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Zweithöchster Stand der Geschichte: Presserat erhielt 2018 über 2000 Beschwerden

Volker Stennei ist Sprecher des Deutschen Presserats
Volker Stennei ist Sprecher des Deutschen Presserats

Die Zahl der Beschwerden beim Presserat ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen: 2038 Leserinnen und Leser wandten sich 2018 an die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse. Dies ist der zweithöchste Stand in der Geschichte des Presserats. Das hatte auch deutlich mehr Rügen als im Vorjahr zur Folge. Hauptgründe waren Verletzungen des Persönlichkeits- und Opferschutzes.

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28 Rügen sprach der Presserat 2018 aus. Zum Vergleich: 21 Rügen waren es 2017. Die meisten Rügen bezogen sich auf Verletzungen des Persönlichkeits- und Opferschutzes nach Ziffer 8 des Pressekodex, gefolgt von Rügen wegen der Vermischung von Werbung und Redaktion nach Ziffer 7. Zudem führten Beschwerden zu 70 Missbilligungen und 147 Hinweisen an Redaktionen. 42 Beschwerden sah der Presserat zudem als begründet, ergriff aber keine weiteren Maßnahmen.

Sammelbeschwerden nehmen zu

Auffällig häufig erreichten den Presserat 2018 Sammelbeschwerden. Wegen eines Artikels wandten sich nicht Einzelpersonen, sondern gleich mehrere Leserinnen und Leser an den Presserat. Allein 48 beschwerten sich demnach über einen Kommentar über eine vegane Kita, 28 zu einem Bericht über einen Lehrstuhl für alternative Heilverfahren. 26 Leserinnen und Leser kritisierten einen Artikel über die Krebserkrankung der Ehefrau des syrischen Machthabers Assad. Insgesamt gingen 382 solcher Beschwerden zu 74 Berichten ein – im vergangenen Jahr waren es nur 166 derartige Beschwerden zu 54 Artikeln – eine Zunahme von 130 Prozent.

Signifikante Zunahme: eingegangene Beschwerden beim Deutschen Presserat von 2012 bis 2018

Bei Verletzungen des Persönlichkeits- und Opferschutzes wurden die Geschädigten von Gewalt, Unglücken oder Unfällen oftmals ohne Einwilligung identifizierend bzw. für einen erweiterten Personenkreis erkennbar abgebildet. So übernahmen Redaktionen etwa private Fotos von Facebook- oder Twitteraccounts, ohne Betroffene oder Angehörige vorher um Erlaubnis zu fragen.

Zahlreiche Beschwerden zu Migration und Rechtspopulismus

Vielen Beschwerden gemeinsam war laut Presserat auch “ein medienkritischer Unterton”. Zudem gab es zahlreiche Beschwerden zu politisch brisanten Themen, wie etwa Migration und Rechtspopulismus. So auch zur Berichterstattung über die rechtsgerichteten Ausschreitungen im August 2018 in Chemnitz. Einige Leserinnen und Leser bezweifelten, dass es dort tatsächlich zu Hetzjagden gekommen sei, über die viele Medien berichtet hatten. Der Presserat wies diese Beschwerden allerdings als unbegründet ab. Man erklärt: “Es ist unstrittig, dass in Chemnitz Menschen andere Menschen gejagt haben. Die Definition – ob ‘Hetzjagden’, ‘Menschenjagden’ oder ‘Jagdszenen’ – war dabei für die Ausschüsse zweitrangig.”

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Volker Stennei, Sprecher des Presserats: “Als Freiwillige Selbstkontrolle entscheiden wir nicht über verschiedene Deutungen eines Geschehens.”  Solange die Deutungen auf korrekten Fakten beruhen würden. “Der verantwortungsvolle Umgang mit Informationen ist Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der ethisch gebundenen Presse.”

Beschwerden über die Herkunftsnennung von Straftätern nach Richtlinie 12.1 des Pressekodex gingen hingen zurück. Nur noch 30 Leserinnen und Leser bezogen sich 2018 auf die Richtlinie. In den Jahren davor hatte es noch 41 (2017) bzw. 62 (2016) Beschwerden zu dem Thema gegeben. “Als hilfreich erweisen sich unsere Praxis-Leitsätze für Redaktionen, die an Beispielen erklären, wann ein öffentliches Interesse für die Herkunftsnennung gegeben ist”, so Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserats.

Dauerbrenner Schleichwerbung

Wie in den Vorjahren rügte der Presserat etliche Fälle von Schleichwerbung nach Ziffer 7 des Pressekodex. Man erinnert daran, dass redaktionell gestaltete Werbung deutlich als „Anzeige“ zu kennzeichnen sei. Bezeichnungen wie „Advertorial“, „Sponsored Post“ oder „Verlags-Sonderveröffentlichung“ reichen demnach nicht aus.

Knapp 40 Prozent aller Beschwerden richteten sich wie in den Vorjahren gegen Regional- und Lokalzeitungen und deren Onlineausgaben. An zweiter Stelle standen Boulevardzeitungen mit rund 14 Prozent der Beschwerden, dicht gefolgt von Publikumszeitschriften mit rund 13 Prozent. Kaum in der Kritik: Nachrichtenagenturen mit nur zehn Beschwerden.

Wie in den vergangenen Jahren auch richteten sich die meisten Beschwerden (65 Prozent) gegen Online-Veröffentlichungen. Das bedeutet nicht, dass Online-Redaktionen schlechter arbeiten als Printredaktionen: Einerseits spiegelt sich hier das allgemeine Leseverhalten wider, andererseits ist es einfacher, dem Presserat einen Link zu mailen anstatt einen Print-Artikel einzuscannen oder ihn per Post zu schicken.

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Alle Kommentare

  1. Jetzt gerade auf der Meedia-Homepage als “Sponsored Post”: “So will ich selbst Geschichten erzählen! Als erfolgreiche Journalistin noch mal die Schulbank drücken? Gunthild Kupitz hat sich genau dafür beworben und ist jetzt Fellow im Digital Journalism Fellowship”.

    Was ist das denn nun? Tatsächlich keine Anzeige? Oder ein laut Meedia-Bericht klarer Verstoß gegen den Pressekodex?

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