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“Nicht immer einverstanden”: Wie Verlegergattin Ellen Ringier auf Distanz zum Boulevardblatt Blick geht

Verlegergattin Ellen Ringier (li.), Klägerin Jolanda Spiess-Hegglin, Boulevardtitel Blick: Opferschutz missachtet?
Verlegergattin Ellen Ringier (li.), Klägerin Jolanda Spiess-Hegglin, Boulevardtitel Blick: Opferschutz missachtet? ©Picture Alliance/Wildbild/KEYSTONE/ Montage:MEEDIA

Das nennt man wohl das Gegenteil von Schützenhilfe: Ausrechnet zum Start eines Gerichtsverfahrens wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten gegen das Boulevardblatt Blick fährt die Ehefrau des Schweizer Verlegers der Prozess-Strategie der Blick-Anwälte in die Parade und kritisiert den Umgang der Zeitung mit der Privatsphäre. Sie sei damit, so Ellen Ringier zur Zeit, "nicht immer einverstanden".

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In dem Zivilverfahren vor einem Regionalgericht in Zug geht es seit heute um die Klage der ehemaligen Politikerin und Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin wegen Persönlichkeitsrechtverletzung. Der Hintergrund ist eine lange zurückliegende Affäre, die das zur Ringier Gruppe gehörende Boulevardblatt Blick am Heiligabend 2014 öffentlich gemacht hatte. Die Redaktion enthüllte damals die Strafanzeige der damaligen Grünen-Mandatsträgerin gegen einen Parlamentskollegen, dem diese sexuellen Missbrauch vorwarf.

Der Stoff war so etwas wie der feuchte Traum der Boulevardzeitungsmacher: zwei prominente Protagonisten aus der Politik, eine aus dem Ruder gelaufene Traditionsfeier anlässlich der Wahl des sogenannten Landammannes und der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs (der Schweizer Straftatbestand lautet Schändung), möglicherweise mittels K.o.-Tropfen. Zwar hatte der Blick die News keineswegs exklusiv, die machtbewussten Ringier-Journalisten wagten es aber erstmals, die Beteiligten beim Namen zu nennen. Ein Online-Portal hatte die Story, aber nicht den Mut oder die Mittel, das drohende Prozessrisiko einzugehen. In der Folge der Blick-Enthüllung erschienen reihenweise Artikel im Blick, aber auch in anderen Medien, die nach dem Outing ebenfalls identifizierend berichteten.

So delikat der Fall schien, so undurchsichtig war er. Am Ende blieb von der erzwungenen Sex-Affäre zumindest juristisch wenig übrig, das Ermittlungsverfahren gegen den damaligen Kantonalspräsidenten wurde eingestellt, ebenso das gegen die Politikerin wegen Falsch-Beschuldigung. Der später zurückgetretene Kantonalrat räumte ein, dass es zu intimen, jedoch einvernehmlichen Handlungen gekommen sei. Das Ganze nannte er “eine einmalige private Kurzschlusshandlung von zwei erwachsenen Personen”.

Urteile gab es nur gegen die Medien

“Verurteilungen” gab es am Ende doch, allerdings gegen die Medien: Sowohl “Täter” wie auch “Opfer” hatten nämlich den Schweizer Presserat angerufen. Der Beschuldigte erklärte, er sei zum Opfer einer “beispiellosen medialen und öffentlichen Vorverurteilung geworden, die phasenweise einer Hetzjagd glich”. Die Polit-Karriere beider Beteiligter war ruiniert, vor allem, weil das Ringier-Blatt die Identitäten in der Sache öffentlich gemacht habe – so jedenfalls argumentieren die Betroffenen. Der Blick kassierte wegen seiner Berichterstattung vom Aufsichtsgremium 2016 “schwere Rügen”, berief sich aber weiter auf das Recht der Informations- und Meinungsfreiheit.

Dass die Ex-Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin die Angelegenheit so hartnäckig verfolgt, erklärt sie u.a. mit der Arroganz des Verlegers Michael Ringier, der auf den Versuch, den Fall direkt und diskret beizulegen, mit einem lapidaren Anwaltsschreiben reagiert hatte. Spiess-Hegglin, die 2017 bereits die Verurteilung eines Weltwoche-Vizes wegen übler Nachrede durchgesetzt hatte, reichte erneut Klage ein, über die seit heute verhandelt wird. Die monierte Persönlichkeitsrechtsverletzung ist allerdings nur der Auftakt; bei einem Erfolg vor Gericht könnte es für den Schweizer Verlag teuer werden.

Denn die Ex-Politikerin besteht dann auch auf “Gewinnherausgabe” und kann sich dabei auf die Expertise eines Boulevardprofis berufen: Watson-Gründer Hansi Voigt hat laut einem Zeitungsbericht ermittelt, dass der Blick Spiess-Hegglin in 218 Artikeln namentlich erwähnt und damit Traffic und Auflage gesteigert habe. Die Klägerin beruft sich in dem Verfahren auf Opferschutz und erklärte, sie verlange eine Entschuldigung auf der Titelseite der Boulevardzeitung.

Der Prozessanwalt von Ringier sieht das anders: Die Betroffenen seien Präsidenten ihrer jeweiligen Partei und damit Personen des öffentlichen Lebens gewesen. Der Beschuldigte sei auch in Untersuchungshaft genommen worden. Wenn eine Kantonsrätin einen Kantonsrat ins Gefängnis bringe, so der Jurist, müssten Medien darüber auch berichten dürfen. Eine Logik, die auch in vielen deutschen Justizsälen bei Presseverfahren von beklagten Medienhäusern bemüht wird, wenn es für einen Promi mit dem jeweiligen Blatt im Fahrstuhl mal wieder nach unten gegangen ist.

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Zum Prozessauftakt schießt die Verlegergattin im Zeit-Interview quer

Ausgerechnet diesen Punkt konterkariert nun öffentlich die Verlegergattin Ellen Ringier, die selbst Juristin ist. In einem am Donnerstag erscheinenden Interview mit der Schweizer Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit kritisiert sie den Umgang der familieneigenen Boulevardzeitung mit der Privatsphäre von Menschen und sagt, sie sei damit “nicht immer einverstanden”. Im konkreten Bezug auf den Fall von Jolanda Spiess-Hegglin äußert sich Ringier allerdings diplomatisch: „Es gab mal ein Gespräch mit Frau Hegglin. Aber das ist letztlich Sache der Verantwortlichen in der Firma.“

Auch dort scheint man mit dem zuweilen zynischen Stil des hauseigenen Boulevardblatts nicht immer glücklich. Von Verleger Michael Ringier geht seit längerem die Sage, dass er sich einen eleganteren Umgang mit vielen Themen wünscht und seinen Titel fürs Grobe gern wertiger positioniert sähe. Hinzu kommt die Talfahrt der Marke, die in der Schweiz mal eine unangreifbar scheinende Macht am Kiosk war.

Der Blick leidet wie auch die Boulevardzeitungen Deutschlands seit Jahren unter stark schrumpfenden Auflagen. Laut Auflagebulletin 2018 des schweizerischen IVW-Pendants WEMF verkauft sich der Blick noch 120.716 mal. Zehn Jahre zuvor waren es noch 231.235 Exemplare. Seitdem ging also fast die Hälfte der verkauften Blick-Auflage verloren. Der Sonntags-Blick verkauft sich laut WEMF noch 148.055 mal, 2008 waren es noch 262.188 Exemplare. Die Gratis-Zeitung Blick am Abend wurde im Dezember mit einer zuletzt verbreiteten Auflage von 228.144 eingestellt.

 

Mitarbeit: Jens Schröder

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