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„Tragödienjournalismus außer Rand und Band“: Medienethikerin über den Fall Rebecca und Reporter im Jagdfieber

Umstrittenes Fahndungsfoto von Rebecca ©Fotos: dpa/ Montage: MEEDIA

Das Verschwinden der 15-jährigen Rebecca berührt Millionen Menschen. Doch die Berichterstattung nimmt immer fragwürdigere Züge an. Auffällig ist auch das Verhalten von Rebeccas Familie, die sich gegenüber der Presse irritierend auskunftsfreudig zeigt. Medienethikerin Marlis Prinzing wirft Redaktionen jetzt vor, einen „emotionalen Ausnahmezustand als Freibrief und als Einfallstor“ zu nutzen.

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Jeder, der sich in den vergangenen Wochen etwas intensiver mit dem Fall Rebecca befasst hat, weiß nicht nur, dass die Kriminalpolizei inzwischen davon ausgeht, dass die Vermisste getötet wurde und ihr Schwager Florian R. wegen dringenden Tatverdachts in Untersuchungshaft sitzt. Der 27-Jährige war laut Ermittlungen zur mutmaßlichen Tatzeit allein mit ihr im Haus.

Auch private Details über Rebeccas erste Liebe, ihre Zukunftspläne, Schwärmereien für asiatische Boybands, Probleme in der Schule, aber auch Anekdoten aus der Beziehung zu ihren Eltern und Einblicke in die Rolle des Schwagers sind mittlerweile in der Welt. Das Pikante: Ein Großteil dieser Informationen stammt von Rebeccas Familienmitgliedern selbst, die den Reportern von Bild, RTL, Bunte und Co. bereitwillig Auskunft geben.

„Es bringt immer eine gewisse Unruhe rein und es ist für die Ermittlungen immer ein bisschen störend, wenn zu viele Interviews von außen in die Ermittlungen reinwirken“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, gegenüber der Welt schon am 7. März. Im Einzelnen bewerten wolle er den Gang an die Öffentlichkeit der Familienmitglieder aber nicht.

Bunte mit Homestory aus dem Hause R.

Das öffentliche Interesse an dem Fall ist groß. Klar, dass Nachrichtenportale das Informationsbedürfnis der Nutzer befriedigen wollen – und auch sollen. Doch treibt die Berichterstattung vieler Medien längst teils seltsame Blüten. Je länger die Suche andauert und je weniger neue Informationen offiziell bekannt gegeben werden, desto ausgefallener werden die Berichte – wie ein Blick auf Bild, Focus oder Watson.de zeigt. In einer fragwürdigen Reportage etwa lungert ein Watson-Reporter vor dem Haus der Familie herum, knipst Garten und Einfahrtstor und bittet irgendeinen Rentner aus der Nachbarschaft um seine Meinung.

Der aktuellste Fall kommt aus dem Hause Burda: Am Donnerstag kündigte die Bunte auf ihrem Cover ein Exklusivinterview mit den Eltern der Vermissten an. Der 5-seitige Artikel mit der Überschrift „Unser fröhliches Familienglück mit ‚Becci'“ erinnert an eine Homestory. Im „gemütlichen Esszimmer“ fließen die Tränen der „verzweifelten Mutter“ bereits, bevor das Gespräch beginnt. Sie wird von „Weinkrämpfen geschüttelt“.

Familie R. erzählt dann ausgiebig vom Alltag mit der vermissten Tochter, den Marotten der Jugendlichen und ihrem Verhältnis mit Florian R., der für das Elternpaar wie ein Sohn sei und der „alles für uns macht“. Begleitet wird der Text von einer ganzen Palette an Fotos aus Rebeccas Kinderzeit, Instagram-Selfies, Familienbilder von der Hochzeit einer Schwester – aber auch von Fotos, auf denen Rebecca und der Tatverdächtige zu sehen sind.

Einen ominösen Freund habe es wohl gegeben

Angesichts der familiären Tragödie mögen die Fragen der Reportern irritieren. Sie beginnen mit „Was für ein Mädchen ist Ihre Tochter“, „Weiß sie schon, was sie mal beruflich machen möchte?“ und drehen sich erst gegen Ende des Interviews zum Verschwinden am 18. Februar. „Vielleicht lernte Rebecca einen Mann im Internet kennen und wollte diese kleine Romanze erst mal für sich behalten?“, lautet die abschließende Frage des Gesprächs.

„Es gab da wohl tatsächlich jemanden. Einen Max oder Maxi. Das hatte sie mir im Januar erzählt“, antwortet die Mutter. „Als sie montags nicht nach Hause kam und die Polizei sagte, aus Jessicas Haus sei eine Decke verschwunden, war mein erster Gedanke: Vielleicht hat sie sich mit diesem Jungen getroffen und die Decke mitgenommen, um sich draufzusetzen.“ Denn sie habe ihrer Tochter beigebracht, sich wegen einer möglichen Blasenentzündung „nie einfach so auf den Boden zu setzen“.

