Das Budget der Medienbranche wird sich irgendwo zwischen dem Volumen, das wir heute durch Werbeeinnahmen und Print-Abos haben, und der steigenden Digital-Zahlungsbereitschaft stabilisieren. Alles in allem wird es meiner Einschätzung nach eine schlankere, aber hoffentlich hochwertigere Redaktionslandschaft geben.

MEEDIA: Derartige Leuchttürme gibt es auch im englischsprachigen Bereich, beispielsweise die New York Times. Was tun die kleinen und mittelgroßen Medienhäuser? Wie kommen die aus der „Negativspirale“ heraus?
Frank Thelen: Sie müssen ihre Zielgruppe oder ihren Fachbereich finden und Vertrauen aufbauen. Wenn Sie hervorragende und hochwertige Arbeit abliefern, dann werden sie auch überleben. Wenn sie es so versuchen, wie alle anderen, und sich nicht an die Spezialisierung trauen, wird es eine große Herausforderung. Außerdem muss man ehrlicherweise die Business-Modelle anders aufziehen.

MEEDIA: Jetzt bin ich gespannt.
Frank Thelen: Einfach nur ein Online-Abo mit guten Inhalten zu liefern, ist das eine. Dazu muss die Redaktion auch Special-Reports rausbringen, die es zum Beispiel einmal im Jahr gibt. Vielleicht muss es eine Art Club mit Konferenz und Zugang zu einem Netzwerk geben. Verlage müssen sich breiter aufstellen – neben den Abo-Modellen für Print und Online. Das alles basiert auf der hochwertigen Arbeit und damit Vertrauen in die Redaktion.

“Merkel und Co. haben die GAFA-Gefahr zu 100 Prozent erkannt”

MEEDIA: Seit einiger Zeit sind die Konzerne Facebook, Google und Co. stark in der Kritik. Als Teil des Beraterstabs von Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung, haben Sie Einblicke in diesen Bereich. Wird bei den Treffen über die Digitalunternehmen und ihren Einfluss auf den Journalismus und die Gesellschaft gesprochen?
Frank Thelen: Total! Und Dorothee Bär hat Mark Zuckerberg erst kürzlich getroffen. Auf Instagram postete sie ein Bild der beiden, wo sie lächeln. Daraufhin gab es Kritik nach dem Motto: Du darfst den Feind nicht anlächeln. Mein Eindruck ist, dass sie tief im Thema ist und kritische Fragen stellt. Aber: hart in der Sache, menschlich freundlich. Politiker wie Bär, Peter Altmaier und Angela Merkel haben diese – wenn wir es plakativ sagen wollen – GAFA-Gefahr (Google, Amazon, Facebook, Apple, Anm. d. Red.), denn Apple zählt ja auch dazu, zu 100 Prozent erkannt. Die Frage ist: Was unternehmen wir jetzt? Eigentlich müssten wir endlich europäische Champions bauen.

MEEDIA: Ist es dafür nicht schon zu spät?
Frank Thelen: Wenn ich den richtigen Gründer habe mit einem neuen guten Ansatz, ist das möglich. Das ist natürlich nicht einfach, aber aufgeben würde ich noch nicht.

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MEEDIA: Sind Sie insgesamt eher optimistisch hinsichtlich der Rolle der GAFA?
Frank Thelen: Nein.

“Jeff Bezos ist ein Vorbild für mich. Aber die alleinige Macht einer Firma, für ein Gebiet, ist einfach Mist”

MEEDIA: Warum?
Frank Thelen: GAFA hat zu viel Macht. Ich würde gerne eine Diversifizierung sehen. Es kann nicht sein, dass einem Unternehmen „Search“ gehört, dem anderen Unternehmen „Commerce“. Das ist nicht gesund, egal in welchem Bereich. Die Unternehmen für sich genommen sind toll. Jeff Bezos ist ein großartiges Vorbild für mich. Aber die alleinige Macht einer Firma, für ein Gebiet, ist einfach Mist.

MEEDIA: Wie könnte das geändert werden? Manche fordern ja sogar die Zerschlagung.
Frank Thelen: Wenn sich die Politik dafür entscheidet, Unternehmen zu zerschlagen, kann das ein Weg sein. Finde ich aber nicht gut. Meine Antwort ist: Innovation aus Europa heraus. Wir müssen schauen, dass wir mehr Venture Capital bekommen, dass wir keine Mehrwertsteuer auf Venture Capital Fonds haben, dass unsere staatlichen Krankenkassen und Versicherungen zu einem gewissen Prozentsatz in Technologie investieren müssen wie in Frankreich und wir mehr Geld für Universitäten bereitstellen. Also, let’s build an outstanding Europe ecosystem! Und nicht, lasst uns Unternehmen zerschlagen, denn das ist keine Langzeitstrategie. Danach kommt nämlich Tencent aus China um die Ecke und dann sollen wir die auch zerschlagen?

