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Reiz, Reaktion, Rammstein: Wie die Provo-Rocker einmal mehr den Empörungsreflex zu Promo-Zwecken instrumentalisieren

Ausschnitt aus dem neuen Rammstein-Musikvideo zum Song “Deutschland”
Ausschnitt aus dem neuen Rammstein-Musikvideo zum Song "Deutschland" © Screenshot: Youtube/ Rammstein Official

Auf Reiz erfolgt Reaktion: Kaum eine andere deutsche Band beherrscht das Spiel mit gezielter Provokation so gut wie die Rocker von Rammstein. Im Video zum neuen Song "Deutschland" reizen sie mit rechter Symbolik. Kritiker tappen nur allzu leicht in die Falle. Die Debatte um Kunstfreiheit und Marketing mit Holocaust-Themen ist für die Musiker vor allem eines: kostenlose Promo.

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Ein Strick um den Hals, schwarz-weiß gestreifte Häftlingsuniform, gelber Stern auf der Brust: Mit Anspielungen auf Konzentrationslager hat die Band Rammstein in einem knappen Teaser für das neue Musikvideo zur “Deutschland”-Single heftige Kritik ausgelöst.

Kurzer Clip zeigt die Band als KZ-Häftlinge

Der 35 Sekunden lange Clip zeigt vier Band-Mitglieder in KZ-Häftlingsuniformen. Das kurze Video, das die Rocker auf ihrer Webseite veröffentlichten, endet mit dem Wort “Deutschland” in Frakturschrift. In lateinischen Buchstaben ist darunter das Datum zu lesen: 28.3.2019.

Noch am selben Abend stellte die Band das komplette Video ins Netz. In über neun Minuten vollziehen die Provo-Rocker einen wilden Trip durch die deutsche Geschichte. Die KZ-Aufnahmen aus dem Trailer werden allerdings erst im Abspann des neunminütigen Videos gezeigt. Trotzdem blieb die Provokation nicht ohne Folgen.

“Verwerflich und unmoralisch”

Mehrere Politiker und auch Vertreter jüdischer Verbände kritisierten die Promo-Aktion am Donnerstag aufs Schärfste. Karin Prien, Sprecherin des Jüdischen Forums in der CDU, nannte das Video “widerlich und respektlos”.

Rammstein hätte mit ihrem Werbevideo eine Grenze überschritten, findet auch Charlotte Knobloch. “Wer den Holocaust und die Millionen Ermordeten als Marketing-Gag instrumentalisiert, der geht zu weit, egal in welchem Rahmen”, erklärte die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, gegenüber der Passauer Neue Presse. Satirisch-künstlerische Aufarbeitungen gingen heute oft schon an die Grenze des Zumutbaren, den Holocaust für Werbung einzuspannen sei frivol.

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Laut Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gebe zahlreiche Künstler, die sich in ihren Kunstwerken “auf eine würdevolle Art mit der Schoa” auseinandersetzten. Doch “wer den Holocaust jedoch zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch.”

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, äußerte sich ebenfalls kritisch: “Die Inszenierung der Musiker von Rammstein als todgeweihte KZ-Häftlinge stellt die Überschreitung einer roten Linie dar. Sollte dies nur der Verkaufsförderung des neuen Albums dienen, halte ich dies für eine geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit.” Für Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, verbietet es sich, Leid und Unmenschlichkeit des Holocausts „für Werbezwecke oder Effekthascherei zur Bekanntmachung von Produkten, ganz gleich welcher Art“ zu verwenden.

Rock-Schock mit rechter Symbolik

Es ist nicht das erste Mal, dass Rammstein mit geschichtsträchtiger Symbolik schockt. Neu ist jedoch die Inszenierung als Opfer, meint der Musik-Journalist und Lektor des Ventil-Verlags, Jonas Engelmann gegenüber Deutschlandradio Kultur. Die Band hat damit einmal mehr eine Debatte über die Grenzen der Kunstfreiheit aufgewärmt. Auch Weltstars wie David Bowie oder Roger Waters (Pink Floyd) schockten im Laufe ihrer Karriere mit Hitlergruß und rechten Parolen.

Von der kritisierten KZ-Szene (später lehnen sich die Häftlinge im Video noch gegen die Wärter auf) abgesehen, ist “Deutschland” bildgewaltig und pompös. Als größenwahnsinnigen Ritt durch 2000 Jahre deutsche Geschichte bezeichnet Arno Frank auf Spiegel Online das Video. Darin taucht die Band in zahlreichen Epochen auf – von “der Vernichtung des Varus bis zu den Deutschordensrittern, von den Befreiungskriegen bis zum Ende der Hindenburg, von Sigmund Jähn bis zur RAF, von den Wiedertäufern bis zu den Krawallen am 1. Mai, von Bismarck bis Marx, von bis Hammer bis Sichel”, wie Frank es ausdrückt.

Auf Platz eins der Charts

So episch die Aufnahmen sein mögen, besteht der Songtext doch wieder nur aus schlichter Rammstein-Lyrik, bei der der Hörer ratlos bleibt. So heißt es in der letzten Strophe etwa: “Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen | Deutschland – meine Liebe | Kann ich dir nicht geben | Deutschland!”

Musikalisch scheinen sich die in die Jahre gekommenen Rocker nicht weiterzuentwickeln, doch das Stilmittel der Provokation beherrschen sie nach wie vor meisterlich: Der 9:22 Minuten lange Film zum Song sammelte bis zum Freitagvormittag schon fast sechs Millionen Klicks auf YouTube. Auf iTunes ist die Single auf Platz eins.

Während Medien und Kritiker die Debatte eine Debatte über die Grenzen der Kunstfreiheit austragen, schweigt die Band. Engelmann geht davon aus, dass Rammstein das Video später in einen anderen Zusammenhang stellen wird. „Die Band versucht ja über diese Masche auch Aufmerksamkeit zu kriegen: dass sie provoziert, um danach zurückzurudern.“ Ähnliches sei schon beim Musikvideo zu „Stripped“ passiert, in dem Auszüge aus einem Nazi-Propaganda-Film von Leni Riefenstahl verwendet wurden. Später hätten die Musiker damit argumentiert, dass man “ja ein Kunstprojekt sei“. Das Ganze sei “nur Teil einer theatralischen Inszenierung.”

Damals hatte Frontsänger Lindemann eingeräumt, eine Grenze überschritten zu haben und versprochen, es künftig zu unterlassen. Doch dafür funktioniert die Masche wohl zu gut. Getreu dem Motto “Never change a running system” wird Rammstein auch künftig provozieren – aus Gewohnheit. Es scheint aber auch eine Gewohnheit zu sein, sich über die immergleichen Muster zu empören. Denn Fakt ist: Die hitzig geführte Mediendebatte hat einmal mehr den Erfolg der Provokateure befeuert.

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