Medienethikerin fällt hartes Urteil

Doch warum holt sich Familie R. eine Reporterin der Bunte ins Haus? „Es ist nachvollziehbar, dass eine Familie auch emotional völlig durcheinander ist, wenn eine 15-jährige über Wochen hinweg verschwunden bleibt und mit allem zu rechnen ist. Nachvollziehbar ist ferner, dass Menschen in solchen Extremsituationen überfordert und wenig rational reagieren“, sagt dazu Professor Marlis Prinzing, Medienethikerin an der Hochschule Macromedia in Köln im Gespräch mit MEEDIA. 

Nicht nachvollziehbar ist hingegen, wenn manche Medien diesen emotionalen Ausnahmezustand als Freibrief und als Einfallstor nutzen, um eine reichweitenträchtige Schicksalsstory rund um ein mutmaßliches Verbrechen aus dem Esszimmer der Betroffenen zu erzählen und jedem, dem das gefällt, ermöglichen, sich aus der Nähe am Leid der anderen zu vergnügen“, kritisiert sie. „Denn Medienprofis, die verantwortungsbewusst Journalismus mit Qualität produzieren, orientieren sich an einem berufsethischen Kompass wie dem Pressekodex, um zu entscheiden, was privat ist und was von öffentlichem Interesse.“ Sie seien, anders als die betroffene Familie, in einer normalen Berufssituation.

Ihr Urteil zur Bunte-Geschichte fällt eindeutig aus: „Stapelweise Harmonie-Bilder aus dem Familienalbum von Rebecca zu einer fünf Seiten langen Story zu verarbeiten, hat keine öffentliche Relevanz, sondern illustriert lediglich einen tragischen Einzelfall und bedient die Sensationslust Nicht-Betroffener.“

Instagram dient als Verstärker bei der Suche

Gegenüber der Berliner Morgenpost bekräftigte Rebeccas Vater am Donnerstagvormittag die Internetbekanntschaft aus dem Bunte-Interview. Die Ermittler wiederum, will die Morgenpost erfahren haben, seien über die neuen Details überrascht. Davon sei bislang keine Rede gewesen und es sei „kurios“, dass die Mutter neue Details in Exklusivinterviews bekannt macht.

Dazu hat sich Rebeccas zweite Schwester Vivien per Insta-Story gemeldet. Sie schreibt: „Die Polizei weiß seit Tag eins davon. Es ist nur jetzt erstmalig in den Medien aufgetaucht.“ Ihre Stories erreichen eine relativ große Abonnentenzahl, rund 52.400 Nutzer folgen mittlerweile ihrem Account (Stand: 15. März, 11.00 Uhr).

Der Pressesprecher der Berliner Staatsanwaltschaft wollte sich zum Verhalten der Eltern in den Medien und möglicher Auswirkungen auf die Ermittlungen auf Anfrage nun nicht mehr äußern.

Motive der Eltern unklar

Welche Motive Rebeccas Eltern und ihre Schwester dazu bringen, sich in diesem Ausmaß in den Medien oder bei Instagram zu äußern, sind lediglich spekulativer Natur. Es mag die Hoffnung sein, dass durch stete Berichterstattung entscheidende Hinweise an die Berliner Ermittler herangetragen werden.

So hatte der Leiter der Mordkommission den Fall bereits Anfang März in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ vorgestellt. Seitdem sind über 1200 Hinweise eingegangen, mit denen sich das Rätsel um das Verschwinden der Tochter nach über drei Wochen womöglich noch lösen lässt.

„Tragödienjournalismus außer Rand und Band“

Für Professorin Marlis Prinzing legt die Berichterstattung aus medienethischer Sicht neben der grenzwertigen Jagd nach Geschichten drei weitere Schwachpunkte offen. Fragwürdig sei aus ihrer Sicht, wie oft der Schwager der Vermissten abgebildet wird. „Er ist in Untersuchungshaft und tatverdächtig, aber nicht als Täter verurteilt. Dass die Polizei die Bilder zur Verfügung stellte, rechtfertigt dies genauso wenig wie die Einladung der Familie, die hier zudem Opfer- und Täterfamilie sein könnte, in ihr Zuhause.“ Überhaupt gelte die Unschuldsvermutung, und eine mediale Vorverurteilung sei daher zu vermeiden.

Das in den Medien wohl am häufigsten genutzte Bild, mit dem die Suche nach Rebecca illustriert wird, ist das bearbeitete Instagram-Bild. Auch irritierend, wie Prinzing betont. „Das legt einen Subtext zu einer möglichen Lolita-Geschichte nahe. Damit könnte man die Vermisste niemals identifizieren.“

Für verstörend hält die Medienethikerin außerdem, dass verschiedene Medien der Auseinandersetzung zwischen Familie und Polizei nun ein Forum liefern. Dadurch werde den Eltern ermöglicht, eine „alternative Täterfigur aufzubauen“, um den in Untersuchungshaft „aus der Schusslinie“ zu nehmen.

Die Berichterstattung gleiche einer „tragödienjournalistischen Aufbereitung einer tragischen Wirklichkeit“. Ihr Fazit: „Das kann niemand mit Mit- und Verantwortungsgefühl wirklich wollen.“

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