MEEDIA: Sehen Sie in Deutschland oder Europa ein Unternehmen, das ansatzweise in diese Rolle schlüpfen könnte?
Frank Thelen: Nein. Ich sehe außer Spotify kein europäisches Medienunternehmen, das in diese Rolle schlüpfen könnte. Daher müssen wir neue Firmen an den Start bringen. Ich kümmere mich ja mehr um den Deep-Tech-Bereich, also Flugzeugbau, Energiespeicher, Blockchain, Künstliche Intelligenz. Im Medienbereich müssen andere Leute mit anpacken.

MEEDIA: Sie hatten vorhin von einer Verschlankung der Medienbranche gesprochen, die bereits teilweise geschieht. Gibt es vergleichbare Entwicklungen bzw. Prozesse in anderen Branchen?
Frank Thelen: Wir durchlaufen eine Disruption. So etwas gab es beispielsweise bereits bei der Analog- und Digitalfotografie. Das Ergebnis war, dass keiner der großen Player wie Agfa, Kodak und Fujifilm im Fotobereich überlebt hat, weil diese ihre innere DNA nicht ändern konnten. Alle vorherigen Champions haben im digitalen Fotobereich null Relevanz. Es gilt in so einer Phase, dass Branchenköpfe mutige Entscheidungen treffen müssen, um nicht von anderen neuen Unternehmen überholt zu werden, die dann einen Markt dominieren.

“Der Wille ist teilweise da, allerdings ist unsere Bürokratie unfassbar langsam”

MEEDIA: Ähnliche Entwicklungen sind bei Netflix im Film- und Serienbereich zu beobachten. Dort werden die „alten Hasen“ abgehängt, obwohl die Produktionsfirmen viel länger im Geschäft sind. Nun ziehen Disney und Co. nach.
Frank Thelen: Disruption wird stattfinden – und sie wird dabei sowohl schneller als auch aggressiver als vorher sein. Das von mir genannte Beispiel hat Jahrzehnte gedauert. Das passiert in Zukunft schneller. Plötzlich hat jemand eine Künstliche Intelligenz, die hochwertige Artikel schreibt. Oder es werden neue Content-Modelle angeboten, wie es Apple nun tut. Das Unternehmen setzt einen Preis für alle fest, die Magazine bekommen nur noch einen geringen Anteil und damit stehen sie am Ende der Wertschöpfungskette. Diese Gefahr besteht in der Medienbranche.

MEEDIA: Schauen wir auf den Stand der Digitalisierung in Deutschland: Sie sind da durchaus sehr kritisch und sagen, dass es im Vergleich zu anderen Ländern viel zu langsam geht. Wie hat sich das Tempo zuletzt entwickelt? Nimmt Deutschland Fahrt auf?
Frank Thelen: Ja, wir sind auf dem Weg, aber de facto weiter abgeschlagen. Ich hätte gerne, dass wir gemeinsam bei der Digitalisierung Gas geben, auch in den Schulen. Es gibt etliche Länder, wie Dänemark und Estland oder die USA im Wirtschaftsbereich, die das besser machen. Da gibt es Blaupausen, die man übernehmen kann.

MEEDIA: Woran liegt es, dass das nicht gemacht wird? Zu schwierige Umsetzung oder fehlender Wille?
Frank Thelen: Der Wille ist teilweise da. Allerdings ist unsere Bürokratie unfassbar langsam. Das darf man nicht unterschätzen. Überhaupt etwas umzusetzen, ist wirklich hart. Außerdem brauchen wir eine Änderung des Mindsets. Wenn du zum Beispiel Interviews über Estland und mit Estländern liest, sind die total positiv. Klar, es ist natürlich immer nur eine Stichprobe, aber die sehen die Vorteile der Digitalisierung. Wenn du Deutsche fragst, werden eher die Bedenken beim Datenschutz genannt oder dass Tablets in der Schule angeblich Krebs verursachen. Es ist daher auch eine Frage der Mentalität und die ändert sich nicht so schnell. Die Bild hat gerade eine aktuelle Sendung zur künstlichen Intelligenz von Ranga Yogeshwar wie folgt zusammengefasst: “Trotzdem folgte die WDR-Produktion insgesamt einer sehr deutschen Lesart: Über weite Teile wurden Gefahren beschworen – und nicht die Chancen gesehen.”

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Alle Kommentare

  1. Auch diese Aktionen werden den politischen Qualitätsmedienfachjournalismus, der seit fünf Jahren erwiesenermaßen die Ndrangheta noch nicht einmal von einer tadellos funktionierenden Parteiendemokratie unterscheiden kann, dauerhaft nicht retten, da diese Leute in Zeiten des demographischen Wandels SOWIESO vollständig auffliegen werden!

  2. Agfa Kodak Fujifilm waren Hersteller der Materialien. Adäquat könnte Hr. Thelen den Niedergang diverser Papiermühlen in seinem Kompetenzbereich beklagen.

    Fuji, Canon, Zeiss etc. sind immer noch am Markt kommen erst jetzt durch Smartphones unter Druck.

    Ob Venture Capital Umsatzsteuerpflichtgig ist oder nicht wird auch nicht bringen. Ohne Geschäftsmodell wird wohl auch von da nichts kommen.

    Die deutsche Bürokratie zu verdammen ist auch ein Armutszeugnis. Selber habe ich mehrere Firmen gegründet. Von Behördenseite war der Aufwand jedes mal null da der Notar alles elektronisch übermittelt. Beim Notar selbst ist man in einer halben Stunde durch.

    Gegen Google und Co ist der Zug auch abgefahren. Wenn die Verleger zu frech werden machen die ihre eigenen News und selbige platt. Mit KI und den sozialen Netzen keine große Sache. Zeitungen sind als Lokalkolorit geduldet.

    Angesichts der Totalen Pleite frage ich mich wo Herr Thelen et. al. die letzten 20 Jahre gewesen sind.

  3. Das Zivilisations-Business-Modell “werbefinanzierte Verlagswirtschaft” und “werbefinanzierte Pressefreiheit ist nicht mehr resilient!

    Auch die vielgerühmten Internetbusinessmodelle von Frank Thelen funktionieren nur, weil Verleger und Redaktionen “ehrenamtlich” Marketing-Schützenhilfe geleistet haben, weil sie sich bei der Jagd nach Leserklicks mit Beiträgen, Testberichten und Journalformaten geholfen haben.

    Volkswirtschaftlich kommt in vielen Fällen ein Nullsummenspiel oder sogar ein Minusgeschäft zustande. Zalando hat im Zusammenwirken mit personalisierter Werbung zum Niedergang der deutschen Modemarken beigetragen, weil Online-Marketing diejenigen belohnt, die den dicksten Marketing-Etat einsetzen, und “the winner take it all”-Strategien am Ende den vielfältigen Markt zerstören.

    Wenn Verleger ihre “kostenlos”-Beihilfen einstellen, klappt auch die gesamte Internet-Ökonomien zusammen, die vor allem auf “Aufmerksamkeit” und “kreierte Werbe-Fiktionen” aufbaut.

    Wenn Thelen von “Zahlungsbereitschaft der Menschen im Digitalen” spricht, so ist ihm auch nicht klar, dass wir bei Zeitungsmedien gar keine Business-Modelle sondern “meritokratische Prämienökonomien” haben.

    Verlagswirtschaft mag der “Subskriptionsökonomie” von Amazon ähnlich sein, aber es gibt klare Unterschiede:

    Demokratie kann ohne Amazon überleben
    Aber nicht ohne freie Presse und innovtive Medien.

    Die Phase der Disruption ist auch schon ganz anders im Gange:

    Innovative Medien in “SmartCities” und “connected Regions” nutzen ihre Leserzugänge, und bauen transaktionökonomische Modelle, mit denen
    die großen Plattformen effektiv und marktwirtschaftlich “getunnelt” werden!

    Auch Werbung wird völlig neu definiert! Und das Prinzip Zeitung wird
    revolutioniert!

    Die “Cities Coalition for Digital Rights” und weltweit 700 Smart Cities gehen voran!

  4. Zauberhafte Vorstellung, dass Frau Bär “tief im Thema ist” statt im Latexkostüm und “kritische Fragen stellt”. Doch hat der Autor auch gesehen, dass das Datum über seinem Artikel der fünfzehnte ist, nicht der erste?

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